Freitag, 15.12.2017
StartseiteBüchermarktIn die Labyrinthe der eigenen Erinnerung22.12.2013

Buch der WocheIn die Labyrinthe der eigenen Erinnerung

Der Schriftsteller Dieter Kühn betätigt sich in seiner Autobiografie "Das magische Auge. Mein Lebensbuch" als Historiker seiner selbst. Ihm gelingt dabei das Kunststück, aufregend über ein alles in allem wenig aufregendes Leben zu erzählen - von der ersten bis zur letzten Seite spannend, rührend und klug.

Von Walter van Rossum

Dieter Kühn, deutscher Schriftsteller (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)
Dieter Kühn, deutscher Schriftsteller (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)

Meursault, der sonderbare Held in Albert Camus‘ Roman "Der Fremde", bemerkt einmal, es genügt, einen Tag gelebt zu haben, um jahrelang von der Erinnerung zu zehren. Marcel Proust hat einige Jahrzehnte gelebt, um die letzten 20 Jahre seines Lebens auf ein paar Tausend Seiten von seinen Erinnerungen zu erzählen. Dieter Kühn ist heute 78 Jahre alt, hat also ungefähr 28.500 Tage lang gelebt, von denen er auf 1.250 Seiten Zeugnis ablegt. Man darf ohne Häme feststellen: Dieter Kühns Leben war nie annähernd so aufregend wie das Leben eines Marco Polo, eines Jean Arthur Rimbaud oder eines Rainer Werner Fassbinder. Er wurde 1935 in Köln geboren, er verlebte seine Kindheit in Köln und in Bayern am Ammersee, er überlebte einen schrecklichen Krieg, ging zur Schule, machte das Abitur, studierte, es folgt eine Hochzeit, zwei Kinder, sehr viele Bücher und jede Menge Todesfälle. Wie es scheint, hielten sich die genialen Ekstasen und die Exzesse der Kunst in Grenzen, doch sein Lebensbuch, seine Autobiografie ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend, hinreißend, rührend und klug. Kühn gelingt das Kunststück, aufregend über ein alles in allem wenig aufregendes Leben zu erzählen. Seine Kunst besteht unter anderem darin, so von sich zu erzählen, dass der Leser unversehens in die Rekonstruktionsarbeiten an seinem eigenen Leben gerät. Wir lesen Kühn und gleiten in die Labyrinthe der eigenen Erinnerung.

Was ist das eigentlich: ein Leben? Und was ist erst mein Leben? Beginnt das mit meiner Geburt, bei der ich zwar zugegen gewesen sein muss, ohne das Geringste davon zu wissen? Ein Leben, das ist eine Art undeutliches, konturenloses Gerücht. Das "besteht" aus unendlich vielen verstreuten Informationen, die sich bei näherer Betrachtung bald als ziemlich unsicher, perspektivisch, einseitig und widersprüchlich erweisen. Und selbst wenn man die Daten und Fakten einigermaßen klären und zuordnen könnte, bleibt die Frage: Wie verbindet man dies mit jenem? Wie stiftet man Sinn? Wie kommt der Lebenslauf in Gang?

"Ich im Kindergarten. Die (einzige!) Erinnerung daran macht sich fest an einer Bestrafung: Wegen einer Ungebührlichkeit, die ich vergessen habe, wurde ich in eine Besenkammer eingesperrt – eng, völlig finster. In meiner Erinnerung aber keine Panik, kein Aufbegehren, vielmehr die Assoziation: Zwar ist die Luft muffig, doch ich bin von warmer Finsternis umhüllt. Ich kann den engen Raum austasten, also kann mich nichts mehr überraschen: Da sind die Wände ... Da sind Regalbretter … Da sind Besenstiele ... Da ist ein Eimer. Kein Weinen, kein Betteln – es bleibt, auch bei genauem Hineinhorchen in jene Situation, die Stille in der staubig muffigen Finsternis, in der sich eine kleine Öffnung in der Tür zum umranden beginnt: das Schlüsselloch?

Zum stillschweigenden Pakt mit der Leserschaft gehört nun auch, folgerichtig, dass ich nicht dramatisieren will, was nicht als dramatisch empfunden wurde, im Zeitpunkt des Erlebens, der Erfahrung. Hier wäre durchaus ein Stichwort gegeben für nachträgliche Dramatisierung. Schließlich handelte es sich um eine drakonische Strafmaßnahme."

Kühn traut sich nie so ganz über den Weg

So ist das. So bleibt das. Kühn befragt seine Erinnerungen, traut sich nie so ganz über den Weg, er will sich auf die Spur kommen. Aber über alles interessiert ihn - skrupulöser Archäologe seiner selbst - die genaue Ausschachtungsarbeit. Er verpasst sich keine Legende, stattet sein Leben nicht mit einer Lesart aus und stiftet keinen Sinn. Ein paar Traumatisierungen hier, ein paar Spleens dort, die kühle Mutter, der militärisch geprägte Vater. Daraus müsste sich doch eine Geschichte machen lassen. Die mag es geben. Doch nicht in diesem Buch. Hier geht es um etwas anderes: Sagen wir mal: eine Vorbesichtigung, eine Materialbeschreibung, eine Abklärung der Umstände, mögliche Zusammenhänge werden diskutiert, aber nicht beschlossen. Der Autor beobachtet sich bei der Selbstbeobachtung, fällt sich ins Wort und meidet die gängige Lebenslaufrhetorik, die Bildungsromane des Ich:

"Memoiren kann und werde ich nicht schreiben. Dazu muss man mehr an der Geschichte seiner Zeit als an der Geschichte seiner selbst interessiert sein, muss, in möglichst gehobener Position (wie etwa, seinerzeit, André Malraux) vom Umgang mit richtigen Zeitgenossen, berühmten Persönlichkeiten berichten können (etwa als Kunsthändler, speziell von Picasso). Hier hätte ich wenig zu bieten. Zwar habe ich mal während eines Urlaubs in Cadaques, im nahen Figueras bei Salvador Dali angeklingelt, spontan, und ich wurde, ebenso spontan, im skurrilen Bau mit ausgestopftem Bär im Flur und Riesenei im Hof umher geführt vom Hausherren, aber das bleibt Anekdötchen; zu meinen Hausheiligen zählt Dali ohnehin nicht, der späte Dali schon gar nicht. Hingegen fast so etwas wie Freundschaft mit Böll - darüber ließe sich manches schreiben, hier würde Takt jedoch einige Grenzlinien ziehen. (…) Nein, kein Memoirenstoff im Angebot, Memoiren würden mich auch als Form nicht interessieren. Hingegen glaube ich facettenhaft vermitteln zu können, was für mich in meiner Zeit charakteristisch ist. Dies (so schnappe ich das auf) in bewusstem und betontem Verzicht auf "ästhetisierende Harmonie als Kohärenz stiftende Größe“.

Die große Konstante: die Arbeit an den Eltern

Dieter Kühn als Generalinspizient seiner Lebensbühne - das könnte auch rasch langweilig werden oder in einen raffiniert eitlen Lebensroman ausarten. Wäre der Autor nicht so uneitel und wäre er vor allem nicht dieser großartige Schriftsteller. Denn das muss man schon können: einen Leser gleich zu Anfang auf große Ahnenerkundungsfahrt mitzunehmen, die zu so romanesken Metropolen wie Rheydt am Niederrhein oder Stadtilm in Thüringen führt. Da lernen wir dann Kürschner, Kaufleute und Kommandanten kennen, die irgendwie mit Dieter Kühn verwandt sind. Nicht gerade aufregendes Personal und wenig prickelnde Geschichten. Doch wie Kühn uns an der Entdeckung teilhaben lässt, wie er - der 1935 Geborene - von Charakteren, Temperamenten, Berührungen aus der Tiefe des 19. Jahrhunderts "be-stimmt" ist, das ist dann durchaus wieder aufregend. Und er macht das eben so, dass der Leser, wenngleich mit ganz anderen Vorfahren, anderen Erfahrungen beladen und keineswegs seines Jahrgangs, genau die Kühnsche Erfahrung am eigenen Beispiel zu spüren und gar zu erkunden beginnt. Das ist die hier ganz und gar gelingende Kunst: Vom Besonderen so zu erzählen, dass darin das Allgemeine aufscheint.

Wie viele andere hat auch Dieter Kühn offenbar erst in fortgeschrittenem Alter begriffen, dass er seine Eltern kaum gekannt, beharrlich immer nur aus der engen Perspektive eines Sohnes wahrgenommen hat. Aber was waren das für Menschen? Wo kamen sie her? Was hat die geprägt? Mit welchen Erfahrungen mussten die fertig werden? Staunend liest er in alten Briefen, studiert vergilbte Aufzeichnungen, fahndet nach Informationen und Dokumenten. Das ist vielleicht der röteste Faden, die große Konstante in seinem Lebensbuch neben Kühn selbst: die Arbeit an den Eltern, die Rekonstruktion von Vater und Mutter, Personen, deren "Objektivität" in der seltsamen Intimität einer Familie stets verschwindet.

"Das emotional unterkühlte Klima der häuslichen Ordnung, in der ich aufwuchs. Ja, die Zuwendung, die sich vor allem als Zuteilung erwies, von Essen, von Wäsche, von Ermahnungen, Vorhaltungen - hier will ich, kann ich mich nicht durch Darstellung rächen. Schon gar nicht, wenn ich die Vorgeschichte sehe, in der ich als Kind eine Rolle spielte, wenn ich die Sozialisierung der Frau realisiere, unter deren Sozialisierung ich schon mal zu leiden hatte. Ich muss hier Details nicht wiederholen, nur Stichworte: Helene fühlte sich von ihrer Mutter nie anerkannt, ja wiederholt gedemütigt. Die Strenge ihrer Eltern in Korrespondenz zum dominierenden wilhelminischen Ordnungsdenken, auch zu jüdisch-evangelischem Erfolgsdenken - et cetera. Die Kette, an die ich mich gelegt fühlte, von der ich mich mit etwa 17 losgerissen hatte, sie ist in Generationen geschmiedet worden."

Erinnerung besteht aus ein paar Dutzend Bildern

Vergangenheit gibt es nicht einfach, Vergangenheit muss man finden und erfinden, um von ihr erzählen zu können. Im ersten Teil seiner Autobiografie betätigt Kühn sich gewissermaßen als Historiker seiner selbst – er sucht in Fotoalben, Datenbanken, Familienzeugnissen oder Dokumenten nach der Person, die vor 60/70 Jahren bereits seinen Namen trug: ein Junge, der in Köln-Bayenthal aufwuchs, bevor die Mutter 1941 die Familie an den Ammersee außer Reichweite des Bombenkriegs bringen konnte, er erlebte die amerikanische Besatzungszeit, ging zur Schule und er entdeckte die Mädchen. Allein, all das bildet in der Erinnerung keinen Zusammenhang, die Erinnerung besteht aus ein paar Dutzend oder bestenfalls ein paar Hundert Bildern. Es ist nicht so wie Camus Held Meursault glaubt, dass es reicht, einen Tag gelebt zu haben, um davon jahrelang in der Erinnerung zehren zu können. Erinnerungen sind dünn und sie sind oft trügerisch – es sei denn man befragt sie, man unterstützt sie durch mühsame Sucharbeiten, man sichert sie durch Zeugen oder Zeugnisse. Kühn findet den kleinen Dieter nicht in seinem Herzen, nicht im Fruchtwasser seines Gedächtnisses, sondern als Produkt einer genauen und intensiven Recherche. Manchmal wundert er sich, manchmal bewundert er den Jungen, niemals findet er seine Wurzeln, den Wesenskern seiner selbst. Er entdeckt seine Umstände, nicht sich.

"Zu den Vorarbeiten, Begleitarbeiten an diesem Projekt gehört: Aufräumen, Sichten, Sortieren von Materialien in Papierform, in Jahrzehnten angesammelt, aufgehäuft, zuerst im Wandschrank des Arbeitszimmers in Düren: Chronologie nur in sukzessiven Anhäufungen, die ich auf sich beruhen ließ.

Dass meiner Erinnerung nachgeholfen werden muss, zuweilen, zeigen Fundstücke, die mich total überraschen. So habe ich immer wieder erklärt, erzählt, erwähnt, "im Brustton der Überzeugung", ich hätte nie Tagebuch geführt. Und dann finde ich ein quadratisches Leerbuch, längst aus dem Leim gegangen, rotbraun der Pappumschlag, und als Titelblatt die Inschrift, in ordentlichen Buchstaben mit Füllfederhalter und roten Unterstreichungen: "Tagebuch. Dieter Kühn. Begonnen am 22. Dezember 1947." Erstes, eher verlegenes Anblättern, stirnrunzelnd, brauenhebend, und rasch die kleine Erleichterung: Meine Erinnerung hatte das Tagebuch leicht aussortieren können, es waren nur etwa 20 Seiten. Dann brach ich, brach jenes Kind ab, das mit zwölf noch verdammt kindlich war, nicht nur in der akkuraten Schrift."

Ein zuverlässiger Ermittler der Umstände

Was habe ich mit diesem Jungen zu tun, der als Zwölfjähriger mal ein paar Seiten Tagebuch geschrieben hat - fragt sich Kühn. Und versucht gar nicht erst eine Antwort. Identität scheint eher eine Angelegenheit der Standesämter, der Familienstammbücher, der Ahnenpässe. Aber wenn wir uns unter dem Staub der Vergangenheit rasch aus den Augen verlieren, dann liegt das natürlich auch daran, dass die Zeiten sich erheblich gewandelt haben. Durch unsere Eltern oder Großeltern stehen wir noch im Kontakt mit dem Kaiserreich, aber auch in unsrer Lebenszeit haben sich die Kontexte erheblich gewandelt. Es genügt, einen Tatort aus den 80ern anzuschauen, um sich daran zu erinnern, dass sich die Welt ganz anders angefühlt hat. Weiß natürlich auch Dieter Kühn und nimmt zuverlässig die Ermittlung der Umstände auf. Wie war das, wenn ein Oberschüler Anfang der 50er-Jahre eine Freundin hatte? Was passierte da?

"Die dritte Phase des Petting: die "Eroberung des Busens". Hier konnte die Verteidigung besonders stark sein. Auch bei jungen Mädchen waren Büstenhalter damals selbstverständlich. Und die waren nicht so aufgehaucht leicht und stretchy, die damaligen Produkte der Miederwarenindustrie waren, wie schon angedeutet: wehrhaft. Kleine Fortifikationen streng und fest verzurrter, krankenhausweißer Schalen oder Körbchen aus garantiert undurchsichtigen Materialien, verstärkt und versteift durch Elemente, die heute wahrscheinlich gar nicht mehr recycelt werden könnten. Thema spaßhaft ernsthafter Erörterungen unter uns Gymnasiasten waren die oft gestrengen Verschlüsse der BHs. Zwei Grundausführungen: Büstenhalter, die sich am Rücken öffnen ließen, waren die Regel. Praktischer aber war die Version, die sich zwischen den Schalen oder Körbchen öffnen ließ. Wenn schließlich zum ersten Mal die Brüste berührt wurden, konnte aus dem (ähnlich sozialisierten) Mädchen ein Laut herauskommen, der nicht eindeutig klar war: kleines Erschrecken oder zaghafte Beglückung? Kurzes Verharren also, bis geklärt war, ob das sanfte Zurechtweisung oder Seufzer der Erleichterung war."

In den ersten Teilen dieser Autobiografie rekonstruiert Kühn den entrückten, den vergessenen und selbstvergessenen Dieter Kühn. Das geht so bis zum Ende der 60er-Jahre. Da gesteht er uns noch schnell immerhin fast zehn Jahre lang Mitglied der FDP gewesen zu sein, ja es sogar bis zum Stadtrat und 2. Kreisvorsitzenden seiner Partei in Düren gebracht zu haben. Vor diesem Geständnis ziehen wir den Hut und auch vor dem literarischen Stadtrat, der unerschrocken Müllverordnungen auf den Weg und Starfighter-Tiefflieger bekämpft hat.

Immer wieder spielt er mit biografischen Möglichkeiten

Anfang der 70er Jahre beginnt Kühns Leben als freier Schriftsteller, und es könnte scheinen, dieser Kühn erschließe sich seiner eigenen Erinnerung und er sei innerhalb bestimmter Entwicklungen aus einem Guss. Doch aus genau dieser Existenzbehäbigkeit will Kühn sich rausschreiben:      

"Es ist nicht so, als hätte ich ein klar konturiertes, zutreffend koloriertes Bild parat von mir selbst, das ich nun, eins zu eins, in das Buchmedium übertrage: so sehe ich mich, so bin ich, so stelle ich mich dar, so möchte ich gefälligst auch gesehen werden. Das ginge so, wenn ich gleichsam in mir selbst einzementiert wäre. Ich wurde aber zu oft aus mir herausgerissen oder: ich habe mich aus mir selbst herausgezogen. Ruhe nicht in mir, gehe immer wieder aus mir heraus, sehe auch schon mal von mir ab."

Im zweiten Teil seines Buches versucht Kühn der chronologischen Ordnung zu entgehen, die so tut, als sei der Lauf der Jahre der entscheidende Lebens- und Erzählfaden. Und so entwickelt er in Anlehnung an den mittelalterlichen Denker Raimundus Lullus eine Art Zufallsmaschine, die mit allen möglichen Themen gefüttert ist und dann eines zufällig auswählt. Und immer wieder spielt der Autobiograf mit biografischen Möglichkeiten, mit Eventualbiografien oder sogar virtuellen Geschichtsverläufen. So beschäftigt ihn ausgiebig der Gedanke, was denn eigentlich passiert wäre, wenn England und Frankreich im September 1939 ihren vertraglichen Bindungen nachgekommen wären und nach dem Überfall der Deutschen auf Polen ihrerseits Deutschland angegriffen hätten? Tatsächlich zeigen Planspiele von Historikern, dass Hitlerdeutschland mit größter Wahrscheinlichkeit binnen weniger Tage militärisch zusammengebrochen wäre. Kühn versucht auszudenken, wie es dann mit Deutschland weitergegangen und was aus ihm geworden wäre. Was ihn daran interessiert: Wenige Entscheidungen auf bestimmten Ebenen hätten alles verändern können, so wie sein Leben durch bestimmte Zufälle eine andere Richtung genommen hat.

Fortwährend kämpft Dieter Kühn auch mit den Grenzen einer solchen Autobiografie, eines veröffentlichten Lebensbuches. Was kann man von seiner Gattin erzählen, was von den Kindern, was von der scheiternden Ehe, den neuen Gespielinnen? Kühn überwirft sich mit seinem Verleger Siegfried Unseld vom Suhrkamp Verlag. Er schildert die Konturen des Streits, doch möchte er bestimmte Einzelheiten nicht veröffentlichen. Und überhaupt: wer sich erhofft hat, hier würden noch mal ein paar literarische Schlachten nachgestellt und alte Infamien aufgekocht, der hat sich gründlich getäuscht. Die Rubriken "people" und "Vips" kommen hier nicht vor.

Von welcher Phase an würden Sätze zu Spreng-Sätzen?

"Wir leben freilich in einer Ära der Indiskretion, in der Öffentlichkeit weithin Anspruch darauf zu haben glaubt, auch Intimes in Erfahrung zu bringen, dennoch lassen sich Grenzen ziehen. Auch zum Selbstschutz. Von welcher Phase an würden Sätze zu Spreng-Sätzen? Das Ambiente verwüsten, in dem ich weiter leben, weiter schreiben will? Die Mutter der beiden Söhne: Sie lebt. Die Filmemacherin, die meinen Lebensfilm entschieden verändert hat, lebt. Es gab kurze, schöne Begegnungen, etwa auf Lesereisen, aber zu erzählen wäre eher von längeren, intensiven Beziehungen."

1.250 Seiten - da steht die Frage im Raum, ob Kühn seinen Lesern nicht ein bisschen viel Kühn zumutet. Tatsächlich könnte die Beschreibung dieses Themenbereichs oder jenes Lebensmoments ein wenig über die Ufer getreten sein. Etwa die Episode des FDP-Lokalpolitikers Kühn hätte man sicher kürzerfassen können, desgleichen mag man sein Engagement gegen eine Umgehungsstraße - obwohl im Bunde mit Heinrich Böll – für nicht ganz so überlieferungswürdig halten. Ließe sich diskutieren. Doch langweilig ist dieses Buch nie. Es ist vielmehr so, dass man manches vermisst. So könnte man glatt vergessen, dass Dieter Kühn 50 Jahre seines Lebens als Schriftsteller verbracht hat.

"Nein, auch hier keine Textproben, und seien sie noch so knapp, um Markierungen zu setzen für die auch in jener Zeit fortgesetzte Arbeit am Schreibtisch. Ich thematisiere weiterhin nur mit kurzen Einschüben das Schreiben, bleibe dabei formelhaft: Ich beginne einen neuen Text … Ich begann einen neuen Text -…. Ich habe einen neuen Text begonnen … ich hatte einen neuen Text begonnen … ich werde einen neuen Text beginnen …"

Ein langes Leben. Viel Stoff. Und natürlich schwant einem spätestens auf Seite 900, dass man selbst schon wieder den kleinen Dieter zu vergessen beginnt, an dessen Entdeckung man doch gerade noch mit viel Vergnügen teilgenommen hatte. Doch die Botschaft dieses Buches sind nicht oder sind weniger die Informationen und Geschichten über den Autor, die Botschaft ist die Poetik. Ist die Art und Weise, sein Leben zu sehen, ein Verhältnis zu sich zu finden und zu unterhalten. Die Größe und Schönheit dieses Lebensbuches besteht darin, dass und wie Dieter Kühn die Fragwürdigkeit seines Lebens beschreibt, ganz wörtlich: Fragwürdigkeit, die fragilen Zusammenhänge, die dunkle Politik der Umstände, die Macht des Würfels, die Sprünge, Brüche, die Ungewissheiten eines Ich, die Improvisationen eines Blindflugs. Niemand muss sich erschrecken. Dieter Kühn geht es um den Reichtum der Lebensveranstaltung.

Dieter Kühn: "Das magische Auge. Mein Lebensbuch."  Verlag S. Fischer, Frankfurt a. M. 2013, 1.275 Seiten, 30 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk