Samstag, 18.11.2017

Boris Schumatsky über PutinEine lesenswerte Gegenrede

Festschriften von Putin-Apologeten à la Gabriele Krone-Schmalz oder Hubert Seipel gibt es viele. Der Autor und Journalist Boris Schumatsky hat hingegen mit "Der neue Untertan" eine spannende Anamnese samt nachfolgender Diagnose der wechselseitigen Befindlichkeiten, Klischees und Erwartungshaltungen zwischen Deutschland und Russland vorgelegt.

Von Robert Baag

Russland Präsident Wladimir Putin (picture alliance / dpa / Mikhail Metzel)
Der Kreml zwinge der Welt sein geopolitisches Spiel auf, und in diesem Spiel regiere die politische Postmoderne, schreibt Boris Schumatzky in "Der neue Untertan". (picture alliance / dpa / Mikhail Metzel)
Mehr zum Thema

Russland und der Nato-Gipfel Zuletzt moderate Töne von Putin

Wolfgang Ischinger (Münchner Sicherheitskonferenz): "Ich verstehe die Putin-Versteher"

Russland und die Türkei Annäherung in Windeseile

Russland Ignorieren, Leugnen, Verschweigen

Regisseur über "Bolschoi Babylon" Wie eine Flasche voller Schlangen

Da hat jemand mit Wut im Bauch geschrieben, mit Leidenschaft und aus Enttäuschung: Entstanden aber ist alles andere als ein Pamphlet. Den sprichwörtlichen "Schaum vorm Mund" wird man vergeblich suchen.

Boris Schumatsky ist viel zu sehr einer sorgfältigen Analyse verpflichtet, die auf gründlicher Recherche beruht. Um die Wechselwirkung zwischen Populismus und Postmoderne kreist sein Buch. Und das ist für den Autor der Nährboden, auf dem gegenwärtig - so der Titel seiner Streitschrift - "Der neue Untertan" heranwächst. Dieser Phänotyp lasse sich aktuell in Russland wie auch in Deutschland nachweisen, findet der in Moskau aufgewachsene Schriftsteller und Essayist, der inzwischen seit mehr als 20 Jahren in München lebt, aber weiterhin engen Kontakt nach Russland hält. - Dieser sozio-kulturelle Nährboden, schreibt Schumatsky, sei:

"Genau der Mist, auf dem die Liebe vieler Westbürger und wie es scheint, besonders vieler Deutscher zu Russland gewachsen ist. Mein Geburtsland muss als Projektionsfläche für etliche Aversionen gegen die marktwirtschaftliche Demokratie oder gegen die Bürokratie des real existierenden Rechtsstaats herhalten.

Die Romantiker sehen in Russland ein besseres Deutschland; ein Traumland, das sich nie dem Diktat der Siegermächte beugen musste; das sich nie dem Konsumismus hingab; das seiner völkischen Seele treu blieb."

Mit diesem Befund leitet Schumatsky über zur Schlüssel-Figur seines Buches, zu Russlands Staatspräsident Wladimir Putin und dem persönlichen Verhältnis vieler Deutscher zu ihm. Putin wird vom offiziellen Russland gern auch mal - ausgerechnet mit einem Anglizismus - als "Leader" hofiert. Eine nicht nur linguistisch-rhetorische Steilvorlage für Schumatsky:

"Und da ist noch dieser Führer, der sich so souverän gibt und sogar Deutsch spricht. - Diese Art Liebe zu Russland macht mir Angst, sie ist schon fast demonstrativ faschistoid. (...) Ähnlich wie in den 30er-Jahren bewundern Deutsche, die sich als links oder rechts bezeichnen, den starken Führer im Osten. Für viele ist Putin ein Gegengewicht zu den unliebsamen USA.

Alles andere als zimperlich

Zugleich empfindet man Putins 'gelenkte' oder 'souveräne' Demokratie als erfrischend im Vergleich zu den demokratischen Verfahren, wie sie heute im Westen praktiziert werden."

Schumatsky schreibt nicht zimperlich, hat eine demonstrative Vorliebe für kurze, provokativ und polemisch ins Auge stechende Zwischentitel:

"Von Putin zu Pegida"
"Frieden ist Krieg"
"Russland ist eine Lüge"

Gemeint haben könnte Schumatsky damit zum Beispiel jenen Auftritt Wladimir Putins vor Journalisten Anfang März 2014, kurz nach dem Ende der militärischen Auseinandersetzungen auf der ukrainischen Halbinsel Krim. Putins schnoddriger Rat an einen Fragesteller, der von ihm wissen will, ob denn nun russische Streitkräfte gegen Kiews Soldaten vorgegangen seien:

"Gehen Sie doch einfach mal in den nächsten Armee-Laden und kaufen Sie sich irgendeine Uniform." - Schön", hakt der Journalist nach, "waren das denn nun russische Soldaten auf der Krim - oder nicht?" - Putin - mit unbewegter Miene: "Das waren örtliche Selbstverteidigungskräfte."

Doch nur sechs Wochen später, bei der alljährlichen, live übertragenen Fernseh-Fragestunde des russischen Volkes an seinen Präsidenten, erzählt derselbe Putin auf die gleiche Frage ungerührt das Gegenteil:

"Unsere Aufgabe bestand darin, die freie Meinungsäußerung der Krim-Bewohner sicherzustellen. Deshalb mussten wir unumgängliche Maßnahmen ergreifen, damit sich die Ereignisse nicht so entwickeln, wie dies heute in der Südostukraine der Fall ist. Natürlich standen deswegen hinter den Rücken der 'Selbstverteidigungskräfte der Krim' Angehörige unserer Streitkräfte. Die haben sehr korrekt gehandelt, aber - wie ich schon sagte - sehr entschieden und professionell."

Grund genug für Schumatsky, seinerseits derlei Dinge offen zu benennen und zu bewerten - noch ein Beispiel: "Lügen werden neu erfunden und von Putins Freunden in Ost und West nacherzählt. Die Ukrainer seien Faschisten. und die Russen müssten ihre Heimat wie schon im Zweiten Weltkrieg gegen die Faschisten verteidigen."

Spürbares Mitleid

Mitleid ob deren verblüffender Naivität, wahrscheinlich aber eher Spott, wenn nicht sogar Hohn für all die unkritisch begeisterten Putin-Adepten ist spürbar, wenn Schumatsky deren tatsächlichen Stellenwert für die russische Führung beschreibt:

"Die Freunde der russischen Autokratie missverstehen die Politik des Lügens. Der Kreml legt es nicht wirklich darauf an, dass man seine Lügen glaubt. Putin siegt, wenn andere Regierungschefs die Lügen unwidersprochen stehen lassen. Sicher weiß Putin, dass ihn zumindest einige Politiker wie Angela Merkel durchschauen.

Hauptsache, sie nennen den Betrug nicht Betrug, die Invasion nicht Invasion und einen hybriden Krieg nicht Krieg. Dabei ist es für den Kreml zweitrangig, welches Motiv seine Kontrahenten haben: ob die Angst vor russischen Atomwaffen oder dem Pazifismus ihrer Wähler. Sobald die Wahrheit nicht mehr gegenwärtig ist, siegt die Lüge."

Und durchaus beunruhigt - Stichwort: "Postmoderne" - konstatiert Schumatsky: "Der Kreml zwingt der Welt sein geopolitisches Spiel auf, und in diesem Spiel regiert die politische Postmoderne. Jeder Spieler hat seine eigene Wahrheit oder gar mehrere, die er nach Bedarf frei variiert. Denn es zählt nur eines:

Wer ist stark genug, seine Wahrheit dem Gegner aufzuzwingen? Wladimir Putin und seine Getreuen kennen die Spielregeln nicht aus philosophischen Texten, sie haben sie auf der Straße gelernt."

Spannende Amnanese samt Diagnose

Auch wenn des Autors Analyse rund um das Stichwort "Postmoderne" noch ein wenig ausführlicher und schärfer konturiert hätte ausfallen können, bleibt festzuhalten: Schumatsky hat als regelmäßiger, sach- und sprachkundiger Wanderer zwischen Russland und Deutschland eine spannende Anamnese samt nachfolgender Diagnose vorgelegt, wie es derzeit um die wechselseitigen Befindlichkeiten, Klischees und Erwartungshaltungen bestellt ist.

Damit präsentiert er eine überaus lesenswerte, nicht selten sogar amüsante Gegenrede für all jene, die nur noch genervt die Augen verdrehen angesichts diverser Festschriften von Putin-Apologeten à la Gabriele Krone-Schmalz oder Hubert Seipel.

Boris Schumatsky: "Der neue Untertan. Populismus, Postmoderne, Putin",
Residenz Verlag, 160 Seiten, ISBN: 978-3-701-73377-4, 18,90 Euro.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk