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StartseiteBüchermarktBüchernarr begibt sich in die Mystik des 17. Jahrhunderts24.12.2004

Büchernarr begibt sich in die Mystik des 17. Jahrhunderts

Antal Szerb: "Die Pendragon-Legende"

<strong>Die ungarische Literatur der Vorkriegszeit hat beim deutschen Lesepublikum begeisterte Resonanz gefunden. Nicht nur Sándor Márai oder Deszö Kosztolányi, auch Antal Szerb gehört zu den jüngsten literarischen Entdeckungen aus dem Land der Magyaren. Nun ist ein zweiter Roman von ihm ins Deutsche übersetzt worden, die "Pendragon-Legende", ein Roman der in Ungarn 1934 erschien. </strong>

Von Lerke von Saalfeld

Antal Szerb: "Die Pendragon-Legende" (dradio.de)
Antal Szerb: "Die Pendragon-Legende" (dradio.de)

Antal Szerb war Sohn eines assimilierten jüdischen Kaufmanns, der seinen Filius katholisch taufen und erziehen ließ. Der Vater glaubte, die Konversion sei das sichere Eintrittsbillet für eine spätere Karriere in den besseren Kreisen - ein fataler Irrtum. Nicht weniger fatal, Szerb versetzt die Handlung seines Romans in das Jahr 1933, nicht ahnend, welche folgenschweren Konsequenzen dieses Jahr für sein eigenes Leben haben würde. Der Ort des Geschehens ist England, genauer noch, ein verwunschenes Schloss in Wales, in dem sich allerlei Merkwürdigkeiten zutragen. England ist seit vielen Jahren die Wahlheimat des Haupthelden, denn dieser liebt "die Noblesse der englischen Landschaft", wie er gleich auf der ersten Seite gesteht. Zum Ruhm und zur Anerkennung dieser Vorkriegsautoren haben die ungarischen Gegenwartsschriftsteller nicht unwesentlich beigetragen. Sie haben die Neugier geweckt und das Terrain vorbereitet. Auch der Schriftsteller György Dalos, der eine kleine ungarische Literaturgeschichte verfasst hat, schätzt seinen Vorgänger und dessen Roman:

Da ist ein ursprünglicher Novellenheld von Szerb, János Bátky, ein richtiger Filos, wie die Ungarn sagen, ein Philologe, so ein Bibliotheksmensch, ein Buchstabenfresser. Er lernt Gwynnedd, einen englischen Aristokraten kennen, und da kommt er über diesen Aristokraten in sein Schloss zu der Zeit des Pendragons. Also auch die Zeitebene verändert sich. Gewissermaßen wie Mark Twain am Hof von König Artus, gelangen wir in den Mittelpunkt der legendenumwobenen Rosenkreuzerbewegung. Die Handlung ist ein bisschen Krimi, es geht um schreckliche Geheimnisse im Mittelalter, die aber federleicht mit Ironie und mit einer Darbietung, mit einer Präsentation von Bildungsgut verbunden sind, so dass man kaum merkt, dass man gebildeter geworden ist. Das ist die Pendragon-Legende.

Die wunderbar altmodische Geschichte, die sich immer wieder reibt an der Sachlichkeit der Moderne, setzt ein in einem feinen adligen Salon in London, wo der Privatgelehrte das Interesse des kauzigen Earl of Pendragon gewinnt, weil er ihm gesteht, dass er sich für die Mystik des 17.Jahrhunderts in England interessiere. Der Aristokrat besitzt eine einzigartige Bibliothek, die noch kein Landsmann näher besichtigen durfte, aber dem ungarischen Büchernarren wird die Ehre zuteil, auf das Schloss eingeladen zu werden. Der Neid der englischen Gelehrten ist ihm gewiss und schon bald erhält János Bátky auch eine handfeste Warnung. Er solle sich in Acht nehmen, denn sein Vorgänger beim Earl of Pendragon ist auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Der junge Ungar lässt sich nicht schrecken, er ist ein Mann der gelehrten Welt, dessen Wissensdurst keine Grenzen kennt. Ein Bildungsbesessener ist auch der Autor:

In Ungarn ist Antal Szerb zuerst als Autor der Geschichte der ungarischen Literatur und Geschichte der Welt-Literatur bekannt und als solcher hat er eine enorme Autorität. Das ist der große und klassische Szerb. Er hat versucht, in einem einzigen ironischen Überblick die Geschichte der Weltliteratur aufzuschreiben. Das ist der eine, der andere ist Autor von sehr lehrreichen und gleichzeitig fast bis zur Banalität reichenden Romanen, die sehr ergreifend auf die Generation der Zeitgenossen und noch auf meine Generation wirkten.

Szerb scheut nicht davor zurück, crime and sex kitschig-ironisch ineinander zu verweben. Auf dem Schloss trifft der Gelehrte auf die reizvolle Nichte des Grafen; langsam bemerkt er, dass nicht nur die mystischen Schriften ihn fesseln, sondern auch die Weiblichkeit seine Nerven kitzelt. Langsam schält sich auch heraus, dass hinter all den Bizarrerien im Schloss ein handfester Erbschaftsstreit um ein Millionenvermögen steht, in das eine weitere höchst verführerische und attraktive Dame verwickelt ist, die unserem Gelehrten alle Sinne raubt und ihm im Bett die schönste Nacht seines Lebens beschert. Das Geheimnis um das Schloss rankt sich wie eine romantische gothic novel durch das Geschehen, denn es gibt noch eine zweite alte verfallene Burg, in der sich Geheimtüren öffnen, Särge in einer Gruft von alten Zeiten erzählen und natürlich bevölkern auch Angst erregende Spukgestalten die nächtlichen Szenerien.

Das Motto der Pendragons, oder besser gesagt der Fluch des Hauses, lautet: "Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches." An diesem Glaubenssatz sind die Besten des Hauses zugrunde gegangen. Auch der jetzt lebende Nachfahr fühlt sich dem Motto verpflichtet und experimentiert mit unheimlichen genmutierten Tieren; es sind Experimente, die der Dorfpfarrer für Gotteslästerung hält.

Während die Protagonisten so tun, als ob sie der neuen Sachlichkeit verpflichtet seien und ganz in der Gegenwart leben, bekennt János Bátky, er praktiziere die "neue Frivolität", weil seine Wissenschaft noch nie im Dienste der Menschheit gestanden habe, weil, so der Bildungsbeflissene, "es keine Wahrheit und keine Menschheit gibt; es gibt nur Wahrheiten und Menschen. Es hat mich immer gefreut", fährt er fort, "dass meine wissenschaftliche Tätigkeit, zum Beispiel meine Beschäftigung mit der altenglischen Schmiedekunst, keinem je genützt hat." Allerdings nützt sie im entscheidenden Augenblick doch dem Gelehrten, als es um das Öffnen alter Schlosstüren geht. Szerb macht sich ein Vergnügen daraus, die Zeitebenen und Erlebniswelten in seiner Pendragon-Legende munter durcheinander zu schütteln. Die Geschichte der Rosenkreuzer, die ihren Ursprung in Wales nahm, so jedenfalls will es der Autor den Leser glauben machen, spinnt ihre mystischen Fäden bis in die Gegenwart. Darauf beruht, so György Dalos, das heutige Interesse an diesem Stoff in Ungarn:

Es gibt eine Schicht der Pendragon-Legende, und zwar die Mystik. Die Mythologie, die 1989, also die große Mythologie, die Mythologie des offiziellen Kommunismus zerbrach - eine Art Marktlücke entstand. Die Leute wollen alles über Rosenkreuz wissen, sie wollen etwas über das britische Mittelalter wissen. Sie möchten sich in eine andere Zeit hinein leben, weil sie sich in dieser Zeit nicht unbedingt wohl fühlen.

Auch der deutsche Leser wird sich wohl fühlen in dieser Geschichte, wenn auch aus anderen Gründen. Szerb erzählt aus einer fernen Welt mit Esprit und Witz. Er ist nostalgisch und modern zugleich. Er suggeriert ein Lebensgefühl, als ob noch heute die Welt voller Wunder sei. Zu Zeiten des Kommunismus galt dieser Roman als bürgerlich dekadent und wurde nicht veröffentlicht. Wir haben heute das Vergnügen, diese Welt neu zu entdecken. Wie sich die verwickelte Geschichte, in der es auch Entführungen gibt und Personen auf geheimnisvolle Weise verschwinden und wieder auftauchen, zum Schluss auflöst, soll nicht verraten werden. Das Leben des jüdischen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Antal Szerb endete wenig poetisch, zerbrach an der brutalen Wirklichkeit. 1944 wurde er als Zwangsarbeiter in ein ungarisches Lager verschleppt, im Januar 1945 wurde er von jungen Pfeilkreuzlern, den ungarischen Faschisten, totgeschlagen. Szerb war 43 Jahre alt.

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