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StartseiteBüchermarktEine Existenz auf Messers Schneide09.08.2015

Briefe von Hermann HesseEine Existenz auf Messers Schneide

Die Jahre des Ersten Weltkriegs waren für Hermann Hesse eine große Belastung: Er teilte die Kriegsbegeisterung nicht und wurde dafür geächtet. Er hatte viele familiäre Probleme und nicht genug Geld. Wie es ihm dabei ging, davon zeugen seine Briefe aus dieser großen Krisenzeit.

Von Eberhard Falcke

Ungefähr 50 Jahre alt ist der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse auf diesem undatierten Foto. (picture alliance / dpa )
Ungefähr 50 Jahre alt ist der deutsche Schriftsteller Hermann Hesse auf diesem undatierten Foto. (picture alliance / dpa )

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde bekanntlich viel gejubelt, auch unter Künstlern und Geistesmenschen. Hermann Hesse jubelte nicht, dennoch bezog er nicht sogleich Stellung gegen den Krieg. Größte Skepsis aber erfüllte ihn bald gegenüber jenen, die ihn führten und gegen die Art, wie sie dabei vorgingen. Als die deutschen Truppen das neutrale Belgien überfielen, begann seine anfängliche Hoffnung, dass die militärische Konfliktaustragung irgendeinen Nutzen haben könnte, zu bröckeln. Von Anfang an hingegen hatte er dem Ungeist nationaler Feindbilder widersprochen. "O Freunde, nicht diese Töne!" war ein Aufruf überschrieben, den er im November 1914 in der "Neuen Zürcher Zeitung" veröffentlichte. Darin wandte er sich gegen die mit Tinte bewaffneten Schreibtischkrieger, die nun im Hinterland auch die Kultur der Gegner aufs Korn nahmen.

"Jeder, der im Felde steht und täglich sein Leben wagt, habe das volle Recht zu Erbitterung und momentanem Zorn und Haß, und jeder aktive Politiker ebenso. Aber wir anderen, wir Dichter, Künstler, Journalisten - kann es unsere Aufgabe sein, das Schlimme zu verschlimmern, das Häßliche und Beweinenswerte zu vermehren? Uns andern, die es mit der Heimat gut meinen und an der Zukunft nicht verzweifeln wollen, uns ist die Aufgabe geworden, ein Stück Frieden zu erhalten, Brücken zu schlagen, Wege zu suchen, aber nicht dreinzuhauen (mit der Feder!)."

Für diese maßvollen Worte an die Kollegenschaft aus den Kulturabteilungen dies- und jenseits der Fronten hatte Hesse bitter zu büßen. Und das war nur eine der Belastungen, die die Jahre des Ersten Weltkriegs für ihn mit sich brachten. Wie es ihm dabei im Einzelnen erging, davon zeugen seine Briefe aus dieser großen Krisenzeit seiner Biografie, die über das Kriegsende 1918 noch weit hinausreichte. Nun ist in der von Volker Michels herausgegebenen Briefausgabe der dritte Band für die Jahre von 1916 bis 1923 erschienen oder genauer: eine umfangreiche Auswahl aus der Korrespondenz jener Zeit.

Auswahlkriterien der Briefe nicht groß erläutert

Denn erstens war Hesse ein emsiger Briefschreiber, der sich, wie es kaum anders sein kann, bei der Mitteilung seiner Erlebnisse, Befindlichkeiten, Gedanken und Konflikte wiederholte. Und zweitens liegen bereits eine ganze Reihe von Hesses Briefwechseln mit prominenten oder für sein Leben bedeutsamen Persönlichkeiten vor. Für den hier maßgeblichen Zeitraum betrifft das unter anderen vor allem diejenigen mit dem Schriftstellerpaar Hugo Ball und Emmy Hennings, mit Romain Rolland, Stefan Zweig, dem Psychoanalytiker Josef Bernhard Lang oder mit der zweiten Ehefrau Ruth Wenger.

Trotzdem hat Volker Michels auch aus diesen bereits veröffentlichten Beständen Briefe in den neuen Band übernommen. Besonders ausführlich äußert er sich über die dabei angewendeten Auswahlkriterien nicht. Aus seinem Nachwort lässt sich jedoch immerhin erschließen, dass es ihm dabei wohl in der Hauptsache darum ging, entlang dieser Briefausgabe nun Entwicklungslinien in Hesses Biografie zu dokumentieren und nachzuzeichnen.

Was brachten diese Jahre während und nach dem Ersten Weltkrieg für Hermann Hesse, was bedeuteten sie für ihn? Einem Freund gegenüber gab er davon in einem Brief von 1919 die folgende Zusammenfassung:

"Nachdem ich früher (vor dem Krieg) jahrelang mit meiner Arbeit und meinen Erfolgen als Dichter allzu zufrieden gewesen war, kam, mit dem Krieg und den Katastrophen meines Privatlebens, die Nötigung zu Revision und schließlich die Nötigung zu Neubeginn und Umsturz. Was ich jetzt schreibe, wird die wenigsten meiner Freunde freuen, und es wird nochmals eine Einschränkung und Isolierung für mich geben, wie ich sie politisch und menschlich im Krieg erlebte."

Katastrophen, Revision, Umsturz, Neubeginn - das sind dramatische Worte, doch sie erscheinen, rechnet man noch die in jenen Jahren notorischen Alltagsbeschwernisse, die das Leitmotiv dieser Briefe abgeben, hinzu, keineswegs zu groß gewählt. Aber eins nach dem anderen.

1916 lebte Hesse von seiner Frau und den drei Söhnen getrennt in Bern. Die 1904 geschlossene Ehe mit der Basler Fotografin Maria Bernoulli war für ihn zur Gefangenschaft in der Bürgerlichkeit geworden, wechselseitiges Unverständnis hatte die Situation weiter verschlimmert. Da er für den Kriegsdienst im Deutschen Heer als untauglich befunden wurde, suchte sich Hesse eine andere Aufgabe, mit der er seinen patriotischen Verpflichtungen, die er ohne Hurra-Gefühle durchaus empfand, nachkommen wollte.

Nicht enden wollende Geldnot

Zusammen mit dem deutschen Zoologieprofessor Bernhard Woltereck gründete er eine Zentrale für deutsche Kriegsgefangenenfürsorge, zu deren Hauptaktivitäten es gehörte, die in Gefangenschaft geratenen Landsleute mit Bücherspenden zu versorgen. Zahlreiche Briefe an Schriftsteller, Verleger oder andere eventuelle Spender von Büchergaben stehen im Zusammenhang mit dieser Aufgabe. Wiederholt betonte er dabei, dass Bücher über Politik und Krieg nicht erwünscht seien, womit der gelernte Buchhändler nationalistische Erbauungsliteratur absichtsvoll ausschloß. An den Dichterkollegen Gerhart Hauptmann schrieb er:

"Da die Mittel immer knapp sind, kann ich moderne Literatur fast gar nicht kaufen. Es gilt natürlich nicht bloß, an den Gefangenen ein bißchen Tröstung zu üben. Die Leute liegen zum großen Teil seit über zwei Jahren gefangen, und das geistige Elend ist groß bei ihnen. Wenn wir ihnen einiges vom Besten geben, was wir zu lesen haben, so retten und fördern wir Kräfte der Seele, die in Depression, Ermüdung und Langeweile unterzugehen drohen."

Ein anderes Standardthema war die nicht enden wollende Geldnot. Hesse hatte in der Schweiz nur unzulängliche Einkommensquellen, die Söhne mussten für Unterbringung und Schule finanziell versorgt werden und später kamen über mehrere Jahre hinweg noch die Kosten für die Behandlung der psychisch erkrankten Ehefrau hinzu. Da bekamen mäzenatisch gesonnene, wohlhabende Freunde oder Bekannte zahlreiche Gelegenheiten, helfend einzugreifen. Zumal Hesse nicht nur das eigene Elend herzergreifend schilderte, sondern sich auch für Freunde wie Hugo Ball und Emmy Hennings einsetzte, als diese sich den Aufenthalt in seiner Nachbarschaft am Luganersee nicht mehr leisten konnten.

Das Dichten habe er zugunsten der aufwendigen Büroarbeit für die Kriegsgefangenenfürsorge aufgeben müssen, betonte Hesse gegenüber etlichen seiner Briefpartner. Was er dagegen als künstlerische Tätigkeit neu entdeckte, war die Aquarellmalerei. Seine Fortschritte dabei vermeldete er mit leisem Stolz und es dauerte nicht lange, bis aus diesen Meldungen Angebote an Sammler und befreundete Leser wurden, mit denen er hoffte, seine kargen Einkünfte aufbessern zu können. Was er jedoch keineswegs aufgegeben hatte, das waren seine hohen Ansprüche an die besondere Rolle und Aufgabe des Dichters. Dem Freund Hans Sturzenegger, mit dem er 1911 eine vorwiegend enttäuschende Reise nach Ceylon, Sumatra und Singapur unternommen hatte, erklärte er:

"Ich empfinde mich und andre Schriftsteller, Künstler etc. als Fühler und vorgeschobene Posten der Menschheit, welche zuerst das werdende Neue wittern. Sie sprechen es aus, auch wenn noch niemand dran glauben mag, auch wenn sie selber es noch nicht zu verwirklichen wissen. Ich glaube an die Macht der Idee, denn eine Idee ist für mich nicht ein Hirngespinst, sondern ein Vorausfühlen, eine Zukunftsahnung der Menschheit."

Große Probleme in der Familie 

Genau davon aber, vom Propheten und geistigen Pionier der Menschheit, hat Hesse, wie man ihn in der Mehrzahl dieser Briefe aus den Jahren 1916 bis 23 kennenlernt, ganz und gar nichts. Im Gegenteil: Fortwährend scheint seine Existenz auf Messers Schneide gestanden zu haben. Nach dem Tod des Vaters erlitt er einen Nervenzusammenbruch, seine körperliche Konstitution war anfällig für allerlei schmerzhafte Krankheitsattacken, die Trennung von Frau und Kindern bereitete ihm Gewissensqualen, der Geldmangel hielt ihn ständig in Atem, die Organisation der zerbrochenen Familie brachte hoffnungslose Auseinandersetzungen mit sich, verlangte Behördengänge, juristische Überlegungen zu einer Scheidung, deprimierende Krankenbesuche.

Mit der Flugschrift "Zarathustras Wiederkehr" hatte Hesse außerdem erneut den Zorn und die Gegnerschaft deutschnationaler Kreise auf sich gezogen. Kaum war der Weltkrieg endlich vorüber, setzte der Niederschlag all dieser persönlichen Probleme mit voller Wucht ein. Im September 1919 gab Hesse seinem Intimus, dem Psychoanalytiker Josef Bernhard Lang, von seiner Verfassung folgendes Bild:

"Daß ich nicht kommen kann und wie gelähmt liege, hat seinen Grund nicht nur in der tiefen Aversion gegen meine Frau, die mich noch dieser Tage am Telefon in ihrer bösen, hysterischen Art fanatisch behandelt hat. Es sind tiefere Gründe da. Ich bin sehr krank und zwar in Zusammenhang mit jenen Dingen. Seit all der Zeit, die ich von meiner Familie getrennt lebe, sah ich die Katastrophe immer kommen. Ich bereitete mich auf den Fall vor, der mir unabwendbar schien, auf eine neue Erkrankung meiner Frau, wodurch die Kinder wieder heimatlos und ich vor Aufgaben gestellt werde, die ich nicht zu lösen weiß. Ich sah keinen Ausweg, als dem Leben ein Ende zu machen."

Hesse schluckte eine Überdosis Opium, die er für den Zweck der Selbstabschaffung angesammelt hatte, doch der revoltierende Magen rettete ihm das Leben. Selbstmordgedanken waren ihm zu ständigen Begleitern geworden. Wann immer eine Bahnlinie in den Blick kam, erwachte die Vorstellung, sich vor einen Zug zu werfen. Erst als im Sommer 1923 die Scheidung vollzogen war, hörte es damit auf. Schon viel früher jedoch hatte Hesse damit begonnen, seinem existenziellen Zwiespalt zwischen Künstlertum und bürgerlichen Verpflichtungen literarisch auf den Grund zu gehen. Das war die große Revision, der Umsturz, der Neubeginn, der eine entscheidende Zäsur in seinem Werk markierte. Bereits 1919 war "Klein und Wagner" entstanden, ein Text, über den der Autor dem Schweizer Maler Louis Moilliet vermeldete:

"Es ist eine lange Novelle, das Beste, was ich bis jetzt gemacht habe, ein Bruch mit meiner früheren Art und der Beginn von ganz Neuem. Schön und holdselig ist diese Dichtung nicht, mehr wie Cyankali, aber sie ist gut und war notwendig. Jetzt fange ich eine neue an, ‚Klingsors letzter Sommer', und saufe Wein dazu, denn ohne Arbeit und ohne Wein ist es mir unerträglich."

Die Widersprüche in Hermann Hesse

In "Klein und Wagner" hat der protestantische Missionarssohn Hesse seine Gewissensqual in einer literarischen Form thematisiert, die sich als Kriminalgeschichte einer zerrissenen Seele bezeichnen lässt. Wie Hesse selbst ist der Beamte Klein aus dem bürgerlichen Leben ausgebrochen, hat Frau und Kinder verlassen und ist in einem lebenssüchtigen Delirium in die Freiheit des Südens aufgebrochen. Moralisch allerdings stürzt ihn sein Handeln in einen dramatischen Konflikt. Er vergleicht sich mit dem Schullehrer Wagner, der seine ganze Familie abgeschlachtet hat, und glaubt, dass auch er, um sich aus der Enge bürgerlicher Verpflichtungen zu befreien, ein solches Verbrechen hätte begehen können.

Damit erforschte Hesse in ungeheuer radikaler Weise die Widersprüche, denen er sich selbst ausgesetzt sah. Es waren die Gegensätze zwischen Pflicht und Neigung, Bürgerlichkeit und Künstlertum, braver Unterwerfung und eigensinniger Revolte, Konflikte, mit denen er zum Teil schon in seiner Jugend im Widerstand gegen die Gebote der Eltern zu kämpfen hatte. Noch nie zuvor jedoch, so seine Überzeugung, hatte er diesen Widerspruch mit solcher Konsequenz und Klarheit auf den Punkt gebracht. Im Licht dieser Einsicht sah er sich zu einer Revision und Kritik seines früheren Werkes veranlasst. Gegenüber dem Schweizer Schriftsteller und Mäzen Carl Seelig fasste er seinen Befund in die folgenden Worte:

"Auch ich schlage mich bald mit dem Mörder, mit dem Tier und Verbrecher in mir beständig herum, aber ebenso auch mit dem Moralisten, mit dem allzufrüh zur Harmonie Gelangenwollen, mit der Flucht in lauter Güte, Edelmut und Reinheit. Beides muß sein, ohne das Tier und den Mörder in uns sind wir kastrierte Engel ohne rechtes Leben und ohne den flehentlichen Drang zum Verklären, zur Anbetung des Selbstlosen sind wir auch nichts Rechtes.
Mir ist es so gegangen, daß ich als Dichter eine schöne und harmonische, aber im Grund verlogene Welt aufbaute, indem ich alles Dunkle und Wilde in mir verschwieg, das "Gute" aber, den Sinn fürs Heilige, die Ehrfurcht, das Reine betonte und allein darstellte."

Hesse hatte die dunklen Kräfte entdeckt, die im Unbewussten, im sozialen Außenseitertum, in ungezügelter Lebensgier, jenseits aller moralischen Grenzziehungen wirksam sein können. Um dem Untergrund der eigenen Gefühle auf die Spur zu kommen, setzte er sich mit seinen Träumen auseinander und notierte etliche davon in seiner Korrespondenz mit dem Psychoanalytiker Josef Bernhard Lang. Er las Dostojewski und gab ihm gegenüber Tolstoi den Vorzug, weil der dort, wie er es ausdrückte, die "Intensität eines primitiveren Trieblebens" dargestellt fand. Und er verteidigte gegenüber seinen bürgerlicher gesonnenen Briefpartnern den grellen Stil, in dem die Expressionisten ihre von der Zeiterfahrung aufgewühlten Empfindungen formulierten. Gegenüber dem Dichter Richard Dehmel, der sich über den "aparten Schwulst" dieser "Neutöner" mokiert hatte, vertrat er die Position, dass sich darin doch immerhin etwas "Lebendiges" ausdrücke, und dass ihm dieses "Chaos in der Kunst" zu dem Chaos in Europa zu passen scheine.

Auf der Suche nach einem eigenen Weg

Für die revolutionären Bewegungen der deutschen Nachkriegszeit konnte er sich trotzdem nicht sonderlich erwärmen. Das Angebot von Wilhelm Muehlon, einen Posten in der Regierung der Münchner Räterepublik zu übernehmen, lehnte er mit der Begründung ab, er wolle sich nicht unter die Dilettanten mischen, die sich in einen Dienst drängten, von dem sie nichts verstünden. Im März 1919 fasste er für den Schriftsteller und Arzt Ludwig Finckh seine Eindrücke von den politischen Zuständen in einem sarkastischen Resümee zusammen:

"Seit 1914 arbeitet in unserem guten Deutschland kein Mensch mehr das, was er kann und soll. Die Dichter machten es genau wie die Arbeiter - sie schmissen alles, was ihnen sonst heilig gewesen war, mit Freuden weg und nahmen dafür Flinten und Fahnen auf die Schulter, selig über das Totschießen und die große Zeit. Und seit der Revolution, wo man um einige Jahre zu spät erkannt hat, daß etwas Vernunft und Besinnung doch nichts geschadet hätten - jetzt arbeitet erst recht niemand mehr, und Arbeiter, Gelehrte und Dichter sind damit beschäftigt, ihren Nachbarn Vernunft und Politik zu predigen. Ich gestehe, daß ich die politische Unreife nicht so sehr bei unserem Volk finde wie beim deutschen Gebildeten."

Hesses Ziel war nun mehr denn je die Suche nach dem eigenen Weg. Im Leben hatte er sich damit lange genug und nicht gerade glückbringend herumgeschlagen. Doch trotz der vielfältigen und zermürbenden persönlichen Probleme und ungeachtet vieler Schmähungen aus dem rechten politischen Lager, wuchs nach dem Krieg bald wieder die Zuversicht, dass, wie es in Briefen heißt, "Tausende von Menschen auf mich hören" und besonders die Jugend.

Genauso sollte es ja auch später wieder kommen, als Ende der 60er-Jahre mit der Jugendrevolte von Hippies und rebellischen Sinnsuchern der große Hesse-Boom ausbrach. Wer jenseits der literarischen Texte nach dem Geheimnis von Hesses außerordentlicher Wirkung auf junge Menschen sucht, kann in der eminent konfliktgeladenen biografischen Textur, die besonders im zweiten und dritten Teil dieses Briefbandes sichtbar wird, dafür reichlich Material finden.

Das besondere Hesse'sche Elixier von Antibürgerlichkeit, Selbstfindung, transzendentaler Sinnsuche und dem Gefühl, ein, wie er sagte, "hoffnungsloser Outsider" zu sein, lässt sich hier in seinem Entstehungsprozess aufschlussreich nachverfolgen. Schließlich hatte er jeden dazugehörigen Schritt tatsächlich selbst erlebt und erkämpft. Kaum je verließ er sich auf vorgefertigte Weisheiten, sondern nahm vor allem die Empfindungsstürme des ihm eigenen Welterlebens als Grundlage für seine geistigen Entscheidungen.

Erfahrungen in Büchern verarbeitet

Er stellte sich dem Chaos der Erfahrungen, in das er sich während dieser Lebensphase erneut hineingeworfen sah, und fand dadurch zu neuen literarischen Wegen. Die entscheidenden Stationen dabei waren zunächst die drei Novellen "Kinderseele", "Klein und Wagner" sowie "Klingsors letzter Sommer". Dem Verleger Samuel Fischer gegenüber nannte er sie seine "neuesten revolutionären Arbeiten". In einem Brief an Carl Seelig betonte er den autobiografischen Charakter der Figur des Malers Klingsor:

"Hier habe ich die eine Seite meines Wesens bis zur Überdeutlichkeit auszudrücken gesucht, den Nervösen, den Künstler, den Sonderling, den seelisch Gefährdeten, Einsamen, Hungrigen, nach Wein und Opium Gierigen, der im Grunde ein Kind geblieben ist und vor dem Leben Angst hat, und diese Angst in Kunst verwandelt. Die andre, fortschreitende Seite bilde und pflege ich wieder in andern Gebilden. Beide sind Ich, beide leben und bin ich."

Die anderen beiden Schlüsselwerke dieser Lebensphase sind "Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend" und "Siddhartha. Eine indische Dichtung", das Werk, das zum Kultbuch für die Jugend gleich mehrerer Generationen wurde. "Demian" ist die Bildungsgeschichte einer Selbstwerdung, eines Individuationsprozesses entlang der Ideen von C.G. Jung und der Psychoanalyse. Das war für Hesse die Überwindung des großen Feindes, mit dem er seit seinen Jugendjahren gerungen hatte: der Konvention, der Trägheit und dem Bürgertum.

"Siddhartha" dagegen bewegt sich auf den Bahnen östlicher Weisheit mit dem Ziel der Überwindung der Persönlichkeit in Richtung auf das Höhere, auf eine, wie Hesse erklärte, "größere, göttliche Bestimmung". Damit betrieb er die Überwindung seiner ganz persönlichen existenziellen Widersprüche und wurde zugleich zum literarischen Guru für alle, die ihr befreiendes Heil in der Flucht aus den bedrückenden eigenen in andere spirituelle und kulturelle Sphären suchten. Mehr als manch andere, die ihm mit der Begeisterung der Erleuchteten folgen sollten, wusste er allerdings sehr genau, was er tat, wenn er nüchtern feststellte:

"Der christliche Weg zu Gott ist mir verbaut gewesen durch eine strengfromme Erziehung, durch die Lächerlichkeit und Zänkerei der Theologie, durch die Langeweile und gähnende Öde der Kirche und so weiter. Ich suchte also Gott auf anderen Wegen ..."

In der prosaischen Alltagswirklichkeit ging die dichterisch-spirituelle Erlösung einher mit der Befreiung aus der verunglückten Ehe durch die Scheidung von Maria Bernoulli. Kurz darauf schloss er, nicht zuletzt aus Pflichtgefühl, eine neue Ehe mit der 20 Jahre jüngeren Ruth Wenger. Die Anforderungen des bürgerlichen Lebens mochten geistig überwunden sein, doch faktisch war ihnen trotzdem nicht so bald zu entkommen.

Aus diesen Hesse-Briefen der Jahre 1916 bis 1923 ist jedenfalls sehr viel zu erfahren. Zwar zeigt sich der Herausgeber Volker Michels nicht gerade als ein emsiger Verfasser von Anmerkungen und Kommentaren. Ein paar Informationen mehr wären hin und wieder hilfreich. Doch das Konzept der Erhellung von Hesses lebensgeschichtlicher Entwicklung, das sich aus der Edition dieses Briefbandes herauslesen lässt, ist hervorragend aufgegangen.

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