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StartseiteMusikjournalWagner-Rezeption der 1930er-Jahre beleuchtet17.07.2017

BuchvorstellungWagner-Rezeption der 1930er-Jahre beleuchtet

In einem umfassenden Buch zeigt der Germanist Hans Rudolf Vaget anhand von drei Personen den Umgang mit Wagner in den Vorkriegsjahren: Adolf Hitler, Thomas Mann und Hans Knappertsbusch pflegten in den 1930er-Jahren auf ganz unterschiedliche Weise ihren Wagner-Kult.

Von Christoph Vratz

Büste von Richard Wagner auf dem Festspielhügel in Bayreuth. (imago)
Büste von Richard Wagner auf dem Festspielhügel in Bayreuth. (imago)
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"Es ist ein Glaubensartikel des deutschen Wagner-Kults Bayreuther Couleur, dass Richard Wagner der deutscheste der Deutschen war."

Das macht Richard Wagner auch für den Literaturwissenschaftler Hans Rudolf Vaget zur vielleicht umstrittensten Person der Musikgeschichte, heute ebenso wie rund ein halbes Jahrhundert nach Wagners Tod 1883. Denn gerade in den 1930er-Jahren herrschte in Deutschland ein gefährliches Klima. Drei der damaligen Protagonisten, Adolf Hitler, Thomas Mann und Hans Knappertsbusch, pflegten auf sehr unterschiedliche Weise ihren eigenen Wagner-Kult:

"Die konservative dieser drei Figuren war offensichtlich Knappertsbusch, der ganz im Geiste Bayreuths aufgewachsen ist und diesem Geist an und für sich bis zum Ende treu geblieben ist. Er war der Bayreuthianer, der Unflexible, der dem Erbe, so wie er es verstand und wie er glaubte, es empfangen zu haben von Hans Richter, das heißt, von Wagner direkt, treu geblieben ist."

Hitlers Wagner-Kult

Hitler dagegen kann man sogar, unter bestimmtem Blickwinkel, als einen gemäßigten Fortschrittler unter den Wagnerianern werten, meint Hans Rudolf Vaget:

"Ein Beispiel ist eben seine Parteinahme für eine Neuinszenierung des 'Parsifal' nach 1933, da hat er sich durchgesetzt gegen die Alt-Wagnerianer. Er wollte sein altes Idol, Alfred Roller, diese Inszenierung machen lassen; das ist auf erbitterten Widerstand in Bayreuth gestoßen. Die Alt-Wagnerianer, angeführt von Carl Muck, die wollten gar nichts damit zu tun haben, aber Hitler hat sich hier profiliert als ein sagen wir: moderater Modernisierer."

Was aber faszinierte Hitler so sehr an Richard Wagner?

"Das Entscheidende war, dass er in Wagner die überzeugendste, die schlagendste Manifestation des Genie schaffenden Potenzials der germanischen Rasse gesehen hat. Das war für ihn die Grundlage des Wagner-Kults, den er selbst gepflegt hat."

Hitler sah sich selbst als eine Künstlerfigur, und Wagner war sein musikalischer Fixstern. Doch bleibt offen, ob er ein wirklicher Musik-Kenner war.

"Das ist schwer zu entscheiden. Auf jeden Fall kann man, glaube ich, sagen, dass er ein gutes Ohr hatte. Es gibt Zeugnisse, dass er sehr genau bestimmte Wagner-Stellen pfeifen konnte. Seine Detail-Kenntnis der Wagner-Opern war offenbar phänomenal. Wie alle Fanatiker hat er sich da hineingearbeitet, und diese Dinge waren ihm präsent."

Hans Rudolf Vaget beschreibt in seinem Buch "Wehvolles Erbe" schonungslos und offensiver als fast alle Hitler-Biografen, dass Hitlers Wagner-Verehrung ihn gesellschaftlich und damit auch salonfähig machte.

"Dadurch wurde eine Brücke hergestellt zwischen dem deutschen Bildungsbürgertum, insbesondere dem Wagner-hörigen Bildungsbürgertum, und auf dieser Schiene ging dann ein Austausch, ein intellektueller und emotionaler Austausch voran, der dann in politische Münze umgeschlagen hat."

Verknüpfungen von Kunst und Ästhetik mit dem gesellschafspolitischen Denken

Vaget gelingt es, am Erbe Richard Wagners die Verknüpfungen von Kunst und Ästhetik mit dem gesellschafspolitischen Denken wie unter dem Mikroskop aufzuzeigen. Von zentraler Bedeutung ist dabei der "Protest der Richard-Wagner-Stadt München". Thomas Mann hatte 1933 in der bayerischen Hauptstadt einen Vortrag gehalten, basierend auf seinem im Jahr zuvor bereits skizzierten Essay "Leiden und Größe Richard Wagners". Dieser Vortrag erregte Anstoß. In einer Münchner Zeitung erschien ein öffentlicher Protest, eine heftige Replik, organisiert – wie sich später herausstellte - von Hans Knappertsbusch:

"Wir lassen uns eine solche Herabsetzung unseres großen deutschen Musikgenies von keinem Menschen gefallen, ganz sicher aber nicht von einem Herrn Thomas Mann. […] Wer sich selbst als dermaßen unzuverlässig und unsachverständig in seinen Werken offenbart, hat kein Recht auf Kritik wertbeständiger deutscher Geistesriesen."

Münchener Protest von Thomas Mann

Für Thomas Mann hatte diese öffentliche Kritik weitreichende Folgen:

"Der Protest der Richard-Wagner-Stadt München und einige Reaktionen darauf machten ihm klar, dass der Weg zurück abgeschnitten war und dass es unvorsichtig gewesen wäre, nach München zurückzukehren. Später stellte sich heraus, das war auch der Beginn seiner Trennung, seiner offiziellen Trennung von Deutschland."

Der Skandal an diesem Münchner Protest war: Es gab keinerlei öffentliche Debatte.

"Wenn Stimmen öffentlich zu Wort kamen, dann nur solche, die Thomas Manns "Leiden und Größe Richard Wagners" missbilligten oder den Protest jedenfalls für vertretbar hielten und ihn damit rechtfertigten."

Gerade das aber kam Hans Knappertsbusch gelegen. Er dürfte darauf gezählt haben, dass dieser Protest gegen Thomas Mann, zumindest hinter den Kulissen, auch den Zuspruch Adolf Hitlers findet – und dass er, Knappertsbusch, damit seinem Traum näherkommen würde: endlich auf dem Grünen Hügel in Bayreuth zu dirigieren. Doch damit hatte er sich verkalkuliert.

"Es ist erstaunlich, dass Hitler offenbar eine dezidierte Meinung gegen die Dirigate Knappertsbuschs hatte, die, wie Wieland später sagte, blechgepanzerten Dirigate des Knappertsbusch. Er nannte ihn einen Militär-Kapellmeister."

Thomas Mann hat das heutige Verhältnis zu Wagner beeinflusst

So bleibt es eine Ironie der Geschichte, dass Knappertsbusch die Erfüllung seines Traumes erst im Neu-Bayreuth gelingen sollte, 1951 bei der Wiedereröffnung der Festspiele. Nachdem das Regime des Jahrhundertverbrechers Hitler besiegt worden war, erschien auch Thomas Manns Wagner-Kritik in neuem Licht:

"Was spezifisch das Wagner-Bild Thomas Manns betrifft, so bleibt festzuhalten, dass es nach der Hitler-Herrschaft richtungsweisend war für das neu belebte Interesse an dem umstrittensten deutschen Künstler. Wenn unser Verhältnis zu Wagner heute gelassener ist, […] so scheint dies in hohem Maß Thomas Mann geschuldet."

Hans Rudolf Vaget beschreibt ebenso anschaulich wie engmaschig, wie das geistige Klima der Vorkriegsjahre von der Auseinandersetzung mit Richard Wagner geprägt war – zumindest in der bürgerlichen und intellektuellen Welt. Vagets Buch ist gewichtig und großartig. Akribisch vernetzt er die Fülle an verwendeten Quellen und gelangt immer wieder zu neuen, stichhaltigen, sehr klar formulierten Schlussfolgerungen. An Details erklärt er die großen Zusammenhänge. Viele Aspekte deutet er auf neue Weise oder rückt Bekanntes in ein anderes Licht. Das Buch zeigt: Der Umgang mit Richard Wagner war alles andere als eine historische Fußnote. Er hat die künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der damaligen Zeit auf verdeckte Weise entscheidend mitgeprägt.

Hans Rudolf Vaget: "Wehvolles Erbe. Richard Wagner in Deutschland. Hitler, Knappertsbusch, Mann"
Fischer Verlag, 560 Seiten, 28,00 Euro.

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