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StartseiteKultur heuteBuchzensur im Vatikan29.11.2005

Buchzensur im Vatikan

Hubert Wolf betreibt seit vielen Jahren die systematische Erforschung

In Münster in Westfalen lehrt Hubert Wolf mittlere und neuere Kirchengeschichte. Das klingt nicht besonders spektakulär, aber das Feld seiner Forschung hat es in sich. In einem auf 12 Jahre angelegten Großprojekt erkundet Wolf die Geheimnisse der Römischen Inquisition. 1988, als junger Vikar und Doktorand fing er damit an und stieß zunächst auf Widerstand, als er um Einsicht in das einschlägige Archiv des Vatikans bat. So wählte Wolf einen Umweg und erschloss mit geradezu kriminalistischer Energie parallele Überlieferungen. Als der Vatikan 1998 die Archive generell öffnete, begann Wolf mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit einem Großprojekt, das die Geschichte der römischen Buchzensur erforscht.

Blick auf den Petersplatz (AP)
Blick auf den Petersplatz (AP)

Stenke: In sechs Bänden haben Wolf und seine Mitarbeiter die Erträge ihrer Arbeit publiziert. Heute richtet der Kirchenhistoriker in Münster ein Symposium aus, das diesem Thema gewidmet ist. Aus Anlass der Konferenz habe ich mit Hubert Wolf über die Geschichte der Römischen Inquisition und die Zensurtätigkeit der Inquisitoren gesprochen.

Wolf: Die Römische Inquisition ist 1542 gegründet zur Abwehr der protestantischen Häresie, also eine Reaktion auf den Protestantismus, der sich des Mediums Buch bediente und wo sozusagen das Buch als das Erfolgsgeheimnis zur Verbreitung reformatorischer Gedanken in Rom dann auch schließlich erkannt wurde. Deshalb ist eine der Hauptaufgaben der Römischen Inquisition, praktisch den Buchmarkt zu beobachten, um - jetzt mal in der Sprache der Zeit - zu verhindern, dass sich gesunde Katholiken mit dem protestantischen Virus anstecken. Der Index der verbotenen Bücher ist jetzt eine Liste von Büchern, die Katholiken bei Strafe der Exkommunikation und damit Verlust des ewigen Seelenheiles nicht lesen durften. Da der Buchmarkt sich immer weiter entwickelte, konnte man natürlich nicht statisch bei einer Liste bleiben, sondern es musste ständig nachgearbeitet werden. Wenn neue Bücher erschienen, mussten die in Rom wieder untersucht werden und dann gegebenenfalls wieder verboten werden oder auch freigesprochen.

Stenke: Jetzt sind wir schon mitten im Verfahren. Wie lief das denn überhaupt? Wie kamen Autoren komplett oder auch mit einzelnen Werken auf diese Liste?

Wolf: Also das wusste man bisher nicht, weil ja das Archiv geschlossen war, und durch unser Forschungsprojekt können wir jetzt diese Verfahren genau nachzeichnen. Das geht so: Ein Buch wird angezeigt, entweder von außerhalb der Kurie oder von innerhalb, dann gibt es ein Vorverfahren, in dem der Sekretär der Kongregation zusammen mit zwei Gutachtern mündlich prüft, ist das überhaupt gefährlich oder ist das nicht gefährlich? Wenn man es für gefährlich hält, was meistens der Fall ist, beginnt das Hauptverfahren. Hier wird mindestens ein schriftliches Gutachten, bei katholischen Autoren zwei angefertigt. Nachdem dieses Gutachten dann im internen Geheimdruck verbreitet ist, trifft sich die Versammlung der Konsultoren, das sind die Berater, die Fachleute, die machen einen Beschlussvorschlag auf der Basis des Gutachtens. Dann treffen sich die Kardinäle in ihrer Sitzung, der eigentlichen Kongregation. Die beschließen, das Buch ist gefährlich oder nicht gefährlich. Dann geht der Sekretär der Kongregation mit diesem Beschluss zum Papst, und der entscheidet endgültig. Dann kann rauskommen, indiziert, dann wird es publiziert. Dann kann rauskommen, wir möchten, dass noch weitere Gutachter sich damit beschäftigten, oder es kann auch ein Freispruch rauskommen.

Stenke: Soweit ich weiß, stand Heinrich Heine auf dem Index, nicht aber Hitlers "Mein Kampf". Waren denn Heines antiklerikale Verse in den Augen des Vatikans gefährlicher als "Mein Kampf", das Unbuch des 20. Jahrhunderts?

Wolf: Die Heine-Bücher werden in Rom angezeigt in einer Phase, als man dort die Revolution fürchtet wie der Teufel das Weihwasser im Pontifikat Gregors XVI - 1836 bis 1846 regiert er. Das heißt, der Heine kommt auf den Index vor allem, weil er zur Revolution ausruft, und jetzt, warum kommt Heine überhaupt in Rom an? Das war ein Punkt, wo wir zunächst in die Irre gegangen sind, und zwar sind die französischen Ausgaben der Heine-Werke untersucht worden, deshalb haben wir vermutet, das käme aus der Pariser Nunziatur beziehungsweise vom Erzbischof von Paris, den Heine auch ganz schön durch den Kakao zieht, und wird sind dann durch eine Formulierung im Urteil auf den eigentlichen Denunzianten gekommen, nämlich auf Metternich, und haben tatsächlich in Wien dann die Anzeigeschrift, die Denunziationsschrift gefunden, so dass man jetzt praktisch diese Achse Wien-Rom im antirevolutionären Kampf im Fall Heine präzise nachzeichnen kann.

Bei Hitlers "Mein Kampf" ist es so, dass das Verfahren Hitlers "Mein Kampf" bislang völlig unbekannt war, weil es eben nicht zu einer Indizierung kam. Dieses Verfahren läuft parallel zu dem anderen Verfahren gegen Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts", also das zweite große ideologische Werk der nationalsozialistischen Bewegung. Rosenbergs Mythos wird im Februar 34 indiziert, und die Gutachter beschäftigen sich drei Jahre, von 1934 bis 1937, ausgiebig mit Hitlers "Mein Kampf". Man kommt zu dem Ergebnis, dass dieses Buch äußerst gefährlich ist, der katholischen Lehre eindeutig widerspricht. Vor allem wird die dort vertretene Rassenlehre klar und eindeutig verurteilt. Es kommt aber nicht zu einer Indizierung.

Es scheint so zu sein, im Gegensatz zu Rosenberg, der ja nur der Kopf einer weltanschaulich zu verurteilenden Bewegung ist, ist Hitler seit dem 30. Januar 33 die legale staatliche Obrigkeit, und nach der katholischen Staatslehre, die sich vor allem am Römerbrief 13. Kapitel orientiert, wo es heißt, jede staatliche Obrigkeit kommt von Gott, aus dem Grund hat man sich letztlich nicht an den, ja, an den Führer, an den Reichskanzler, an Hitler rangetraut. Das ist meine starke Vermutung, die ich aber hoffentlich im nächsten Jahr, wenn mir weitere Quellen zugänglich werden, auch werde belegen können.

Stenke: Ich würde gerne abschließend auf Ihre Publikation zu sprechen kommen, "Römische Inquisition und Indexkongregation". Dieses Werk ist angelegt auf sieben Bände. Sind diese Bücher denn nur von Interesse für Kirchenhistoriker oder verweisen sie darüber hinaus auf weitere Problemfelder, etwa auf das Verhältnis der Katholischen Kirche zu den modernen Naturwissenschaften?

Wolf: Also der Index hat nicht die Aufgabe, nur theologische Werke zu verfolgen, sondern es geht um alle Formen von verschriftlichtem Wissen, das heißt, mit unserer Grundlagenforschung, mit diesen Bänden kann zum Beispiel der Romanist, der sich mit Balzac beschäftigt, die ganzen Fälle von Balzac finden. Es kann sich der Erziehungswissenschaftler, der sich mit dem "Emile" von Rousseau beschäftigt, der wird sofort hingeführt, was finde ich über dieses Buch. Wenn sich ein Naturwissenschaftler zum Beispiel mit Charles Darwin beschäftigen will, dann wird er allerdings enttäuscht, weil es einen Fall Charles Darwin nicht gegeben hat. Es gibt aber viele Fälle von Darwinisten, also von Leuten, die versuchen, das naturwissenschaftliche Ergebnis in eine direkte Konfrontation mit einer Lehre der Kirche zu bringen. Wir haben überhaupt den Eindruck, dass naturwissenschaftliche Werke meistens, so lange sie sich nur auf der Ebene der Hypothese beschäftigen, durchgewunken werden. Also was wir wollen, ist, dass die Leute international die Werke aus ihrem Bereich bei uns finden und eine Anleitung haben, diese Werke dann zu bearbeiten, und damit ist es ein einmaliges internationales und interdisziplinäres Arbeitsinstrumentarium.

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