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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturBruttoinlandsprodukt - ein Mysterium04.07.2011

Bruttoinlandsprodukt - ein Mysterium

Hans Diefenbacher und Roland Zieschank: "Woran sich Wohlstand wirklich messen lässt." Oekom Verlag

Steigert Wachstum automatisch die Lebensqualität? Längst hat der Zweifel daran eine weltweite Debatte und die Suche nach Alternativen ausgelöst. Der Volkswirtschaftler Hans Diefenbacher und der Nachhaltigkeitsforscher Roland Zieschank machen sich auf die Suche nach Antworten.

Von Sandra Pfister

Die Kernthese der Autoren: Das Bruttoinlandsprodukt als Messgröße für Wohlstand verführt zu einer falschen, weil nicht nachhaltigen Politik.  (Stock.XCHNG / Jorge Vicente)
Die Kernthese der Autoren: Das Bruttoinlandsprodukt als Messgröße für Wohlstand verführt zu einer falschen, weil nicht nachhaltigen Politik. (Stock.XCHNG / Jorge Vicente)

Bereits 1968 witzelte Robert Kennedy, der später ermordete Bruder des US-Präsidenten: "Das Bruttoinlandsprodukt misst alles, außer dem, was das Leben lebenswert macht." Damit spießte Kennedy auf, was bis heute die stärkste Kritik an diesem Wohlstandsindikator ausmacht: Er bleibt neutral. Ob ein Geschäft oder eine Transaktion der Umwelt nützt oder schadet, ob sie glücklich macht oder am Unglück anderer Leute verdient, das ist dem Bruttoinlandsprodukt egal – und das haben seit den 1960er-Jahren auch immer wieder Ökonomen kritisiert. Nun also stimmen die beiden Wissenschaftler Hans Diefenbacher und Roland Zieschank in den Chor der Skeptiker ein.

Diefenbacher ist Professor für Volkswirtschaftslehre in Heidelberg, Zieschank arbeitet an der Forschungsstelle für Umweltpolitik an der Freien Universität Berlin. Ihre Kritik an der Maßeinheit für Wohlstand ist zugleich eine Kritik am Wirtschaftswachstum insgesamt. Denn diese Maßeinheit führe dazu, dass ständig neue, künstliche Bedürfnisse geschaffen werden.

"Nach einigen Jahren der Ausstattung mit Gütern des täglichen Bedarfs sind alle Haushalte mehr oder weniger versorgt und die absoluten Mengen an Nahrungsmitteln, Textilien, Autos, Fernsehern und weiteren Konsumartikeln lassen sich nicht mehr wesentlich steigern."

Die Kernthese der Autoren: Das Bruttoinlandsprodukt als Messgröße für Wohlstand verführt zu einer falschen, weil nicht nachhaltigen Politik:

"Die Zerstörung der Natur, die Probleme der Welternährung und der sozialen Gerechtigkeit sowie die Überschuldung vieler Verbraucher, Unternehmen und Staaten – all das steht dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung als normativem politischen Konzept nahezu diametral entgegen."

Trotzdem hat es natürlich einen guten Grund, dass Wirtschaftsinstitute und Politiker auf die Kennzahlen des Bruttoinlandsprodukts starren wie das Kaninchen auf die Schlange: Es spiegelt das Wachstum der Wirtschaft wider, einen Begriff, dem schon die Soziologen und Politikwissenschaftler Harald Welzer und Claus Leggewie vor drei Jahren eine "parareligiöse Qualität" im politischen Diskurs bescheinigten. Doch hinter den Kulissen suchen Politiker nach Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt. Denn die Zweifel daran, ob die Wohlfahrt eines Landes nicht doch von anderem abhängt als vom ewigen Mehr an Produkten und Dienstleistungen, die werden immer wieder dann aktuell, wenn die Konjunktur gerade tief eingebrochen ist – die jüngste Finanzkrise ist dafür das beste Beispiel.

Doch dass ein steigendes Bruttoinlandsprodukt noch lange nicht mehr Wohlstand bedeutet, das zeigte sich bereits nach dem Wirbelsturm Katrina: Denn der ließ paradoxerweise das amerikanische Bruttoinlandsprodukt ansteigen, weil mit den Aufräumarbeiten Geld zu verdienen war. Das Autorenduo führt weitere Beispiele an:

"In mehreren westlichen Staaten wurden die BIP-Zahlen künstlich hochgehalten: über massive Verschuldungsstrategien, Aufblähung monetärer Assets (von Immobilien bis Finanzderivaten) und die Einkommensgenerierung über Finanzmärkte. Dagegen könnte ein modern konstruierter Wohlfahrtsindex ( ... ) Frühwarnsignale liefern."

Fingerübungen zu einem solchen alternativen Wohlstandsindex gibt es längt: den Human Development Indikator der Vereinten Nationen oder den Fortschrittsindex des von Stefan Bergheim geleiteten Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt beispielsweise. Sie haben dem neutralen BIP eines voraus: Sie zeigen deutlich, dass soziale Ungleichheit der gesamten Gesellschaft schadet. Bei der Vorstellung dieser Alternativvorschläge verschweigen Diefenbacher und Zieschank keineswegs, dass diese in der Fachwelt oft durchgefallen sind, weil sie höchstens als Ergänzung zum BIP, nicht aber als Ersatz akzeptiert wurden. "Satellitensysteme" allerdings genügen auch den Autoren nicht:

"Um dem BIP jedoch eine echte Alternative gegenüberstellen zu können, ist es erforderlich, nicht nur ergänzende Berichterstattungs- und Indikatorensysteme zu konzipieren, sondern alle Aspekte einer Wohlfahrtsrechnung in einem Index zusammenzufassen."

Ihr eigenes Angebot ist der "Nationale Wohlfahrtsindex", den die Autoren im Auftrag des Bundesumweltministeriums entwickelt haben. In diese Modellrechnung werden auch Hausarbeit, Kindererziehung, Einkommensverteilung etc. mit einbezogen. Bleibt die Frage, ob sich der Wert dieser nichtmonetären Aspekte so einfach quantifizieren lässt und ob damit nicht schon politische Vorentscheidungen getroffen werden. Kann ehrenamtliche Arbeit, können Umweltschäden immer durch Marktpreise abgebildet werden? Und legen nicht manche Menschen einfach Wert auf ein üppiges soziales Netz, während anderen eine intakte Natur mehr wert ist?

Im übrigen ist dem nationalen Wohlfahrtsindex viel Positives abzugewinnen. Er ist in vielerlei Hinsicht eine der plausibleren Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt. Doch egal, wie man die Alternativ-Vorschläge dreht und wendet: Unterm Strich bezwecken ihre Urheber, die wirtschaftliche Dynamik mutwillig zu bremsen. Ein neues Wohlstandsmaß soll der Katalysator sein für mehr Genügsamkeit. Auch Zieschank und Diefenbacher plädieren mit den Worten "Mehr Werte statt Mehrwert" für eine "neue Politik der Selbstbegrenzung". Dieses Plädoyer ist ehrenwert und umweltpolitisch richtig. Ihm steht aber vor allem der Einwand entgegen, dass Gesellschaften im internationalen Wettbewerb stehen.

Eine Gesellschaft, die daraus aussteigt, wird nicht nur vergleichsweise ärmer, sondern auch tatsächlich: Armenfürsorge gäbe es dann nur noch eingeschränkt, moderne medizinische Therapien erst recht. Doch im Ganzen betrachtet ist das Buch ein gelungenes Kondensat aller kritischer Stimmen zur gängigen Praxis der Wohlstandsberechnung. Es zeigt Alternativen auf, die alle nicht bis ins Letzte überzeugen können, aber als sinnvolle Ergänzungen allemal taugen, um der Politik Rüstzeug zu liefern für nachhaltige Entscheidungen. Dabei kommt es notwendigerweise zu Verkürzungen. Mögen ökonomischen Laien die Ausführungen Diefenbachers und Zieschanks trocken und beschwerlich erscheinen, ist die Lektüre für vorgebildete Leser ein großer Gewinn.

Hans Diefenbacher und Roland Zieschank: "Woran sich Wohlstand wirklich messen lässt. Alternativen zum Bruttoinlandsprodukt" Oekom Verlag, 109 Seiten, 12,95 Euro.
ISBN: 978-3-86581-215-5

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