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StartseiteBüchermarktBotho Strauß wird 6002.12.2004

Botho Strauß wird 60

Porträt und Hinweis auf sein neues Buch: ”Der Untenstehende auf Zehenspitzen“

<em> Auf einem Hügel in der Uckermark baute ich ein weißes Haus, und eigentlich sind es zwei, ein größeres mit dem Blick in eine weite Wiesensenke, begrenzt vom Wald im Süden, dem Jakobsdorfer Forst. Und ein kleineres in seinem Rücken für Gäste, die nie kommen, mit einem Heizungsraum und einem Zimmer fürs Klavier. - Stunden, Tage, Wochen, die anderswo im Flug vergehen, ziehen sich hier lange hin, und wir mit langen Gängen übers Feld ziehen mit.</em>

Von Matthias Kußmann

”Der Untenstehende auf Zehenspitzen“ von Botho Strauss (Hanser Verlag)
”Der Untenstehende auf Zehenspitzen“ von Botho Strauss (Hanser Verlag)

So beginnt Botho Strauß´ Buch "Die Fehler des Kopisten", das 1997 erschien. Es enthält Reflexionen, Autobiografisches und Naturbilder. Drei Jahre zuvor war Strauß, der Städter, der Wahl-Berliner, der so oft Stadtneurotiker und Metropolengänger beschrieb, aufs Land gezogen, in die Uckermark. Er war 50 Jahre alt, ein anerkannter Prosaautor, Essayist und Dramatiker. Seine größten Erfolge hatte er in den siebziger und achtziger Jahren, mit Prosabänden wie "Paare, Passanten" und Stücken wie der "Trilogie des Wiedersehens". Sie hielten den Intellektuellen seiner Generation, den so genannten "68ern", und dem jeweiligen Zeitgeist einen klug-ironischen Spiegel vor: Paare, Passanten zwischen Beziehungskitsch, Beziehungschaos und autistischer Vereinzelung. Strauß publizierte danach weitere Bücher, doch es wurde ruhiger um ihn. 1993 meldete er sich mit einem Paukenschlag zurück. Sein Aufsatz "Anschwellender Bocksgesang" im "Spiegel" ließ die Feuilletons Kopf stehen. Der frühere Anhänger Adornos hatte sich zu einem Konservativen gewandelt, einem "Rechten", einem "Reaktionär" gar, wie manche meinten - der die Eliten pries und der Demokratie eine Absage erteilte. Strauß sang das Lob des Mythos' und der "Gegenrevolution"; er feierte (und das tut er bis heute) das "andere Deutschland" konservativer Autoren wie Ernst Jünger und Stefan George. In seinem neuen Buch "Der Untenstehende auf Zehenspitzen" - von dem noch zu reden sein wird - spricht Strauß von einem regelrechten "Präteritum-Gen", das ihn bestimme. Die vielen "sinnlichen Nicht-Mehrs" seines Lebens - von der Schreibmaschine bis zum 50-Pfennig-Stück - hätten seinen Gegenwartssinn getrübt:

Ich habe gelebt, als ob mein Tag noch kommen würde. Aber, die Wahrheit zu sagen, er war schon vorüber, als ich geboren wurde.

Botho Strauß wurde am 2. Dezember 1944 in Naumburg an der Saale geboren und wuchs in Remscheid und Bad Ems auf. Er studierte ein paar Semester Germanistik und Theatergeschichte, war Redakteur der Zeitschrift "Theater heute" und dramaturgischer Mitarbeiter an der Berliner Schaubühne. Seit 1975 ist er freier Schriftsteller. Im Zentrum seines Werks steht eine harsche Kulturkritik, die fast nur Verluste sieht. Wie Adorno schreibt auch er "Reflexionen aus dem beschädigten Leben" - jenseits der Glücksversprechen von Kirche, Politik, Werbung und Medien. Was ihm bleibt, sind die Natur, die ihn umgibt, die Vergangenheit, an die er sich erinnert - und "das Höhere", das uns "übersteige" in Kunst und Literatur. Darüber schreibt er: um es vor dem Verschwinden zu retten und (in mehrfachem Wortsinn) aufzuheben:

Sartre sagt: "Ich bleibe bei der Ansicht, dass das Leben eines Menschen sich schließlich als Scheitern herausstellt; das, was er beabsichtigt hat, erreicht er nicht. Er schafft es nicht einmal, das zu denken, was er denken will, oder das zu fühlen, was er fühlen will..." Das ist die Tonart, die mir angemessen erscheint, mit der man der Tatsache eines angeborenen Zukurzgekommenseins Rechnung trägt; in einer zu engen Haut zu stecken, die man das Leben nennt, das Hier und das Ich. Und so wird das Maß aller Dinge das Vermissen bleiben, das Fehlende, und allein die Schrift, das Medium der Hinterlassenschaft, der Abwesenheit und der Entfernung, kann es getreulich und täglich feiner zu bestimmen suchen.

In "Die Fehler des Kopisten" gelang Strauß das so entspannt wie nie zuvor. Der Bau seines Hauses, die uckermärkische Landschaft und die Ruhe seines zurückgezogenen Lebens schienen ihn - im Gegensatz zu früheren Werken - gelockert und beflügelt zu haben. Kaum mehr fand man den angriffslustigen, auch höhnischen Ton seines "Bocksgesangs". - Das gilt auch für sein neues Buch "Der Untenstehende auf Zehenspitzen". Strauß schreibt erneut gegen den falschen Schein einer hochtechnisierten medialen Welt an, in der alle von "Kommunikation" reden, aber nicht mehr miteinander sprechen. Er beklagt die mangelnde Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen, ihre Grobheit und Gedankenlosigkeit. Oft genug haben sich Kritiker über Strauß' manchmal manieristische, "altväterliche" Sprache mokiert. Dafür werden sie auch in diesem Buch Beispiele finden. Doch in einer sprachvergessenen, zunehmend sprachlosen Zeit setzt er bewusst auf einen anderen, "hohen" Ton:

Ich habe nie "Sprache besessen". Hin und wieder bedienten sich Sprechende, die anders sprachen als ich, meiner Zunge. Auch schien mir ein rücktönendes Deutsch ertragreicher als ein neutönendes; eine Frage des Artenreichtums. Inzwischen wird man beinah unvermeidlich retroglott, aus Arterhaltungsgründen. Zurückweichend vor der Ödwelt der (Sprach-)User-Verständigung. Die meisten benutzen statt Worten nur mehr Passworte, mit denen sie einander als zugehörig und ungefährlich ausweisen.

Strauß sieht den Künstler als "Rivalen" seiner Zeit und votiert immer wieder für "Schönheit" - auch dies eine Haltung, für die man heute gern belächelt wird:

Ein Kulturkampf: die Hässlichkeits- gegen die Schönheitskomplizen (die hoffnungslos in der Minderzahl). Jene, die lüstern auf das Erhabene sind, es aber nur brauchen, um die Reize der Verkehrung zu kosten. Und diese anderen, die Untenstehenden auf Zehenspitzen, die davon leben, überwältigt zu werden.

Von seinen Reisen, von Theaterpremieren oder aus Berlin, wo er noch eine Wohnung hat, führt der Weg zurück in die Uckermark. Dort, auf "seinem Hügel", entstehen Botho Strauß' so genannte "Adnoten". Jene Notizen, mit denen er die ihm gemäße literarische Form gefunden hat: eine Form, die bleiben wird:

Mein Haus ist nur eine Warte. Kein heimliges Haus, frei und unbehaglich steht es vor dem Wind, trotzig und doch ein wenig verloren mit seinen strengen Kanten, so wie es ein Architekt in später Bauhaus-Folge für uns entwarf. - Die Sonne wandert, die Seele wandert, die Jahreszeiten wechseln, das Kind wächst, und mein Hals wird faltig. Infolge dieser Überschneidung von Zeit-Zyklen und Zeit-Linien ergeben sich fast stündlich neue Ortsbestimmungen, und das Wohnen bleibt im ganzen unfasslich. - Auf den östlichen Rand meines Landes gekritzelt, diese Glossen, unter dem ärmsten Himmelsstrich.

Botho Strauß bedient keinen Zeitgeist. Der beharrlich Unzeitgemäße, der die Vergangenheit lobt, aber für "Anwesenheit" plädiert, wendet sich in seinen Betrachtungen gegen das, was Martin Heidegger einmal "Seinsvergessenheit" nannte - und gegen jedes (politische, moralische) Geschwätz, egal ob von links oder rechts. Er ist zugleich aufmerksam und melancholisch. Das macht ihn sympathisch - und seine ebenso sperrigen wie poetischen Bücher wichtig.

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