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StartseiteBüchermarktBriefe aus dem Nachlass eines Nomaden23.10.2014

Bruce ChatwinBriefe aus dem Nachlass eines Nomaden

Der ewig ruhelose Bruce Chatwin war einer der großen Reiseschriftsteller des 20. Jahrhunderts. Lebenslang arbeitete der 1940 geborene und bereits 1989 verstorbene Chatwin an einem modernen Verständnis für die nomadische Existenzform. Aus dem Nachlass publizierte Briefe Chatwins wecken hohe Erwartungen an ein besseres Verständnis seiner Person und seines Werks.

Von Hans-Jürgen Heinrichs

Weiterführende Information

Bruce Chatwin. Eine Biograhie
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 13.12.2000)

Der Mensch als Nomade
(Deutschlandradio Kultur, Forschung und Gesellschaft, 22.01.2009)

Mit Freude nimmt man das Erscheinen eines neuen Buches des fast schon vergessenen Bruce Chatwin wahr. Und man ist doch auch, wenn man mit zu hohen Erwartungen die Briefe liest, enttäuscht. Die Sammlung seiner Briefe aus dem Nachlass eröffnet nur wenige, noch unbekannte Zugänge zu seinem Werk. Und sein Lebensweg sowie die Besonderheit seiner Person sind in den beiden Biographien des Schriftstellers Nicholas Shakespeare und seiner Lektorin Susannah Clapp ausführlich dargelegt worden. Die Magie, die ihn stets umgeben hat und die er äußerst einfallsreich zu erzeugen wusste, wird jetzt in diesem Band eher banalisiert. Das beginnt bereits mit dem Vorwort seiner Frau Elizabeth: "1969 fuhren er und Peter Levi  nach Afghanistan. Ich fuhr ihnen nach und war von dem Land aufs höchste begeistert. Manchmal war ich irritiert, doch ich wußte, daß er arbeitete."


Warmes Herz, kaltes Auge 

Wohltuend ist dann die Lektüre der fundierten Einleitung des Chatwin-Biographen Nicholas Shakespeare. Aber hat er recht, wenn er schreibt?: "Chatwins Korrespondenz verrät viel mehr über ihn selbst, als er bereit war, in seinen Büchern preiszugeben." An manchen Stellen blitzt das Bekenntnishafte ungeschminkt auf. Aber man weiß immer: Auch in den Briefen ist er ein guter Performer: einer, der sich inszeniert, der sich in Pose setzt. Der Schriftsteller Cees Nooteboom charakterisierte ihn einmal so: "Er war der Mann mit dem warmen Herzen und dem kalten Auge. Er war einer der ungewöhnlichsten Menschen, denen ich begegnete. Er hatte ein leicht übersteigertes Vorstellungsvermögen und ein gewisses Talent für Mimikry." Einer von Chatwins engen Freunden bemerkte einmal:

"Wer ihn beherbergte oder bei ihm wohnte, musste damit rechnen, am frühen Morgen von Bruce geweckt zu werden, der sich aufs Bett setzte und eine Anekdote oder eine Neuigkeit loswerden wollte  Er redete Ewigkeiten. Wenn Bruce in Fahrt kam, hatte man das Gefühl, mit einem Cinemascope im Zimmer zu sein."

"Traumpfade" prägte eine ganze Generation

Bruce Chatwins Gedanken kreisten - das beweisen seine Texte ebenso wie die Aussagen der mit ihm vertrauten Menschen - um das Leben in der Wüste und um das nomadische Leben als Urform menschlichen Seins. Seiner Ruhelosigkeit versuchte er in seiner Theorie des Nomadentums auf die Spur zu kommen – ein Projekt, das von ihm nicht abgeschlossen wurde, trotz zwanzigjähriger Arbeit daran. Je gründlicher er recherchierte, desto unübersichtlicher wurden das Material und seine Auswertung, bis ihm selbst das ganze Ma-nuskript als unlesbar vorkam. Berühmt war Chatwin durch seine Bücher über Patagonien geworden, die über Jahrzehnte hinweg geradezu Kultstatus besaßen. Nicht weniger legendär sind seine Romane, wie zum Beispiel "Auf dem schwarzen Berg" oder das Buch "Der Vizekönig von Ouidah", das Werner Herzog verfilmte, und der große Band "Traumpfade",der die Stimmung einer ganzen Generation - die Suche nach anderen, alternativen Lebensformen und einer größeren inneren Freiheit - mitprägte.

Auf ganz unverwechselbare Weise verknüpfte Chatwin in seinen Werken die erzählerische, die visionäre und die wissenschaftlich erforschende Haltung und die Faszination für das Reisen. "Ich stehe unter dem Zwang zu wandern, und ich stehe unter dem Zwang, zurückzukehren - eine Art Instinkt wie bei einem Zugvogel. Echte Nomaden haben kein festes Zuhause als solches; sie kompensieren das, indem sie immergleichen Migrationswegen folgen."  Eines der wichtigsten Kapitel seiner Briefe betreffen denn auch Chatwins Arbeit an einer Theorie des Nomadismus, in der Zeit von 1969-1972. Er wurde nie müde, von seinem "Eskapismus" und seiner "neurotischen Ruhelosigkeit" zu sprechen, sucht in seiner Kindheit nach Spuren dieses Gefühls und dieser Einstellung, umschreibt sie als Quelle seiner Kreativität. Seine Phantasie ist schier unerschöpflich im Entdecken immer neuer Argumente für das Reisen. Die Herausgeber haben das Kapitel, in dem Chatwins Briefe von 1974-1976 zusammengestellt sind, überschrieben mit "Nach Patagonien", aber aus dem Süden Chiles kommen leider nur sehr wenige Briefe.

Briefe selbst aus Ghana und der Steiermark

Wer vor allem an Chatwins Lebensgeschichte und an der Dramatik seiner Leidensgeschichte interessiert ist, wird die letzten Briefe von 1986-1989 aufmerksam lesen, die er aus Oxford und Südfrankreich schickt. Dazwischen aber, da ist er schon todkrank, zwei wunderbare Briefe aus Ghana - ja, wirklich Ghana! - und aus der Steiermark - ja, wirklich Steiermark! - schickt: "Bin 10 Tage lang in Ghana herumgegondelt, wo Werner Herzog mein Buch Der Vizekönig von Ouidah verfilmt. Abends gingen wir immer in die Ayatollah Drinks Bar - wo man keinen Kredit gibt! Oder: " Puh! Die Trostlosigkeit der Tschechoslowakei muss man gesehen haben. Die vergangene Woche verbrachten wir auf überschwemmten, mückenverseuchten Campingplätzen, wo es von Touristen aus der DDR wimmelte. Es war kein einziges Bett aufzutreiben! Am Ende stürzten wir uns auf den Luxus des Hotels Sacher in Wien - egal, was es kostete! Wunderbares Abendessen!"

Es sind nicht seine einzigen spontanen Reisen: Er verbringt auch eine Woche in Paris, nimmt an einer Konferenz für russische und andere Dissidenten teil oder fährt zum Urlaub nach Westindien. 1988 aber spitzt sich sein körperlicher Verfall dramatisch zu und verstärkt noch seine hysterischen und manischen Überaktivitäten. Der Herausgeber Nicholas Shakespeare leitet das letzte Kapitel der Briefe mit den Worten ein: "Mit seinem unaufhörlichen Gerede, den allzu grandiosen Plänen, einem hemmungslosen Kaufrausch (der dazu führte, dass man ihn erneut ins Krankenhaus einliefern musste), dem Wunsch, zum griechisch-orthodoxen Glauben überzutreten, seinen karitativen Spenden, versetzte er die Menschen in seiner Umgebung in Aufregung. Gleichzeitig bewirkte seine Hypomanie, dass er noch viel mehr er selbst wurde: ein witziger, zurückhaltender, romantischer, überzeugender Mensch, der unerschütterlich an seine eigenen Geschichten glaubte."

Die Welt als Heimat

Die letzten Briefe und Begegnungen mit Freunden sind ein erschütterndes und oft bizarres Dokument eines großen Exzentrikers im Umgang mit seiner Krankheit HIV. In Erinnerung wird Chatwin bleiben als eine durch und durch singuläre Figur: ein Globetrotter und Flaneur, ein Kosmopolit, der die Welt reisend und schreibend erfuhr. Die Welt war seine Heimat, die er gerne zu Fuß ausmaß. Entfernungen spielten für ihn kaum eine Rolle. Eine Wanderung in den Tälern rings um den Mount Everest erschien ihm um nichts exotischer als ein Gang durch den Prado. Ob auf den Spuren eines Yeti - in jenem nebulösen Bereich zwischen Zoologie, Anthropologie und Imagination - oder des genialen Reisenden Robert Byron, Chatwin erzählte stets von allem, was ihm begegnete, wie er es verstand, wie er es deutete und wie er sich selbst staunend dabei zusah.

Der frühe Tod des gerade mal neunundvierzigjährigen Bruce Chatwin im Jahre 1989 wurde in den meisten europäischen Ländern als großer Verlust empfunden – nachdem man sich seit 1977 (der Veröffentlichung des Buches In Patagonien) schon an diesen neuen Ton eines leidenschaftlichen Erforschers und Poeten der Fremde gewöhnt hatte, an seinen Stil, den man in Anlehnung an die Formulierung "kafkaesk" als "chatwinesk" charakterisierte. Wenn jemand, verwundert über die große Anteilnahme an Chatwins Tod, ausrief „Man könnte glauben, dass Lord Byron gestorben ist", dann artikulierte dies besonders treffend die damals herrschende Stimmung: Trauer über den Verlust eines großen, begeisterungsfähigen Reisedichters. "Im selben Augenblick, in dem er aus dem Auto stieg, begann er zu reden. Er verzichtete auf jede konventionelle Einleitungsfloskel. Er begann sofort mit der Beschreibung irgendeines neuen Freundes, den er gerade gewonnen, oder eines neuen Ortes, den er eben gesehen hatte, oder eines wunderbaren und ungewöhnlichen Gegenstandes, auf den er gestoßen war. Er war ein brillanter Imitator mit einem scharfen Ohr für absurde Redensarten und stimmliche Merkwürdigkeiten."

"Wolkenbruch des Geschichtenerzählens"

Bruce Chatwin – eine der inspirierendsten Figuren im Spannungsfeld von Literatur und Ethnologie zu Ende des 20. Jahrhunderts – war, so charakterisierte ihn einmal der Regisseur Werner Herzog, ein "schönes Feuerwerk", das schnell verlosch, ein "Wolkenbruch des Geschichtenerzählens". Chatwin war der Gegentypus eines Spezialisten; er war ein leidenschaftlicher Amateur der Ethnologie und Archäologie, ein Sammler – und darin natürlich auch Experte, Kunstexperte. Aber bezeichnend für ihn ist, dass er seine Stellung im Auktionshaus Sotheby's aufgab, um herumzureisen - und zu schreiben. Stets hielt er sich an den Schnittstellen einer sich aus den Fesseln der konventionellen Literatur und Wissenschaft befreienden Forschung auf und spornte seine Gesprächspartner zu Spekulationen und zur Erweiterung ihres Blicks an.

Bruce Chatwin: Der Nomade. Briefe 1948 - 1988.
Ausgewählt, herausgegeben und eingeführt von Elizabeth Chatwin und Nicholas Shakespeare. 638 Seiten, Carl Hanser Verlag München 2014, 27,90 Euro.

 

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