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StartseiteCorso"Die Moderne führt zu Bodenlosigkeit"15.04.2016

Bruno Latour"Die Moderne führt zu Bodenlosigkeit"

Anlässlich des 300. Geburtstags der Stadt Karlsruhe hat das Zentrum für Kunst und Medientechnologie im vergangenen Jahr die sogenannte "Globale" auf den Weg gebracht - ein 300 Tage währendes Kunstereignis. Am 17. April endet die Aktion mit der Ausstellung "Reset Modernity". Kuratiert hat die Schau der französische Soziologe und Wissenschaftshistoriker Bruno Latour.

Bruno Latour im Corso-Gespräch mit Kathrin Hondl

Der Wissenschaftssoziologe und Philosoph Bruno Latour im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (picture alliance / dpa)
Der Wissenschaftssoziologe und Philosoph Bruno Latour im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (picture alliance / dpa)
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Kathrin Hondl: Ihre Ausstellung im ZKM Karlsruhe, Bruno Latour, schlägt einen Reset der Moderne vor, also ein Zurücksetzen, einen Neustart, wie bei einem Gerät, das schlecht funktioniert, einem Smartphone zum Beispiel. Was ist denn unser Problem mit der Moderne?

Bruno Latour: Das Problem ist, dass die Moderne die Aufmerksamkeit auf einen Globus gerichtet hat, der leider aufgrund des ökologischen Wandels nicht anwesend zu sein scheint. Es ist ein bisschen, als ob wir in einem Flugzeug säßen, das in eine gewisse Richtung fliegt. Die Richtung heisst Globus. Nur existiert dieser Globus leider nicht. Und mitten im Flug wird uns gesagt: Entschuldigung, wir werden woanders landen müssen. Der Reset bedeutet also, dass wir alle unsere Navigationsinstrumente zurücksetzen, um irgendwie zu landen. Und das versuchen wir in der Ausstellung "Reset Modernity". Das ist eine sehr simple Metapher, sie meint keine Revolution, keinen Verzicht. Es ist wirklich eine sehr starke Metapher dafür, sensible Instrumente wiederzufinden. Sich selbst aufs Neue zu sensibilisieren für die ökologische Situation. Ich würde sagen, nicht der Globus ist unsere Zukunft, sondern unsere Zukunft ist etwas, was wir die Erde nennen können. Und das ist überhaupt nicht dasselbe.

Hondl: Wir müssen also unser Verhältnis zur Natur überdenken?

Latour: Einer Reset betrifft den Glauben, dass die Natur etwas außerhalb von uns ist. Das ist völlig falsch. Als ob man aus der Erde herausgelöst wäre. Die Moderne führt zu Bodenlosigkeit. Das hat auch ziemlich interessante politische Folgen. Denn alle spüren das und schreien jetzt "Gebt uns einen Boden zurück!" Aber dieser Boden existiert genauso wenig - das ist der ethnische oder nationale Boden, nach dem in Deutschland, Frankreich, Polen, England und so weiter gebrüllt wird. Das Gebrüll nach Identität und Boden. Was selbstverständlich auch nicht die Lösung ist.

Was wir also untersuchen ist diese Sackgasse, in die die Moderne uns geschickt hat - indem sie uns zu einem Globus geleitet hat, der nicht existiert, und wo gleichzeitig alle sich auf ethnische und nationale Territorien zurückziehen wollen, die genauso wenig existieren.

"Niemand hat eine globale Sichtweise"

Hondl: Es geht hier also um eine "globale" Frage ...?

Latour: Eine globale Frage, die dem Begriff des Globalen misstraut. Deshalb freue ich mich, dass uns der ZKM-Direktor Peter Weibel zum Abschluss der Globale eingeladen hat. Für mich geht es um das Ende des Begriffs vom "Globalen"!

Hondl: Ja, im "Fieldbook", im Begleitbuch zur Ausstellung schlagen Sie als Erstes vor, "Das Globale neu zu verorten". Was heißt das genau?

Latour: Niemand hat eine globale Sichtweise. Wir können nur an ganz bestimmten Orten, meist irgendwelchen Büros, vor Computerbildschirmen etwas sehen, was eine Masse an Informationen ist. Eine Datenlandschaft. Der Globus aber existiert nicht. Das ist eine Erfindung von Kartographen am Anfang des 17. Jahrhunderts. Aber wir leben nicht im Globus! Wir leben auf der Erde! Und diese Erde hat ganz andere Eigenschaften. Also geht es zunächst mal darum, neu zu verorten, wo das Globale produziert wird.

Hondl: "Think global, act local" heißt ein berühmter Umweltschützer-Slogan.

Latour: Als die Umweltschützer mal ein bisschen nachgedacht hatten - was leider nicht allzu oft passiert - benutzten sie das Wort "glocal" - das war so ein Zwischenwort. Aber deshalb denken sie nicht globaler als andere. Niemand kann global denken. Wenn man global denkt, denkt man an ganz praktische Dinge wie das Klima: Man braucht Informationen, ein System, Satelliten, Computer und so weiter und so fort. Die Neuverortung des Globalen ist also der erste Schritt des Resets.

Hondl: Sie nennen Ihre Ausstellung eine Gedankenausstellung. Heißt das, Sie präsentieren Gedanken, Ideen - oder was meinen Sie damit?

Latour: Nein, das ist angelehnt an die Idee des Gedankenexperiments in der Wissenschaftsgeschichte. Das ist eine Art nützliche Fiktion - wir werden keinen Reset der Moderne auf 1000 Quadratmetern im ZKM hinbekommen! Aber wir erwarten von den Besuchern, dass sie sich ein bisschen anstrengen, dass sie den Hinweisen im "Fieldbook" folgen und dann wahrnehmen, was sie sehen würden, wenn sie anders dächten. Was sie fähig wären zu spüren. Das ist natürlich nicht dasselbe, als wenn man Gedanken in einer Ausstellung präsentierte.

"Das ZKM ist schon etwas Besonderes"

Hondl: Man kennt das zwar schon von Ihnen, aber überraschen kann es ja schon, dass Sie, ein Wissenschaftler, Soziologe, Anthopologe, Philosoph in Kulturinstitutionen so aktiv sind. In Paris haben Sie vergangenes Jahr einen Theaterabend zum Klimawandel veranstaltet. Jetzt wieder eine Ausstellung im ZKM. Für einen Universitätsprofessor eher untypisch. Warum diese Ausflüge in die Welt der Kunst, Herr Latour?

Latour: Das ZKM ist schon etwas Besonderes. Im Moment gibt es hier zum Beispiel sieben Ausstellungen über Fragen der Moderne. So können Sie an keiner Universität arbeiten. Hier arbeiten wir eben nicht nur mit Worten, Diskussionen und Argumenten, sondern wir arbeiten hier mit der Macht der Ästhetik. Wir machen hier richtige Experimente, wenn wir uns etwa mit den Werken eines Künstlers wie Jeff Wall auseinandersetzen. Das geht an einer Uni natürlich nicht. Das ZKM ist für mich so etwas wie es ein Labor oder Seminarraum wäre in einer wissenschaftlichen Einrichtung. Die Welt der Kunst ist nichts anderes.

Hondl: In der Ausstellung, wo ökologische Fragen ja eine große Rolle spielen, gibt es einen Teil, der sich ganz konkret auf ein ästhetisches Konzept der Romantik bezieht: "Abschied vom Erhabenen", heißt es da. Warum hat sich das Erhabene überlebt?

Latour: Das ist ein interessanter Test: Ob wir das Erhabene noch empfinden können. Das ist ein echtes Experiment. Wir fragen die Ausstellungsbesucher - schaut Euch die Werke hier an - seid Ihr noch fähig, Erhabenheit zu spüren?

"Es ist ein Kampf, den allein die Geschichte entscheiden kann"

Hondl: Was ist das eigentlich genau, das Erhabene? - das ist vielleicht gar nicht mehr jedem so bewusst.

Latour: Das Erhabene meint ein Gefühl des "reizvollen Schreckens" gegenüber Naturgewalten, Vulkanausbrüchen zum Beispiel. Angesichts solcher Naturspektakel empfindet der außenstehende Mensch so etwas wie die Größe seiner Seele. Das Problem ist nur, dass das heute nicht mehr geht. Wenn Sie heute Naturspektakel betrachten, zum Beispiel Wirbelstürme, Klimawandel, schmelzende Gletscher in der Arktis, dann sind Sie Teil des Phänomens, das Sie anschauen. Sie fühlen nicht die Größe Ihrer Seele, sondern Sie fühlen sich verantwortlich. Und das ist interessant, denn es bedeutet ein völlig anderes Gefühl gegenüber der Natur. Wenn Sie nicht mehr außenstehend sind, empfinden Sie etwas ganz anderes als einen "reizvollen Schrecken" wie noch bei Immanuel Kant. Sind die Besucher noch zu diesem Gefühl des Erhabenen fähig oder fühlen Sie sich eher wie der römische Kaiser Nero vor dem brennenden Rom. Was dann eher die tragische Schönheit eines unsühnbaren Verbrechens wäre, für das man verantwortlich ist. Das kann auch sein. Aber das werden wir erst von den Ausstellungsbesuchern erfahren.

Hondl: Diese Idee Ihrer Ausstellung - ein "Reset" der Moderne, also ein "Neustart" wie beim Computer - ist das aber nicht gerade eine Idee, die 'alten' modernen Gedankenmustern entspricht? Also dem Glauben, dass Technik alles möglich macht, dass man nur auf den richtigen Knopf drücken muss und alles funktioniert wieder. Ist das nicht ein bisschen zu einfach gedacht?   

Latour: Es ist schon möglich, den "Reset" als eine optimistische Version zu sehen. Das ist nicht schlecht, denn die Situation ist ja alles andere als rosig. Aber es gibt da eine Bedrohung, die man im zweiten Teil der Ausstellung sieht. Das "Museum of Oil", riesige Aluminumtafeln, auf denen zu sehen ist, welche neuen bedrohlichen Strukturen das Erdöl geschaffen hat. Denn wenn es uns nicht gelingt, das Energieproblem zu lösen, hat die positive Version des Resets keinerlei Chance. In der Ausstellung gibt es da eine sehr schöne Spannung. Es ist ein Kampf, den allein die Geschichte entscheiden kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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