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StartseiteKommentare und Themen der WocheNächstenliebe statt Rache29.05.2018

Brandanschlag von SolingenNächstenliebe statt Rache

Obwohl sie die Hilfeschreie ihrer Kinder hörte, die in den Flammen verbrannten, hat Mevlüde Genc nie Hass oder Rache sprechen lassen, sondern Nächstenliebe. Ihre Haltung sei eine Mahnung an uns alle, sich grassierender Fremdenfeindlichkeit entgegenzustellen, kommentiert Vivien Leue.

Von Vivien Leue

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Mevlüde Genc hat beim Brandanschlag in Solingen 1993 viele Familienangehörige verloren, darunter zwei Töchter (Imago)
Mevlüde Genc hat beim Brandanschlag in Solingen 1993 viele Familienangehörige verloren, darunter zwei Töchter (Imago)
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Auch 25 Jahre nach dem Brandanschlag in Solingen ist Mevlüde Genc die Trauer anzusehen. Sie höre noch heute die Schreie ihrer Kinder, die in den Flammen verbrannten, sagte sie vor den zentralen Gedenkfeiern in Düsseldorf und Solingen. Und bei aller politischen und gesellschaftlichen Diskussion um Fremdenfeindlichkeit und Flüchtlingspolitik, darf das nicht vergessen werden: In der Nacht vom 29. Mai 1993, der Nacht von Freitag auf Pfingstsamstag, starben zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte von Mevlüde Genc, qualvoll. Das ist ein Schicksalsschlag, wie ihn niemand erleben sollte.

Das Unfassbare an dieser Tragödie ist, dass sie aus Hass erwuchs. Aus Hass auf vermeintlich fremde Menschen, auf Menschen, die wegen ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihrer Haut- oder Haarfarbe in diesem Land, in Deutschland, nicht gewollt waren – zumindest von einem Teil der Gesellschaft. Ein Hass, wie er auch heute wieder zu spüren ist – in den Reden der Rechtspopulisten, auf Veranstaltungen von Pegida, Hogesa oder anderen Gruppen. Und zum Teil auch im Bundestag, wenn die AfD von "Kopftuchmädchen, alimentierten Messermännern und sonstigen Taugenichtsen" spricht.

Ein friedliches Zusammenleben ist möglich

Die Stimmung heute – ja, sie ist eine andere, wie NRW-Ministerpräsident Armin Laschet in den letzten Tagen nicht müde wurde zu betonen. Der pure, unverhohlene Ausländerhass, ihn sieht man weit weniger als damals. Aber die zunehmende Verrohung der Sprache muss uns trotzdem Sorgen machen. Und: Längst ist ein bisschen Ausländerfeindlichkeit wieder salonfähig geworden. Ein junger Migrant greift eine Frau an? Oh, diese Flüchtlinge, heißt es dann – nicht nur am Stammtisch.

Dieser Entwicklung müssen wir alle entgegentreten. Wenn mittlerweile selbst einige große Parteien ausländerkritische Töne anschlagen – dann ist das nicht der richtige Weg. Wir sollten uns alle den Wunsch von Mevlüde Genc zu Herzen nehmen: Ein friedliches Zusammenleben sei möglich, sagte sie heute wie auch vor 25 Jahren direkt nach dem Anschlag. Sie, die fünf Familienmitglieder verloren hat, hat nie Hass oder Rache sprechen lassen, sondern Nächstenliebe. Mevlüde Gencs Worte müssen uns ermahnen, neben aller Meinungsverschiedenheiten und Kritik, die Menschlichkeit und das Mitgefühl nicht zu verlieren.

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