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StartseiteKultur heuteBrillant und nobel15.04.2013

Brillant und nobel

Zum Tod des britischen Dirigenten Sir Colin Davis

Der britische Dirigent Sir Colin Davis war neun Jahre lang Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Er gilt bis heute als der beste britische Dirigent nach dem Zweiten Weltkrieg.

Harald Eggebrecht im Gespräch mit Christoph Schmitz

Christoph Schmitz: Am Anfang aber ein Nachruf: Sir Colin Davis war ein durch und durch britischer Dirigent, von seiner Geburt 1927 bis zum Ritterschlag durch die Queen. Die Londoner Philharmoniker hat er geleitet, das Symphonieorchester der BBC, den Covent Garden in London. Als erster britischer Dirigent wurde er in 70er-Jahren nach Bayreuth verpflichtet. Dort leitete er am Pult den "Tannhäuser". Bester britischer Dirigent seit dem Zweiten Weltkrieg - das war sein früher Ruf. 1983 trat Colin Davis die Nachfolge von Rafael Kubelik als Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks an. Seine Münchner Zeit begann Davis mit einer viel gerühmten Aufführung von Beethovens Missa Solemnis.


Schmitz: So klingt sie, Sir Colin Davis Missa Solemnis mit den Symphonikern des BR. Gestern ist Davis im Alter von 85 Jahren gestorben. - Was hatte bei seiner Missa Solemnis Anfang der 80er-Jahre so aufhorchen lassen? Das habe ich Harald Eggebrecht gefragt.

Harald Eggebrecht: Ich glaube, dass da jemand davor stand, der überhaupt nicht von Eitelkeit geprägt war, sondern wirklich diese Musik mit einer tiefen Überzeugung verwirklichen wollte, sich da hineingestürzt hat. Natürlich: So ein erstes Konzert, so ein erster Auftritt mit so einem Werk ist natürlich auch ein Zeichen, das man setzen will, und er wollte von Anfang an ein Zeichen der Ernsthaftigkeit, der Seriosität und der absoluten Qualität auch setzen. Und das ist ihm gelungen, das war mit großer Emphase vorgetragen, ohne dabei irgendwie gespreizt oder, wie soll ich sagen, falsch religiös zu wirken. Nein, das war wirklich ganz im Sinne von Beethovens Humanität gespielt und getragen und dirigiert. Das war eine wunderbare, in sich geschlossene und auch sich steigernde Aufführung.

Schmitz: Was war Colin Davis überhaupt für ein Dirigententyp, allgemein betrachtet?

Eggebrecht: Das war ein Dirigent, dem man, ohne ihm zu nahe zu treten, eher den Beinamen eines sehr engagierten Handwerkers geben würde, nicht den eines Genies. Wenn wir von genialen Dirigenten a la Bernstein, Celibidache und in manchen Dingen auch Karajan sprechen, das war Colin Davis nicht, er hätte das auch nie beansprucht. Er hat einmal in einem Gespräch gesagt, Celibidache ist eine andere Kategorie von Dirigent. Das meinte er in vieler Hinsicht, aber er meinte das durchaus ernsthaft und nicht im abschätzigen Sinne, als derjenige, den er quasi vor der Nase hatte. Da waren ja nun beide zu gleicher Zeit anwesend in München. Aber es war diese enorme Aufrichtigkeit, das enorme Engagement und diese Kraft zur Deutlichkeit, die ihn tatsächlich doch zu einem sehr überzeugenden und wichtigen Dirigenten gemacht hat.

Schmitz: Für welche Komponisten hatte er ein besonderes Händchen?

Eggebrecht: Ich glaube, seine herausragende Leistung war, dass er Berlioz entdeckt hat. Den hat er schon in England entdeckt und er war der erste, der auf Schallplatten "Die Trojaner", Berlioz Hauptwerk, operales Hauptwerk, überhaupt gefasst hat. Er hat es auch in Covent Garden zum ersten Mal in seiner vollständigen Fassung dirigiert; das ist ja immerhin ein Stück, das fünf Stunden dauert, also es hat wagnersche Dimensionen, und bis dato kannte man eigentlich nur Auszüge oder Stummelfassungen. Da hat Colin Davis absolute Pionierdienste geleistet, er hat wirklich Berlioz auf die Programme der Welt gebracht und in die Opernhäuser und überall hin, das war seine erste große Leistung. Das zweite: Er hatte eine unglaubliche und sehr, man kann sagen, von der Musik auch beantwortete Liebe zu Mozart, und das ist ja immer ein gutes Zeichen, wenn jemand sich für Mozart engagiert und interessiert. Meistens zeigt das etwas über den Charakter und auch über den Sinn für Qualität.

Schmitz: Er wurde als der beste britische Dirigent nach 45 bezeichnet. Nun sind manche britische Dirigenten nachgekommen. Hat er den Anfang gemacht der großen Briten in Europa?

Eggebrecht: Na ja, er ist die Figur zwischen den großen Alten, Thomas Beacham und Sir John Babirolli und dem nachfolgenden jungen Superstar, inzwischen nun auch schon auf die 60 zugehenden oder 60 seienden Simon Rattle. Aber da ist er doch die monomentale Zwischenfigur, die das gehalten hat, und er war natürlich auch ein großer Prophet der englischen Musik. Auch dafür ist er natürlich sehr wichtig gewesen, dass er auf dem Kontinent überhaupt klar gemacht hat, da gibt es nicht nur ganz in früher Zeit mal Purcell und jetzt gibt es dann vielleicht Benjamin Britten; nein: Es gibt natürlich auch Elgar, es gibt Bax, es gibt Vaughan Williams, es gibt Sir William Walton. All diese Leute hat er aufgeführt und vorgeführt und er hat sich auch sehr für die Skandinavier eingesetzt, also für Sibelius, für die anderen großen skandinavischen Dirigenten wie Berwald und dergleichen. So was hat Colin Davis dirigiert, er hat also den Blick geweitet gerade für ein deutsches Orchester, und die Deutschen neigen ja dazu, bei der Musik zu denken, eigentlich ist alles zwischen Bach, Beethoven und Bruckner und Brahms dann erledigt und was sonst noch drum herum ist, ist mal ein bisschen Dvowak und vielleicht dann schon wieder Mahler und dann kommt die neue. Aber das hat eben so jemand wie Colin Davis wunderbar fertiggebracht, auch andere Musikkontinente und Landschaften zu zeigen.

Schmitz: Harald Eggebrecht zum Tod des britischen Dirigenten Sir Colin Davis.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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