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Boykott ist keine Lösung

Was Konsumenten tun können, um die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern

Von Daniela Siebert

Kleiderständer in einer KiK-Filiale. Experten raten, direkt in den Geschäften nach den Herstellungsbedingungen der Kleidung zu fragen.
Kleiderständer in einer KiK-Filiale. Experten raten, direkt in den Geschäften nach den Herstellungsbedingungen der Kleidung zu fragen. (picture alliance / dpa / Marius Becker)

Die Liste der Missstände in der Textilproduktion ist lang, egal ob in der Türkei, in Bangladesch, China oder Vietnam. Im Internet können Konsumenten sich darüber informieren, welche Anbieter fair produzieren. Der Preis eines Kleidungsstücks ist kein Hinweis auf die Herstellungsweise.

Die ultimative der Waffe der Verbraucher ist der Boykott. Und in Anbetracht der regelmäßigen Katastrophenmeldungen, etwa aus Textilfabriken in Bangladesch, könnte man auf die Idee kommen, Bekleidung mit dem Etikett "Made in Bangladesh" lieber nicht zu kaufen. Das sei jedoch keine gute Idee, meint Stefanie Karl von der Fair Wear Foundation, einer Stiftung, die gemeinsam mit Bekleidungsfirmen und anderen Nichtregierungsorganisationen an der Verbesserung der Arbeitsstandards in der Textilindustrie arbeitet. Allein in Bangladesch seien über vier Millionen Menschen als Textilarbeiter mit ihrem Einkommen davon abhängig, dass wir Ware von dort kaufen, erklärt sie.

Auch Berndt Hinzmann von der "Kampagne für saubere Kleidung" hält Boykott nur in engen Grenzen für sinnvoll:

"Aufgrund dessen, dass gerade die Partner im Süden – im globalen Süden – gesagt haben: Wenn ihr die Sachen boykottiert, stehen wir ohne Arbeit da. Aber es gab in der Vergangenheit ja schon Skandale wie zum Beispiel die sandgestrahlten Jeans, wo man eindeutig sagen kann: So wie die derzeit hergestellt werden, führt das zum Tod von den Beschäftigten, weil sie nicht ausreichend geschützt sind. Und das sollte man als Verbraucher auch boykottieren."

Anders als bei Ökobekleidung gebe es für fair hergestellte Textilien keine überzeugende Etikettierung, an der sich die Kunden im Laden orientieren könnten, bedauert Hinzmann. Deswegen empfiehlt er, sich die Markenliste der Fair Wear Foundation im Internet anzusehen, bevor man einkaufen geht. Dazu Stefanie Karl:

"Auf der Fair-Wear-Foundation-Seite kann jeder Interessierte auf die Shopping List gehen und dann erfahren, welches Unternehmen was anbietet und wo man das kaufen kann. Diese Unternehmen verpflichten sich, transparent zu sein und vor allem die Produktionsbetriebe vor Ort zu kennen und Lösungen mit den Fabriken zu finden, wenn Probleme auftauchen. "

Auch die Internetseite korrekte-klamotten.de lotst Kunden zu Anbietern, die fair produzieren wollen. Ein anderer Orientierungspunkt für Konsumenten könnte der Preis sein. Doch die naheliegende Gleichung billig gleich Ausbeutung, teuer gleich fair funktioniere nicht, warnt Hinzmann.

"Über den Preis – momentan – ist kaum was zu steuern. In diesem Bereich, wo Menschenrechte bei der Arbeit verletzt werden, wo es zu massiven Repressionen auch gegenüber Gewerkschaften kommt beispielsweise, da unterscheiden sich die großen Markenfirmen, wo man viel Geld ausgeben wird oder die Discounter nicht."

Auch Stefanie Karl sieht das so und verweist auf einen aktuellen Beweis dafür:

"Das zeigt auch das Beispiel in Bangladesch: In der Fabrik, die jetzt gerade zusammengestürzt ist, da hat KiK produziert und da hat auch Benetton produziert. Und die sind ja von den Preislagen sehr unterschiedlich und Mango noch dazwischen – also daher kann man nicht ganz klar sagen: Nur weil ich als Kunde mehr im Laden zahle, habe ich auch gleichzeitig bessere Arbeitsbedingungen."

Stefanie Karl hält es für ganz wichtig, dass Kunden im Laden immer wieder die Frage nach den Produktionsbedingungen stellen.

"Wisst ihr genau, wo der Produktionsbetrieb ist? Was macht ihr als Unternehmen? Wie besucht ihr die? Was für Schulungen macht ihr? Wie viel Audits macht ihr? Wisst ihr, ob der Produktionsbetrieb alles selbst produziert oder ob er Aufträge noch weiter gibt an sogenannte Sublieferanten? Die Frage ist, ob das Ladenpersonal dann die Antworten kennt, prinzipiell sollten sie das."

Berndt Hinzmann von der Kampagne für saubere Kleidung lädt außerdem zur Teilnahme an Protesten und Mahnwachen ein. Seine Erfahrung:

"Da wo Konsumenten gezielt nachgefragt haben oder Protestmails abgeschickt haben, dass das Wirkung hat. Wenn man die Forderung noch besser platzieren will, im direkten Angesicht der Unternehmen, war immer hilfreich, wenn es öffentliche Aktionen gab, also gerade im Zusammenhang mit den Bränden gab es viele Mahnwachen oder Gedenkproteste vor den Einkaufstüren von Firmen und die haben natürlich nochmal erheblich mehr Wirkung gehabt, weil es sichtbar war."

Deutlich pessimistischer als Hinzmann und Karl beurteilt Sebastian Siegele die Einflussmöglichkeiten. Er hat die Berliner Firma Sustainability Agents gegründet und berät Textilunternehmen, wie sie ihre Produktion fairer und nachhaltiger gestalten können. Siegele kennt die Situation in Ländern wie Bangladesch oder China bestens. Sein ernüchterndes Fazit:

"Individuelles Verhalten hat wenig Wirkung. Individuelles Verhalten, das ist eher was für mich, wenn ich sage: Ich kaufe jetzt ein teures T-Shirt und da ist noch ein Social Label vielleicht drauf. Was ja nur bedeutet, das in einer bestimmten Produktionsstufe irgendwie bestimmte Standards eingehalten werden. Damit habe ich nicht das Problem gelöst, wo die Rohstoffe herkommen. Es gibt kein sozialverträgliches T-Shirt, sagen wir so."

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