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StartseiteBüchermarktKings unterhaltsamer Horror ohne Seelenverwirrung01.06.2014

Buch der WocheKings unterhaltsamer Horror ohne Seelenverwirrung

In Stephen Kings neuem Buch "Doctor Sleep" fährt eine Truppe Rentner durch die USA, die Mitglieder der Gruppe können hunderte Jahre alt werden. Allerdings benötigen sie dazu eine besondere Form von Energiezufuhr: Ihre Beute sind Kinder mit einer übersinnlichen Fähigkeit, dem sogenannten Shining.

Von Sabine Peters

(picture alliance / dpa / Maja Hitij)
Der US-Bestsellerautor Stephen King zeigt am bei einer Lesung im Congress Centrum Hamburg (CCH) sein neues Buch "Doctor Sleep". (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
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Stephen King: "Traue keinem Schriftsteller" (Deutschlandfunk, Büchermarkt, Stephen King im Gespräch mit Denis Scheck, 31.12.2013)

"Sie Rentner!" - das ist ein beliebtes Schmähwort. Zahlungskräftige Senioren werden von der Werbung hofiert. Der letzte Papst hat unlängst die in seiner Position ungewöhnliche Rolle des Rentners eingenommen. Dagegen verschiebt sich die Hoffnung vieler Normalmenschen auf den Ruhestand mittlerweile um Jahre. Rentner gelten als harmlos, aber lästig - und jetzt hat Stephen King, Meister des Horrors, einigen Menschen dieser Altersgruppe die Aufgabe übertragen, das Böse zu repräsentieren.

In seinem neuen Roman "Doktor Sleep" kutschiert eine Truppe von nur scheinbar normal- nervigen Rentnern in ihren Wohnmobilen durch die USA. Ihr Verein nennt sich "der wahre Knoten", und ihr Mantra lautet: "Wir sind der wahre Knoten, und wir dauern fort. Wir sind die Auserwählten. Wir sind die Glückseligen." Das mit dem Fortdauern muss ernstgenommen werden, denn die Knotenmitglieder können durchaus ein paar hundert Jahre alt werden. Das erfordert allerdings eine besondere Form von Energiezufuhr. Die auserwählten Ruheständler sind keine banalen Blutschlucker wie die Vampire in Kings Roman "Brennen muss Salem". Sie überfallen nicht jeden beliebigen Menschen – Menschen werden von ihnen "Tölpel" genannt - sondern sie leben von einer besonderen Speise, genauer, von einem steam, einem Hauch. Ihre Beute sind Kinder mit übersinnlichen Fähigkeiten, dem sogenannten Shining. Solche Kinder können in die Köpfe anderer Menschen eindringen, deren Vergangenheit erinnern oder ihre Gegenwart miterleben. Sie können Zukünftiges vorhersehen, Gegenstände bewegen und dergleichen mehr. Die bösartigen Rentner lieben solche begabten kleinen Menschen. Daher nomadisieren sie unerkannt durchs Land; sie entführen und foltern die Shining-Kinder, um dann den steam der Sterbenden einzuatmen bzw um ihn für magere Zeiten zu konservieren.

"Doctor Sleep" knüpft an Shining an

Mit "Doctor Sleep" knüpft Stephen King an seinen 1977 erschienenen Roman "Shining" an, der von Stan Kubrick verfilmt wurde. King war mit diesem Film nicht glücklich. Aber dann fragten seine Fans ihn, was denn aus dem hellsichtigen kleinen Dreiradfahrer Danny geworden sei, der im abgelegenen Hotel Overlook mit allerhand bösen Geistern und mit einem alkoholkranken, wahnsinnigen Vater zu tun hatte. Man muss das Buch "Shining" nicht kennen, um den neuen Roman zu verstehen, denn King rekapituliert die Geschichte von Dan gleich zu Beginn des neuen Romans.

1981 ist Dan acht Jahre alt, und obwohl der Horror des Overlook-Hotels vorbei ist, suchen die Untoten von dort ihn immer noch heim. Da liegt dann beispielsweise eine ihm entsetzlich gut bekannte, grünliche, nach Verwesung stinkende alte Frau im Badezimmer in der Wanne, grinst ihn an und will ihn erwürgen. Immer wieder tauchen solch rachsüchtige Geister in Dans Leben auf, und der Erwachsene versucht, diesen Terror mit Alkohol zu bekämpfen. Das läuft nicht gut. Ständig stürzt er ab, verwickelt sich in Schlägereien, verliert seine Jobs; er zieht einsam von Stadt zu Stadt – eine gescheiterte Existenz. In New Hampshire aber gelingt ihm aus nicht näher erklärten Gründen der Ausbruch aus dem Gefängnis der Sucht. Er wird ein Mitglied der anonymen Alkoholiker, findet Freunde. Er findet auch Arbeit in einem Hospiz, und weil er den Sterbenden so freundlich beisteht, nennt man ihn Doctor Sleep. Zu diesem Zeitpunkt nimmt sein rätselhafter telepathischer Kontakt zum Mädchen Abra konkrete Züge an. Wer Abra heißt, also so ähnlich wie das Zauberwort "Abrakadabra", muss übersinnliche Fähigkeiten haben. Abra ist schon als Säugling extrem begabt, schon aus der Wiege heraus reagiert sie am elften September 2001 brüllend auf den Anschlag auf das World Trade Center – sie ist eine Art emotionaler Echokammer für individuelle oder kollektive Großereignisse. Als sie einige Jahre später wahrnimmt, wie die bösartigen Knotenmitglieder den elfjährigen Jungen Brad entführen und zu Tode quälen, will sie dem Morden ein Ende bereiten und trifft Dan, der sich auch noch als Erwachsener ein gewisses Shining bewahrt hat. Damit beginnt der Kampf der Guten gegen die Bösen, also: Ein Kind, ein trockener Alkoholiker, ein Arzt und ein alter Mann gegen die Knotengang unter der Führung einer schönen Frau namens Rose. Und es stellt sich die bange Frage: Kann Abra in der Rodalle des Lockvogels und mit Hilfe ihrer Freunde die Schurken besiegen, oder wird sie deren besonders fette Beute?

Der Schrecken hält sich in Grenzen

Sehr bange muss man nicht sein; im Vergleich mit anderen Büchern Kings hält sich hier der Schrecken in Grenzen. Das hat verschiedene Gründe. Erstens gibt es abstruse Entwicklungen in "Doctor Sleep", die einfach zum Lachen reizen oder aber sogar Mitleid mit den Knotenleuten auslösen; dazu später noch. Zweitens verzichtet Stephen King im neuen Roman weitgehend darauf, Ekelerregendes darzustellen und Grausamkeiten breit auszumalen. Zum Vergleich: Bret Easton Ellis schildert in seinem Roman "American Psycho" derart minutiös, wie die Hauptfigur Leute abschlachtet, dass die Lektüre einer Körperverletzung gleichkommt. King setzt hier weniger auf Ekel und Horror – Horror als tatsächlich beobachtetes Geschehen – er setzt auf das, was er selbst in seinem Sachbuch "Danse Macabre" von 1981 "Terror" nennt, das heisst es geht ihm darum, durch die nicht dargestellte oder nur angedeutete Gewalt die Fantasien des Lesers in Gang zu bringen. Da wird also von dem elfjährigen Baseballspieler Brad erzählt; auch er ist wegen seines Shinings eine Art übersinnliches Vitamin für die Knoten-Leute, für Rose, Barry the Chink und all die anderen.

An diesem Tag lief es im Training besonders gut, aber während der anschließenden Teambesprechung war Brad irgendwie in den Wolken. (((Als man ihm eine Limo aus dem mit Eis gefüllten Kübel anbot, lehnte er ab. ... "Was ist denn los, Junge? Du siehst irgendwie krank aus." Brad ging es tatsächlich nicht gut. Als er am Morgen aufgewacht war, hatte er Kopfschmerzen gehabt und sich ziemlich fiebrig gefühlt. Allerdings war das nicht der Grund, weshalb er jetzt nach Hause gehen wollte; er hatte einfach das Gefühl, nicht länger auf dem Baseballplatz sein zu wollen. Seine Gedanken schienen ihm irgendwie nicht selber zu gehören. Er war sich nicht sicher, ob er tatsächlich da war oder alles nur träumte – was ihm völlig irre vorkam.))) Abwesend kratzte er an einem roten Fleck an seinem Unterarm.... Er schlug sich in das Maisfeld hinter der Tribüne, um eine Abkürzung zu der zwei Meilen entfernten Farm zu nehmen. Als er auf der Town Road D wieder herauskam und sich mit einer langsamen, träumerischen Handbewegung Spinnweben aus den Haaren strich, wartete ein mittelgroßer WanderKing mit laufendem Motor auf dem Schotter. Daneben stand lächelnd Barry the Chink. "Na, da bist du ja", sagte Barry. "Wer sind Sie?" "Ein Freund. Steig ein. Ich bring dich nach Hause." "Okay", sagte Brad. So wie er sich fühlte, ließ er sich gern mitnehmen. Er kratzte an dem roten Fleck auf seinem Arm. "Sie sind Barry Smith. Sie sind ein Freund von mir. Ich werde einsteigen, und Sie bringen mich nach Hause." Er kletterte in das Wohnmobil. Die Tür ging zu. Der WanderKing fuhr davon.... Sie brachten ihn in eine verlassene Ethanolfabrik.... (((Brad war mit Klebeband gefesselt und weinte. Als der Wahre Knoten sich um ihn versammelte (wie Trauernde an einem offenen Grab), sagte er: "Bitte bringt mich nach Hause. Ich verrate es niemand."... Brad richtete den Blick wieder auf Rose. "Werdet ihr mir wehtun? Bitte tut mir nicht weh." Natürlich würden sie ihm wehtun. Das war bedauerlich, aber der Schmerz reinigt den Steam, und die Wahren mussten essen. Auch Hummer verspürten Schmerz, wenn man sie in einen Topf mit kochendem Wasser warf. ... Rose blickte lächelnd auf den Jungen hinab und sagte: "So wenig wie möglich." ...))) Das Licht vieler Taschenlampen hatte ein Stück des Bodens hinter der Ethanolfabrik in einen provisorischen Operationssaal verwandelt. "Bitte töte mich" flüsterte Brad Trevor. Rose the Hat schenkte ihm ein tröstliches Lächeln. "Bald." Aber dem war nicht so.

King spricht in dieser Szene noch von einem blutigen Messer, von den bellenden Schreien des Jungen, aber er sagt nicht genau, was ihm passiert, und in der Verknappung, im Auslassen liegt eine subtile Gewalt. Wo ihm so etwas gelingt, kann man tatsächlich von der Kunst des Horrors sprechen. "Doctor Sleep" wirkte allerdings auf viele Fans zu zahm, auf diversen Internetforen wurde neben aller Begeisterung erklärt, der Roman sei ein harmloses Jugendbuch, erinnere an Harry Potter, es gebe viel zu viele sogenannte "Gutmenschen" und zu viel wohlmeinende Lebensweisheiten – man warte vergebens auf den richtigen Thrill. Was solchen hartgesottenen Fans fehlt, das gibt der literarischen Kritik dies- und jenseits des Atlantik allerdings Anlass zum nachdenklichen Lob. In der New York Times Book Review wie in der FAZ heben so unterschiedliche Autoren wie Margret Atwood oder Dietmar Dath gerade die "Wärme" und die "gütige Unterstützung" des Autors für seine Gestalten hervor. King selbst sagt zwar in seinem Nachwort, "Doctor Sleep" sei nicht mehr von einem wohlmeinenden Alkoholiker geschrieben worden. Böswilligkeit kann man ihm aber nun wirklich nicht unterstellen. Er meint es mit seinen Figuren sehr gut, und zwar auf eine klassisch-religiöse und auf eine amerikanische Weise, die mit der religiösen durchaus verwandt ist.

Von Schuld und Sühne

Dieser Roman spricht von Schuld und Sühne: Als Säufer beging Dan eine Unterlassungssünde, er ließ den Tod eines kleinen Jungen geschehen – jetzt ist seine Hilfe für Abra die Sühne dafür. Der Roman inszeniert das alte Muster: Man muss kämpfen, um das Gute durchzusetzen – er ist gespeist von Erlösungsfantasien. Abras Mutter möchte zwar nicht, dass ihre Tochter den lebensgefährlichen Kampf aufnimmt, aber wenn die es nicht wagt, werden die mörderischen Rentner immer so weitermachen. Umgekehrt würde Abras Tod, das ist die Logik von Rose, der Knotenfamilie "Leben" bringen. Das geopferte Mädchen wäre für ihre Leute eine Art von Medizin. Denn die satanischen Rentner werden, und damit ist man als respektloser Leser beim Lachreiz, sie werden alle miteinander elend krank: Sie haben sich beim Einatmen von Brads steam ausgerechnet die Kinderkrankheit Masern gefangen. Soll man da lachen, oder soll man Mitleid darüber empfinden, dass die Knotenleute rotgefleckt dahinsiechen? Dass nur wenige von ihnen wirklich bekämpft werden müssen?

Man kann an diesem Buch kritisieren, dass die unheimlichen und dann wieder ätzend heimelig wirkenden Rentner im Grunde keine würdigen Gegner im Kampf gegen die begabte Abra und ihre Crew sind. Das Böse hat hier kaum einmal metaphysische, elementare Kraft.

Aber gut, King versucht, die Charaktere auf beiden Seiten zu differenzieren, sie sollen nicht einfach schwarz oder weiß sein. Und so hat er auch seine steamsüchtigen Rentner mit freundlichen Zügen versehen; sie flüstern sich sterbend Liebesworte zu, sie trauern um ihre Toten. Im Grunde sind sie gar nicht das ganz Andere, sondern gleichen den normalen Tölpel-Menschen in vielem auf irritierende Weise. Etwa darin, sich am Unglück anderer zu weiden.

Der Wahre Knoten besaß begrenzte präkognitive Fähigkeiten, aber wenn ein wirklich großes Tölpel-Desaster – eine siebente Welle – im Anzug war, dann spürten sie es alle. Die Einzelheiten des Anschlags auf das World Trade Center waren ihnen zwar erst im Spätsommer 2001 klar geworden, aber schon Monate vorher hatten sie gewusst, dass in New York irgendetwas geschehen würde. Rose erinnerte sich noch an die Freude und die gespannte Erwartung. Wahrscheinlich fühlten sich hungrige Tölpel genauso, wenn sie rochen, dass in der Küche gerade eine besonders schmackhafte Mahlzeit zubereitet wurde ... Wenn eine Katastrophe groß genug war, dann hatten die Qualen und der gewaltsame Tod selbst bei gewöhnlichen Menschen eine anreichernde Wirkung.

Hält man sich den ganz gewöhnlichen Katastrophentourismus vor Augen, dann hat diese abstoßende Bemerkung durchaus einen Sinn. Die Knotenleute bzw "das Böse" leben eben nicht in irgendeinem Außerhalb. Zu den existenziellen Einsichten des Horrorromans gehört die Tatsache, dass das Böse in uns steckt. In Kings Roman steckt es selbst in der normalerweise sehr braven Abra, die ihre diabolische Freude am Tod von Rose hat. Dan legt ihr nahe, dass sie künftig lernen muss, ihren Hass und Zorn in Zaum zu halten und mit ihren paranormalen Fähigkeiten verantwortungsbewusst umzugehen.

Angst, Furcht, Zorn und Hass nicht leugnen

Freundlich gesagt, geht es in dem gesamten Buch darum, Angst und Furcht, Zorn und Hass nicht zu leugnen, sondern anzuerkennen und dagegen einen klaren Durchblick und die Fähigkeit zur Empathie zu setzen. Das ist schön gedacht, vielleicht zu schön, und überhaupt können einem die vielen sentenziös formulierten Lebensweisheiten in diesem Buch auf den Geist gehen. Liest man einen Horrorroman, um weise und menschenfreundlich zu werden? Das ist doch so, als würde man Krimis lesen, um sich sozialkritische Argumentationen anzueignen. Es kommt schon sehr darauf an, w i e Autoren ihre diversen Herzensanliegen jeweils in einem Buch unterbringen, und King reibt dem Leser sein Anliegen sehr deutlich unter die Nase. Als Prediger ist er mit allen Wassern gewaschen, vor allem, wenn es um das Thema Sucht geht. Da malt er schillernd Höllenqualen aus, stellt dagegen eher blasse, pastellfarbene Bilder inneren Friedens; er lässt auch harte Männer Tränen vergießen und schreckt sowieso vor Kitsch nicht zurück. Ein altersmilder Autor?

"Doctor Sleep" ist ein braves Buch, und brav, das bedeutet etymologisch "wacker", "tapfer", aber auch "folgsam". Ja: Es wird schon wacker gekämpft - aber der Horror ist kein seelenverwirrender, in seiner Sinnlosigkeit entsetzender Horror. Der Roman hat neben seinem Unterhaltungswert eine deutliche kathartische Funktion, er dient der Läuterung und Besserung der Figuren bzw. des Lesers. Wer "Doctor Sleep" liest, wird garantiert kein gewalttätiger Rentner, sondern erfährt vor allem etwas über Suchtkrankheit und über Familiendramen. Grauenvoller als die Sucht der Knotenleute nach dem steam ist das familiäre Erbe, das Dan zu zerstören droht. Noch nach mehr als zehn Jahren Nüchternheit ist er tief verstrickt in die traumatischen Kindheissteitserinnerungen an den wahnsinnigen Alkoholikervater. Viele Jahre seines Lebens litt Dan unter einem Wiederholungszwang, musste die Vaterstory, die Trunksucht immer wieder selbst inszenieren, bis er ausbrechen konnte und sich festigte.

Wechselt King vom Horror hin zur Seelenkunde?

Wechselt King vom Horror hin zur Seelenkunde? Beide Bereiche überlappen sich, und nicht nur in der Figur des versehrten und bemühten Dan. Auch das Mädchen Abra ist ein Charakter, bei dem sich jeder Psychoanalytiker die Hände reiben würde. Sie ist ein Musterbeispiel für einen Typus, den der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit in Anlehnung an die Psychoanalytikerin Alice Miller als "braves Kind" bezeichnet. Die mit magischen Fähigkeiten begabte Abra: Ein folgsames Mädchen, das den Eltern nichts als Freude bereiten möchte. Doch es kommt der Tag, an dem sie den ahnungslosen Eltern im Beisein des freundlichen Dan erklären muss, dass die Knotenleute tatsächlich existieren und dass sie selbst den Kampf aufnimmt. Dave und Lucy wussten, dass ihre Tochter spezielle Gaben hat. Aber waren das nicht Kindheissteitsmacken, die sich auswachsen würden?

"Und wir dachten, wir hätten es überstanden." Dave warf Abra einen vorwurfsvollen Blick zu. "Wir dachten, bis auf ein paar kleine Vorahnungen wäre sie darüber hinweg." "Es tut mir leid, Daddy." Abras Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Vielleicht sollte es ihr nicht leidtun müssen", sagte Dan und hoffte, nicht so zornig zu klingen, wie er sich fühlte. "Sie hat ihre Fähigkeiten verborgen, weil Sie und Ihre Frau wollten, dass sie sich in Luft auflösen. Sie hat sie verborgen, weil sie Sie liebt und eine gute Tochter sein wollte." ((("Hat sie Ihnen das etwa erzählt?" "Wir haben nicht mal ansatzweise über das Thema gesprochen", sagte Dan. "Aber ich habe auch sehr an meiner Mutter gehangen und deshalb hab ich mich als Kind ganz genauso verhalten."... ))) Abra sah ihren Vater an. "Als ich vorhin Scheiße gesagt hab, war das nicht ich, das war einer von den Knotenleuten".... Sie stellte ihre Cola auf den Couchtisch und schlang die Arme um ihren Vater. "Bitte, Daddy, sag es niemand. Ich würde lieber mit denen mitgehen, als dass sie Mama oder dir wehtun." .... Dave zog die Tochter sanft an
einem ihrer Pferdeschwänzchen. "Du hast also tatsächlich nichts von deiner Fähigkeit verlernt, stimmts? Ich weiß bloß nicht, wieso du uns nie etwas davon erzählt hast, Abba-Doo." Dan, der ebenfalls mit dem Shining aufgewachsen war, hätte die Frage sofort beantworten können. Manchmal mussten Eltern eben beschützt werden.

Man sagt keine schmutzigen Wörter. Man mutet seinen Eltern keine Eigenarten zu. Mama und Papa sollen nie leiden, lieber opfert man sich selbst, man schützt die Eltern bzw errettet gleich die Menschheit vom Bösen – das ist das Muster "braves Kind". Abra ist schon sehr berechenbar, sie folgt einfachen Regeln.

Und über diesem Eindruck von der Figur Abra kommt man einmal mehr ins Stutzen über das gesamte Buch. Trotz aller Spannungsmomente, mit denen der Roman von einem Höhepunkt zum nächsten vorangetrieben wird, trotz der gekonnten Übergänge vom Banal-Behaglichen ins Gefährliche, und trotz des Lebensdramas von Dan lässt einen das Ganze vergleichsweise kalt. Viele frühere Bücher Stephen Kings lebten tatsächlich davon, dass das Böse leuchtete. Normalerweise geltende Regeln wurden außer Kraft gesetzt, der blanke Wahnsinn brach aus.

Regelrechter Pageturner

Ja: Das neue Buch ist wieder ein regelrechter Pageturner, man möchte von Kapitel zu Kapitel wissen, wie sich alles löst. Ja: Stephen King ist ein Meister darin, die alltäglichen Wonnen und das Nervtötende im Dasein amerikanischer Mittelständler auszumalen. Aber: In "Doctor Sleep" läuft der Kampf letztlich sehr schematisch ab, und es wird einem auch viel zu oft erklärt, wo man sich gerade befindet. Was hat "Schema" mit Grauen zu tun? Bis auf wenige Ausnahmen wird darauf verzichtet, an Unvorstellbares, Unverstehbares zu rühren und damit an die Urängste der Leser anzuknüpfen.

King will den Leser zwar immer noch "abholen", wie man so sagt. Aber er holt sie nicht bei ihren irrationalen Gefühlen ab - sondern bei ihren Spielgewohnheiten. Wer Computerspiele wie "Final Fantasie" kennt, weiß, was da funktioniert: In einer Welt voller Gefährdungen und Drohungen geht es darum, hilfreiche Gegenstände und Waffen zu sammeln, Energie zu gewinnen, Bündnisse zu schließen. Für die Spieler geht es kaum um Erfahrungen mit dem Grauen, sondern schlicht und einfach um die technische, strategische Frage: Wie vernichte ich den Gegner möglichst geschickt und schnell. Exemplarisch dafür ist die erste Falle, die Abra der bösen Knotenfrau Rose stellt. Rose ist in Abras Kopf eingedrungen, dort will sie aus sonderbaren Aktenschränken mit unzähligen Schubladen Informationen über die Gegnerin sammeln.

Dann landete sie in einem großen Raum, in dem ein Mädchen mit Zöpfen Fahrrad fuhr und dabei ein albernes Liedchen trällerte. Das war der Traum des Mädchens, den Rose beobachtete. Aber sie hatte Besseres zu tun ... Voller Selbstvertrauen zog Rose eine der Schubladen auf. In dem Augenblick, in dem sie hineingriff, begann ein ohrenbetäubender Alarm zu kreischen ... Bevor sie die Hand aus der Schublade ziehen konnte, schlug diese krachend zu. ... Sie wandte den Kopf und sah, wie das Mädchen sich auf sie stürzte. Bloß war es gar kein Mädchen mehr. Es war eine junge Frau, die ein Lederwams mit einem Drachen auf der sich wölbenden Brust trug und ein blaues Band um die Haare. Das Fahrrad war zu einem weißen Hengst geworden. Ihre Augen loderten wie die einer Kriegerin. Die Kriegerin hatte eine Lanze in der Hand.

Solche Szenen erinnern an Computerspiele – und damit ist nichts gegen solche und andere Spiele gesagt. Ob "Mensch, ärgere dich nicht" oder "Final Fantasie" – grün schlägt blau und weiter geht's. Das hat mit Horror nichts zu tun. In "Doctor Sleep" liest man von immer neuen Verkleidungen, Vertauschungen, von immer neuen Kampfebenen und denkt sich über weite Strecken doch: Ach, wenn es mich nur gruselte.

Stephen King: Doctor Sleep.
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt. Heyne-Verlag, 704 Seiten, 22,99 Euro.

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