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StartseiteBüchermarktWilliam Gaddis: Die Fälschung der Welt01.03.2014

Buch der WocheWilliam Gaddis: Die Fälschung der Welt

Der Fälscher Wyatt Gwyon ist die Hauptfigur des hierzulande immer noch unbekanntesten Großwerks der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts aus dem Jahr 1955. Diese Lektüre ist kein Spaziergang, meint Rezensent Wolfgang Schneider. Doch wer sich darauf einlässt, kommt in den Genuss unverfälschter Literatur.

Von Wolfgang Schneider

Falsche Fuffziger, wohin man sieht. Die moderne Finanzindustrie treibt ihre Balance- und Bilanzkunststücke mit milliardenschweren Luftbuchungen. Reihenweise abgeschriebene Doktorarbeiten bestärken den Verdacht, dass es in der Wissenschaft viele falsche Vorspiegelungen und potemkinsche Dörfer gibt. In der Kunst machte in jüngster Zeit ein großangelegter Fälschungsskandal Schlagzeilen: Wolfgang Beltracchi hatte nicht nur im Stil der Klassiker der Moderne gemalt, sondern auch mit ihren Unterschriften signiert und die Werke für viele Millionen in den Kunstmarkt geschleust – ein Markt, der wie kaum ein anderer als Spielfeld für Bluff und Betrug erscheint.

Daniel Kehlmann hat all diese Motive in seinem neuen Roman "F" zusammengeführt. "F" steht unter anderem für Fälschung und bietet einen Figurenreigen aus lauter Heuchlern und Hochstaplern. Eine der Hauptfiguren ist der Kunstfälscher Iwan, der dem Beltracchi-Fall nachgeschrieben scheint und zugleich wie eine Bonsai-Variation von Wyatt Gwyon wirkt.

Wyatt Gwyon?

So heißt die Hauptfigur des hierzulande immer noch unbekanntesten Großwerks der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Die Rede ist von William Gaddis Roman "Die Fälschung der Welt" aus dem Jahr 1955. Schon der Titel macht deutlich, wem Kehlmann die Grundidee verdankt. Höchst passend, dass dieses monumentale Buch jetzt noch einmal aufgelegt wurde – in der feingeschliffenen, noch einmal verbesserten Übersetzung von Marcus Ingendaay.

Gaddis erzählt einen Künstlerroman mit dem metaphysisch unterfütterten Pathos, das diese Gattung im 19. Jahrhundert besaß, erzählt ihn allerdings in völlig neuer Form und mit dem Misstrauen der Postmoderne in alles vermeintlich "Authentische". Wyatt Gwyon lernt mit Inbrunst das Handwerk der Malerei, um es nach dem Versiegen seiner Ambitionen nicht für das Verfertigen originärer Kunstwerke zu nutzen, sondern für die Herstellung angeblich wiederentdeckter Gemälde alter Meister.

"Überall werden deine Gefühle geplündert"

Diese Hauptgeschichte ist eine eigenwillige Adaption der Faust-Legende. Gaddis bettet sie ein in ein Gesellschaftspanorama, in dem "Fälschung" zum Generalschlüssel für verschiedenste Phänomene und Ereignisse wird. Alles ist von diesem Virus angesteckt. "Überall werden deine Gefühle geplündert", meint Wyatt einmal. Es gibt kein wahres Leben im gefälschten. Klar, dass diese Konzeption auf eine irrwitzige Komödie hinausläuft.

Am Anfang steht allerdings eine Familientragödie. Wyatts Eltern, der calvinistische Geistliche Reverend Gwyon und seine Frau Camilla, machen eine Schiffsreise nach Spanien; unterwegs erkrankt Camilla an einer Blinddarmentzündung und wird durch falsche Behandlung ums Leben gebracht – der erste von vielen gewaltsamen Toden. Bei dem Kurpfuscher handelt es sich um Frank Sinisterra, der sich als Arzt ausgibt und später im Roman als Geldfälscher, mit allerdings sehr viel strengerem Berufsethos, in Erscheinung tritt; eine schadenstiftende, aber faszinierende Figur. Bei Sinisterra ist die Verpflichtung der künstlerischen Meisterschaft noch in unangekränkelter Form zu vernehmen. Seine Blüten sind mit geradezu flämischer Detailkunst geschaffene Kostbarkeiten.

"Er begann, das dicke Geldbündel in braunes Packpapier einzuschlagen, konnte aber der Versuchung nicht widerstehen, zumindest einen der Scheine hervorzuziehen und von allen Seiten zu betrachten, murmelnd – "erstklassige Arbeit, so was wird heute ja gar nicht mehr gemacht. Alles ist so billig geworden. Jeder produziert nur noch billig. Wahre Meisterschaft lohnt sich nicht mehr, ich gehöre zu einer aussterbenden Art."

Nach dem Tod seiner Frau kehrt Reverend Gwyon verdüstert nach Neuengland zurück und versinkt in unfrommen Studien: Esoterik, Druidenlehren, Okkultismus, heidnische Rituale. Den Haushalt besorgt ihm die geistig zurückgebliebene, zu Wahnvorstellungen neigende Janet. So legen sich viele Schatten und Bedrückungen auf Wyatts Kindheit. Ein beschreibungsfreudiger Bildungsroman scheint auf den Weg zu kommen, mit den Zwängen und geistigen Subtilitäten des protestantischen Pfarrhauses als Katalysator. Wyatt wächst auf unter der Fuchtel einer Tante von geradezu "mittelalterlicher Glaubensstrenge".

"Sein Vater dagegen schien vom Abenteuer des Alltags zunehmend überfordert. Wann immer er konnte, zog er sich in seine Studierstube zurück, um sich Jahrhundert für Jahrhundert in die Vergangenheit hinabzulassen, bis ihre Stimme, scharf wie die Spitzhacke eines Totengräbers, an sein Ohr drang. Wie die meisten Männer, denen erst spät im Leben Söhne geboren werden, betrachtete auch er Wyatt mit einer Mischung aus Bewunderung und Distanz, sah in dessen Verhalten das Spiel der reinen Logik am Werk, wo zum Vorschein kam, was sich bei ihm nur im Verborgenen hatte entwickeln dürfen."

Als Wyatt zu zeichnen und malen beginnt, sieht die Tante mit der Spitzhackenstimme darin bereits den Abfall vom christlichen Gott, dem allein wahre Schöpferkraft zukomme. Wyatt malt weiter und versteckt seine Bilder unter dem Komposthaufen. Zwar besucht auch er eine kurze Zeit das Priesterseminar, auf keinen Fall aber will er wie ein Gottessohn enden, am Kreuz. Das bleibt am Ende dem Vater überlassen.

"Lassen Sie also um Gottes willen dieses Originalitätsgetue. Und kopieren Sie nur echte Meister."

Schon für den jugendlichen Wyatt treten die Begriffe von Meisterschaft und Originalität auseinander; beim Kunststudium in München bestärkt ihn sein Lehrer Koppel darin.

"Diese romantische Krankheit, diese Originalität, wo man hinsieht, nichts als die traurige Originalität kompletter Stümper. Diese Leute können weder zeichnen noch malen, wollen es auch gar nicht können, Hauptsache ihre Schmierereien zeugen von sogenannter Eigenständigkeit ... Es ist noch keine zweihundert Jahre her, da war diese Art Originalität schlicht verpönt, das Eingeständnis der Unfähigkeit, etwas so zu machen, wie es gemacht wird, und Schluss. Lassen Sie also um Gottes willen dieses Originalitätsgetue. Und kopieren Sie nur echte Meister."

In den späten 30er-Jahren geht Wyatt nach Paris. Die Hauptstadt der Maler wird für ihn zum Erlebnis eines hohlen Kunstbetriebs, eine riesige Fälschung zum Gefallen der Touristen. Ein Kunstkritiker bietet ihm einen Deal: gute Kritik gegen Beteiligung am Erlös der Bilder. Wyatt lehnt schroff ab – und verkauft daraufhin kein einziges Bild. Unterdessen erfährt er, dass eine seiner Kopien des flämischen Malers Memling Furore macht: als "wiederentdecktes" Original. Angewidert kehrt Wyatt dem Kunstrummel von Paris den Rücken und geht zurück nach New York. Jahre später führt er dort eine miese Ehe mit der Möchtegern-Schriftstellerin Esther – und beginnt seine Karriere als Fälscher niederländischer Meisterwerke, als die richtigen Versucher an ihn herantreten. Für den mephistophelischen Part stehen zwei gegensätzliche Figuren, die sich zuarbeiten: der jesuitisch erzogene Intellektuelle und Kunstkenner Basil Valentine, mit dem sich Wyatt subtile Debatten liefert, sowie der skrupellose Geschäftsmann Recktall Brown, der schon durch seinen schön unappetitlichen Namen als Dunkelmann kenntlich wird. Ob er falsche Medizin oder falsche Bilder verkauft, ist ihm ganz einerlei.

"Eine x-beliebige Chemikalie für weniger als vier Cent der Liter ist in ihrer Wirksamkeit unschlagbar, solange man sie nur in der richtigen Flasche und mit entsprechendem wissenschaftlichem Tamtam verkauft. Und die Leute bezahlen freiwillig einen Dollar und mehr dafür, weil sie es genau so haben wollen. Wir dürfen das Zeug gar nicht billiger verkaufen. Mit deinen Bildern ist es dasselbe. So wie ich die Sache aufziehe, kloppen sich die Idioten um jedes Bild, das ich auf den Markt bringe. Natürlich wissen sie nicht, woher ich es habe, sie wollen es gar nicht wissen. Sie wollen verarscht werden. Das Wunder ist, dass alle, sogar die sogenannten Experten davor in die Knie gehen. Sie alle wollen nämlich nur das eine. Sie wollen Ruhm und Ehre für eine Entdeckung, die ich ihnen ermögliche."

Die beiden feinsten Fälscher des Buches, der zergrübelte Wyatt Gwyon und seine travestierter Gegenpart, der Geldfälscher Frank Sinisterra, sind die wahren Künstler, verglichen mit all den Betriebsnudeln, Trendsurfern, Möchtegernautoren und Scharlatanen, die den Roman bevölkern. Alle Figuren sind auf je eigene Weise Trickser und Täuscher, kuriose Gestalten wie der verhinderte Schriftsteller Mr. Feddle, der die Bücher anderer Autoren signiert, als hätte er sie selbst geschrieben. Oder wie Otto Pivner, der mit wichtiger Miene Sätze für sein erstes Stück mit dem bedeutungshubernden Titel "Die Eitelkeit der Zeit" sammelt, aber vor allem damit beschäftigt ist, sich selbst möglichst interessant zu inszenieren. Er arbeitet auf einer lateinamerikanischen Bananenplantage und kehrt zurück nach New York mit einer melodramatischen Armschlinge, die auf eine Verletzung in revolutionären Wirren hindeuten soll – in Wahrheit ist der Arm unversehrt.

Gaddis zweites Großepos "JR", 1975 erschienen, handelt von einem kaum dem Kinderzimmer entwachsenen Mozart der Spekulation, der aus dem Nichts ein Firmenimperium aufbaut: ein Virtuose der Leasing-Manöver, Steuervorteile, Abschreibungen und Liquidationen. Der Roman illustriert in burlesker Zuspitzung eine Ökonomie, die sich völlig abgekoppelt hat vom realen Leben und Leiden, Arbeiten und Wirtschaften der Menschen. Die tausend Seiten von "JR" bestehen fast ausschließlich aus Gesprächen und Gesprächsfetzen, deren Sprecher allerdings nicht ausgewiesen werden. Der Leser wird hineingeschickt in eine brabbelnde Kakophonie der Stimmen, in der er sich allerdings nach einer Weile zurechtzufinden lernt. Denn die Kunst dieses Autors besteht darin, fast allen Figuren eine markante sprachliche Physiognomie zu geben. Gaddis ist der größte Dialogschreiber der amerikanischen Literatur, ein genialischer O-Ton-Sammler und Schnitt-Techniker.

In seinem ersten Roman ist er noch auf dem Weg zu dieser radikal dialogischen Methode. Hier ist er noch als wütende Erzählstimme zu vernehmen. Das ist weniger souverän, hat jedoch seine Reize. Es gibt ambitionierte Beschreibungen, moralisierende Kommentare, manchmal etwas gesucht klingende Stadt- und Landschaftsschilderungen. Ganz entschieden wendet sich Gaddis gegen die literarische Mode von 1955, die Lakonie Hemingways – auch nur eine Fälschung der Welt. Durch den Roman geistert ein Hemingway-Doppelgänger, der meist an irgendwelchen Bars steht und "Was trinken wir?" fragt. Wyatt polemisiert:

"Ich meine, man kann heute kaum noch ein Buch aufschlagen, das sich nicht anhört wie ein Zeitungsbericht, so in der Art, erst passierte A, dann passierte B, dann C, dann D, keine Adjektive, keine langen Sätze, kein Kunstgriff, der sich nicht von selbst versteht, und diese Leute glauben auch noch, dass sie wirklich glauben, so wie sie es sehen, so ist es auch ... Wer weiß schon, was alles passiert ist? Es sei denn, man hat einen alten, unrasierten Mann, völlig allein in einem Boot, und der vertauscht gewissermaßen die erste mit der dritten Person. Aber wann hat man schon einen alten, unrasierten Mann in einem alten Boot."

"Die Fälschung der Welt" ist als amerikanischer Nachfolger des "Ulysses" gepriesen worden. Aber die Assoziationsströme, inneren Monologe und Phantasmagorien, die bei Joyce auf die literarische Darstellbarmachung des menschlichen Bewusstseins und Seelenlebens zielen, haben kaum Entsprechungen bei Gaddis. Das Innenleben (von Wyatt abgesehen) interessiert ihn wenig; er ist ein literarischer Verhaltensforscher, der akribisch notiert, wie die Figuren agieren und vor allem: sprechen. Der Mensch, wie Gaddis ihn sieht, definiert sich durch Rede. Seine Romane sind gewissermaßen ins Riesenhafte gewucherte, unspielbare Theaterstücke.

Die satirische Grundhaltung verstärkt sich im Lauf des Romans. Manchmal wird die Belustigung anstrengend, vor allem in jenen Kapiteln, die über hunderte von Seiten die Phrasen und Hohlheiten der Party people von Greenwich Village vorführen.

"Ein junger Mann mit Perlmuttbrille, der sich an einer Abhandlung mit dem Titel 'Demokratie und die Erziehung zur kontrollierten Darmentleerung' festhielt, sagte – 'New York muss man von innen heraus verstehen. New York existiert nur als soziales Grenzerlebnis.' Jemand anderes sagte – 'nun, komm mir nicht damit, dass er es ernst meint. Er probiert es eben jetzt mit Rom, wie andere Leute ein neues Kochbuch ausprobieren.' Jemand kreischte – 'schwul! In seiner Wohnung sind sogar die Kakerlaken schwul.'"

Mit dem Gerede gibt Gaddis nur die flache Oberfläche der Figuren; ihre wahren Nöte, Hoffnungen und Ängste sind allenfalls ahnbar. Statt explizierender Psychologie installiert er eine verzweigte Symbolik, die den Figuren Bedeutung zuweist. Sie bewegen sich in einem spirituellen, tiefenpsychologischen und alchemistischen Bezugssystem, das einen Leitgedanken hat: die Integrität der Persönlichkeit bzw. deren Verlust. Das Unbehagen in der verlogenen Kultur – das ist die Grundidee, die in vielfältigen Variationen durchgespielt wird.

Der Roman ist der karikierende Abgesang auf eine Welt, in der die Kommerzialisierung in die privatesten Winkel dringt. Fernsehen und Radio träufeln ihre Stimmungsmusik, ihr Katastrophen-Entertainment, ihre Werbebotschaften in fast jedes Ohr, an fast jedem Ort:

"Hallo wach mit Zap! Von erfahrenen Ärzten immer wieder gern empfohlen. Erzähl Mutti doch mal von Zap! Zap ist das neue Wundermittel gegen morgendliche Antriebsschwäche. Nur ein einziges Zap vor dem Frühstück, und Mutti zappt sich durch den Tag wie bei der Auferstehung der Toten. Also, liebe Kinder, nicht vergessen. Damit Mutti auch morgen noch die volle Leistung bringen kann, erzählt ihr unbedingt von den tollen Sachen, die ihr von Lazarus, der lachenden Pestbeule, gehört habt. Da ist zunächst Necrostyle, die Schlaftablette, die aussieht wie eine Hostie ... Dann Zap, unser Hallo-wach-Wunder. Und nicht zu vergessen: Cuff! Ihr wisst doch: Cuff macht paff! Und der Pudding gehört euch."

Die mediale und pharmazeutische Durchdringung des Lebens war 1955 ein neues, brisantes Thema. Gaddis bezieht einen elitären Standpunkt, verzichtet aber auf die verschmockte Kulturwahrergebärde. Er parodiert den laufenden Schwachsinn bis hin zu den Ratgeberweisheiten eines Dale Carnegie. So konnte der Roman ungeachtet des kulturkritischen Lamentos zu einer Hauptinspiration des jungen Thomas Pynchon werden, in dessen Werken Popkultur und Slapstick unverzichtbare Bestandteile sind.

In der Mitte des Buchs zieht sich Wyatt aus den Komplikationen seiner New Yorker Existenz zurück, sucht Selbstvergewisserung in der ländlichen Herkunftswelt von Neuengland. Aber Seelenruhe ist dort erst recht nicht zu finden. Sein Vater ist inzwischen zu einem Anhänger des Mithraskults geworden, die alte Haushälterin Janet sieht in Wyatt den falschen Christus, dazu üben sich alttestamentarisch wirkende Gestalten wie sein Großvater, der Stadtzimmermann, in der Verwerfung der modernen Welt:

"Niemand versteht mehr, zu reisen. Ich habe vor einiger Zeit selbst eine Reise unternommen, aber was soll ich euch sagen? Der Zug raste mit sechzig Meilen die Stunde durch die Landschaft, sodass ich am Ende aufgestanden bin und die Notbremse ziehen musste. Bei der Geschwindigkeit konnte man ja gar nichts mehr sehen. Sie haben mich dafür eingesperrt, ausgerechnet mich, und haben sich dafür nicht entschuldigt."

Gereist wird viel, vor allem im letzten Drittel des Romans. Einige Figuren, darunter Wyatt und Sinisterra, gehen nach Europa, während der theatralische Otto es ein weiteres Mal mit Lateinamerika versucht, wo er nun tatsächlich von revolutionären Ereignissen in Mitleidenschaft gezogen wird: Ein strauchelndes Pferd begräbt ihn dabei unter sich. Im Krankenhaus ist er völlig desorientiert.

"Sagen Sie mir endlich, was ist ... was ist mit mir passiert?"

"Langsam, langsam, es handelt sich möglicherweise um ein bisher völlig unbekanntes, neuartiges ... Hören Sie Geräusche, haben Sie zum Beispiel ein dauerndes Klingeln im Ohr?

"Ich höre Sie."

"Ich muss so schreien, oder Sie hören gar nichts. Also: Schwindelgefühl, Übelkeit mit Erbrechen, Gleichgewichtsstörungen, zeitweise Eintrübung bis zum Bewusstseinsverlust, das klingt von der Symptomatik her nicht sonderlich spannend, und trotzdem ... Was würden Sie sagen, wenn eines Tages eine Krankheit nach Ihnen benannt wird?"

"Die Fälschung der Welt" ist ein Buch der unnatürlichen Todesarten; viele Figuren nehmen ein grausiges Ende, es mangelt nicht an Fensterstürzen, Messerstichen, Schüssen. Wyatts Vater, der Reverend, wird schließlich von einem Irren gekreuzigt. Recktall Brown steigt auf einer Party in eine Ritterrüstung und stürzt darin auf der Treppe zu Tode. Solche blutigen Wendungen der Handlung kommen oft beiläufig und ohne Pathos daher. Auch wenn in diesem Roman viel Scheitern, Tragödie und Tod enthalten ist – die verwickelte, labyrinthische Handlung selbst ist kein Spannungstreiber.

Nein, diese Lektüre ist kein Spaziergang. Bei allen Genussmomenten bedeutet sie – zumindest beim ersten Mal – über weite Strecken auch Kampflesen, wie bei so vielen Großwerken der Moderne und Postmoderne. Mal ist man als Leser obenauf, empfindet hohes Leseglück, dann wieder haut einen das Buch zu Boden. So oder so – dies ist kein beliebiger Schmöker, sondern ein Werk, das die eigene Wahrnehmung der Welt ändern kann, unverfälschte Literatur.

William Gaddis: Die Fälschung der Welt. Roman.
Überarbeitete Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Marcus Ingendaay. Nachwort von Denis Scheck. DVA 2013, 1228 S., 34,99 Euro

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