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StartseiteBüchermarktBlick auf ein Versuchslabor der postkolonialen Welt04.01.2015

Buch der Woche: "Delhi - Im Rausch des Geldes"Blick auf ein Versuchslabor der postkolonialen Welt

Rana Dasgupta ist nach Delhi gereist - und dort geblieben. In seinem Buch porträtiert er die Stadt und ihre Zerrissenheit zwischen Arm und Reich, zwischen Tradition und Moderne. Es ist ein kritischer Blick auf die indische Gesellschaft.

Von Sandra Hoffmann

Müll und Unrat liegt neben Müllcontainern auf einem Markt in Neu-Delhi. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Müll und Unrat liegt neben Müllcontainern auf einem Markt in Neu-Delhi. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Weiterführende Information

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Rana Dasgupta ist kein Inder. Aber sein Vater ist einer. Aber sein Vater ist auch einer, der Delhi als junger Mann verlassen musste, weil Rana Dasguptas Großvater die Familie nicht mehr ernähren konnte. Dasguptas Vater entschied sich 1961, Richtung Europa einzuschiffen. Zu seinem Vorteil konnte er Englisch, weil er aus einem gebildeten Haushalt stammte, in dem bei Tisch Englisch gesprochen wurde. Über Stuttgart, wo er ein Jahr lang als Hilfsarbeiter in einer Fabrik arbeitete, gelangte Dasguptas Vater 1962 nach London. Er studierte Rechnungswesen und lernte eine junge Engländerin kennen. Sie wurde Rana Dasguptas Mutter. Von seinem ersten Lohn kaufte Dasguptas Vater einen Parker-Füller und schickte ihn an seinen Vater, der ihn überall soviel herumzeigte, dass er behaupten konnte, dieser Füller sei der berühmteste in ganz Indien.

Das alles erfährt man in Rana Dasguptas Buch "Delhi - Der Rausch des Geldes", das von Barbara Heller und Rudolf Hermstein ganz wunderbar sorgfältig ins Deutsche übersetzt wurde.

Und wie Rana Dasguptas Vater ein sehr erfolgreicher Migrant wurde, Karriere bei einem multinationalen Unternehmen in England machte, seine Kinder in Oxford studierten, und wie fassungslos er sich nicht mehr zurechtfand, als er nach mehr als 40 Jahren zum ersten Mal wieder in seiner Heimatstadt Delhi einen Besuch machte, und nichts mehr vorfand, was für ihn einmal Heimat bedeutet hat.

Wer ist Rana das Gupta? Er ist ein englischer Schriftsteller, aufgewachsen in Cambridge, der nach dem Studium bei einer Marketingberatung in New York arbeitete. Seit dem Jahr 2000 lebt er dort, wo sein Vater herstammt. Und er fuhr eigentlich nur hin einer jungen Frau wegen, in die er sich noch in New York verliebt hatte. Aber dann hat ihn auch Delhi beeindruckt:

"Was ich erlebte, war ein überwältigendes Eintauchen. Ein Hineingezogenwerden, als läge Delhis Anziehungskraft jenseits von Mögen und Nichtmögen, denn im Jahr 2000 befand sich dort alles, was es an meinen bisherigen Wohnorten an Komfort und Sicherheit gab, noch in stürmischer Entwicklung. Und die Stadt war ein Hexenkessel von Potenzial und Verheißung. Ich war durch Zufall in einen großen Strudel der Epoche geraten. Und ohne es jemals geplant zu haben, blieb ich."

Rana Dasgupta ist eigentlich Romanautor und das merkt man seinem Buch in fast jeder Zeile an. Es ist ein persönliches Buch und es ist ein gestaltetes, aber auch ein expressives Porträt einer Stadt, ihrer Entstehung, ihrer Entwicklung und ihres Ist-Zustands am Anfang der 2010er-Jahre. Es ist ein politisches Buch, ein gelehrtes Sachbuch, es ist eine große Interviewsammlung, es ist ein Geschichtsbuch, ein wortbilderreich gestaltetes Delhi- und Indien-Album. Es ist, und daraus schöpft es seine Kraft, ein Buch, das seinen Gegenstand einer leidenschaftlichen Betrachtung unterzieht. Es ist ein Buch, das vom Kleinen ins Große wandert: Vom Ich zum Wir. Und das ist gut.

"Der große Tumult von Schöpfung und Zerstörung, in dessen Zeichen ich mit Delhi Bekanntschaft schloss, das rabiate Niederreißen der Hardware unter dem Banner der Globalisierung - "From Walled City to World City - von der ummauerten Stadt zur Weltstadt", wie eine führende Zeitung titelte - lag damals noch in der Zukunft. Dieses Niederreißen ließ vieles verschwinden, was bis dahin in Delhi einen festen Platz gehabt hatte. Die Behausungen Hunderttausender Armer wichen Shoppingmalls und Wohnkomplexen, ein gigantischer Verdrängungsprozess, der einige Bewohner Delhis reich, viele Arme zu Flüchtlingen in ihrer eigenen Stadt und das Leben der Arbeiterfamilien generell prekärer machte."

Interviews mit den Aufsteigern Delhis

Hier setzt Rana Dasgupta an. Er macht sich auf den Weg durch die Stadt, zu allerlei Unternehmern, Händlern, Aufsteigern und reichen Menschen, die in den letzten zehn bis 15 Jahren, in denen etwa BPO, was soviel heißt, wie "Business Process Outsourcing" und das Auslagern kompletter Geschäftsprozesse meint, ein Geschäftsmodell geworden ist, mit dem man unendlich viel Geld verdienen kann. Das erste internationale Callcenter wurde 1998 in Delhi gegründet, es wurden dort Kreditkartenkundendienstanrufe aus Amerika bearbeitet. Und Dasgupta will von dessen Gründer, Raman Roy, wissen, wie es dazu kam:

"Wenn in Indien Mitternacht ist, schläft die Welt mitnichten. Wenn in Indien Mitternacht ist, ist in London Abendbrotzeit und in San Francisco Cappucino-Zeit. Und wie sich nach 1991 herausstellte, ließen sich aufgrund dieser schlichten Tatsache Milliarden verdienen. Indische Berater in Amerika arbeiteten tagsüber bei ihren amerikanischen Klienten und schickten dann einen Bericht nach Indien; indische Softwareteams arbeiteten während ihres Tages - der amerikanischen Nacht-, und die amerikanischen Klienten konnten gleich am nächsten Morgen die Ergebnisse sehen. So wurden aus einem Kalendertag zwei Arbeitstage herausgeholt."

Frauen protestieren in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi im Juni 2014 gegen sexuelle Gewalt. (picture alliance / dpa / Foto: Money Sharma)Frauen protestieren mit Plakaten in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi im Juni 2014 gegen sexuelle Gewalt. (picture alliance / dpa / Foto: Money Sharma)Dass diese Entwicklung ein Land, eine Stadt verändert, ist klar. Wenn in Indien bis dahin junge Leute mit College-Abschluss entweder Privatlehrer sein oder ins Ausland emigrieren konnten, gibt es jetzt anscheinend sagenhaft viele Möglichkeiten für die gebildete Mittelschicht zu Erfolg und Geld zu kommen. Dasguptas Interesse gilt neben der Frage, wie das aus der Geschichte Delhis zu erklären ist, vor allem dem urbanen Leben, seiner geistigen und seiner moralischen Entwicklung. Wie steht es um die Beziehung der Reichen zu den Armen? Ist dieser rasanten Entwicklung des Geld-, Erfolgs- und Anerkennungszuwachses in der Welt auch eine positive Seite abzugewinnen? Wie geht es der Kultur und dem Gesundheitswesen, wie viel Verständnis gibt es zwischen den Religionen untereinander? Wie lassen sich die Vergewaltigungen in der Stadt erklären, wie die Gewalt gegen Arme, wie die Fremdenfeindlichkeit? Er sucht Gewährsmänner aus Wirtschaft und Politik auf, und Frauen, die ihr Leben den Ärmsten der Armen widmen, indem sie als deren Anwältin und Streiterin agieren. Er spricht mit Frauen aus vergleichsweise emanzipierten Unternehmerfamilien, die dennoch mit Männern ungefähr gleichen Standes verheiratet werden. Und weil es Gesetz seit Generationen ist, unter das Dach der Eltern ihrer Ehemänner mit einziehen. Er erzählt vom Scheitern im Kleinen, in der Familie, vom Scheitern zwischen Mann und Frau, weil im Großen, in der Gesellschaft, der Zuwachs an Geld und Macht nicht mit einem Zuwachs an Reflexion und Wissen einhergegangen ist: Weil die Gesetze der Tradition immer noch stärker sind, als die der Erneuerung.

"Der Ehemann mochte seiner Frau glauben, wenn sie ihm sagte, Mäuse seien im Haus und nagten Löcher in die Kleider. Zeigte ihm aber die Mutter ein T-Shirt mit einem Loch genau über dem Herzen, war er schnell überzeugt, dass hier schwarze Magie am Werk war. Ein Mann in den Augen der Mutter und ein Mann in den Augen der Ehefrau zu sein, waren zwei grundverschiedene Dinge, die einander ausschlossen. Und Männer standen unter erheblichem Druck, sich für das eine oder das andere zu entscheiden."

Beschreibung des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen

Was sich innerhalb der häuslichen Wände zwischen Männern und Frauen abspielt, spiegle sich, so Dasgupta, auch als um sich greifende Frauenfeindlichkeit auf den Straßen der Stadt Delhi, die innerhalb des Landes als Vergewaltigungshauptstadt tituliert wird. Die Frauen werden durch Bildung, Beruf und Geld und die damit einhergehende Mobilität unabhängiger und freizügiger in ihrer Lebensführung und sie emanzipieren sich immer mehr vom Bild der Frau als Hausfrau und Mutter. Das aber ist unvereinbar mit dem Konservatismus jener gebildeten Männer, deren Werte nach wie vor dem Kolonialismus entspringen.

"Da die Kolonialherren Wirtschaft und Politik kontrollierten, mussten die Männer, um ihre Geschäfte führen zu können, ihrem indischen Lebensstil untreu werden und sich außerhalb des Hauses den Gesetzen, der Sprache, Kleidung, Technologie und der gesellschaftlichen Gepflogenheiten der Briten beugen. Für die Frauen wurde es zur nationalen Pflicht, im Namen aller ein reines, unverfälschtes Indischsein zu bewahren und sich somit vom verderbten öffentlichen Raum freizuhalten."

Warum ist das als Beispiel interessant? Es gibt nach den Schilderungen Rana Dasguptas in Delhi die rückwärtsgewandte Idee, das Fundament des ganzen Landes drohe erschüttert zu werden, wenn sich Indien nicht mehr unterscheide von den areligiösen Gegenden der Restwelt. Und er stellt dies nicht zuletzt in vielen persönlich erlebten Situationen auf den Straßen der Stadt, auch mit Ämtern und Behörden, oder anhand der Besuche und Erfahrungen mit seinen Gesprächspartnern dar, die zeigen und erzählen, wie unvereinbar die wirtschaftliche und die Stadtentwicklung Delhis mit der gesellschaftsmoralischen Entwicklung ist. Wie sehr man sich im urbanen Leben angleichen will an westliche Architektur und westliche Gepflogenheiten. Und wie man dafür nicht nur notfalls, sondern zur Wahrung eines reinen Stadtbildes über Leichen geht. Was Dasguptas Buch neben seiner Neugier auf die unterschiedlichsten Menschen und ihre Haltung zur Welt auszeichnet, ist seine Fähigkeit, Bilder zu zeichnen, die einerseits das Wissen transportieren, das er zu vermitteln vermag. Und die andererseits so stark sind, dass man womöglich auch als Leser, der noch nie in Delhi oder Indien war, ganz intensive Eindrücke vom städtischen Raum und menschlichen Gepflogenheiten gewinnt:

"Und für Tausende Einwohner Delhis sind diese Straßen nicht einfach nur Verkehrswege, sondern ihr Zuhause, und ihre Körper sind nie weit von bewegten Fahrzeugen entfernt. Zu dieser Abendstunde kann ich schon sehen, wie sie sich an ihren Schlafplätzen niederlassen. Da sind die Scharen von Erschließungs- und Sanierungsflüchtlingen, die ein relativ stabiles Leben geführt haben, bis sie von den neuen Fabriken und Wohnanlagen des indischen Booms vertrieben wurden. Die umherziehenden Massen bewahren ihre Habseligkeiten im Mobiliar der Stadt auf. In dieser Nachtzeit kann man Menschen sehen, die auf ein Gebäude klettern, um einen Sack mit Bettzeug vom Dach zu holen, auf das sie es am Morgen geworfen haben. Es gibt kaum eine Astgabel, kaum eine Betonnische, die nicht mit den Kleidern und Plastikflaschen von Delhis Obdachlosen vollgestopft ist. Kleidersäcke hängen von jedem Vorsprung an jeder Mauer. Planen und Bambusstangen von abgerissenen Anbauten sind in Baumwipfeln befestigt, Bestandteile neuer Gebäude."

Die Armen der Stadt

Von den Armen der Stadt handeln sehr viele Seiten in diesem Buch. Davon, wie Armut zum Wohlstand der Stadt beiträgt, wie die Leute vom Land in die Stadt geholt wurden, als Bauarbeiter, Rikschafahrer, Gemüsehändler, Schuster. Mit welcher Energie und Schaffenskraft diese Menschen dazu beitragen, dass die Stadt funktioniert. Wie sie so lange in ihren Hütten und Slums am Stadtrand geduldet werden, wie sie für die Arbeit in der Stadt gebraucht werden. Und wie sie schließlich weichen müssen, weil die Stadtverwaltung Profit aus dem Land schlagen will, damit Delhis Shoppingsmalls, Paläste und Farmhäuser sich ausdehnen können.

"Die Leute sind schmutzig, sie machen sich nicht gut in unserer Stadt. In Delhi ist die Straße der Ort, der den Menschen ihr Bild von der ganzen Stadt vermittelt. Es ist die Stadt der Ausgrenzung und Isolierung, eine Stadt der Clans und Hierarchien, in der nur wenige Menschen, gleich, welcher Gesellschaftsschicht sie angehören, den Gedanken des Abbaus gesellschaftlicher Unterschiede ansprechend finden."

Alles, was in Delhi heute passiert, so eine der Thesen Dasguptas, hat seinen Ursprung in der traumatischen Erfahrung der Teilung des British Indian Empire in die Länder Indien und Pakistan im Jahr 1947. Delhi sei auch heute noch geprägt von einer traumatisierten Kultur. Und so widmet er ein ganzes Kapitel den Anfängen dieses Landes Indien, dem die imperiale Hauptstadt Delhi zuerkannt wurde, während Pakistans Regierung sich provisorisch in Karatschi einrichten musste. Er will die Massaker verstehen, die mit der daraus folgenden Völkerwanderung von wenigstens einer Million Menschen - Hindus, Skhis, und Muslimen - einhergingen. Anders als die Geschichte des Holocausts, sagt er, wurde die Teilung des British Indian Empire bis heute nicht wirklich aufgearbeitet. Auch, wenn der deutsche Leser nicht unbedingt einverstanden ist mit diesem Vergleich, und auch, wenn es Rana Dasgupta nicht grundlegend gelingt, seine These zu vervollkommnen, ist dieses Kapitel über das grundlegendste historische Ereignis der Stadt Delhi eines, das die Psychologie seiner heutigen Bewohner zuletzt nachhaltig zu beschreiben vermag:

"Das Zeitalter der Globalisierung hatte die Abschaffung aller Verhaltensgrenzen mit sich gebracht. Und niemand mehr, schon gar nicht ein Fremder, durfte einem sagen, was man zu tun und zu lassen hatte. Immer häufiger wurde das Wort Sklave gebraucht, um eine historische Epoche zu beschreiben: Wir waren zu lange Sklaven. Jetzt kann uns niemand mehr herumkommandieren."

Rana Das Guptas Delhi-Text changiert zwischen historischen Kapiteln, poetischen Passagen und Miniaturen, essayistischen Abschnitten, in denen er einem Gedanken oder seinen inneren Ambivalenzen auf die Spur kommen möchte. Das macht dieses Buch, in dem sehr vieles zu erfahren ist, was uns Westeuropäern neu ist, manches, was merkwürdig anmutet, kurzweilig und ziemlich aufregend. Am intensivsten jedoch kommen einem die Einheimischen und der Geist Delhis dort nahe, wo Rana Dasgupta sie in ihren Häusern oder Büros aufsucht, sie trifft in Kliniken, wo sie aufgrund korrupter Ärzte einen Menschen verloren haben. Oder bei der Arbeit in den Slums.

Die Lebendigkeit, die durch das Gewebe aus Umgebungsbeschreibung und transkribierten Erzählungen der jeweiligen Interviewpartner entsteht, ist von feiner dokumentarischer Kraft. Und zuweilen von großer theatraler Komik:

"Ich komme an Delhis einzigem Bentley- und Lamborghini-Händler vorbei und beschließe spontan, hineinzugehen und um ein Gespräch mit dem Geschäftsführer zu bitten. Er ist nicht da, und man schickt mich zum Kaffeetrinken mit den PR-Girls:
- Wenn einer reinkommt und einen Bentley kaufen will, fragen wir ihn nicht, was er jetzt fährt. Dass er einen BMW fährt, heißt noch lange nicht, dass er sich einen Bentley leisten kann. Wir fragen ihn, ob er einen Jet oder eine Jacht besitzt. Wir fragen ihn, ob ihm eine Insel gehört,
- Besitzen viele Leute in Delhi einen Jet, frage ich.
Die Girls sehen mich entgeistert an.
- Jeder hat einen. Und nicht nur einen - manche haben zwei, drei, vier."

Und sind diese Menschen nun glücklich, fragt Rana Dasgupta einen 70-jährigen Sikh, Nachkommen der Bauunternehmer, die 1911 Delhi errichtet haben:

"Sie sind immer auf der Flucht: Sie flüchten sich in Golf und Bridge. Sie flüchten übers Wochenende nach London. Ihr Geld flüchtet auf die Kanalinseln, in die Schweiz und nach Panama. Es ist eine verweichlichte Elite. Alle haben sie Bypässe. Alle haben sie Herzschrittmacher. Alle haben sie Diabetes und Arthritis. Sie sind korrupt, nicht nur in Gelddingen, sondern auch körperlich und seelisch. Sie sind enorm abergläubisch: Sie haben die Finger voller Ringe mit Steinen, die sie vor bösen Kräften schützen sollen. Und in ihren Wohnungen stehen in jeder Ecke kleine Götter und Göttinnen. Sie kennen sich selbst nicht. Und ihre Konfusion äußert sich in Vorurteilen und Gewalt."

Rana Dasgupta macht immer wieder deutlich, wie kritisch er über das soziale Gefälle und die rasanten Umbrüche in der Stadt, in der er lebt, denkt. Er geht sogar soweit, zu sagen, Delhi stehe für die Umwälzungen des globalen Kapitalismus überhaupt. Das vielleicht nicht! Aber der starke Eindruck bleibt über die gut 450 Seiten des Buches hinaus, dass Delhi ein Versuchslabor sein könnte für eine postkoloniale Welt im Umbruch, für all die anderen Millionenstädte in Asien und Afrika. Und es ist gut, eine Beschreibung und Interpretation der Verhältnisse vor Ort von einem Autor zu erfahren, dessen Herkunft und Geschichte mit Delhi stark verbunden sind. Die Deutungshoheit ist dem Westen hierfür nämlich längst abhandengekommen.

Buchinfos:
Rana Dasgupta: "Delhi - Im Rausch des Geldes", Aus dem Englischen von Barbara Heller und Rudolf Hermstein (Suhrkamp)

 

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