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StartseiteBüchermarktDiese wunderbare Bitterkeit02.02.2017

Buch über TeeDiese wunderbare Bitterkeit

Tee ist nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern der Haltung. Christoph Peters folgt dem kulturellen Phänomen: Von China über den Orient bis Ostfriesland haben sich in verschiedenen Regionen der Welt eigene Vorlieben, Zubereitungsweisen und Rituale für das Getränk entwickelt.

Von Melanie Weidemüller

Ein Tasse grüner Tee (picture alliance / Jens Kalaene)
Eine Tasse grünen Tee in Ehren. (picture alliance / Jens Kalaene)
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Die westliche Welt, so scheint es, ist schwer auf Koffein. Der anregende Stoff ist bekanntlich auch im Tee enthalten, doch die Alltagsdroge für die ebenso hoch motivierten wie chronisch erschöpften Helden der Arbeit ist der Kaffee. In den Designerküchen der genussaffinen Mittelklasse stehen Expressomaschienen im Wert eines gebrauchten Kleinwagens, wir besorgen uns die faire Bio-Bohne aus der angesagten Kaffeemanufaktur oder schnappen uns, zum nächsten Termin eilend, noch schnell einen Coffee To Go. Lifestyle im Pappbecher.

Erst vernächlässigt, dann überhöht

Und der Tee? Vernachlässigt, ignoriert, von ahnungslosen Servicekräften mit falscher Wassertemperatur misshandelt oder in der hintersten Ecke des Küchenschranks zwischen Tütensuppe und Linsen vergessen. Seine traurigste Erscheinungsform ist der in fader, gelblicher Flüssigkeit schwimmende Beutel. Diesen erschütternden Lagebericht liefert uns der 1966 geborene Schriftsteller Christoph Peters, über den man schon länger weiß: Er ist so etwas wie der praktizierende Tee-Freak unter den deutschen Gegenwartsautoren. Schon in seiner Jugend sammelte er lieber Tee-Gefäße als Schallplatten, heute experimentiert er in seiner Berliner Wohnung in immer neuen Versuchsreihen mit Kesseln, Kannen, Tassen, Wassertemperatur und Aufgusszeiten und zelebriert täglich eine dreiviertel Stunde auf der Tatami-Matte das japanische Teeritual.

20 Jahre Leben mit Tee – früher oder später musste das wohl in einen Text münden, und jetzt ist er da. "Diese wunderbare Bitterkeit" heißt das liebevoll edierte Büchlein. Auf dem Umschlag ein fein gezeichnetes Ornament aus roten Teeschalen auf hellgrünem Grund, zwischen den Buchdeckeln 140 Seiten Hommage an den verehrten Tee und seine bezaubernde Wirkung: 

"Kein Getränk ist besser geeignet, die Gedanken in einen Zustand der ruhigen Betrachtung und des uferlosen Sinnierens zu versetzen. Beim Teetrinken stellt sich eine Offenheit für Ideen und Bilder aus den verschiedensten Richtungen ein, die wiederum hierhin und dorthin ausschweifen, sich überlagen, verschwimmen und manchmal etwas von der unendlichen Stille hinter allem erahnen lassen."

Teesozialisierung nimmt in den 80ern Fahrt auf

Tee oder Kaffee? Das ist, wir ahnen es, nicht nur eine Geschmacksfrage, sondern eine der Haltung. Für Christoph Peters ist Tee eine Lebensweise, ein wunderbar kompliziertes Handwerk, nicht zuletzt ein kulturelles Phänomen: Von China über den Orient bis Ostfriesland haben sich in den verschiedenen Regionen der Welt jeweils eigene Vorlieben, Zubereitungsweisen und Rituale entwickelt. All das lernt man - ohne jemals unangenehm belehrt zu werden - in Peters fröhlicher Wissenschaft vom Tee: "Diese wunderbare Bitterkeit" ist ein elegantes, weltoffenes und witziges Essay über seine Leidenschaft, in dem Autobiografie, Reflexion, Reiseerlebnisse und Kulturgeschichte sich gegenseitig befeuern.  Als roter Faden dient Peters eigene, an glücklichen Entdeckungen und scheußlich schmeckenden Verirrungen reiche Teesozialisierung. Das Elternhaus am Niederrhein ist unverdächtig, dort verstaubte die kostbare "Ostfriesenmischung" im Regal, während Kaffee, Schnaps und Bier serviert wurden – bis ...

"Die 1980er-Jahre begannen, die Bäume starben, der Atomkrieg stand unmittelbar bevor. Nicht nur, dass überall Bunker gebaut wurden – die Gebäude und ihre Inneneinrichtungen selbst nahmen höhlenartige Gestalt an: Zimmer wurden mit Holzdecken ausgeschlagen, schwere Eichenmöbel und voluminöse Polstergarnituren simulierten gebärmutterartigen Schutz, und im abgedunkelten Zimmer leuchtete über der Flamme im Stövchen eine Glaskanne mit goldenem Tee."

Im katholischen Jungeninternat entdecken Peters und seine Mitschüler Earl Grey, Assam, Ceylon und den unvermeidlichen Vanille-Tee, das war ein Anfang. Reisen erweitern das Verständnis und sensibilisieren die Geschmacksnerven: nach Ägypten und in die Türkei, wo der kräftige Schwarztee und frische Minze allgegenwärtig sind, vor allem aber nach Asien.

Japan bringt die Teekultur zur Perfektion

Peters große Bewunderung gilt – bei allem Respekt für die tapferen Briten und Ostfriesen, den einzigen Europäern mit nennenswerter eigener Teekultur – der einzigartigen japanischen Teetradition. Aufzucht, Trocknung, Fermentierung, Zubereitung, die hochästhetische Keramik, die sozialen Trinkrituale: Die bewusste Zuwendung und Hingabe, die hierzulande als Praxis der Achtsamkeit Konjunktur erlangt hat, wird in Japan auch auf das Tee-Trinken bezogen und besitzt dort fast den Rang einer Philosophie. Ihre höchste Vervollkommnung findet sich in Chanoyu, der Kunst der Teezeremonie aus dem Geiste des Zen, schreibt Peters:

"Tatsächlich diente jede Bewegung dazu, eine perfekte Schale Tee auf eine einfache und schöne Weise zuzubereiten, zugleich war der Vorgang so etwas wie ein klarer Gedanke in Gesten, der genau das zum Thema hatte."

Die Teezeremonie bildet so etwas wie das magische Zentrum des Buches. Die großen Teemeister haben ihr, so vermutet der Autor, ein Geheimnis eingeschrieben, das einem dabei helfen kann, sich selbst zu erkennen. Dass Peters bei solchen Weisheiten ohne esoterisches Geraune auskommt und den Ernst durch Selbstironie quasi weglächelt, gehört zu den Qualitäten seines Büchleins. Der Selbsterfahrungsbericht, wie er wochenlang versucht anhand von Youtube-Videos vor dem Laptop die einzelnen Handgriffe der erratischen Teezeremonie einzustudieren, liest sich nicht nur sehr komisch, sondern wie eine Allegorie auf das menschliche Leben per se als fortlaufend produktives Scheitern. Denn am Ende gilt auch für das strenge japanische Regelwerk, was der große Teemeister Sen no Rikyu in einem Lehrgedicht über die Rolle des Teegeräts formulierte:

"Ist es vorhanden: gut,
gibt es keins: dann nicht;
handeln wir gerade so,
wie es ist,
dann ist es die wahre Teekunst."

Was nichts anderes bedeutet, als dass es zwar immer so, aber eben auch anders geht. Nein, mit der boomenden Ratgeberliteratur der Sorte "Zehn Schritte zum Erfolg" hat Christoph Peters autobiografisch unterfüttertes und tiefsinniges Buch so wenig zu tun wie eine japanische Teezeremonie mit McDonalds. Kein Glossar, keine Liste der besten Teeläden, keine belehrende Didaktik. Stattdessen kann man aus der Lektüre vor allem lernen, dass es mit der Kunst des Tee-Zubereitens ähnlich ist, wie mit der Kunst des guten Lebens: Es gibt immer wieder Neues zu entdecken – und so bleibt sie auf ewig eine beglückende Sisyphos-Kunst, in der man nie ganz perfekt sein wird.

Christoph Peters: "Diese wunderbare Bitterkeit. Leben mit Tee"
Arche Verlag, Zürich 2016. 144 Seiten, 15,00 Euro.

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