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Seit 11:05 Uhr Interview der Woche
StartseiteWissenschaft im BrennpunktWie Citizen Science die Wissenschaft fördert22.03.2015

Bürger forschtWie Citizen Science die Wissenschaft fördert

Sie zählen Vögel in ihren Vorgärten, messen das Ausmaß der Lichtverschmutzung auf ihrem Balkon oder klassifizieren ferne Galaxien: Citizen Science ist zu einer Massenbewegung geworden. Im Internet beteiligen sich Bürger zu Hunderttausenden an Projekten, allein auf der Plattform "Zooniverse" haben sich 1,3 Millionen Freiwillige angemeldet.

Von Christine Westerhaus

Die Hobby-Ornithologen Witiko Heuser (l) und Ingo Rösler (r) stehen mit ihren Feldstechern und Spektiven auf dem Dach des Posthochhauses der Commerzbank am Rande des Hauptbahnhofs von Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst )
Zwei Hobby-Ornithologen mit Feldstechern und Spektiven in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst )
Weiterführende Information

"Dann haben wir einmal das Stromkabel. Das kommt rein und dann haben wir das berühmte Ethernetkabel. Klack! Da war's drin. Und dann kann man eigentlich starten."

Lea Kaufmann baut ihre "Sensebox" zusammen. Ein futuristisch anmutendes Gerät mit einer Platine, gespickt mit Sensoren. Sie messen den Schallpegel, Luftfeuchtigkeit, Raumtemperatur in ihrer Umgebung. Und die Helligkeit, nachts über ihrem Balkon. Dann gehen die Daten nach Münster, wo das Ausmaß der Lichtverschmutzung kartiert wird.

"Ich helfe der Wissenschaft mit Werten etc. Es ist jetzt nicht, dass ich selbst forsche. Es reicht mir mit dem Basteln und an- und ausmachen ab und an. Also das ist mein Beitrag zur Wissenschaft."

Lea Kaufmann gehört zu einer wachsenden Schar von Freiwilligen, die ihre Zeit der Forschung opfern. Als Citizen Scientists - "Bürgerwissenschaftler" lauschen sie Gesängen im Internet, klassifizieren Galaxien oder zählen Spatzen. Das Phänomen hat Tradition, doch derzeit mutiert es zum regelrechten Hype, meint der Wissenschaftstheoretiker Dick Kasperowski von der Göteborg Universität:

"Wenn man weit genug in die Geschichte zurückblickt, waren alle Forscher Amateure. Es gab den Beruf Forscher gar nicht, es gab keine Universitäten, die Wissenschaftler angestellt haben. Darwin war ein Amateur, Newton auch - es ist also nichts Neues, dass Laien einen großen Beitrag zur Wissenschaft leisten. Neu ist allerdings heutzutage, dass wir riesige digitale Datenmengen haben, die auf eine Weise klassifiziert werden, die wir bisher nicht gekannt haben."

Online-Plattformen wie Zooniverse setzen darauf, dass Freiwillige zu Hunderttausenden mitmachen. Sie können wählen zwischen mehr als 20 Projekten aus allen denkbaren Fachrichtungen: Molekularbiologie, Ökologie, Physik, Astronomie. Auch der Schwierigkeitsgrad variiert: Mal soll eine Taste gedrückt werden, wenn ein Fadenwurm in einem Video ein Ei legt - so wie bei Wormlab. Bei anderen sollen Zellmuster erkannt oder Tierlaute analysiert werden: bei Whale FM beispielsweise. Hier gilt es, kurze Clips Grindwalen oder Schwertwalen zuzuordnen.

Massenforschung mit Galaxien

Den Startschuss für diese Art von Massenforschung gab 2007 das Projekt Galaxy Zoo, ein Projekt, in dem die Aufnahmen ferner Galaxien klassifiziert werden. Die Aufgabenstellung hier: nahezu idiotensicher.

"Man muss nur hier klicken. Hier, da sieht man wie einfach das ist."

Auf der Startseite von Galaxy Zoo bekommt Dick Kasperowski die Originalaufnahme einer Galaxie gezeigt. Ein etwas verschwommenes Bild mit vielen bunten Leuchtpunkten und einem hellen Objekt im Mittelpunkt.

"Jetzt steht hier die Frage: Ist diese Galaxie rund und glatt? Sieht ein bisschen oval aus. Sollen wir 'irgendwas dazwischen' anklicken? Ok! Jetzt die nächste Frage: Ist da etwas uneben? Nein, eigentlich nicht."

Die Aufgabe der Teilnehmer ist einzig und allein, Form und Struktur der Galaxie zu beschreiben. Mehr nicht. Die wissenschaftliche Fragestellung tritt völlig in den Hintergrund. Kasperowski:

"Forscher können also heutzutage Plattformen entwerfen, bei denen die Beteiligten überhaupt nicht wissen müssen, worum es geht. Und genau darin liegt das Geheimnis. Dass Forscher sozusagen die kognitive Schwelle in ihren Citizen-Science-Projekten so niedrig wie möglich halten, damit alle mitmachen können."

Die Sonne scheint am 03.04.2014 in Stuttgart (Baden-Württemberg) hinter einer Merkur-Statue. Winzige Sandkörner aus der Sahara sollen die Sonne in den kommenden Tagen milchig erscheinen lassen. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)"Die Vergangenheit des Wetters ist die Zukunft des Klimas" (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Wie war das Wetter früher?

"Mein Name ist Janet Bein und ich lebe im Norden von Chicago."

In Evanston, einer Kleinstadt.

"Ich bin 66 Jahre alt und im Ruhestand."

Janet Bein ist auf Zooniverse als "Janet Jaguar" unterwegs. Früher hat sie in der Qualitätssicherung gearbeitet. Jetzt kümmert sie sich für das Projekt Old Weather um alte Logbücher. Mindestens eine Stunde pro Tag transkribiert sie die handgeschriebenen Listen von Schiffen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Einsatz waren. So hilft sie Klimaforschern, Daten über das Wetter von vor 100 Jahren zu sammeln.

"Die Erde bedeutet mir etwas und bei Old Weather kann ich etwas für sie tun. Ich versuche auch, nicht zu viel Müll zu produzieren und dafür zu sorgen, dass es der Welt besser geht. Aber ich habe nicht die Ausbildung, um mich professionell darum zu kümmern, und ich denke, so geht es vielen Menschen."

Fast 89.000 handgeschriebene Seiten haben die Fans von Old Weather bereits transkribiert, die Routen von neun alten Schiffen sind damit vollständig digitalisiert.

"Normalerweise müsste man dafür wohl ein Heer von Hilfswissenschaftler beschäftigen", sagt Sascha Dickel. Der Wissenschaftssoziologe beschäftigt sich an der TU München als Postdoc mit dem Phänomen Citizen Science.

"Citizen Science ist deshalb interessant, weil es etwas in die Gesellschaft hineinträgt, was man auch in anderen Gesellschaftsbereichen sieht. Nämlich Prozesse wie Open Innovation, Crowd Sourcing, Crowd Working - das alles deutet darauf hin, dass unsere digitale Welt es erlaubt, Aufgaben anders zu bewältigen, als das bisher der Fall war."

Das weltweite Netz macht es leicht, Daten massenhaft zu verteilen. Über Twitter und Facebook gelingen Massenaufrufe mühelos. Und mit den Smartphones reicht der Arm der Forschung bis in die entlegensten Regionen. Letztlich triggert die fortschreitende Digitalisierung sogar den Bedarf: Sie erzeugt massenhaft Daten, die sie nicht immer vollautomatisch verarbeiten kann; Aufnahmen aus dem Weltraum beispielsweise oder von Kameras in Nationalparks. Die künstliche Intelligenz ist der menschlichen noch in mancherlei Hinsicht unterlegen.

"Am Anfang dachte man, dass Computer diesen Job übernehmen könnten. Doch man braucht bei vielen Fragestellungen das menschliche Auge, um ungewöhnliche Beobachtungen zu machen. Mit Algorithmen programmierte Computer würden interessante Dinge übersehen und einfach wegfiltern."

Bergfinken in Hessen (picture alliance / dpa / Boris Roessler)Beim Vögelzählen helfen Amateure (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Vogelforschung als Vorreiter

Oft geht es bei Citizen Science um Naturbeobachtungen - invasive Arten sollen gemeldet oder das Verschwinden einheimischer Pflanzen und Tiere dokumentiert werden. Das macht sich auch der Naturschutzbund NABU zunutze.

Bei der "Stunde der Wintervögel" beispielsweise: Ganz Deutschland ist an einem festgelegten Winterwochenende dazu aufgerufen, eine Stunde lang sämtliche Vögel zu zählen.

"Wir machen jetzt eine kleine Führung zum Einstieg auf die Stunde der Wintervögel."

In der Nähe der S-Bahnstation Tiergarten hat sich ein Grüppchen Freiwilliger um NABU-Mitarbeiter Eric Neuling versammelt. Er wird ihnen beibringen, wie man die Tiere an ihren Rufen oder ihrem Gefieder erkennt. Es ist neun Uhr morgens, die meisten haben sich trotz der zehn Grad plus in dicke Mäntel und Schals eingewickelt.

"Es ist ja sehr mild dieses Jahr. Das heißt, typische Wintervögel, die aus weiteren nördlichen Bereichen hierher kommen, sind wahrscheinlich noch gar nicht da. Dafür sehen wir aber vielleicht Vögel, die eigentlich wegfliegen würden, weiter richtig Westen oder Süden, aber wegen der milden Temperaturen hierbleiben. Aber das werden wir gleich sehen."

Die kleine Gruppe macht sich zu Fuß auf den Weg in den Tiergarten. Vorbei an einem kleinen Tümpel, der von kahlen Bäumen eingesäumt ist. An einer kleinen Biegung bleibt Eric Neuling stehen.

"So, eigentlich ist hier schon eine gute Stelle. Hier hatte ich auch vorhin schon was gehört. Aber bevor wir anfangen, zu zählen, vielleicht noch ein Hinweis: Seht ihr die Bäume da? Wir haben jetzt dauerhaft Biber im Tiergarten, es sind jetzt, glaube ich, schon zwei Paare."

Eric Neuling deutet auf zwei Bäume, die auf der anderen Seite des Tümpels stehen. Sie sehen aus, als hätte ihnen jemand die Rinde vom Stamm geschält. Schon im Dezember hatte eine Zeitung panisch getitelt "Biber holzt den Tiergarten ab". Bisher haben sich die neuen Parkbewohner aber offenbar nur über einzelne Bäume hergemacht.

Die angenagten Bäume, genau. Da vorne liegen auch noch die Späne rum. Die können aber nicht fliegen und können daher nicht mitgezählt werden. Sind ja auch Säugetiere. Genau!

Manche der Teilnehmer beobachten, wie ein paar Enten auf dem kleinen Tümpel ihre Bahnen ziehen. Ansonsten ist von der Berliner Vogelwelt an diesem Morgen zunächst nicht viel zu sehen.

"Wo sind denn die Vögel?"

"Da brüllt doch einer im Hintergrund!"

"Ja, das ist eine Nebelkrähe. Der erste Vogel! Die haben wir vorhin an der Kreuzung schon gehört."

"Ansonsten hören wir jetzt zwei Kohlmeisen. Kohlmeise ist in letzten Jahren bei der Stunde der Wintervögel immer auf einem der ersten beiden Plätze gewesen. In Abwechslung mit dem Haussperling."

In diesem Jahr haben 76.000 Teilnehmer an der Zählaktion teilgenommen. Aus den Ergebnissen kann der NABU inzwischen großflächige Trends ablesen. Welche Vogelarten im Winter inzwischen deutlich seltener nach Deutschland kommen beispielsweise. Oder welche Arten mit dem Klimawandel besonders gut zurechtkommen.

"Der Vogelschutz in Deutschland, also der institutionalisierte Vogelschutz, verstärkt sich in seinen Forschungen ja vor allem auf seltene Arten, die vom Aussterben bedroht sind und wirklich unseren Schutz benötigen. Und die Beschäftigung mit den häufigen Arten, wo man denkt: 'Ja, die sind überall, die sehe ich im Garten oder vom Balkon', die sind bisher wenig beachtet worden, zeigen aber eigentlich sehr deutlich, wie es um die Vogelwelt bestellt ist. Dadurch, dass Laien die Möglichkeit haben, viele Daten in der Masse zusammenzutragen, ist es ein großer Gewinn für die Wissenschaft, zu sehen, welche großräumigen Umwelteinflüsse eben die Vogelwelt beeinträchtigen."

Einzelne Kartierungen im Freiland, wie Ökologen sie für ihre Studien durchführen, könnten solche Umwelteinflüsse niemals aufzeigen, meint Eric Neuling:

"Oft wird Citizen Science ja als Hilfsarbeit definiert ein bisschen von Kritikern, dass sozusagen die Wissenschaft nur aus Datenmangel auf diese Daten zurückgreift. Aber die Qualität eben gar nicht so gut ist. Hier gilt es, mehr Anerkennung zu schaffen für Citizen Science, weil es ein Riesengewinn ist für die Erkenntnis und die Leute viel stärker an Wissenschaft heranführt und es nicht nur Selbstzweck sein kann, in den Universitäten Wissenschaft zu betreiben, wovon die Leute aber letztendlich nichts haben."

Kampf um Anerkennung

"Ich bin Hanny van Arkel und ich wohne in den Niederlanden und ich bin Lehrerin für Englisch."

Hanny van Arkel ist unter den Bürgerwissenschaftlern eine große Ausnahme.

"Der Job war toll, man musste schöne Fotos von dem Universum klassifizieren und da hatte ich ein neues Objekt entdeckt."

Normalerweise wäre sie wie ihre Millionen Mitstreiter in der Öffentlichkeit wohl kaum in Erscheinung getreten. Doch ein Zufallsfund verhalf ihr 2007 zu einer gewissen Berühmtheit. Die junge Lehrerin hatte auf einem Foto einen hellen grünlichen Klecks entdeckt. Ihre Neugier brachte sie dazu, dieses merkwürdige Objekt auf der Forumsseite von Galaxy Zoo mit anderen zu diskutieren. Am Ende war klar, dass hier ein Laie einen astronomischen Sensationsfund gemacht hatte, erzählt Grant Miller, Sprecher der Plattform Zooniverse:

"Es stellte sich heraus, dass dieser grünliche Fleck zu einer neuen Art astronomischer Objekte gehört, deren Existenz zuvor völlig unbekannt war."

Die Gründer von Galaxy Zoo nannten das grünliche Gebilde zu Ehren seiner Entdeckerin "Hanny's Vorweerp" oder Hannys Objekt. Die Namensgeberin selbst tingelt seitdem als eine Art Botschafterin für Citizen Science durch die Welt und hält Vorträge über Astronomie.

"Ja, es ist toll, ein berühmter Entdecker zu sein. Die Wissenschaftler von Galaxy Zoo hatten mich gefragt, mich dem Team anzuschließen. Es ist toll, das alles zu erleben und interessante Leute kennenzulernen, wovon ich viel lerne."

Citizen Science führt also auch dazu, dass sich Laien stärker mit Forschung beschäftigen. Dadurch nähern sich Wissenschaft und Öffentlichkeit an.

Peter Weingart, Wissenschaftssoziologe an der Universität Bielefeld:

"Warum spricht alle Welt von Citizen Science? Das hängt sicherlich damit zusammen, dass die Diskussion um die Demokratisierung der Wissenschaft in allen Teilen der Welt zugenommen hat. Und das wiederum hat zu tun mit der größeren Nähe der Wissenschaft zur Gesellschaft. Das ist eine Entwicklung, die wir seit mindestens 30 Jahren beobachten, die immer mehr wird und das führt darauf zurück, dass immer mehr Geld für die Wissenschaft aus öffentlichen Geldern kommt und damit die Forderung nach Offenlegung und Transparenz. Und das ist eine geradlinige Weiterführung in Richtung Mitbestimmung."

Nur die Interpretation der Daten liegt weiterhin in der Hand der Wissenschaftler.

"Wissenschaft ist hoch spezialisiertes und von langen Ausbildungsgängen abhängiges Tun, was so voraussetzungsvoll ist, dass es eben immer nur ein kleiner Teil der Bevölkerung betreiben kann und was ja auch mit besonderen Institutionen versehen ist. Und da kann man jetzt nicht so tun, als ob sich das gewissermaßen durch den guten Willen einiger aufheben lässt. Das ist nicht vorstellbar."

Qualität sichern

Fraglich ist aber, wie die Qualität der Ergebnisse aus einem Citizen-Science-Projekt bewertet werden soll. Meist gibt es keine Kriterien für die Teilnahme - jeder kann sich anmelden und unbegrenzt viele Proteine falten oder Bilder von Krebszellen klassifizieren. Auf Zooniverse kann man sogar mitmachen, ohne sich vorher zu registrieren. Mit Spaßvögeln oder Saboteuren, die Projekte durch mutwillig falsche Antworten torpedieren, müsse man rechnen, erklärt Zooniverse-Sprecher Miller. Die Masse der Teilnehmer kontrolliere sich deshalb gegenseitig.

"Wir lassen die Fotos oder Abbildungen in jedem unserer Zooniverse-Projekte mehrmals klassifizieren. Bei Galaxy Zoo zum Beispiel gucken sich 40 verschiedene Leute die Fotos an und wir nehmen dann die Antwort, die die meisten gegeben haben. Also eine Art Konsens-Ergebnis. Leute, die böswillig falsche Klassifikationen abgeben, können wir dadurch identifizieren, dass ihre Antworten immer anders sind, als die der Masse."

Dickel: "Es wird sogar bei einzelnen Projekten explizit gesagt: Das, was du dir gerade anschaust, schauen sich gerade Hunderte von Leuten an und dadurch ist es nicht schlimm, wenn du als individueller Citizen Scientist Fehler machst. Momentan muss man aber immer noch sagen: Richtige Urteilsmechanismen für die Daten der Citizen-Science-Projekte sind weiterhin etwas, das die Diskussion noch lange begleiten wird, denke ich."

Die Zukunft der Bürgerbewegung

Ein Punkt, der auch auf der Tagesordnung der bisher größten Citizen-Science-Konferenz stand. Mitte Februar trafen sich 600 Teilnehmer aus der ganzen Welt im kalifornischen San José um über die Zukunft der Bürgerbewegung zu debattieren. Über Qualitätssicherung, einheitliche Analysestandards. Schon jetzt lassen sich Fehler aus Datensätzen herausrechnen. Zum Beispiel, wenn zu viele Bürgerwissenschaftler aus der gleichen Region ihre Beobachtungen melden. Oder zu viele Männer teilnehmen. Eine weitere Strategie, die beispielsweise die Betreiber der Plattform Zooniverse verfolgen: Sie vergleichen die Ergebnisse der Laien mit denen von Profis. Etwa bei dem Projekt "Snapshot Serengeti", bei dem Tiere auf den Bildern einer selbstauslösenden Kamera identifiziert werden sollten. Das Ergebnis: respektabel, sagt Miller:

"Wir haben gesehen, dass die Gesamtheit der Laien die Tiere bis zu 97 Prozent korrekt bestimmt hat. Manche Experten haben es aber nur auf 95 bis 96 Prozent Treffsicherheit gebracht. In manchen Fällen waren die Laien also sogar besser als die Experten!"

Allein aus dem Projekt "Galaxy Zoo" sind inzwischen mehr als 50 wissenschaftliche Artikel hervorgegangen, Daten aus der gesamten Plattform Zooniverse wurden in fast 90 Publikationen verwendet. Der Erfolg dieser auch "Crowd Science" - "Massen Wissenschaft" genannten Methode ist unbestritten. Und er ist so groß, dass Forscher auch hierzulande daran teilhaben wollen.

"Wir sind hier in Deutschland vernetzt über das Projekt 'Bürger schaffen Wissen', wo eine ganze Reihe an Projekten zusammenkommen und das Hauptanliegen, das wir bei den ganzen Workshops erfahren, ist, dass sich die Projekte untereinander stärker vernetzen und austauschen wollen."

Katrin Vohland vom Berliner Naturkundemuseum hat die Plattform "Bürger schaffen Wissen" mit organisiert. Diese vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Website ging 2014 online und soll Freiwillige für Citizen-Science-Projekte in Deutschland begeistern. Auf der Plattform können Interessierte über Suchmasken Arbeit finden, die zu ihren Interessen oder Vorkenntnissen passt. Auch die "Stunde der Wintervögel" und die "Sensebox", die Daten über Lichtverschmutzung sammelt, sind hier vernetzt. Katrin Vohland:

"Ich glaube, ein Teil dieses Hypes ist, dass diese Projekte sichtbarer werden. Es gab auch schon immer Projekte, wo es um die Auswertung von Archivmaterial geht, es gab schon immer Personen, die sich intensiv mit lokaler Geschichte beschäftigt haben und alte Kirchenbücher transkribiert haben. Das haben sie aber per Hand gemacht. Jetzt sind diese Aktivitäten viel sichtbarer, weil sie sichtbarer gemacht werden, weil es große Datenbanken gibt."

Auf europäischer Ebene macht sich die European Citizen Science Association ESCA für die Laienwissenschaft stark. In den USA verschiedene Museen und Universitäten in der "Citizen Science Association"; zu den Gründern zählt das Cornell Lab of Ornithology mit der weltweit erfolgreichsten Vogelbeobachtungsplattform eBird. Und auch hinter der Plattform Zooniverse steckt eine Gesellschaft, die Citizen Science Alliance. Sie hat sich das Ziel gesetzt, den Erfolg ihrer eigenen Plattform zu exportieren und Universitäten zu beraten.

Gefaltete Origami-Bögen (picture alliance / dpa)Falten als Spiel (picture alliance / dpa)

Spielend forschen: Gamification der Wissenschaft

"Hallo, mein Name ist Michael Powell und ich lebe in Vancouver, British Columbia. Ich bin 68, war früher Zimmermann und bin jetzt im Ruhestand."

Michael Powell, alias "Retired Michael"

"And I have lots of time."

Michael Powell führt beim Wissenschaftsspiel Foldit regelmäßig die Highscore-Liste an. Er hat sich mit anderen zu einem Team zusammengeschlossen. Gemeinsam falten sie um die Wette - Proteine. Es geht bei diesem Spiel darum, möglichst effiziente dreidimensionale Formen bestimmter Eiweiße hinzukriegen. Für jede richtige Faltung bekommen die Teilnehmer Punkte.

Michael hält sein Gehirn auf Trapp und kann gleichzeitig erste Erfolge verbuchen: Seine "Foldit"-Gemeinschaft entschlüsselte die Struktur eines Enzyms, das für die Vervielfältigung des Immunschwächevirus HIV und damit für AIDS verantwortlich ist. Doch es geht eigentlich nicht um die wissenschaftlichen Ziele.

"Es ist ein Spiel, so wie die anderen Computerspiele da draußen. Es macht ein bisschen abhängig, man bleibt hängen. - Ich spiele in einem Team und habe mit Leuten aus der ganzen Welt zu tun: Sie stammen aus Norwegen, Holland, den Vereinigten Staaten, Japan. Das macht Spaß."

Citzen-Science-Projekte wie ein Computerspiel aufzubauen, ist vielleicht der geschickteste Schachzug in der Bürgerforschung. Dick Kasperowski:

"Wenn man gefragt wird: 'Was hast du den ganzen Tag am Computer gemacht?', kann man antworten: 'Guck mal hier, ich habe der Krebsforschung geholfen!' Das ist ein befriedigenderes Gefühl, als wenn man zugeben muss, dass man den ganzen Tag irgendwelche Ballerspiele gespielt hat und dafür auf der Bestenliste gelandet ist."

Das Berliner Tierstimmenarchiv besitzt einzigartige Tonbandaufnahmen. Allein 1800 Vogelarten sind hier mit ihren Gesängen und Rufen vertreten. Die Sammlung gehört zum Berliner Naturkundemuseum und wird dort von Karl-Heinz Frommolt betreut. Er ist Herr über 120.000 Tonaufnahmen, die auf mehr als 4.000 Tonbandspulen gespeichert sind. Doch an ihnen nagt der Zahn der Zeit.

"Die ältesten Aufnahmen gehen auf das Jahr 1951 zurück und eines der Probleme ist, dass ein Großteil der Bestände auf Magnettonband aufgezeichnet wurde. Also man braucht die entsprechende Technik dafür und das größere Problem ist eigentlich, dass die Magnetbänder nicht dauerhaft sind, dass die zerfallen. Deswegen ist eine dringende Aufgabe, die Bestände in eine digitale Form zu überführen."

Der Großteil der eingelagerten Tierstimmen ist bereits über eine große Datenbank digital abrufbar. Doch die Arbeit nimmt kein Ende, denn immer wieder kommt es vor, dass Hobby-Ornithologen ihre privaten Tonband-Sammlungen dem Tierstimmenarchiv vermachen. Derzeit ist Karl-Heinz Frommolt damit beschäftigt, alte Aufnahmen des Ornithologen Erwin Tretzel einzupflegen. Die Dokumentation dieses ehemaligen Zoologieprofessors ist eigenwillig.

"Ich bin auch gerade dabei, sozusagen die Gebrauchsanleitung für die externen Mitarbeiter zu erstellen, und hier haben wir für dieses Band mal die spärliche Dokumentation, die vorhanden ist. Dann muss man die Schrift lesen können. Dann kommt hinzu, dass der Herr Tretzel sehr viel mit Abkürzungen gearbeitet hat. Also wenn man zum Beispiel die erste Zeile nimmt: Da steht 'Div KL 1 Punkt römisch vier 78'... Im Nachhinein kommt da raus: Erster vierter 78. Sonst ist auch das Problem, dass das römisch IV auch bedeuten könnte, dass mit dem Aufnahmegerät Nagra IV aufgenommen worden ist. Leider können wir Herrn Tretzel nicht mehr fragen. Er ist 2001 verstorben."

Freiwillige Vogelkenner können seit Ende Januar 2015 dabei helfen, korrekte Angaben über die Vogelarten zu machen, die auf dem Band zu hören sind. Karl-Heinz Frommolt hat ein Onlineformular für die Daten entwickelt.

"Ich habe hier auch gerade die Oberfläche offen, die dem externen Nutzer zur Verfügung stehen wird."

Auf dem Bildschirm ist ein etwas verwaschen aussehendes Spektrogramm mit wilden Zickzacklinien zu sehen. Dazwischen Platz für schriftliche Vermerke.

"Also wir haben dann hier die Aufnahme, die spektrografisch dargestellt ist. In dem Fall ist es die Aufnahme eines Rotkehlchens. Das erinnert ein bisschen an eine Notenschrift, das Ganze grafisch dargestellt und man kann sehr genau erkennen, wo der Gesang beginnt und wo er endet. Das ist wirklich das Rotkehlchen das vordergründig singt. Jetzt hört man auch noch Kirchenglocken. Dazwischen sind auch ab und zu mal Meisen zu hören. - Das ist jetzt eine Amsel. Hier können wir auch eingeben, dass wir die Amsel gehört haben. Dann war hier auch noch eine Blaumeise im Hintergrund zu hören."

Langfristig sollen die Tierstimmen dazu genutzt werden, Computerprogramme zu schulen, die dann die Laute automatisch erkennen.

"Der Computer erkennt, welche Tierstimmen in der Aufnahme enthalten sind. Bei manchen klappt das sehr gut. Wir haben seit einigen Jahren ein Monitoringprogramm in einer Wiedervernässungsanlage in Mecklenburg Vorpommern laufen, und zumindest Rohrdommel und Tüpfelsumpfhuhn können wir schon recht gut erkennen."

Die Rufe oder Gesänge der meisten Vogelarten sind einander zu ähnlich, als dass ein Computer sie schon unterscheiden könnte. Doch die Rohrdommel hat einen sehr charakteristischen Ruf.

"Die Rohrdommel ist eine sehr dankbare Art, die kann man eigentlich nicht verkennen und dann kommt dazu, dass der Ruf über sehr große Distanzen zu hören ist. Den hört man über einen Kilometer weit."

Allerdings braucht man das entsprechende Equipment, um den eindrücklichen Balzruf dieses vom Aussterben bedrohten Sumpfbewohners überhaupt wahrnehmen zu können.

"Rohrdommel ist fürs Radio schwierig. Man sollte aber nicht enttäuscht sein, falls bei schlechten Wiedergabegeräten nichts rauskommt. Also bei Autoradios wäre ich vorsichtig. Natürlich wenn man den richtigen Subwoofer drin hat, kommt die richtig gut! - Der PC muss erst mal wissen, wie eine Art klingt und da stellen wir unser Material zur Verfügung."

 

Kasperowski: "Ich habe Galaxien klassifiziert und Proteine gefaltet, um mal zu sehen, wie das ist. Ich war wirklich unbrauchbar! Ich hab's einfach nicht hinbekommen!"

Vohland: "Also meinem Sohn gefällt die Idee von Citizen Science. Er beklagt sich nämlich immer, wenn sie Experimente in der Schule machen, dass alle genau vorher wüssten, was dabei rauskommt. Und das ist eben doch ein bisschen langweilig. Bei Citizen Science ist es offen - das ist eben Forschung!"

Weingart: "Das Experiment lief eine ganze Zeit, über eine Dreiviertelstunde oder so. Und dann fragte ich den Psychologen, der das designt hat: 'Wie war's?' Sagt er: 'Ja, war alles prima.' Dann sagt er: 'Sind Sie Rechts- oder Linkshänder?' Sage ich: 'Eigentlich links, aber ich kann auch vieles mit rechts.' Da sagt er: 'Aha, das erklärt, warum sie so oft den Hammer gewechselt haben. Aber im Übrigen sind sie während des Experiments einmal eingeschlafen.' Und das hatte ich überhaupt nicht gemerkt." 

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