Interview / Archiv /

 

Branchengewerkschaften "sprießen ja nicht"

Heiner Dribbusch ordnet den Streik am Frankfurter Flughafen ein

Heiner Dribbusch im Gespräch mit Peter Kapern

Fahrzeug der Vorfeldaufsicht auf dem Vorfeld des Flughafens von Frankfurt am Main
Fahrzeug der Vorfeldaufsicht auf dem Vorfeld des Flughafens von Frankfurt am Main (picture alliance / dpa - Fredrik von Erichsen)

Die Mitglieder der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) haben erneut ihre Arbeit am Frankfurter Flughafen niedergelegt. Bei Erfolg des Arbeitskampfes befürchtet Heiner Dribbusch von der Hans-Böckler-Stiftung kein unmittelbares Anwachsen von kleineren Gewerkschaften, die wirklich streikfähig sind.

Peter Kapern: Seit gestern wird am Frankfurter Flughafen wieder gestreikt. Die Mitglieder der kleinen Gewerkschaft der Flugsicherung haben um 21 Uhr die Arbeit niedergelegt, wie schon in der vergangenen Woche. Da konnte ein Großteil der Flüge dennoch abgewickelt werden, weil nicht wenige Mitarbeiter der Fraport AG über die ihrer Meinung nach überzogenen Forderungen der Kleinstgewerkschaft verstimmt waren und bei der Arbeit auf dem sogenannten Vorfeld einsprangen. Gleichzeitig aber muss sich die Gewerkschaft Verdi auch Vorwürfe anhören, sie habe durch ihr Verhalten das Entstehen kleinster Branchengewerkschaften erst befördert.
Bei uns am Telefon ist nun Dr. Heiner Dribbusch vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf. Guten Morgen, Herr Dribbusch.

Heiner Dribbusch: Guten Morgen!

Kapern: Herr Dribbusch, wir haben das gerade gehört: Verdi macht gemeinsam mit Fraport Front gegen die Gewerkschaft der Flugsicherung. Warum ist das eigentlich so? Kann eine große DGB-Gewerkschaft nicht auch eine kleine Branchengewerkschaft quasi als Türöffner benutzen, mit dem Argument, wenn die erst mal einen satten Gehaltsaufschlag durchgesetzt haben, dann können wir nachziehen?

Dribbusch: Also ich möchte da doch das Bild etwas korrigieren. Ich denke, der Vorstand hat durchaus ein Interesse daran, jetzt zwei Gewerkschaften gegeneinander auszuspielen. Ich sehe aber nicht, dass jetzt Verdi hier öffentlich praktisch permanent und offen Front gegen die GdF macht. Das, was eben gesagt wurde, dass Verdi ebenso wie der Vorstand nach einer Gesetzesänderung bezüglich des Streikrechtes rufen würde, ist ganz dezidiert nicht der Fall. Verdi hat sich dagegen entschieden, sozusagen Gesetzesänderungen zu fordern. Also da muss man das Bild etwas korrigieren.

Kapern: Was hat eigentlich zum Erfolg dieser Branchengewerkschaften, zum Sprießen dieser Branchengewerkschaften, dieser Kleinstgewerkschaften geführt?

Dribbusch: Auch da muss ich sagen, sie sprießen ja nicht.

Kapern: Es gibt ja eine ganze Reihe, die spektakuläre Arbeitskämpfe geführt haben, beispielsweise die Gewerkschaft der Lokomotivführer.

Dribbusch: Ja, aber Sie sprechen da alles von Gewerkschaften, die es sehr lange gibt. Die Gewerkschaft der Lokomotivführer ist eine der ältesten Gewerkschaften Deutschlands überhaupt. Und es hat in den letzten Jahren nicht mehr Gewerkschaften gegeben wie vorher auch, die überhaupt als Berufsgewerkschaften streikfähig sind. Wenn man großzügig rechnet, sind das in Deutschland vier bis fünf Gewerkschaften. Dazu gehört dann noch der Marburger Bund, die Deutsche Journalistenvereinigung, die GDL wurde von Ihnen genannt und die GDF, und gerade die GDF ist eine Gewerkschaft, die dadurch aufgefallen ist, dass sie in der Vergangenheit gar nicht oft gestreikt hat. Das ist ihr erster größerer und längerer Arbeitskampf.

Kapern: Muss man nicht gleichwohl attestieren, dass diese kleinen Gewerkschaften jedenfalls für ihre Mitglieder große Erfolge erzielen, die die großen nicht so erzielen können?

Dribbusch: Auch da muss man differenziert hinschauen. Die Gewerkschaft der Lokomotivführer hat im letzten Jahr schmerzlich erfahren müssen, als sie bei den Privatbahnen versuchte zu streiken, dass sie keineswegs immer Erfolg hatte. Ganz im Gegenteil: mit einigen ihrer Tarifvorhaben ist sie auch massiv gescheitert. Also auch hier ist das Bild unterschiedlich. Und auch beim jetzigen Streik der GDF ist ja noch keineswegs gesagt, wer sich am Ende durchsetzt.

Kapern: Haben die DGB-Gewerkschaften überhaupt nichts dazu beigetragen, dass die kleinen Gewerkschaften jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung doch durchaus solch große Erfolge haben?

Dribbusch: Ich denke, die DGB-Gewerkschaften haben nicht dazu beigetragen, sondern es liegt daran, dass einfach wenn die Fluglotsen streiken, oder hier die Vorfeldmitarbeiter, oder wenn Lokomotivführer oder Piloten streiken die Wirkung viel öffentlicher sichtbar ist, als, ich sage einmal, wenn wir einen Warnstreik in der Stahlindustrie haben. Das macht sehr viel aus und im Grunde genommen dieser kleine Streik hier hat eine Aufmerksamkeit, die um ein Vielfaches größer ist wie andere Tarifauseinandersetzungen. Das, denke ich, ist aber nichts letzten Endes, was den DGB-Gewerkschaften anzulasten ist, oder was mit ihnen zu tun hat. Im Gegenteil: Ich denke, die DGB-Gewerkschaften versuchen natürlich – und das zurecht -, dort, wo es geht, auch zu einem gemeinsamen Vorgehen mit den kleinen Gewerkschaften zu kommen. Das ist nicht immer einfach und gerade am Flughafen ist es in der Tat ein Problem, dass viele verschiedene Berufsgruppen zum Teil getrennt voneinander statt gemeinsam Gewerkschaftspolitik machen.

Kapern: Und abseits der Flughäfen, warum ist es so schwierig für DGB-Gewerkschaften, Schulter an Schulter mit den kleinen Gewerkschaften zu stehen?

Dribbusch: Gut, da gibt es zum Teil einfach auch Interessensgegensätze. Das war ganz deutlich im Eisenbahnbereich und das ist sicherlich auch in den Krankenhäusern so, wo es unterschiedliche Interessensschwerpunkte bei Ärzten und Krankenschwestern gibt. Aber gerade im Bereich des Gesundheitswesens kann man doch immer wieder sehen, dass wenn es um gesundheitspolitische Fragen geht, durchaus eine Zusammenarbeit zwischen Marburger Bund und Verdi möglich ist. Und wenn man sich den Journalismus anguckt, da ist die Berufsgewerkschaft DJV praktisch in jeder Tarifrunde Seite an Seite mit Verdi in der Tarifauseinandersetzung. Also es gibt hier durchaus auch Kooperation und nicht nur Konkurrenz.

Kapern: Unter Beobachtern kursiert die Befürchtung oder jedenfalls die Annahme, dass wenn die GDF mit ihrem Streik in Frankfurt Erfolg haben sollte, dies zu einem weiteren Anwachsen der Zahl der Kleinstgewerkschaften führen würde. Teilen Sie diese Ansicht?

Dribbusch: Nein, diese Ansicht teile ich nicht, weil die wurde auch schon vor drei Jahren geäußert, als die GDL ihre ersten größeren Streiks hatte. Die wurde vor fünf Jahren geäußert, als der Marburger Bund die ersten Ärztestreiks in Deutschland durchgeführt hat, und es ist bisher nicht eingetreten. Also es ist keine neue Gewerkschaft dazugekommen, die wirklich streikfähig gewesen wäre. Und es ist auch nicht abzusehen, dass das jetzt unmittelbar passiert, denn eine streikfähige Gewerkschaft aufzubauen, ist sehr voraussetzungsvoll in Deutschland, und ich sehe nicht, dass das jetzt unmittelbar bevorstehen würde.

Kapern: Heiner Dribbusch war das vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Herr Dribbusch, danke für das Gespräch, schönen Tag und auf Wiederhören.

Dribbusch: Auf Wiederhören!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Landtagswahl Thüringen"SPD sollte sich daran erinnern, dass wir eine politische Spaltung haben"

Die Bildkombo vom 20.08.2014 zeigt Großplakate der Parteien (von links oben im Uhrzeigersinn) CDU, Linke, FDP und SPD, die in Thüringen das Bild an den Straßen bestimmen. 

In Deutschland gebe es ein rechtes und ein linkes politisches Lager, sagte der Parteienforscher Gero Neugebauer im DLF. Alle Bemühungen der SPD, im rechten Lager zu punkten, seien bislang gescheitert. Deshalb könnte eine rot-rot-grüne Koalition sinnvoll für die SPD in Thüringen sein.

Irak"UNO muss endlich aktiv werden"

Heinrich Bedford-Strohm in einer Profilansicht

Bayerns evangelischer Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat sich erneut für einen internationalen Militäreinsatz im Irak ausgesprochen. "Jetzt geht es um die menschliche Schutzverantwortung", sagte er im Deutschlandfunk. Mit der christlichen Lehre sei ein UNO-Mandat vertretbar.

Landtagswahl Thüringen "Alle Parteien haben zu spät auf den AfD-Populismus reagiert"

Die Spitzenkandidatin der CDU für die Landtagswahl in Thüringen und amtierende Ministerpräsidentin, Christine Lieberknecht, steht am 14.09.2014 in Erfurt (Thüringen) neben dem CDU-Fraktionsvorsitzenden in Thüringen, Mike Mohring. In Thüringen waren mehr als 1,84 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen einen neuen Landtag zu wählen. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die Alternative für Deutschland (AfD) zu ignorieren, sei im Wahlkampf falsch gewesen, sagte der CDU-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag, Mike Mohring (CDU), im DLF. Man müsse die AfD stellen, wo es populistisch sei und wo es seriöse Antworten brauche. Mohring befürwortet die Neuauflage der Großen Koalition im Erfurter Landtag.

 

Interview der Woche

McAllister über Schottland-Referendum"Das ist eine sehr emotionale Debatte"

David McAllister, CDU-Abgeordneter im Europäischen Parlament

Der CDU-Europaabgeordnete David McAllister ist Sohn eines schottischen Vaters. Das bevorstehende Unabhängigkeitsreferendum habe in der schottischen Gesellschaft zu tiefen Rissen geführt, sagte McAllister im DLF. Nach der Abstimmung sei es enorm wichtig, wieder Brücken zwischen den Lagern zu bauen.

EZB"Die niedrigen Zinsen sind gerechtfertigt"

Sabine Lautenschläger, Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank.

Der Leitzins in der Eurozone ist auf einem neuen Rekordtief - und das zurecht, meint Sabine Lautenschläger im Interview der Woche im Deutschlandfunk. Das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank verwies auf die langfristige Verantwortung der EZB. Die Bank wolle keine Sparer ärgern, sondern die Wirtschaft ankurbeln.

Verfassungsschutz"Größte Herausforderung ist der islamistische Terrorismus"

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen

400 Islamisten sind bisher nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz von Deutschland aus in den Irak und nach Syrien ausgereist. Umgekehrt drohe die Gefahr, dass Rückkehrer in Deutschland Anschläge begehen könnten, sagte der Präsident der Behörde, Hans-Georg Maaßen, im Interview der Woche im DLF.