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StartseiteKultur heute"Buchpreisbindung wird uns einen fairen Wettbewerb garantieren"30.05.2018

Buchhandel"Buchpreisbindung wird uns einen fairen Wettbewerb garantieren"

Die Empfehlung der Monopolkommission, die Buchpreisbindung in Deutschland abzuschaffen, hat die Literaturbranche in Aufregung versetzt. Die Bestseller-Autorin Nina George sprach sich im Dlf für eine Beibehaltung der Regelung aus. Sie sorge für literarische Vielfalt und dauerhaft niedrige Buchpreise.

Nina George im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

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Doris Schäfer-Noske: Die Buchpreisbindung ist in der Diskussion – mal wieder. Zuletzt hatten sich die Bundespolitiker bei den Verhandlungen zu den Freihandelsabkommen für die Buchpreisbindung stark gemacht und argumentiert, dass Bücher eben keine Waren sind wie Zuckerrüben oder Stahl. Die festgelegten Buchpreise in Deutschland gelten als Garant dafür, dass das Kulturgut Buch geschützt wird - genauso wie kleine Buchhandlungen und Verlage.

Jetzt hat sich aber gestern die Monopolkommission, die die Bundesregierung berät, für die Abschaffung der Buchpreisbindung ausgesprochen – mit dem Argument, sie behindere den Wettbewerb und die Weiterentwicklung der Buchhändler. Kulturstaatsministerin Grütters reagierte darauf empört. Und auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Verlage üben heftige Kritik.

Ich spreche über das Thema jetzt mit Nina George. Sie ist eine erfolgreiche Schriftstellerin und hat die Informationsplattform "Fairer Buchmarkt" gegründet.

Stichwort: Fairer Buchmarkt. Die Monopolkommission begründet ihren Vorstoß damit, dass der kulturpolitische Mehrwert fraglich sei. Und dafür dürfe man einen so schwerwiegenden Markteingriff wie die Buchpreisbindung nicht zulassen.

Was ist denn dagegen überhaupt zu sagen, Frau George?

Nina George: Das Erstaunliche ist ja, dass die Buchpreisbindung nicht nur das Kulturgut Buch schützt, das ja auch von der Monopolkommission in Zweifel gezogen wird, aber sie schützt ja auch die konstant niedrigen Preise. Wenn man sich anschaut in Ländern, die Biotope sind, dessen was passiert, wenn die Buchpreisbindung fällt, dann haben wir zwei, drei Beobachtungen gemacht. Erstens – die Buchpreise steigen m Durchschnitt. Zweitens – der kleine, inhabergeführte Buchhandel stirbt. Und drittens – man muss viel mehr auf Bestseller setzen. Dadurch verschlanken sich die Programme, was eigentlich übersetzt heißt: Die Vielfalt der Literatur wird eingeschränkt. Und die Monopolkommission – sie wollen erst Monopole schaffen, nämlich von großen Ketten und von Amazon. Und allein das wäre ein gegenteiliger Markteingriff, den wir überhaupt gar nicht unterstützen dürfen.

Warnendes Beispiel: Großbritannien

Schäfer-Noske: Sie haben die anderen Länder genannt. Ich will mal die Schweiz nennen. Aber die Schweiz hat doch einen vielfältigen Buchmarkt, oder?

George: Wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass im Kleinen sehr viel geschehen ist. Die Programme sind kleiner geworden. Verlage können sich nicht mehr leisten, auf Messen zu sein. Inhabergeführte Buchhandlungen haben es nach wie vor schwer. Auf der anderen Seite ist der Schweizer Buchmarkt auch ein relativ kleiner. Das heißt, es ist vielleicht nicht die beste Vorlage, dorthin zu schauen. Ich empfehle dann immer, nach Großbritannien zu schauen, die im Moment politische Bestrebungen anfangen, die Buchpreisbindung wieder einzuführen. Die Honorare für die Autorinnen und Autoren sind nach dem Fall der Buchpreisbindung stark gesunken, die Ketten können sich natürlich…also die großen Ketten, ich muss jetzt gar nicht immer Amazon zitieren, es würden ja auch die großen Ketten sein wie bei uns Hugendubel, Osiander, Mayersche, die profitieren würden. Aber alle die inhabergeführten Buchläden auch in Großbritannien haben es schwer, können immer schwerer überleben. Und das wirkt dann auch zurück auf den ganzen Topos einer Kleinstadt.

Schäfer-Noske: Ein Argument der Monopolkommission ist ja auch: Die Buchpreisbindung verlangsamt den Strukturwandel, den man letztlich sowieso nicht verhindern kann. Nun ist es so, wenn man weiß, dass sich was verändert, ist es da dann nicht besser, aktiv die Zukunft mitzugestalten als sich dann dauernd zu sperren, und irgendwann wird man dann davon überrollt?

George: Ich finde es ganz niedlich, dass Menschen, die offenbar weder Bücher verkaufen noch sonderlich viele Bücher lesen, über so etwas reden. Und das sind dann ja immer auch immer so "Buzzwords". Ich als Anwältin des Wortes muss da einerseits immer ein bisschen schmunzeln, wenn solche Wörter, die aus heißer Luft bestehen – wie zum Beispiel "Man muss den Strukturwandel nicht verhindern." – wissen die überhaupt, wovon die reden? Denn die Struktur, die wir haben, ist ja eine hochfunktionierende. Der Betrieb über den Buchhandel funktioniert immer noch besser als der Online-Buchhandel oder die Bestellung im digitalen. Der Buchhandel streckt sich in jede Gesellschaftsform hinein. Und dieses pessimistische "Wir können sowieso nichts dagegen tun" finde ich auch ganz niedlich. Die Buchpreisbindung wird uns Freiheit, Unabhängigkeit, literarische Vielfalt, Vergütung und tatsächlich auch einen fairen Wettbewerb garantieren. Dass nämlich die kleinen Buchläden immer auch noch dann existieren können, wenn ein großer es sich leisten könnte, nur noch Schleuderpreise anzulegen und sich dann auch nur noch auf die Bestseller zu konzentrieren. Das ist also ein völlig falscher Ansatz, der mir aber auch zeigt, dass eine Monopolkommission, die sich sonst mit Pharma und mit Medikamenten beschäftigt, das gleichzusetzen mit Büchern, dem Rückgrat der essenziellen Freiheit für eine denkende freie Gesellschaft – das finde ich, wenn es nicht so traurig wäre, sehr niedlich.

Europäische Gesetzgebung

Schäfer-Noske: Ja, auch der Europäische Gerichtshof wird in der Argumentation genannt, der die Buchpreisbindung für E-Books, die ja seit zwei Jahren gilt, möglicherweise nicht gelten lassen wird. Brauchen wir denn nicht überhaupt eine europäische Regelung für die Buchpreisbindung, oder nicht?  

George: Das wäre einerseits sehr sinnvoll, andererseits haben wir 28 verschiedene Binnenmärkte, die auch unterschiedlich groß sind. Rumänien und Bulgarien haben zum Beispiel einen sehr kleinen Buchmarkt. Ungarn und Polen haben dann wiederum einen sehr hohen fremdsprachigen Anteil an Lizenzen. Aber grundsätzlich würde eine europaweite Festsetzung von Buchpreisen garantieren, dass sie dauerhaft niedrig bleiben. Und das darf man bei allem, was man so diskutiert – Wettbewerbsgleichheit, Wettbewerbsfreiheit – nicht vergessen.

Schäfer-Noske: Kulturstaatsministerin Grütters hat sich ja angesichts des Vorschlags fassungslos gezeigt. Können Sie sich vorstellen, dass die Bundesregierung die Buchpreisbindung kippt?

George: Dann würde sie dem zuwiderhandeln, was im Koalitionsvertrag steht. Und zum jetzigen Zeitpunkt kann ich mir das nicht denken. Die einzigen, die das befürworten könnten, wären jene, die vielleicht auf Wählerstimmensuche sind, und suggerieren, dass mit dem Fall der Buchpreisbindung alles besser wird für die Leserinnen und Leser. Das wird es aber nicht!

Schäfer-Noske: Sie selber sind ja eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Wie würde sich denn eine Abschaffung der Buchpreisbindung für andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller auswirken?

George: Die würden es schwer haben, in den Programmen der Verlage unterzukommen, weil die mehr und mehr auf Erfolgsgarantien ausgerichtet sind. Es gäbe weniger Debütanten, es gäbe weniger Experimente, und es gäbe auch weniger nötige Bücher, wo man eigentlich Hintergründe zum Beispiel erfährt über den armenischen Genozid. Und da muss man viel Geld reinstecken und weiß, hinterher kaufen es vielleicht trotzdem nur tausend Leute. Und wenn ein kleiner Verleger dann dafür kein Geld mehr hat, weil er einfach nicht mehr so viel Umsatz macht, wird er darauf verzichten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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