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StartseiteBüchermarktAusflug in die Abgründe des Internets30.11.2014

Buch der Woche Ausflug in die Abgründe des Internets

In seinem Roman "Bleeding Edge" erzählt Thomas Pynchon davon, wie das Internet von einer Art kommunikativen Utopie zum totalitären Überwachungsapparat verkommt. Dabei öffnet der Autor die virtuellen Tore des Deep Web - jenen Teil des Netzes, der durch Suchmaschinen nicht erfasst wird.

Von Walter van Rossum

Ein Mann arbeitet an der Tastatur eines Laptops.  (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Pynchon erzählt von einer Welt, in der das Reale und das Virtuelle keinen Gegensatz bilden. (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Weiterführende Information

Krimi - New York ist der geheimnisvolle Verdächtige
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 23.09.2014)

Informationstechnik - Die Zukunft des Internets
(Deutschlandfunk, Computer und Kommunikation, 15.02.2014)

Halten wir uns erst mal ganz dicht an Maxine Tornow – sonst gingen wir womöglich schnell unter im Tumult dieses Romans. Maxine ist private Betrugsermittlerin in Manhattan, New York City. Sie mag erst so Anfang 30 sein, aber sie hat ihre Erfahrungen mit den dunklen Mächten, die in New York die Strippen ziehen. Insofern hat sie stets eine Beretta in ihrer Handtasche, bei Bedarf kann sie auch eine Laserkanone auspacken. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist Maxine Tornow Mutter zweier Jungs, aus denen mal anständige Menschen werden sollen. Sie ist Teil eines ziemlich durchgedrehten jüdischen Clans. Horst - ein Börsenspekulant – war mal ihr Ehemann, doch im Laufe der 600 Seiten kommt er der Sache wieder ziemlich nahe. Dass das Familienschiff wieder auf Kurs zu geraten scheint, hindert Maxine nicht daran, zwischendurch ziemlich schweinische Sachen mit fremden Kerlen zu treiben. Die komplexen Widersprüche des spätkapitalistischen Zeitalters machen vor dem Ehebett nicht halt. Da hilft auch keine Dialektik weiter.

Wir befinden uns im Jahre 2001. Die berüchtigte Dotcom-Blase ist geplatzt, der Hype mit dem Internet endet mit einer herben Bruchlandung. Und irgendwo basteln in diesem Jahr auch ein paar Typen an grausamen Plänen, von denen die Welt am 11. September erfahren wird. Ein paar Monate zuvor kommt Reg in Maxines Büro, ein alter Bekannter, Dokumentarfilmer. Reg hat gerade einen schönen Auftrag bekommen – ausgerechnet von einer Internetfirma, der es mitten in der digitalen Depression ganz hervorragend geht. Könnte daran liegen, dass das Unternehmen mit Sicherheitstechnologie zu tun hat. In Zeiten größter Unsicherheit blüht bekanntlich der Bedarf nach Sicherheit. Könnte allerdings auch sein, dass das Unternehmen mit dem sonderbaren Namen hashslingrz sein Geld auf ganz andere Art verdient. Und genau diesen Verdacht hegt Reg. Hashslingrz kauft jede Menge kleinerer Firmen auf und außerdem aberwitzige Mengen von Glasfaserkabeln – als ginge der Internetboom jetzt erst los. Reg kommen noch ein paar andere Sachen komisch vor. Deshalb bittet er Maxine herauszufinden, ob in dem Laden alles mit rechten Dingen zugehe. Das hat Maxine schnell raus: Hashslingrz ist garantiert nicht koscher. Nur, was läuft da genau? Und so recherchiert sie auch auf einer Riesenparty der Branche, eine Art ironische Gedenkfeier auf die fetten Jahre, ein Kostümfest der Internetboomer, die gerade alles verzockt haben:

"Tworkeffx, jetzt in neuem Besitz, zahlt Spitzenmieten und residiert seit einer Handvoll glitzernder Jahre in einer Art italienischem Palazzo, dessen Gusseisenfassade Kalkstein vortäuschen soll und heute Abend, im Licht der Straßenbeleuchtung, einfach schaurig wirkt. Sieht so aus, als würden alle, die irgendwie mit der Silicon Alley zu tun haben oder hatten, dorthin strömen. (...)

Man kann nicht umhin zu konstatieren, dass der Abend einen gewissen Drall zur Instant-Nostalgie hat. Die 90er-Jahre-Ironie, die ihr Verfallsdatum längst überschritten hat, steht hier wieder in voller Blüte. Maxine und Horst werden an den Türstehern vorbei hineingerissen in einen Wirbel aus Irokesenstacheln, Fades und Emofransen, Pilzköpfen, Bürstenschnitten und Japanische-Prinzessin-Frisuren, aus Von-Dutch-Fernfahrermützen, abwaschbaren Tattoos, an Lippen klebenden Joints, auf Matrix anspielenden Ray-Bans und Hawaiihemden, die übrigens, bis auf das von Horst, die einzigen Hemden mit Kragen sind.

( ... ) Obgleich die Dotcomblase, einst ein spektakulärer Ellipsoid, jetzt als zusammengefallener rosaroter Ballon am zitternden Kinn der Ära hängt und vielleicht nicht mal mehr einen Rest schalen Atems enthält, hat man keine Kosten gescheut."

Die Verkümmerung des Internets

In Bleeding Edge spielt das Netz eine große Rolle. Pynchon erzählt auch die Geschichte einer feindlichen Übernahme, erzählt davon, wie das Internet von einer Art kommunikativen Utopie zu jenem annähernd totalitären Überwachungsapparat von Geheimdiensten und Technologiekonzernen verkommt, wie er mittlerweile auf unheimliche Weise realisiert worden ist.

"Ich hab bloß dieses seltsame Gefühl, was das Internet betrifft, dass es nämlich vorbei ist, und zwar nicht wegen der Techblase oder dem 11. September, sondern wegen irgendwas Fatalem in seiner Geschichte. Das von Anfang an da war."

"Du klingst wie mein Vater, Eric."

"Sieh es dir doch an: Jeden Tag mehr Loser als User, Tastaturen und Bildschirme verwandeln sich in Portale für Websites, wo man lauter Zeug kriegt, nach dem laut Beschluss des Managements alle süchtig werden sollen: Shoppen, Daddeln, Abspritzen, endloses Streamen von Müll."

"Ui, Eric, harte Worte. Wie wär's mit einem bisschen von dem, was der Buddha Mitgefühl nennt?"

"Während hashslingrz und all die anderen immer lauter vom 'freien Internet' schreien und gleichzeitig immer mehr davon den bösen Buben übergeben ... Und sie kriegen uns, denn wir sind allesamt einsam, bedürftig, gekränkt und wild entschlossen, an jede noch so jämmerliche Imitation von Zugehörigkeit zu glauben, die sie uns andrehen wollen ... Man spielt mit uns, Maxi, aber die Karten sind gezinkt, und das Spiel ist erst vorbei, wenn das Internet – das echte, der Traum, das Versprechen – zerstört ist."

Ausflug in die Abgründe des Deep Web

Pynchon führt uns in die Abgründe des Deep Web, jenen Teil des Netzes, der durch Suchmaschinen nicht erfasst wird. Diese Region des Internets ist um Vielfaches größer als das sogenannte surface web. Es enthält riesige Archive, alle nicht indexierten Webseiten und Myriaden vertrockneter Links, in denen manchmal überraschenderweise doch noch ein paar Bytes summen. Dieses Deep Web gibt es wirklich, aber in Pynchons Vision ist es ein virtueller Märchenwald, ein belebter Cyberspace, ein digitaler Underground, in den man sich als Avatar begibt – also als künstliche Person, ein Pixelwesen der virtuellen Welt, als Cyberpuppe.

"Wenig später sind sie verbunden, lassen das frühmorgendliche Manhattan hinter sich, die Spider und Webcrawler, die über ihnen, an der Oberfläche, Link an Link fügen, die Banner und Pop-ups, die Usergruppen und selbstbezüglichen Chatrooms, und tauchen hinunter in wimmelnde Finsternis ... so tief, dass sie zwischen zweckentfremdeten, von Cyberschlägern bewachten Blocks voller Adressräume dahingleiten, zwischen Spammerzentren und Videospielen, die noch zu gewalttätig, zu anstößig oder zu überwältigend schön für die gegenwärtigen Marktkriterien sind."

Maxine ist überrascht, wie belebt es hier unten ist, tief unter den Spidern. Abenteurer, Pilger, auf Familienapanagen angewiesene Exilanten, Liebespaare auf der Flucht, Claimbetrüger, Perverse und Verwirrte sowie zahlreiche neugierige Entrepenerds.

"Es ist noch immer unberührtes Land. Man denkt, das hört nie auf, aber die Kolonisten sind schon unterwegs. Die Anzugträger und Greenhorns. Von hinter den Hügeln hört man ihre White-Soul-Musik. Es gibt schon ein halbes Dutzend finanziell gut ausgestattete Projekte zur Entwicklung einer Software, die das Deep Web durchsucht."

Allerdings sieht es in dem realen Deep Web keineswegs so aus und so hat es da auch nie ausgesehen. Pynchons Webuntergrund lebt von Fantasien, die noch bevor es das Internet gab die Computerentwickler beschäftigt haben, nämlich ein Cyberspace, wie er dann später zum Beispiel unter dem Namen "second life" bekannt werden sollte. Im realen Deep Web gibt es heute vor allem einige Stollen und Höhlen, wohin man nur mit spezieller Software und Zugangscodes kommt und wo man den wahrscheinlich größten kriminellen Handelsplatz der Weltgeschichte "betritt". Da finden sich Drogen und Medikamente aller Art, gefälschte Dokumente von Pass bis Führerschein, Pornografie ohne Grenzen und Waffen, nach denen schaurige Herzen nur so lechzen dürften. Auch in Pynchons Deep Web gibt es böse Kräfte, aber alles in allem ist es eine Art digitaler Märchenwald, eine riesige Halle scheinbar unverwalteten Gerümpels.

Zwei Freunde von Maxine, Lucas und Justin, haben für das Deep Web eine spezielle Software entwickelt: deepArcher – ein Programm, das über die bekannten Grenzen auch des Virtuellen noch hinausstrebt:

"Ursprünglich – und man wundert sich über ihren Weitblick – hatten die Jungs vor, einen virtuellen Ort zu erschaffen, an dem man vor den zahlreichen Misslichkeiten der wirklichen Welt Zuflucht finden kann. Ein riesiges Motel für die Geplagten, ein Asyl, das mit dem virtuellen Nachtexpress von überall, wo es eine Tastatur gibt, erreicht werden kann. Natürlich gab es kreative Differenzen, doch diese blieben eigenartig undiskutiert. Justin wollte in der Zeit zurückreisen in ein Kalifornien, das es nie gegeben hatte: ungefährlich und mit stets blauem Himmel, wo es nur Abend wurde, wenn jemand einen romantischen Sonnenuntergang sehen wollte. Lucas dagegen schwebte etwas, man könnte sagen, Dunkleres vor, ein Ort, wo es viel regnete und Perioden großer, von den Kräften der Zerstörung erfüllter Stille hereinbrachen wie der Wind. Die Synthese von beidem war DeepArcher."

DeepArcher kann man auch als departure verstehen, also Aufbruch, Abfahrt. Doch Justin und Lucas scheinen noch gar nicht zu wissen, wohin die Reise mit ihrem Programm gehen soll. Geht es um ein gepixeltes Disneyland, um einen uferlosen digitalen Spielplatz, der unaufhörlich neu- und umarrangiert werden kann und den jeder User nach seinem Geschmack möbliert - oder geht es auch um eine Art metaphysischer Raumsonde?

"Es ist mehr eine Expedition. Zu Forschungszwecken. Als die ersten Wikinger die nördlichen Meere erkundeten, gab es eine Geschichte über eine riesige Öffnung am Ende der Welt, einen tiefen Strudel, der dich einsaugt und hinabreißt, wie ein Schwarzes Loch, aus dem es kein Entrinnen gibt. Sieh dir das Surface Web an: all das Gelaber, all die Sachen, die man kaufen kann, all die Spammer und Spieler und Surfer, wie sie sich verzweifelt abstrampeln in dem, was sie Wirtschaft nennen. Während es hier unten, irgendwo tief im Deep Web, einen Horizont geben muss zwischen codiert und uncodierbar. Einen Abgrund."

Eigentlich quält Justin und Lucas die Frage, ob sie den Quellcode von deepArcher veröffentlichen sollen. Damit würde das Programm zur Gratissoftware und das entspräche dem Traum von einem offenen Internet für alle oder ob sie es kommerzialisieren sollen. Doch das Problem erledigt sich bald.

"In letzter Zeit sind alle hinter dem Quellcode her – das FBI, Spielehersteller, sogar Scheiß-Microsoft. Und alle legen Angebote auf den Tisch. Es geht um die Sicherheitsarchitektur – so was haben die noch nie gesehen, und das macht sie schier verrückt. ( ... ) Eigentlich wollen sie bloß den Teil, mit dem man irgendwohin kommt, ohne eine Spur zu hinterlassen. Der Inhalt ist ihnen vollkommen egal. Es geht ihnen nicht um das Ziel oder auch nur den Trip – nein, diesen Clowns geht's um was anderes."

Besonders an deepArcher interessiert zeigt sich Gabriel Ice, Chef von hashslingrz. Hier scheint sich der Kreis zu schließen. Doch leider gibt es in Pynchons Romanen keine geschlossenen Kreise, sondern hauptsächlich dunkle Vernetzungen. Stellt sich schließlich die Frage: Was will Gabriel Ice überhaupt mit der Software? So viel ist klar: Ice scheint auf verschachtelten Wegen große Summen in die Golfstaaten zu transferieren. Aber es mischen noch ein paar andere Gestalten mit. Klar, die üblichen Verdächtigen von FBI, CIA und NSA, im Hintergrund dreht der Mossad an ein paar Geschichtsschrauben und ein paar schwere russische Typen juxen in einer sowjetischen Zil-Limo durch Manhattan. Könnte allerdings auch sein, dass einige dieser Herrschaften auch für die Gegenseite arbeiten oder vortäuschen, zu dieser oder jenen Truppe zu gehören. Ist eben alles gar nicht so einfach in diesem Roman. Ganz wie im Leben: Schauen Sie mal aus dem Fenster, schalten Sie mal die Nachrichten an. Gut, dass in der ganzen Wirrnis wenigstens Maxine Tarnow ein bisschen den Überblick behält – von Durchblick kann allerdings keine Rede sein. Es klärt sich wenig, aber irgendwas ist im Gange.

Thomas Pynchons Weltwahrnehmungschiffre

"Bleeding Edge" heißt der Roman. Wörtlich heißt das: "blutende Kante", aber es ist auch ein etwas außer Kurs geratener Fachbegriff, der technologische Innovationen bezeichnet, die teuer und komplex sind, aber deren Funktionieren und Nutzen noch gar nicht erwiesen ist. Bleeding edge in diesem Sinne könnte man als Thomas Pynchons Weltwahrnehmungschiffre verstehen. Eine Welt erfüllt vom Brummen und Toben riesiger Wirklichkeitserzeugungsapparate, wirklichkeitsverschiebender Arbeiten, verstrickt in komplexen Kommunikationen, gefangen in geliehenen Obsessionen und leicht austauschbaren Glaubensbekenntnissen. Es passiert ungeheuer viel, wir sind mittendrin – aber niemand versteht, was das alles soll. Keiner kennt den Quellcode.

Pynchon erzählt von einer Welt, in der das Reale und das Virtuelle keinen Gegensatz bilden. So spielen in Bleeding Edge zahlreiche – real dokumentierte – Aktivitäten eine Rolle, die im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September stehen oder stehen könnten und die zu ganz anderen Erklärungen der Tat führen. In diesem Licht erscheinen die Anschläge als ein höchst reales Ereignis hinter dessen bestürzender Sichtbarkeit sich ein Abgrund an Vieldeutigkeit öffnet. Ganz wie ein Großteil der amerikanischen Bevölkerung scheint auch Pynchon der offiziellen Darstellung der Ereignisse wenig Glauben zu schenken. In dieser Sicht der Dinge wäre der 11. September eine simulierte Realität, mit deren Scheinhaftigkeit man sich arrangiert hat. Pynchons Roman will keine neue Version, keine wahrere Version der Ereignisse erzählen, ihn interessiert das Zwielicht, in dem die Dinge ihren Lauf nehmen – und die Menschen auch. Das Funkeln des Obskuren. Der Aggregatzustand unserer Tage.

Doch Pynchon bildet ihn nicht ab, er erschafft ihn auf den Seiten seines Romans. Versteht sich, dass es dabei wild zugeht. Der Leser wird in den Sog aberwitziger Wechsel von Geschwindigkeiten und Erzählhaltungen gezogen. Manche Seiten des Romans lesen sich wie Szenen einer brillanten Screwballkomödie – mit Dialogen so scharf, dass sie noch das feinste Haar spalten. Dann lesen wir einen Kriminalroman, in dem es um die ewig alte Frage geht: Wer war's? "Bleeding Edge" ist auch ein Agentenroman, in dem Abgesandte dunkler Mächte für mächtige Finsternis sorgen. Pynchon schickt ein Personal in die Schlacht, das einen gleichermaßen in Tränen der Rührung wie in Tränen der Heiterkeit ausbrechen lässt. Manche scheinen einem Comic, manche reinster Fantasie entsprungen zu sein – wie etwa der Geruchsspezialist namens Conkling, der noch längst verwehte Düfte erkennt – und der über den olfaktorischen Zusammenhang von Hitler und Kennedy brütet. Eine seiner Freundinnen kann noch mehr. Sie schnüffelt den Duft der Zukünfte:

"Ich hab eine alte Kollegin angerufen, wir kennen uns noch von früher, als wir beide bei der IF&F waren. Sie ist Präosmikerin, das heißt, sie kann Dinge riechen, die erst noch geschehen werden. Manchmal kann ein Geruch etwas auslösen. In diesem Fall hat er eher wie ein Zünder gewirkt: Sie hat einmal an der Probe, die ich ihr mitgebracht hatte, geschnuppert und ist vollkommen ausgerastet."

Seit Wochen schon befinde sie sich in einer Art Panik, sei kurzatmig, fahre grundlos aus dem Schlaf hoch und werde sanft, aber beharrlich von einer umgekehrten Duftspur, einer Kielwelle aus der Zukunft, heimgesucht. "Sie sagt, niemand hat so etwas je gerochen, es ist eine toxische Mischung, bitter, indolisch, ätzend, 'als würde man Nadeln einatmen', sagt sie. Firmeneigene Moleküle, synthetische Stoffe, Legierungen, allesamt einer heftigen Oxidation ausgesetzt."

"Und das heißt was? Ein Feuer?"

"Könnte sein. Sie ist ziemlich gut im Vorherriechen von Feuern,

es waren auch ein paar große dabei."

"Und?"

"Sie verlässt die Stadt. Und sagt allen, die sie kennt, sie sollen dasselbe tun. Und weil dieser 9:30-Duft mit Washington verbunden ist, geht sie auch nicht dorthin."

Kaum eine Figur bietet sich identifikatorischer Lektüre an. Zeile für Zeile praktiziert Pynchon Erzählung in hellster Aufregung. Noch für die geläufigste Situation findet er neue Sprachbilder, düstere Zeiten kommen in hellen, verblüffend frischen Worten zur Sprache. In einer vollkommen vernetzten ist nichts identisch, erschließt sich alles erst durch Bezüge, Echo des Echos. Bleeding Edge funktioniert wie ein Sirenengesang: magisch, fremd, wild und absolut unwiderstehlich. Höchste Kunst erzeugt tiefbewegenden Gesang.

Thomas Pynchon: "Bleeding Edge" 
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Rowohlt Verlag, Reinbek 2014
604 Seiten, 29,90 Euro

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