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StartseiteKultur heuteVon Kultur und Kommerz 10.01.2016

Breslau als europäische KulturhauptstadtVon Kultur und Kommerz

Seit Anfang des Jahres ist Breslau - zusammen mit dem spanischen San Sebastian - europäische Kulturhauptstadt. Die Stadtväter rechnen mit einer Verdoppelung der Besucherzahlen. Kritische Stimmen beklagen hingegen, dass eine einst unabhängige Kulturszene in den vergangenen Jahren zerstört wurde.

Von Martin Sander

Blick über Breslau (dpa/picture alliance/Forum Marek Maruszak)
Blick über Breslau (dpa/picture alliance/Forum Marek Maruszak)
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Vieles steht Breslau als europäischer Kulturhauptstadt in diesem Jahr bevor. Geworben wird für die Wiederaufführung schlesischer Komponisten des Mittelalters, für ein Melina-Mercouri-Gedenk-Festival, für die Planung und den Bau einer ganzen Neubausiedlung mit Bürgerbeteiligung, für Symposien und natürlich für jede Menge Theater.

"Wenn wir viel Geld für die Kultur ausgeben, kommt das irgendwann in der Kreativität zurück. Dadurch ist die Gesellschaft danach kreativer, und ich hoffe: besser", glaubt Stadtpräsident Rafał Dutkiewicz. Ihm geht es darum, die Aufmerksamkeit der Welt auf die schlesische Metropole mit ihrer polnisch-deutsch-böhmischen Geschichte zu lenken – auf die vorbildlich restaurierte Altstadt am Ringplatz, auf die vielerorts im Stadtbild sichtbare multikulturelle Tradition. Aber Dutkiewicz erhofft sich durch das Kulturhauptstadtprogramm, kurz und auf Polnisch ESK, auch mehr Interesse der Breslauer Bürger an ihrer Stadt – und dem, was sie zu bieten hat.

"Also normalerweise nehmen acht bis zehn Prozent der Breslauer aktiv an den kulturellen Ereignissen teil. Für 2016 ist die Erwartung, dass wir auf das Niveau von 20 Prozent gehen."

Kritiker sehen diesen Anspruch auf Bürgerbeteiligung bislang allerdings nicht eingelöst. Die Breslauer Kulturszene ist vielmehr gnadenlos kommerzialisiert worden für das Kulturhauptstadtjahr – und schon zuvor:

"Eine unabhängige Kulturszene wurde in den vergangenen Jahren durch eine falsche Kulturpolitik zerstört. Die unabhängige Kultur führt ein Parallelleben zur offiziellen Stadtkultur. Es besteht überhaupt kein Dialog zwischen der Stadt und diesen unabhängigen Initiativen", sagt Kamil Majchrzak, der aus Breslau stammt und sich dort lange in der alternativen Kulturszene und in diversen NGOs engagiert hat. In der Tat: viele Off-Theater der Nachwendezeit wie die weithin bekannte "Schneiderwerkstatt", haben das Handtuch geworfen. Künstler und Theaterleute sind nach Westeuropa gegangen. Majchrzak, der seit Jahren in Berlin lebt, wirft dem ESK-Marketing-Leuten vor, durch Vorspiegelung falscher Tatsache EU-Gelder erlangt zu haben, etwa im Falle des alternativen Stadtprojekts "Recycelte Töne" von Magdalena Grobelna.

"Sie hat versucht, Kinder mit Musikern zusammenzubringen und aus Abfällen Instrumente zu bauen, ein Orchester gegründet und so auch die soziale Verantwortung der Kultur in den Focus gestellt. Bei der Bewerbung hat man sich sogar auf dieses Projekt berufen, ohne die Autoren überhaupt zu fragen. Es findet sich auch nicht wieder im Programm."

Zum Skandal kam es, als sich eine Breslauer NGO unlängst mit einem satirischen Video zu Wort meldete. In dem Streifen vermischen die Autoren Werbebotschaften der ESK-Macher mit Szenen des alltäglichen Rechtsradikalismus. Der grassiert in Breslau - wie andernorts in Europa – seit vielen Jahren. Im Film der Kritiker sind Fackelmärsche der Skins zu sehen, rechte Gewalt, aber auch Stadtbeamte, die den Holocaust verharmlosen und Roma-Siedlungen in der Stadt räumen lassen.

Das Satire-Video wirbelte Staub auf. Die für die Kulturhauptstadt verantwortlichen ESK-Macher setzten ihre Entfernung aus dem Internet durch. Eine Debatte über die darin enthaltene Botschaft und andere brennende Fragen fordern dagegen viele Breslauer - unter ihnen der Leiter des Willy-Brandt-Zentrums der Breslauer Universität Krzysztof Ruchniewicz.

"Da hätte ich mir gewünscht, dass auch aktuelle Themen stärker in die Debatte kommen, die Migrationsfrage, also unser Umgang mit den Herausforderungen der heutigen Zeit, was das bedeutet für die Stadt in 10, 20 Jahren, dass die Bewohner dieser Stadt diese Ehre, jetzt Kulturhauptstadt zu sein, zum Anlass nehmen, sich Gedanken um die Zukunft zu machen, um zu sehen, ja, was Europa heute ausmacht."

Kein Zweifel: Diese Debatte wird geführt werden, auch wenn sie sich im Programm des Europäischen Kulturhauptstadtjahrs kaum widerspiegelt.

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