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StartseiteEuropa heuteDer importierte Konflikt19.04.2018

Brasilianer in PortugalDer importierte Konflikt

In Portugal lebt die größte brasilianische Gemeinde Europas. Kamen zuvor vor allem Brasilianer auf der Suche nach einem Job, sind es nun Unternehmer, Akademiker und Journalisten. Viele wollen heute der politischen Krise in Brasilien entkommen.

Von Tilo Wagner

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Lissabons Einkaufsstrasse Rua Auguasta (imago / Travel-Stock-Image)
Aus Brasilien kommen nicht nur reiche Unternehmer, sondern immer mehr Studenten, Akademiker und Journalisten, die auf ihre portugiesischen Wurzeln verweisen und einen portugiesischen Pass beantragen können. (imago / Travel-Stock-Image)
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Als Maria Penido vor ein paar Tagen in Cascais, rund 20 Kilometer westlich von Lissabon, spazierging, fühlte sie sich plötzlich wie in ihrer Heimat: Es wimmelte von Brasilianern, überwiegend aus Rio de Janeiro, die am Strand spielten oder über brasilianische Politik diskutierten. Portugal sei schon immer ein beliebtes Ziel für Auswanderer aus Brasilien gewesen, sagt Penido, die in Lissabon eine Agentur für Neuankömmlinge aus Südamerika gegründet hat. Doch in den vergangenen Jahren kämen nun nicht mehr ungelernte Arbeitsmigranten aus Brasilien:

"Unsere Klienten kommen nicht nach Portugal, weil sie hier einen Job suchen. Sie sind finanziell unabhängig. Sie bringen ihre Familie mit, weil sie sich in Brasilien nicht mehr sicher fühlen und ihren Kindern ein Leben ohne Gewalt auf der Straße bieten wollen. Für sie sind die Lebenshaltungskosten in Portugal vergleichsweise gering, man spricht die gleiche Sprache, es gibt sehr gute Flugverbindungen in die Heimat und schließlich ist das Klima angenehm."

"Goldene Visa" locken Unternehmer aus Brasilien an

Im vergangenen Jahr hat diese Entwicklung entscheidend mit dazu beigetragen, dass die Zahl der Immigranten in Portugal insgesamt um fast 20 Prozent gestiegen ist. Die portugiesische Regierung wirbt um wohlhabende Nicht-Europäer mit einem sogenannten "Goldenen Visum", das ausländischen Investoren unter bestimmten Bedingungen eine fünfjährige Aufenthaltsgenehmigung garantiert.

Aus Brasilien kommen jedoch nicht nur reiche Unternehmer in den Südwesten Europas, sondern auch immer mehr Studenten, Akademiker und Journalisten, die auf ihre portugiesischen Wurzeln verweisen und einen portugiesischen Pass beantragen können. Dadurch wird Portugal nun auch zu einer Projektionsfläche für die jüngste politische Krise in Brasilien.

Schulterschluss zwischen der Linken beider Länder

Vor ein paar Tagen forderte der brasilianische Präsidentschaftskandidat und Bürgeraktivist Guilherme Boulos in einem überfüllten Lissabonner Theater die Freilassung des wegen Korruptionsdelikten verurteilten brasilianischen Ex-Präsidenten Lula da Silva. Auf der Bühne saßen der spanische Podemos-Chef Pablo Iglesias und die Vorsitzende des portugiesischen Linksblocks Catarina Martins. Der Schulterschluss zwischen portugiesischen und brasilianischen Links-Politikern ist auch ein Reflex auf die wachsende Bedeutung Brasiliens in der portugiesischen Öffentlichkeit, glaubt Giuliana Miranada, Portugal-Korrespondentin der brasilianischen Tageszeitung "Folha de São Paulo":

"Vor zwei Jahren gab es hier in Portugal große Demonstrationen gegen die damalige brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff. Seit in Portugal eine Linksregierung übernommen hat, haben sich zudem die politischen Kontakte noch verstärkt, insbesondere zwischen Portugals Sozialisten sowie dem Linksblock und brasilianischen Linkskräften."

Parallele: Korruptionsvorwürfe gegen Politiker

Dass die politische Krise in Brasilien einen so großen Widerhall in Portugal findet, hat aber noch einen anderen Grund: In beiden Ländern sind populäre Politiker ins Visier der Justiz geraten. In Portugal werden dem sozialistischen Ex-Premierminister José Sócrates Korruption und Geldwäsche vorgeworden, in Brasilien sitzt Lula da Silva wegen ähnlicher Verbrechen bereits hinter Gittern. Beide Politiker kennen sich sehr gut: Ermittler sollen sogar Verbindungen zwischen den beiden gigantischen Korruptionsfällen in Brasilien und Portugal gefunden haben. Dadurch, so die Journalistin Giuliana Miranda, gebe es auf beiden Seiten des Atlantiks genügend Stoff, um politische Lagerkämpfe anzuheizen:

"Sowohl in Portugal als auch in Brasilien bestimmt das Thema Korruption die öffentliche Debatte. Und natürlich lässt das auch die Spekulation zu, dass die Korruptionsvorwürfe als politisches Druckmittel gebraucht werden. Schließlich gibt es in beiden Ländern genügend Beispiele dafür, dass der Vorwurf der Korruption verwendet wurde, um politische Gegner kalt zu stellen."

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