Samstag, 16.12.2017
StartseiteComputer und KommunikationEndlich Stille02.12.2017

Botologie - die Zukunft hat begonnen (1/4)Endlich Stille

Erst begannen die Bots mit Maschinenlernverfahren alles durchzugehen, was Ton hatte, Millionen an Songs, auch Bach und die alten Meister. Dann begannen sie selbst zu komponieren. Eines Tages verschwand aus den Apps und Streamingdiensten alle Musik. Ein Hörspiel.

Von Maximilian Schönherr

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Botologie, Hans-Jürgen Brehm (Deutschlandradio / Hans Jürgen Brehm)
Bach, Hip Hop, Schlager: Die Bots haben alle Musik geknackt (Deutschlandradio / Hans Jürgen Brehm)

Klar, es ist still in der Stadt. In den Klubs, wo die Großväter und Urgroßmütter noch "abgetanzt" hatten, stehen die Kühe, gackern die Hühner.

"Großvater, wohin ist die Musik verschwunden?"

Es waren die Bots, die damals mit Maschinenlernverfahren alles durchgingen, was Ton hatte, Millionen an Songs, an Instrumentals, auch Bach und Nirwana, die alten Meister, von denen wir heute nur noch lesen können, mit verzauberten Augen und toten Ohren.

Anfangs schien es witzig. Man ließ ein paar Trillionen Bots neuronale Netzwerke aufspannen und gab ihnen dann Jobs: Schaut euch das Brettspiel Go an. Hier sind 1.000 Partien, findet die Regeln, nach denen das Spiel funktioniert, und spielt so gut wie die Sieben-Dan-Meister! Es ist bekannt, wozu das führte: Die Meister gaben sich geschlagen, weniger wegen der Spielstärke als wegen der Spielästhetik, mit der sie sie betörten. Das war der Grund, warum das Spiel unter Menschen ausstarb, vor langer Zeit. Die Bots spielen es vielleicht noch immer. Sie haben so viel Leerlauf und wenig zu tun.

Dann ließen die Informatiker, angefeuert von den Feuilletonschreibern, die Maschinen lernen, wie Bachfugen funktionierten. Es dauerte nur noch Tage, und die Musiktheoretiker bekamen Kompositionen auf den Tisch, die mehr nach Bach klangen als das, was man bisher von Bach als echt empfunden hatte. Ein Vierteljahrhundert lang spielten Weltklasse-Organisten im Dom von Silicon Valley nicht mehr die übliche, von Bach nicht zu Ende komponierte Kunst der Fuge, sondern eine viel reifere Kunst der Fuge mit einem Ende, das sich kein Mensch hätte so kunstfertig ausdenken können.

Aber dann, es war ein Sonntagnachmittag im Frühling, verschwanden aus den Musikstreaming-Diensten und den Musik-Apps alle Bach-Werke. Als nächstes die Rap- und Hip Hop-Musik. Die Maschine hatte alle Rap-Texte aller Zeit analysiert und war zu dem Schluss gekommen, dass alles gesagt war.

Close your eyes and I’ll kiss you oder miss you oder fuck you, meistens gefolgt von Bitch. Es konnte nichts Neues mehr kommen, also löschten die Bots alles und ersetzten es, wie schon beim Bach, durch Stille.

"Großvater, wie klingt ein Rap?"

Wenige Minuten später war der deutsche Schlager dran, Herz, Nacht, Tränen, Wind - alles vorhersagbar, keinerlei Innovation mehr möglich. Eine Schlussroutine, die sich die Bots selbst einprogrammiert hatten, ließ sie zu solch absoluten Entscheidungen kommen. Es gab keine Statistik, keine Wahrscheinlichkeiten mehr: Alle Musiken sind trivial. So verschwand auch aller Mozart und die Beatles, eine Nanosekunde dann auch der etwas schwerer zu knackende Stockhausen. Die Sonne ging schon fast unter, als nur noch ein einziges Musikstück übrig war, das einzige, was man noch im Stream oder im Radio hören konnte: "A Love Supreme".

Wir sahen um 8:00 Uhr die Tagesschau an, die ohne Melodie begann, sondern mit Stille. Die Roboterkämpfe in Finnland waren das Hauptthema, wen interessierte das noch. Bei der anschließenden Unterhaltungsshow aus Leipzig, so erzählt man sich, brachen die Einschaltquoten, die es damals noch gab, ein, das heißt, keiner guckte mehr zu, weil sich der Moderator mit den Gästen zwei Stunden lang unterhalten musste. Es gab ja keine Musik mehr auf der Welt.

Am nächsten Morgen war es völlig still: Die Bots hatten auch die höchste Liebe, "A Love Supreme", geknackt und abgehakt. Für immer.

"Großvater, was war 'A Love Supreme'?"

In einem kroatischen Völkerkundemuseum liegt angeblich in einer Panzerglas-geschützten Vitrine eine kleine glänzende Scheibe, auf der "Ton-Träger" steht, auf der sich also ein Hauch von Musik befinden soll. Aber niemand weiß, wie man sie zum Klingen bringt. Vielleicht gab es früher einmal Geräte dafür. Die Bots haben mit ihren selbstprogrammierten Mineralbakterien-Bots alles Unnötige in seltene und weniger seltene Erden zerlegt und an die afrikanischen Gebiete zurückgegeben, die Jahrhunderte unter dem Abbau der Bodenschätze litten und bluteten. Auch die Saxofone und Klaviere der Welt wurden entsorgt, Musikerzeugungsgeräte, die längst niemand mehr kennt, geschweige denn bauen, geschweige denn bedienen könnte.

"Großvater, hörst du, die Straßenbahn! Die Schienen singen!"

Aus dem Diskokeller nebenan gackern die Hühner.

Als der Großvater noch sprechen konnte, meinte er einmal, es sei endlich so schön still. Sein Leben sei ihm insgesamt viel zu laut gewesen. Und er benutzte ein Wort, das heute niemand mehr kennt, "Ohr-Wurm". Muss mit Musik zu tun gehabt haben. Hat den Opa wahnsinnig genervt.

Erzählerin: Anja Jazeschann

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