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StartseiteKultur heuteSpielzeitauftakt am Schauspiel Hamburg 18.11.2013

BühneSpielzeitauftakt am Schauspiel Hamburg

Wer die Begegnung mit dem Fremden mag, kann zu Beginn der neuen Spielzeit am Schauspiel Hamburg viel erleben. Die neue Intendantin Karin Beier präsentiert unter anderem eine Bühnenversion von Marie N'Diayes Roman "Drei große Frauen".

Von Michael Laages

Blick auf das Schauspiel Hamburg bei Nacht. (A.T. Schaefer)
Spielzeitauftakt am Schauspiel Hamburg (A.T. Schaefer)

Längst sind ja Romane die Regel auf Theaterbühnen, und die wirklich wichtigen Stoffe der Weltliteratur, die großen Kaliber, sagen wir mal von Dostojewski, geben ja auch reichlich Stoff für viele Stücke her. Was aber geschieht, wenn sich ein Regieteam einen Roman vornimmt, der ohnehin schon (und trotz absichtsvoller Vernetzung) eher einer Sammlung von drei Geschichten ähnelt, wie "Drei große Frauen" der Französin Marie N'Diaye? Und wenn das Team dann nur eine auswählt und daraus einen Theatertext destilliert?

Die Regisseurin Friederike Heller hat die vordergründig dramatischste Geschichte aus dem Roman der Französin heraus montiert – Khady, eine junge Frau, soll nach Europa. In der Familie daheim im Senegal wird sie nicht überleben. Jemand scheint ihr zu helfen – und nützt sie doch nur aus; dann ist das Geld futsch, und sie gehört zu denen, die mit nichts in der Hand verzweifelt an den Küsten Marokko auf den richtigen Moment zur Flucht hinüber nach Spanien hoffen. Große Zäune hat die "Festung Europa" hier errichtet; die in Warschau (also möglichst weit weg) ansässige Euro-Organisation "Frontex" soll sicherstellen, dass keiner durch kommt ohne Einlassschein.

Einem Frontex-Sheriff erzählt Khady zunächst die eigene Geschichte; später begegnen wir ihr immer wieder beim Warten darauf, dass etwas passiert – die Flucht; oder eine Schwangerschaft, das kleine Glück mit Lamine, der zu helfen scheint. Schließlich stürzt sie aber vom Grenzzaun und stirbt – über ihr am Himmel kreist ein Vogel.

Hellers Inszenierung nutzt den erzählend-poetischen Ton, wirklich dramatisch und zum Stück aber entwickelt der Text sich nicht. Dass die (im Roman!) zarte zerbrechliche (und natürlich dunkelhäutige!) Khady hier auf der Bühne von der sehr kräftigen und sehr hellen Bettina Stucky gespielt wird (gegenüber Matthias Bundschuh in allen Männerparts), dass also im Spiel Distanz und Fremdheit demonstrativ gespiegelt werden, markiert noch den klügsten Gedanken dieser ansonsten überschaubaren Arbeit.

Der "Tag der offenen Tür" im "Haus Lebensbaum" dagegen ist ein Ereignis der sehr besonderen Sorte. SIGNA, das dänische Performance-Kollektiv, hat in der alten Elise-Averdieck-Schule an der Wartenau (wo früher mal die Bühnenbildner der Hochschule für Bildende Künste unterrichtet wurden) sechs Familien einziehen lassen; die geben in betreutem Wohnen und unter psychiatrischer Aufsicht einer ziemlich kryptischen Geschichte Gestalt. Vor 20 Jahren – so geht die Fabel - kamen nach einem monströsen Verkehrsunfall auf der A 7 in allen beteiligten Familien Kinder mit tiefschwarzen Augen zur Welt, die über visionäre Kräfte verfügen.

Die Kinder wissen, dass sich nach dem "großen Sturm", der bald kommt, die Welt noch sieben Jahre lang weiter drehen und dann enden wird. Sie, die Kinder mit dem schwarzen Augen, werden die Führer sein für alle, die überleben wollen – in zehn Richtungen werden sie aufbrechen, die Koffer werden schon gepackt.

Sintflut und Arche Noah sind gedanklich nicht weit; das fundamental-ökologische Menetekel vom Weltuntergang vermengt das SIGNA-Team mit den Oberflächenwirkungen psychiatrischer Versuchsanordnungen – wir, das Publikum, besuchen die Familien in den sechs Wohnungen, knallvoll mit Kitsch und Künstlichkeiten des Alltags; alle Kinder sind extrem altklug und bauen Nester, alle Eltern sind total überfordert und traumatisch auf den Unfall von vor 20 Jahren fixiert. Einer baut den Crash immerzu mit Spielzeug nach.

Wir sind gezwungen, diesen Berufenen und Ausgestoßenen nahe, ja sehr nahe zu kommen; wer keine Lust hat auf Arche Noah und rätselhaft schlaumeiernde Kinder, der bleibt außen vor. Wer aber einsteigt, erlebt die Erfindung einer Art von Theater aus dem Geiste unverstellter Menschen-Kunst. Weit weniger spektakelig und spekulativ als zuletzt im schmerzhaft-erotischen "Club Inferno" für die Berliner Volksbühne trifft diese SIGNA-Fantasie wieder mitten ins Herz.

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