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Brechts Bibelei

Die Uraufführung von Bertolt Brechts Jugendwerk "Die Bibel" in der Regie seiner Enkelin Johanna Schall

Von Susanne Lettenbauer

Bertolt Brecht hat sein Erstlingswerk 1913 geschrieben.
Bertolt Brecht hat sein Erstlingswerk 1913 geschrieben. (AP)

15 Jahre alt war Brecht, als er sein Erstlingswerk schrieb. Es geht um Menschenopfer und religiösen Fanatismis, hochkomplexe Themen, die auch heute noch aktuell sind. Seine Enkelin hat das kurze Stück in einer Augsburger Kirche auf die Bühne gebracht.

Ein weißhaariger Mann rezitiert laut aus der Bibel, neues Testament, Passion, die letzten Stunden im Leben von Jesus. Hoch oben auf einer Kanzel steht er, im ausladenden Kirchenschiff der Augsburger Barfüßerkirche. Unten am Altar lehnt eine junge Frau, rollt gelangweilt mit den Augen, kann das Geschwätz nicht mehr hören. Ein Großvater und seine Enkelin. Nicht nur Generationen voneinander entfernt, sondern auch im Verständnis von Religion einander fremd. So weit so banal. Doch hier wird kein Generationenkonflikt verhandelt, hier geht es um Leben und Tod einer niederländischen Stadt, 1913 von dem 15-jährigen Eugen Bertold Brecht für sein erstes Drama erdacht. Ein Schreibversuch, der mehr ist als Schülertheater, ein eindringliches Erstlingswerk vom Vorabend des Ersten Weltkrieges, ausgegraben vom Augsburger Brechtfestival zum diesjährigen Thema: Wie aktuell ist der junge Brecht?

Geht es um religiösen Fanatismus wie in diesem Minidrama, dann ist Brecht hochaktuell. Denn die Bevölkerung dieser fiktiven niederländischen Stadt steht im Religionskrieg, Katholiken kämpfen gegen Protestanten. Nur ein Deal kann die Einwohner noch retten. Entweder die Stadt werde geschleift oder das Mädchen opfere sich.

Ein unlösbarer uralter Konflikt ist es, den der 15-jährige Bertold Brecht da vor fast 100 Jahren für sein erstaunliches Erstlingswerk auswählt. Ein hochdramatischer bis heute brisanter Stoff, verdichtet auf sieben Seiten, zuerst entworfen im Tagebuch von 1913, dann veröffentlicht Anfang 1914 in der Schülerzeitschrift "Die Ernte". Natürlich fehlt dem Werk noch die Komplexität eines Kaukasischen Kreideskreises oder einer Mutter Courage. Brecht-Wissenschaftler taten deshalb das Jugendwerk früher gern als ersten Schreibversuch ab, als "Bibelei", unspielbar für normale Bühnen, handwerklich unausgereift und untypisch für Brechts spätere Stücke. Erst nach langer Diskussion wurde es in den 1980er-Jahren in die große deutsch-deutsche Brecht-Ausgabe aufgenommen. Der Vorbehalt vor allem von ostdeutschen Wissenschaftlern - ein Irrtum. Bereits in diesem Erstlingswerk über Menschenopfer versus religiösen Fanatismus zeigen sich die Grundthemen, die Brecht später in seinem epischen Theater zur Blüte treibt – im Übrigen immer wieder mit Bibelzitaten : Wie weit darf das Urvertrauen auf Gott gehen, der Gleichschritt im Glauben? Was zählt? Individuum oder Gesellschaft? Der Mensch zwischen Eigenverantwortung und tradierten Konventionen. Wie wichtig ist ein einzelnes Menschenleben gegenüber fanatischen religiösen, aber auch nationalsozialistischen oder kommunistischen Überzeugungen?

Streng religiös war Brechts Familie nie, Bibelzitate gehörten jedoch zum Alltag, auch Taufe und Konfirmation in ebenjener Augsburger Barfüßerkirche, in der gestern Brechts frühes Bibelwerk zur Uraufführung gebracht wurde. Genau der richtige Ort für ein Stück, das nur rund 15 Minuten dauert, für eine große Bühne deshalb untauglich ist und trotzdem wert, inszeniert zu werden, gerade im Rahmen des Autorenfestivals. Hier experimentiert man mit Brecht, hierher kommen die wichtigsten Brechtschauspieler, junge Musiker rappten in diesem Jahr zur Dreigroschenoper. In Augsburg erklärt sich auch die Brecht-Enkelin Johanna Schall bereit, dieses Bibelstück ihres Großvaters uraufzuführen. Zumal in seiner Konfirmationskirche, in der ein Gemälde den Ausschlag für das Drama gegeben haben könnte.

Für Johanna Schall ist Brechts Erstlingswerk vor allem "niedlich" und genauso unernst inszeniert sie den Abend. Den eigentlich nur Bibel lesenden Großvater stellt sie geifernd predigend auf die Kanzel, der dramatische Bruch des Mädchens mit der fanatischen Gesellschaft fällt bei ihr aus, stattdessen erstarrt die junge Frau, hier die junge Generation im finalen Feuersturm zur biblischen Salzsäule. Der im Text angedeutete Neuanfang des Individuums verpufft grundlos. Der theatralische Showdown mit Feuertod des fanatischen Großvaters bremst sie unverständlicherweise aus. Nach diesem verschenkten Schluss greift Schall aus Zeitgründen zu ergänzenden Gedichten aus Brechts Hauspostille von 1918, sowie zu einem Prosatext des 50-Jährigen aus den Kalendergeschichten. Ein Fehlgriff. Den jungen und alten Brecht an so einem Abend platt nebeneinanderzustellen, macht das Jugendwerk beliebig, eben "niedlich". Schade. Das handwerkliche Können mag 1913 bei dem 15-jährigen Brecht noch gefehlt haben, die sprachliche Intensität und der offene Schluss weisen bereits weit voraus Richtung Baal und Mutter Courage. Es wäre eine ernsthaftere Inszenierung wert.

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