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StartseiteEuropa heuteUrlaubsziel und Drogen-Hotspot30.04.2018

Breaking Bad in Brabant (1/5)Urlaubsziel und Drogen-Hotspot

Die Gegend um 's-Hertogenbosch kennen viele aus dem Urlaub. Allerdings gehört sie auch zu Europas größten Produktions- und Umschlagplätzen für Drogen. Lage und Struktur der Region sind aus Sicht von Drogenhändlern perfekt.

Von Andrea Lueg

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Polizisten entdecken bei einer Razzia ein Drogenlabor in einer Scheune in Moergestel in den Niederlanden (AFP/ Robin van Lonkhuijsen)
Bei Razzien wie dieser in Moergestel stoßen Ermittler in Nordbrabant immer wieder auf Drogenlabore (AFP/ Robin van Lonkhuijsen)
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"Gegen Drogenproduzenten in Südostbrabant ist der Polizei ein Coup gelungen. In einer Wohnung in Eindhoven wurden 200 Kilo Amphetamine beschlagnahmt im Wert von mehr als einer Million Euro."

"Und auch gestern hat die Polizei ein großes Drogenlabor aufgedeckt in einer Autolackiererei. Es wurden große Mengen MDMA gefunden, ein Grundstoff von Ecstasy."

Im niederländischen Fernsehen gibt es zahlreiche Nachrichten wie diese.

Meldungen über illegale Drogenproduktionen, die die Polizei entdeckt, sind in den letzten Jahren in Brabant fast an der Tagesordnung. Es geht um Hanfplantagen, aber auch um Labore, in denen synthetische Drogen hergestellt werden: Ecstasy, Speed, Amphetamine.

"Wir haben hier gerade ein großes Drogenlabor entdeckt, wo Amphetamine produziert werden und offenbar auch der Grundstoff dafür."

Manche Drogenlabore bleiben lange unentdeckt

Die Drogenlabore liegen häufig mitten in Wohngebieten oder auch als kleine Betriebe getarnt am Rand von Orten. Meist werden sie erst bemerkt, wenn es einen Brand gibt – oder wenn die Nachbarn aufmerksam waren.

In den Laboren, die, wie die Polizei sagt, oft erstaunlich professionell sind, entdeckt sie dann fässerweise Chemikalien – die Grundstoffe für die Drogenproduktion.

"Es fällt unter die Kategorie großes Labor, das messen wir daran, wie viele Chemikalien wir hier gefunden haben und wie groß die Gefäße sind, die wir hier gefunden haben." 

Die Provinz Brabant liegt im Süden der Niederlande, an der Grenze zu Belgien. Es ist eine ländliche Gegend, wo man schon mal unbemerkt etwas unterbringen kann. Hanfplantagen werden gerne in leerstehenden Scheunen auf Bauernhöfen angelegt, Drogenlabore hat man auch schon in Brücken entdeckt, in Yachten oder auch mobil in Wohnwagen oder Anhängern.

Fast alles, worin man etwas verstecken kann, taugt als Labor

"Jeder abgeschlossene Raum, den man einigermaßen verbergen kann, ist eigentlich geeignet. Ein Labor für synthetische Drogen ist sehr klein, das kann man leicht auf zwölf Quadratmetern unterbringen."

Toine Spapens ist Kriminologe an der Universität Tilburg und beschäftigt sich seit Jahren mit der Drogenproduktion in Brabant. Was ist da los in der Provinz im Süden der Niederlande?

Die Brabanter beschreiben sich eher als gemütlich mit Familiensinn, hier gebe es noch einen guten Zusammenhalt.  Es heißt aber auch, die Brabanter hätten ihre Probleme schon immer gerne selbst geregelt und kein Vertrauen in die Obrigkeit.

"Das ist wirklich schwierig, darauf eine Antwort zu geben. Wir wissen allerdings, dass schon in den 80er Jahren Kontakte im Drogenhandel entstanden sind zwischen Kriminellen aus Amsterdam und hier im Süden. Und wir denken, dass damals mit Überfällen und anderer Kriminalität hier im Süden allerhand Geld verdient wurde, aber die Leute in Amsterdam hatten die richtigen Kontakte. Also man hat eigentlich begonnen zusammen zu arbeiten, weil der eine Geld hatte, um zu investieren und der andere hatte die Kontakte zu Drogenhändlern im Ausland."

Brabant: Schmuggler-Paradies mit Tradition

Brabant ist Grenzregion mit zwei großen Häfen in Antwerpen und Rotterdam in der Nähe, über die Grundstoffe für Drogen ins Land kommen und Drogen außer Landes geschafft werden können. Geschmuggelt wird hier außerdem schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. Butter zum Beispiel und später auch selbstgebrannter Alkohol. Spapens:

"Ja die Schmugglerei, die war hier schon immer wichtig. Wir sehen schon einige Gruppen, die jetzt mit Cannabis und mit synthetischen Drogen aktiv sind, bei denen die älteren Generationen schon zum Schmugglermilieu gehörten. Die meisten haben aber ihr Geld früher mit Raubüberfällen und Diebstahl verdient und sind dann umgestiegen auf den Drogenhandel. Und vom Drogenhandel kamen sie dann zur Drogenproduktion. Also wenn es um die internationale Dimension dieser Kriminalität geht, das begann erst in den 80er/90er-Jahren, also vor noch gar nicht so langer Zeit."

In Brabant werden aber nicht nur Drogen produziert, sondern es ist, sagt Toine Spapens, eine Art großer Supermarkt für Drogen, in dem Händler ein attraktives Angebot finden:

"Man muss es eigentlich so sehen, alles, was hier in den Niederlanden produziert wird und auch was hierhin importiert wird, das geht zum größten Teil über die Grenze, also Heroin zum Beispiel, das kommt vor allem über die Türkei nach Europa, das kommt dann zum Beispiel über Deutschland in die Niederlande, dann kommen deutsche Dealer und kaufen es hier und transportieren es zurück. Es ist offenbar so, dass es für Dealer hier in den Niederlanden bequemer ist, unterschiedliche Drogen gleichzeitig zu kaufen, als das alles einzeln selbst zu importieren."

"Es ist auch eine Art moralischer Verrottungsprozess"

In der Regel, sagt Toine Spapens, gibt es keine Gewalt, und wenn dann nur unter den Kriminellen selbst. Man könnte fast sagen, lacht er, es gehe gemütlich zu. Doch das ist nur die Oberfläche. Denn es verdienen natürlich auch viele inzwischen an dem Geschäft mit: indem sie ihre Scheune gegen viel Geld an Haschischproduzenten vermieten, oder ihren Betrieb als Tarnung für ein Drogenlabor hergeben.

Die wirkliche Gefahr, sieht Toine Spapens deshalb  in der "Ondermijning", der Unterwanderung der Gesellschaft durch kriminelle Strukturen:

"Da taucht in meiner Straße ein Geschäft auf, von dem ich denke, da stimmt irgendwas nicht. Und andere in der Straße empfinden das genauso. Es ist auch eine Art moralischer Verrottungsprozess. Wie erklärt man seinen Kindern, dass sie brav zur Schule gehen müssen, sich einen Job suchen, wenn drei Häuser weiter ein Freund jedes Wochenende ein paar hundert Euro verdient, weil er irgendwo die Marihuana-Pflanzen schneidet? Oder dass die Nachbarn drei Mal im Jahr in Urlaub fahren, man das selber aber nicht kann? Das ist es eigentlich, wodurch Probleme entstehen."

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