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StartseiteBüchermarktBombay Quartett03.06.2002

Bombay Quartett

A1 Verlag, 220 S., EUR 19,90

In den neunziger Jahren drehte Dilip Chitre mit dem Münchner Filmemacher Henning Stegmüller einen Film über Bombay mit dem Titel "Geliebter Moloch". Sein jetzt im A1 Verlag erschienenes Buch hat dasselbe Sujet. Es vereinigt vier Erzählungen unter dem Titel "BombayQuartett". Zusammen geben sie einen kaleidoskopischen Blick auf diese Millionen- stadt. Die ersten beiden Geschichten schrieb Chitre bereits 1967 und 1968, die folgenden beiden zwanzig Jahre später. Erstaunlich ist, dass sie sich lesen, als wären sie gerade erst zur Jahrtausendwende entstanden. Die zweite Erzählung dieses Bandes sticht besonders hervor:

Regina Ray

"Rudhiraksha" ist das zentrale Stück, es ist das stärkste und es kommt der Art am nächsten, meine Weltsicht in einer nicht-narrativen Form auszudrücken. Es gibt kurz narrative Passagen, aber es ist kein erzählender Text. ... Und die ganze Sache, das Projekt "Rudhirakhsa" kreist darum, die Erinnerung des Planeten wiederherzustellen.

Diese Erinnerung sucht der Protagonist im Abfall der Stadt. Indem er den Gerüchen des Abwassers nachgeht, spürt er die Geschichten der unterschiedlichen Ethnien auf, der Parsen, Hindus, Muslime, Juden, der Angloinder, Afghanen, Nepalis. Bombay ist das Tor Indiens nach Westen und wie N.Y.C. auf einer Insel erbaut, die bis heute 15 Mio. Bewohner angezogen hat.

Ich liebe Bombay und ich hasse Bombay. Ähnlich wie ich auch N.Y.C. lieben oder hassen würde. Dasselbe trifft nicht auf Berlin oder Paris zu, sie sind in gewisser Weise offener. London ist auch keine Bedrohung. Aber Städte wie N.Y.C. oder Bombay sind reale Bedrohungen ...

Die erste seiner Geschichten ist im Stil einer modernen Fabel geschrieben.. Die Hauptfigur, ein junger Mann, gerät in den Bann eines Saphirs. Die letzten beiden Geschichten werden jeweils von mehreren Charakteren bevölkert, die die längste Zeit ihres Lebens bereits hinter sich haben.

"Vollmond im Winter" geht um nach-klimakterische Männer und Frauen, Leute, die die Fünfzig überschritten haben und noch verzweifelt an ihren Fantasien über sexuelle Potenz hängen, ... es geht um Geschlechterpolitik und all das. Und es endet in einem bizarren Selbstmord der Frau, die jene Art von mysteriösem Hauptcharakter abgibt, der die Männer in Beschlag nimmt.

In der letzten und kürzesten Geschichte des Bandes stehen sich zwei Juden als Protagonisten gegenüber. Der Ich- Erzähler wird in einem unfreiwilligen Rausch, ausgelöst durch eine hochpotente Droge nach muslimischem Rezept, fast zwischen den Fronten der beiden zerrieben. Wie in allen Texten ist auch in diesem seine Erzählweise keine lineare, sondern ein Zusammenschnitt vieler Facetten, die es dem Autor erlauben, Quantenphysik und Traumwelten, Geschäft und Romantik, Abfall und Anmut nebeneinanderzustellen. Und wie der sprichwörtliche rote Faden, so zieht sich die treibende Kraft des Sexus durch diese Geschichten, ein unablässiges Aufbrechen, sich Verwandeln:

Es hat etwas von einem Labyrinth, aber es hält den Leser auch wach! ... es ist als würde man Kurven fahren und nicht wissen, wie die Straße weiterführt ... und so weiß man nicht, ob es abwärts geht oder weiter bergauf, es ist eine sich ständig windende Art. ... Ich erwarte vom Leser eher, dass er an meinem Prozess teilnimmt, als dass ich ihm - oder ihr - etwas gebe, dass er passiv aufnimmt. Ich bin keine Mattscheibe, ich bin ein Autor, und ein Autor muss mit seinem Leser arbeiten - die ganze Zeit.

Seinen Schreibstil führt Dilip Chitre letztlich auf sein Leben zurück. Darauf, dass er bereits als Kleinkind zwischen Büchern aufwuchs und darauf, dass er als Achtjähriger von seinem Vater eine Super8-Kamera geschenkt bekam. Der Kern seiner Dichtung ist die ausgeprägte Bildhaftigkeit, kombiniert mit Perspektivenwechseln und vielen Mitteln, die uns aus der Filmkunst bekannt sind:

Es gibt eine Nahaufnahme, dann eine lange Fahrt ... du spielst mit der Distanz, mit der Perspektive, sie kehrt sich um, der Blickwinkel ändert sich. Und ich mache das Satz für Satz. ... Ich fing an, ernsthaft zu schreiben als ich 16 war. Aber davor war das Visuelle. Und die Musik kam sogar noch davor. Seit ich drei Jahre alt war, interessierte ich mich sehr für Musik. Und alle diese Dinge, fließen in gewisser Weise in meine Arbeit ein, in mein Prosa-Werk.

Chitre hat für Indien den Ton gefunden, der dem Land seine Rätselhaftigkeit lässt, der die Widersprüche des Alltags, das breite Spektrum seiner Philosophien und Religionen nicht nivelliert. Alles hat Platz. Vieles ist gefährdet:

Wir haben in Indien eine Zivilisation, die sich seit fünf- tausend Jahren fortsetzt. Und wir sind eine reichere, eine komplexere Zivilisation als die chinesische. Oder irgendwo sonst auf der Welt. Das ist es, wieso ich gestern ... sagte: die andere Erste Welt, hier ist die Zweite Welt und Amerika ist die Dritte Welt. Wirklich! Was Kultur, Zivilisation und die Fähigkeit angeht zu überleben. Über Dinge hinwegzu- kommen. Wir sind über Katastrophen hinweggekommen durch die gemeinschaftliche Intelligenz so vieler Kulturen, die hier aufeinanderstoßen, aber auch als eine Einheit zusammen- halten. Aber wenn das verschwindet, gibt es keine Hoffnung mehr für die Erde. Und das ist auch das untergründige Thema von "Rudhirakhsa", dem Kernstück.

Dilip Chitre ist wieder bei seiner Lieblingsgeschichte angelangt, die für den neigten Leser vermutlich die schwierigste sein wird. Aber auch die reichste. Und die übelriechendste. Für Menschen, die einen Blick für Fein- heiten haben, für die Fragen und wie sie gestellt werden oft interessanter sind als die Antworten und die neugierig sind auf alles zwischen Kosmos, Welt und Abfall, denen sei dieses Buch sehr empfohlen.

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