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StartseiteWissenschaft im BrennpunktBrautpreis für den versteinerten Drachen07.10.2007

Brautpreis für den versteinerten Drachen

Wie China aus seinem Fossilienreichtum nicht nur wissenschaftliches Kapital schlägt

"Riesen-Dinosaurier in China entdeckt". Solche Schlagzeilen sind heute nahezu an der Tagesordnung. In vielen internationalen Fachzeitschriften sind solche Fossilienfunde aus China nicht mehr wegzudenken. Aber wie kam es zu dieser Fülle von Funden und Veröffentlichungen?

Von Michael Stang

Nicht nur Drachen, sondern offenbar auch Dinosaurier verheißen in China Glück. (Zhongda Zhang/IVPP)
Nicht nur Drachen, sondern offenbar auch Dinosaurier verheißen in China Glück. (Zhongda Zhang/IVPP)

Seit seiner Öffnung hat China systematisch die Paläontologie vorangetrieben. Auslandsstipendien für Nachwuchsforscher, Kooperationen ins westliche Ausland und letztendlich die boomende Wirtschaft haben Chinas Versteinerungen weltberühmt gemacht. Ein Feature über die Veränderungen der Paläontologie in einem Land mit einzigartigen Fossilien.

"China ist ein Land, was sich öffnet, was sich entfaltet, was sich entwickelt. Das merkt man daran, wie lernbereit die Kollegen sind. Dass sie wirklich bereit sind, ins kalte Wasser zu springen und sich auf irgendetwas völlig Neues einzulassen."

China auf der Überholspur. Seit seiner Öffnung macht das Land des gelben Drachen nicht nur in der Wirtschaft als zukünftiger Exportweltmeister von sich reden, sondern sorgt zunehmend auch in der Wissenschaft für Furore, etwa in der Paläontologie. Spektakuläre Fossilien von unschätzbarem Wert werden nicht nur massenhaft in China entdeckt, sondern mittlerweile auch in den wichtigsten internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht.

"Die hatten, bevor sie vor vier, fünf Jahren damit angefangen haben, von Wirbeltierpaläontologie keine Ahnung und wussten nicht, wo bei einem Saurier vorne und hinten ist, ganz überspitzt formuliert. Die haben sich mittlerweile aber in unglaublicher Weise in dieses Gebiet eingearbeitet und können nun echt mit jedem Spezialisten auf der ganzen Welt auf höchstem Niveau diskutieren und zusammenarbeiten."

Noch vor wenigen Jahren waren chinesische Paläontologen auf die fachliche und finanzielle Hilfe westlicher Kollegen angewiesen. Doch nun hat sich das Blatt gewendet.

"Mittlerweile ist es so, dass die chinesischen Kollegen sich das auch sehr wohl aussuchen können, mit wem sie zusammenarbeiten. Also, die müssen nicht jeden nehmen, der da irgendwoher gelaufen kommt, sondern die schauen sich die Leute genau an. Die schauen sich genau an, was hat der gemacht: Ist der wirklich ein anerkannter Spezialist auf seinem Gebiet? Hat er in guten Zeitschriften publiziert? Können wir von dem wirklich was lernen noch oder will der von uns nur profitieren?"

Mit dem zunehmendem Erfolg ist gleichzeitig auch das Selbstvertrauen der Fossilienforscher gestiegen.

"In China gibt es viele Stellen, an denen man erstklassige Fossilien finden kann. China ist ein sehr großes Land. Es gibt dort überall erstklassige Fundstellen, egal in welcher Zeitstellung sie suchen. Wenn sie in Deutschland ein, sagen wir mal, 230 Millionen Jahre altes Fossil nur als Fragment finden, gibt es davon in China gleich ein vollständiges Skelett."

Professor Jiang Da-Yong weiß um den Fossilienreichtum seines Landes. Der Paläontologe vom geologischen Museum der Peking Universität kann auf eine stattliche Anzahl international angesehener Fachpublikationen zurückblicken. Obwohl er eigentlich Spezialist für winzig kleine Muschelkrebse ist, hat er sich in den vergangenen Jahren zu einem Experten für ausgestorbene Wirbeltiere weiterentwickelt. Ebenso wie sein Pekinger Professorenkollege Yuan-Lin Sun forscht er mittlerweile ausschließlich an den erfolgversprechenden Großfossilien.

"Das hängt auch damit zusammen, weil in den vergangenen 20 Jahren in China viele berühmte Fossillagerstätten entdeckt wurden, die heute vielen Menschen bekannt sind, etwa Chengjiang. Solche Fundstellen zeigen, dass es im heutigen China eine Artenexplosion gegeben haben muss. Aus der Zeit vor 530 Millionen Jahren waren bis dahin nur mikroskopisch kleine Tiere bekannt, die man mit bloßem Auge nicht sehen konnte."

Die Fossilien geben auch in China die Forschungsrichtung vor. Obwohl dort erst seit wenigen Jahren große Grabungskampagnen laufen, gab es schon vorher spektakuläre Fossilienfunde. Allerdings konnten sie ohne aufwendige Ausgrabungen geborgen werden. Durch die trockene Vegetation werden ähnlich wie in Afrika viele Fossilen einfach durch Erosion freigelegt. Durch die Größe des Landes tauchen irgendwo immer neue versteinerte Knochen auf, die der Wissenschaft meist noch unbekannt sind. Solche Funde waren dann der Motor für eine Fachrichtung, die sich international noch in den Kinderschuhen befand, sagt Jiang Da-Yong.

"Vor fünf Jahren tauchten dann auch haufenweise Wirbeltierfossilien aus dem Jura auf. Dadurch entwickelte sich unter den Paläontologen eine Art Wettbewerb, der dieser Forschung einen unglaublichen Schub gab. Keiner wusste bis dahin, um welche Arten es sich dabei handelte. Gab es Verbindungen zur europäischen oder amerikanischen Tierwelt? Und wenn ja, sind die Tiere von China nach Europa gewandert oder sogar von Amerika nach China?"

In der Fundstelle von Liaoning im Nordosten Chinas lagen die Fossilen nicht vereinzelt, sondern ähnlich wie in der Grube Messel in Deutschland konzentriert an einem Fleck. Dort entdeckten Paläontologen Tausende von versteinerten Lebewesen, die viele Lücken im Stammbaum der Wirbeltiere schließen konnten. Dank dieser einzigartigen Fundstätte konnte sich China mehr und mehr in der internationalen Szene etablieren, die bis dato überwiegend von westlichen Forschern geprägt wurde. Mit diesen Versteinerungen konnte sich auch Yuan-Lin Sun einen Namen machen. Er forscht an den ausgestorbenen Reptilien, die den Ursprung der heutigen Säugetiere bilden.

"Momentan arbeiten wir gerade daran, das große Problem zu lösen, wann und wie sich die Reptilien entwickelt haben, nachdem sie schon an Land lebten. Auf einmal gingen einige wieder ins Wasser und einige bildeten einen ganz neuen Ast im Stammbaum, die Dinosaurier."

Aber nicht nur diese ganz frühen Vertreter der Wirbeltiere scheinen dort förmlich aus dem Boden zu schießen. In den vergangenen Jahren war es eine ganze Bandbreite anderer Fossilien, die die Fachwelt in Aufregung versetzten und Außenstehenden das Gefühl vermitteln, dass sich im heutigen China die gesamte belebte Welt entwickelt hätte: die älteste Landpflanze, die älteste Blütenpflanze, Vorfahren der Biber, Urahn heutiger Enten, der größte vogelähnliche Dinosaurier und die Vorfahren heutiger Säugetiere oder die berühmten gefiederten Dinosaurier stammen aus China. Die asiatischen Paläontologen scheinen mittlerweile ein Abonnement auf die wichtigsten Fachpublikationen zu haben, wenn es um neue Fossilienfunde geht. Auf einen solchen Fundreichtum kann der Tübinger Paläontologe Michael Maisch mit Blick auf die Fossilien im kleinen Deutschland nur neidvoll schauen.

"Wir haben hier keine gefiederten Dinosaurier. Finde einen gefiederten Dinosaurier und du kannst eine Abbildung und deinen Einkaufszettel an Nature oder Science schicken, ja? Und die werden es drucken."

Der Assistenzprofessor für allgemeine Paläontologie am Institut für Geowissenschaften kooperiert seit Jahren mit den Pekinger Paläontologen. Dadurch war es ihm möglich, selbst in China zu graben. Die Dinomania, die Mitte der 1990iger Jahre in Deutschland ausbrach, unter anderem durch aufwendige BBC-Dokumentationen und Kinofilme wie Jurassic Park, erreichte auch China. Dort erkannten Wissenschaft und Politik, dass ihre kulturelle Bodenschätze nicht nur Forschungsgelder und Devisen ins Land bringen, sondern das Land auch gleichzeitig ins internationale Rampenlicht rücken können, weil ihre Erdschichten einzigartige Fossilien beherbergen.

"Deswegen war es gerade so interessant, weil praktisch das Viech, auf das man gestoßen ist, war irgendwas Neues, was zuvor noch nie jemand gesehen hat."

Mittlerweile hat Michael Maisch mehrere Ausgrabungen in China besucht. Bei seinen Forschungen in Schichten aus dem oberen Perm bis in die Unterkreide, also von 270 bis knapp 100 Millionen Jahren vor heute, konnte er in den verschiedensten Fundstellen zum Teil vollständige Skelette von verschiedenen Dinosauriern, Skelettreste von säugerähnlichen Reptilien, Krokodile, Flugsaurier und Schildkröten bergen. Ebenso Zähne von frühen Säugetieren aus dem mittleren Jura, die bis dahin aus dieser Gegend überhaupt noch nicht bekannt gewesen sind. Dennoch waren seine Einzelfunde nichts gegen die Fossilienflut, die chinesische Paläontologen aufweisen können.

"Den Erfolg davon kann man sehen, wenn man sich die neuesten Publikationen anschaut und sich anschaut, wie viele chinesische Autoren Arbeiten in der Paläontologie in den hochrangigen Zeitschriften wie Nature und Science haben und wie viele deutsche Autoren entsprechende Arbeiten vorzuweisen haben. Ich beispielsweise auch nicht, ja?"

Um als deutscher Paläontologe in diesen Schichten überhaupt forschen zu können, braucht es nicht nur die entsprechende wissenschaftliche Expertise, sondern vor allem Kontakte. Eine solche Kooperation, wie sie der Tübinger Michael Maisch heute praktiziert, ist das Ergebnis eines langen, diplomatischen Prozesses. In den achtziger Jahren begann China damit, seine Forschung nicht mehr isoliert zu betreiben, sondern erste Kooperationen mit westlichen Institutionen einzugehen. Paläontologen außerhalb Chinas waren auch damals schon brennend daran interessiert, mit ihren chinesischen Kollegen zusammenzuarbeiten. Dies war jedoch nicht so einfach, sagt Volker Moosbrugger, damals noch Assistent in Bonn am Institut für Paläontologie.

"Das war relativ schwierig damals noch, da gab es noch keine sehr große und intensive Kommunikation und Austauschverfahren zwischen Deutschland und China, das war erst so am Beginn. Die Max-Planck-Gesellschaft hatte damals letztlich den Auftrag, die Verbindungen mit China zu verbessern, Partner war dann vor allem die chinesische Akademie der Wissenschaft und ich habe letztlich über Kontakte der Max-Planck-Gesellschaft dann auch Partner in China gefunden."

Was sich heute im Rückblick für den Direktor des Senckenberg Museums in Frankfurt leicht anhört, war seinerzeit mit vielen bürokratischen Hürden verbunden. Ausdauer und guter Wille eines einzelnen Forschers genügten bei weitem nicht, um nach China zu kommen und dort wissenschaftlich arbeiten zu können.

"Also als einzelner Wissenschaftler hat man sich damals schwer getan; man brauchte irgendwo schon eine Institution, die auch dann dafür gerade stand, dass – sage ich mal – auf der formalen Ebene alles ordentlich läuft: Visum besorgen, auch dass die dort nicht Spionage betreiben und viele solche Dinge."

Obwohl die Paläontologie in China Anfang der achtziger Jahre noch in den Kinderschuhen steckte, gab es auch damals schon große Forschungsinstitutionen. Deren technische Ausstattung konnte sich aber längst nicht mit westlichen Standards messen. Viele Methoden und Geräte basierten auf dem Wissensstand der westlichen Paläontologie des 19. Jahrhunderts. Einen Grund sieht Volker Moosbrugger in der Isolation des kommunistischen Landes.

"Wissenschaft ist ein internationales Geschäft. Wenn immer ein Land sich abschließt, verliert es dort Terrain, nicht? Sie können internationales Niveau nur halten, wenn wirklich die Wissenschaftler auch permanent auf Tagungen können, dort sehen, was machen andere Kollegen? Das wirkt ungeheuer befruchtend. Auch ein großes Land wie China kann nicht sich abkapseln und gleichzeitig erwarten, internationale Spitzenwissenschaft zu treiben."

Die Basis solcher Spitzenforschung ist der Austausch auf internationaler Ebene. Ohne ihn ist kein Fortschritt möglich. Deshalb waren die chinesischen Forscher bestrebt, solche Kooperationen zu initiieren, die ihnen die nötige Unterstützung bringen. Geld, Hilfe beim Aufbau einer Infrastruktur und fachliche Expertise waren die Argumente, die es deutschen Paläontologen erst ermöglichten, an chinesischen Fossilien forschen zu können. Ein solches Prestige der scheinbar unbegrenzten Fossilienvielfalt war anfangs für die chinesischen Oberen jedoch nur zweitrangig. Vielmehr hat sich die Paläontologie in den vergangenen Jahren auch dadurch gemausert, weil solche der Erfolg auch außerhalb der Wissenschaft gesehen wurde.

"Hinzukommt, dass man natürlich die wissenschaftliche Kooperation auch immer dazu nutzt eigentlich, Politik zu betreiben. Also der Wissenschaftleraustausch dient auch dazu, letztendlich die Länder in Kontakt zu bringen, Wissenschaftleraustausch ist der Beginn eines Kulturaustauschs."

Ein solcher Kulturaustausch betrifft aber nicht nur gemeinsame Projekte bei den Ausgrabungen. Vielmehr ist China auch an der Ausbildung seiner Forscher interessiert, die nach Lehrjahren im westlichen Ausland zurückkommen und dort die heimische Forschung bereichern. Auch Cheng-Sen Li wurde unter anderem in Deutschland ausgebildet. Der Paläobotaniker ist heute Direktor des Peking-Museums für Naturgeschichte und hat 1987 zusammen mit Volker Moosbrugger in Bonn studiert, danach folgten Jahre in England, bevor er wieder zurückging. Dort konnte er mit dem Vorsprung der internationalen Erfahrung Karriere machen. Als Professor am Institut für Botanik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking knüpfte er wieder die Kontakte nach Deutschland für neue Projekte.

"Ich glaube, dass wir diesen Aufschwung der Paläontologie der guten Wirtschaftsentwicklung in China zu verdanken haben. Die Regierung ist sehr dran interessiert, die Zusammenhänge zwischen der Paläontologie und der Pflanzenevolution zu verstehen. Fossile Pflanzen sind ja der Ursprung vieler Bodenschätze, etwa Erdöl. Die Paläontologie profitiert davon, dass sie eng mit der Geologie verbunden ist."

Trotzdem ist die Paläontologie deswegen nicht weniger nützlich, nur weil sie keine direkten wirtschaftlichen Erfolge erzielt. Im Laufe der Zeit erkannte die chinesische Regierung, dass sie auch die Förderung solcher kulturellen Bodenschätze lohnt, die nur einen ideellen Wert haben. Dennoch ist die Motivation auf beiden Seiten groß genug, um die Zusammenarbeit auch zukünftig zu festigen, sagt Cheng Sen Li.

"Ich glaube, dass die Kooperation zwischen zwei Ländern, nicht nur wie in diesem Fall zwischen Deutschland mit Volker Moosbrugger und mir, prinzipiell immer wachsen kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Partnerschaft zwischen den Kollegen in China und denen in Deutschland noch intensiviert werden kann. Das geht aber nicht von heute auf morgen."

Bevor China selbst große Projekte finanzieren konnte, war es nicht nur auf die fachliche Expertise internationaler Kooperationspartner angewiesen, sondern auch auf deren finanzielle Ressourcen. Wo Stipendien bislang nur einzelne chinesische Forscher unterstützen konnten, mussten Finanzierungen für große Grabungskampagnen über andere Geldquellen realisiert werden. Da Volker Moosbrugger auch vor Jahren schon nicht nur internationales Ansehen als Paläobotaniker genoss, sondern auch die entsprechenden Kontakte zu Fördermöglichkeiten hatte, kam die chinesische Akademie der Wissenschaften seinem Wunsch bereitwillig nach, eine Kooperation zu starten und eine neue Forschungsrichtung zu etablieren.

"Unmittelbar daran anschließend wurde ich eingeladen von der chinesischen Akademie zu einem Workshop, bei dem es darum ging, ein Konzept zu entwickeln, wie ein international ausgerichtetes Institut für Tibet-Forschung aussehen könnte."

Der deutsche Paläobotaniker wollte eines der klimatischen Schlüsselgebiete untersuchen, das größte Plateau der Erde, Tibet, das Dach der Welt. Auf knapp 5000 Metern Höhe wirkt das von der Volksrepublik China besetzte autonome Gebiet auf die Dynamik der Erde wie ein Pol. Es steuert den Monsun und damit die globale Klimaentwicklung. Nach dem Workshop wurde eigens für die Tibetforschung ein Institut gegründet mit dem Ziel, eine größere Kooperation Deutschland-China für diese Tibet-Forschung zu etablieren.

"Ich war damals dann auch Vorsitzender, und bin es immer noch, dieser DFG Senatskommission für Geowissenschaftliche Gemeinschaftsforschung. Und über diese Geokommission haben wir dann auch ein Kooperationsabkommen injiziert und zu Stande gekommen zwischen der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der chinesischen Akademie für Wissenschaften, so dass es jetzt ein Kooperationsabkommen DFG-CHS, chinesische Akademie der Wissenschaften gibt und über dieses Kooperationsabkommen gibt es jetzt einen größeren Verbund von Tibet-Forschung."

Doch diese Forschung ist nicht unumstritten. Dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft politisch Position bezieht, weil sie chinesische Projekte in Tibet unterstützt, bringt die DFG in unruhige Fahrwasser. In den Augen der Paläontologen auf beiden Seiten spielt diese Problematik aber offiziell keine Rolle. Ihr Ziel ist es herauszufinden, ob Tibet einst bewaldet war. Das Projekt um Volker Moosbrugger zielt auf die Klima- und Vegetationsgeschichte der letzten 20.000 Jahre von Tibet ab, insbesondere die letzten 10.000 Jahre. Mittlerweile gibt es Hinweise aus Pollendaten, dass auch bis in 5000 Meter Höhe Tibet zum Teil bewaldet war. Heute ist das Plateau eine Halbwüste. Der Direktor des Senckenbergmuseums geht davon aus, dass die Wälder zurückgegangen sind, nicht nur wegen diverser Klimaveränderungen, sondern auch wegen menschlicher Aktivitäten, der Rohdung. Diese Daten haben eine enorme Bedeutung für das Verständnis der heutigen Klimasituation.

"Wir erleben ja eine globale Erwärmung durch Ausstoß von Kohlendioxid in die Atmosphäre durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen und da gibt es drei Regionen, die hier besonders sensitiv darauf reagieren. Das ist der Nordpol, das ist der Südpol und das ist Tibet. Auch Tibet reagiert in denen großen Höhenlagen deutlich sensitiver auf die globale Erwärmung als es die tiefe Lagen tun."

Aber nicht nur die chinesischen Paläontologen rund um das Tibet-Projekt profitieren von der finanziellen Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Auch Yuan-Lin Sun vom Institut für Geologie des Paläontologischen Museums in Peking konnte Dank wirtschaftlicher Unterstützung aus Deutschland Ausgrabungen in Fossillagerstätten realisieren.

"Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel Glück gehabt, nicht nur die Naturwissenschaftliche Gesellschaft in China fördert uns, sondern auch die DFG unterstützt unsere wissenschaftlichen Arbeiten."

Geld ist auch in China die treibende Kraft. Fließen Forschungsmittel, sind alle denkbaren Kooperationen recht. Woher das Geld für die Ausgrabungen letztlich kommt, spielt für seinen Kollegen der Peking Universität Jiang Da-Yong letztlich nur eine untergeordnete Rolle. Er sieht es pragmatisch mit asiatischer Bescheidenheit.

"Wissenschaft ist wie eine große Frucht, von der jeder etwas abbekommen kann, der eine mehr, der andere weniger. Man muss nur wissen, wie man das am besten anstellt. Das Wichtigste ist aber nicht das Geld, sondern erstklassige Fragestellungen. Erst wenn man weiß, wonach man suchen kann, wird man die Chance haben, gute Fossilien zu finden, die vielleicht eine Lücke im Stammbaum des Lebens schließen können. Wir leisten dazu aber nur einen kleinen Beitrag, wir können vielleicht eine kleine Lücke schließen, auf keinen Fall aber eine große."

Dass es bei solchen Förderungen nicht nur Nutznießer gibt, sondern auch jene, die das Nachsehen haben, liegt auf der Hand. Versiegen Geldquellen, können so manche Kooperationen schnell verblassen. Auch der Tübinger Forscher Michael Maisch konnte sich einst über eine Finanzierung der DFG freuen und in China graben, doch das ist mittlerweile Geschichte.

"Die DFG hat dann den zweiten Verlängerungsantrag schlicht ergreifend platt gebügelt und uns keinen Pfennig mehr bezahlt. Das ist dann das Resultat, dass man davon kriegt in der deutschen Forschungslandschaft."

Noch immer kann es der Wirbeltierpaläontologe nicht nachvollziehen, wieso seinem Projekt der Geldhahn zugedreht wurde, an mangelndem Erfolg des deutsch-chinesischen Projekts hat es ihm zufolge nicht gelegen.

"Das weiß ich nicht, da müssen Sie die Gutachter fragen. Aber, da man ja als Antragsteller keinerlei Gelegenheit hat, bei den entsprechenden Herren nachzufragen, weshalb sie dieses Projekt vernichtet haben, das drei Jahre lang äußerst erfolgreich verlaufen ist und mittlerweile über 20 Veröffentlichungen in hochrangigen, internationalen Fachzeitschriften daraus entstanden sind. Dann muss ich also eine ganz deutliche und auch sehr harte Kritik an der Deutschen Forschungsgemeinschaft äußern."

Die Paläontologie in China hat sich aber nicht nur durch die Finanzierungen und Kooperationen mit westlichen Forschern und dem extremen Fundreichtum als Hotspot internationaler paläontologischer Forschung entwickelt, sondern vor allem durch einen internen Strukturwandel. Bis vor wenigen Jahren war speziell die Wirbeltierpaläontologie stark zentralisiert. Es gab in ganz China praktisch nur eine zentrale Institution, die die wichtigen Funde und deren Bearbeitungen koordinierte, das Institute of Vertebrate Palaeontology and Palaeoanthropology, kurz IVPP, der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking, sagt Michael Maisch.

"Die spektakulären Funde, die Dinosaurier, der Peking Mensch et cetera, das kam alles nach Peking in dieses eine Institut. Und auch da hat eine Öffnung stattgefunden; eine Einsicht darin, dass Konkurrenz das Geschäft belebt sozusagen, dass Vielfalt das Geschäft belebt."

Mit der Öffnung Chinas begannen auch andere paläontologischen Institute zunehmend selbstständig und ohne eine zentrale Koordinierung zu forschen.

"Diese Dezentralisierung hatte eben zu einer gewissen positiven Konkurrenzsituation geführt. Wenn wir das Beispiel nehmen Liaoning, die Fundgegend, die chinesische Provinz wo die ganzen gefiederten Dinosaurier, Vögel und so weiter gefunden wurden. Da hatte von Anfang an das IVPP in Peking nicht das Monopol drauf. Da sind Funde auch an andere chinesische Institute gegangen, nach Nanning an das Geological Museum of China und so weiter und verschiedene Arbeitsgruppen haben sich mit diesen Sachen beschäftigt."

Zum ersten Mal herrschte in den Instituten Konkurrenz, nicht nur um Forschungsgelder und Kooperationen, sondern auch um internationales Ansehen, sagt Cheng-Sen Li, der auch Präsident der Abteilung für Paläobotanik der chinesischen Gesellschaft für Botanik in Peking ist.

"Wissen Sie, wenn spektakuläre Fossilienfunde in den Top-Fachzeitschriften veröffentlicht werden, herrscht zwischen den Instituten ein hoher Wettbewerb, weil jeder solche Fossilien und Veröffentlichungen haben will, das ist doch klar. Und das ist eine gute Sache, glaube ich."

Durch diese Liberalisierung konnte Cheng-Sen Li seine Forschungsschwerpunkte auch außerhalb der chinesischen Landesgrenzen hinweg verlagern.

"Seit dieser Zeit gab es nicht nur eine Veränderung in der Infrastruktur, sondern auch einen Wandel in den generellen Fragestellungen unserer Forschung. Früher haben wir die Evolution von Pflanzen nur in China erforscht. Heute jedoch sind die Fragen viel globaler. Heute forschen wir daran, wie die globale Klimaveränderung die Evolution der Pflanzen beeinflusst hat."

Gerade der Klimawandel kann per se nicht als nationales Phänomen begriffen und erforscht werden. Deshalb war es seit seinen Studienzeiten im westlichen Europa das Anliegen Cheng-Sen Lis, die Paläobotanik als Basis heutiger Klimaforschungen auch in China international auszurichten.

"Viele Forscher auf der Welt wollen den Klimawandel verstehen, der eng mit der fossilen Pflanzenwelt zusammenhängt. Aber der Klimawandel betrifft ja nicht nur ein Land, sondern die ganze Erde. Manche Pflanzen kennen wir in Europa nur als Fossilien. Deshalb forschen wir jetzt daran, wann und wie diese Pflanzen in Europa verschwunden sind, das ist sehr wichtig."

Dazu ist es nötig, die Klimaforschung außerhalb Chinas zu verlagern. Was vor Jahrzehnten noch an bürokratischen und politischen Hürden scheiterte, ist heute jedoch kein Problem mehr. Probleme bereiten den westlichen Kooperationspartnern eher die kulturellen Unterschiede, mit denen so mancher Forscher erst vertraut gemacht werden musste. Rein geschäftliche Beziehungen ohne eine persönliche Vertrauensbasis mit chinesischen Kollegen sind unmöglich, sagt der Tübinger Paläontologe Michael Maisch.

"Und da ist es also wirklich wichtig, dass einen die chinesischen Kollegen auch persönlich mögen und schätzen. Wenn das nicht der Fall ist, dann wird auch nichts klappen, dann wird man viele Fossilien nie zu sehen bekommen, ja und dann wird man alle möglichen schönen Gebäude zu sehen bekommen, Sightseeing und tolles Essen und dann kann man wieder unverrichteter Dinge nach Hause fahren. Unter gibt es durchaus Kollegen, die diese Erfahrung gemacht haben."

Ausländische Kollegen werden mit einer gewissen Skepsis beäugt. Eine Art Grundmisstrauen ist Cheng-Sen Li zufolge auch zwingend angebracht. Durch die Dezentralisierung gibt es keinen einheitlichen Überblick mehr, wo welche Fundstücke gelagert werden, so etwas wie eine zentrale Datenbank existiert nicht mehr. In China sind spektakuläre Fossilien nahezu an der Tagesordnung. Das birgt aber nicht nur Kollegenneid im Sinne einer Konkurrenz, sondern gerade durch diese seltenen Fundstücke steigt der Wert einzelner Fossilien und ist damit Nahrung für unlauteren Wettbewerb. Wenn etwa in der berühmten Lioning-Provinz im Nordosten des Landes, gefiederte Dinosaurier gefunden werden, die eine wichtige Rolle in der Evolution der Vögel spielen, ist die Motivation bei der lokalen Bevölkerung groß, selber solche Fossilien zu entdecken. Die Menschen dort wissen mittlerweile, dass die Institute in Konkurrenz stehen und dem Finder eine Fundprämie dafür bezahlen.

"Wenn wir ihnen Geld zahlen, wollen sie mehr und sie verkaufen die Fossilien dann an den Höchstbietenden. Da gibt es schnell kriminelle Strömungen und auf einmal landen die Fossilien für sehr viel Geld in Hongkong, Amerika oder in Europa. Die Bauern wissen, dass sie auf einen Schlag sehr viel Geld verdienen können, obwohl es verboten ist, aber das Geld motiviert sie natürlich sehr."

Illegaler Fossilienhandel ist das Damoklesschwert der üppigen Fossilienlandschaft Chinas. Warnende Beispiele aus Amerika, Kanada oder auch Deutschland, wo einzigartige Fossilien wie das Maxberger Exemplar des Archaeopteryx, dass wahrscheinlich verkauft wurde und zumindest öffentlich als verschollen gilt, hat Cheng-Sen Li deutlich vor Augen. Er befürchtet, dass es in Zukunft zu einem regelrechten Ausverkauf spektakulärer Fossilien kommt, die der Wissenschaft für immer abhanden sein werden. Eine Idee zur Lösung des Problems hat der Forscher aus Peking schon parat.

"Zum einen muss die Regierung handeln, sie muss Gesetze dazu erlassen, die in den Provinzen umgesetzt werden und sicherstellen, dass die Fossilien im Land bleiben, dazu muss sich die finanzielle Situation der Bevölkerung aber verbessern. Zum anderen muss die chinesische Forschung selbst große Grabungsprojekte ankurbeln und nicht immer nur Fossilien von Bauern kaufen. Wenn wir diese beiden Wege verfolgen, und die lokale Bevölkerung bei den Ausgrabungen als Arbeiter einstellen, können wir das Problem langfristig in den Griff kriegen. Wenn aber nach wie vor horrende Preise für Fossilien gezahlt werden, bekommen wir Forscher die Fossilien nicht zu Gesicht."

Erste Ansätze zur Problemlösung sind die Errichtung von geschützten Fossilienlagerstätten oder der Gründungen von Nationalen Geologieparks. Dort sind der Landbesitz und die Eigentumsrechte der Fossilien geklärt, wie etwa in der Provinz Guizhou, die für ihre 230 Millionen Jahre alten Fossilien in den Schwarzschiefern berühmt ist, sagt Michael Maisch.

"Mittlerweile ist es so, dass dort in dieser Region eine Zentralstelle eingerichtet wurde von der chinesischen Regierung, das ist der Guanling National Park Fossil Biota, nennt der sich, also ein Nationalpark. Und doch gibt es eine Nationalparkverwaltung und dort sollen dort auf die Dauer die ganzen Funde zusammengefasst werden, die dort neu gemacht werden und die sollen dort auch in der Region verbleiben."

Solche Vorfälle und Befürchtungen vor weiteren Verlusten machen es trotz liberaler Strukturen westlichen Forschern schwer, in China vor Ort überhaupt noch ausgraben zu können, sagt Michael Maisch.

"Nein, ich selbst grabe in China nicht mehr, sondern das machen alles die chinesischen Kollegen. Was dann tatsächlich die Aufgabe der deutschen Seite gewesen ist in den vergangenen Jahren, war, die Chinesen vor allem bei der Präparation der Funde zu unterstützen. Wir hatten Ihnen also dabei geholfen, ein eigenes Präparatorium aufzubauen, so dass die Funde adäquat freigelegt werden können und dann erfolgt die wissenschaftliche Bearbeitung der Stücke gemeinsam."

Obwohl sich die Form der Kooperation nach und nach verschiebt und die Paläontologie in China langsam aus den Kinderschuhen herausgewachsen ist, sieht Michael Maisch die Paläontologie in China noch nicht am Ende ihrer Entwicklung.

"Nein, die chinesischen Kollegen können von uns auf alle Fälle noch sehr, sehr viel lernen durch diese große Erfahrung, die eben in den westlichen Ländern besteht, da können Sie allerdings sicherlich von den amerikanischen Kollegen mehr lernen als von uns. Das darf man nicht verhehlen."

Seit seiner Öffnung und den damit verbundenen liberalen Strukturen hat es China geschafft. Ihre Ausgrabungsstätten und Fossilien sind heute weltberühmt. Das alles zieht wie nie zuvor Experten aus aller Welt an.

"Die Kollegen aus Amerika, Kanada, Europa prügeln sich darum, mit den chinesischen Kollegen zusammenarbeiten zu können und die stehen Schlange, um sich die Fossilien anschauen zu können."

Bevor ein westlicher Forscher überhaupt die Chance hat, in den Genuss einer Kooperation zu kommen und sei es nur um beim Aufbau eines Präparatoriums zu helfen, bedarf es heute längst nicht mehr nur bester Kontakte und einer sicheren Finanzierung der Vorhaben und einer hohen Fachkompetenz. Das allein reicht bei weitem nicht mehr. Das Blatt hat sich gewendet. Früher waren die chinesischen Paläontologen fast auf jede erdenkliche Hilfe von außen angewiesen, heute bestimmen sie selbst was und mit wem sie forschen wollen. In einem Forschungsfeld, in dem vor Jahrzehnten noch Deutschland Führungsansprüche gelten machen konnte und hiesige Experten mit ihrer Infrastruktur begehrte Partner waren, verhält sich die Situation jetzt entgegengesetzt, resümiert Volker Moosbrugger vom Senckenbergmuseum in Frankfurt.

"Die chinesischen Kollegen sind in vielen Bereichen besser ausgestattet als wir selbst, so dass wir durchaus Interesse dran haben oder auch bestimmte Dinge bei den Kollegen in China zu messen, während das früher eher umgekehrt war."

Die Paläontologie in China ist längst kein zartes Pflänzchen mehr, sondern dominiert mehr und mehr die Fachwelt mit seinen einzigartigen Fossilien. Einen maßgeblichen Anteil an diesem Aufschwung hat aber auch das Bewusstsein der Bevölkerung. In China sind Fossilien keine verstaubten Museumsstücke wie in Deutschland, sondern Zeugnis blühender Kulturlandschaften.

"Die paläontologischen Funde in China, gerade die Dinosaurier, sind genau wie bei uns bekannt und beliebt, jedes Schulkind kennt diese Viecher und die Chinesen wissen und sind auch sehr stolz darauf, dass sie diese fossilen Schätze haben und dass das genauso wie die große Mauer oder die Terrakottaarmee oder so was ein National heritage, ein nationales Erbe ist. Und die Chinesen haben da einen berechtigten Stolz und wollen das auch der ganzen Welt entsprechend präsentieren."

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