• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInterview"Es geht darum, konkrete Handlungen abzuleiten"13.04.2015

Bürgerdialog "Gut leben in Deutschland""Es geht darum, konkrete Handlungen abzuleiten"

Die Bundesregierung eröffnet heute einen Bürgerdialog unter dem Motto "Gut leben in Deutschland - Was uns wichtig ist". Dabei gehe es darum, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und zu schauen, was Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ändern sollten, sagte Stefan Bergheim, Direktor des "Zentrums für gesellschaftlichen Fortschritt", im DLF.

Stefan Bergheim im Gespräch mit Peter Kapern

Die tiefstehende Sonne wirft die Schatten eines Paares, das sich an den Händen hält, auf einer Wiese. (picture-alliance/ dpa-Zentralbild )
Familie, Partnerschaft, Bildung, Finanzen, Sicherheit - die Regierung fragt, was den Menschen wichtig ist. (picture-alliance/ dpa-Zentralbild )
Weiterführende Information

Schwerpunktthema - Mehr Lebensqualität durch frühen Ruhestand?
(Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 17.07.2014)

Kommunikationsdesign - Ein Ministerium für Glück
(Deutschlandfunk, Corso, 26.11.2014)

Philosophie - Neugierig die Welt erforschen
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 25.11.2014)

Bergheim ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bürgerdialogs. Er betonte, Wahlen und Meinungsumfragen alleine reichten nicht, um herauszufinden, was den Menschen wichtig sei. "Es geht wirklich darum, tiefer zu bohren." Daraus solle dann kein Wunschzettel an die Bundesregierung werden, der vollständig umgesetzt werde. Bergheim betonte aber, es werde einen ressortübergreifenden Aktionsplan geben. "Es geht darum, konkrete Handlungen abzuleiten."

Mit dem Bürgerdialog solle auch neu verhandelt werden, wer für was zuständig sei: "Was können Menschen selber in die Hand nehmen?" Beim Thema Bildung sehe er zum Beispiel eine große Rolle für zivilgesellschaftliches Engagement, aber auch für die Wirtschaft und staatliche Einrichtungen. Man müsse schauen, wer künftig welche Rolle spiele. 


Das Interview in voller Länge:

Peter Kapern: Stellen Sie sich vor, vor Ihnen würde nicht nur die gute Fee aus dem Märchen stehen, sondern auch gleich noch deren Freund, und beide würden Ihnen die Frage stellen, wie wollen Sie leben, was wünschen Sie sich, welche Wünsche dürfen wir erfüllen. Kein schlechtes Gedankenspiel, oder? Und wissen Sie was: Ab heute Nachmittag geht dieses Märchen in Erfüllung. Die gute Fee heißt Angela Merkel, ihr Kompagnon Sigmar Gabriel, und beide gemeinsam wollen heute mit den Bürgern einen Dialog aufnehmen, um herauszufinden, was die sich wünschen, wie sie leben wollen. „Gut leben in Deutschland", so heißt die Reihe von mehr als 100 Veranstaltungen, in der die Bundesregierung im Gespräch mit dem Volk herausfinden will, wie sich das Glücksempfinden der Deutschen noch steigern lässt. Jede Regierungsinitiative, die etwas auf sich hält - das haben wir gerade schon gehört -, stützt sich auf einen wissenschaftlichen Beirat, in dem der notwendige Sachverstand versammelt ist. So ist das auch bei dieser Initiative. Zum wissenschaftlichen Back-up zählt Stefan Bergheim, der Direktor der Denkfabrik "Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt". Guten Morgen, Herr Bergheim.

Stefan Bergheim: Schönen guten Morgen.

Kapern: Herr Bergheim, Politiker fragen die Menschen im Land, wie die leben wollen. Das sollte eigentlich der Normalfall in der Demokratie sein. Warum braucht man dafür jetzt eine Veranstaltungsreihe?

Bergheim: Ich denke, man braucht andere, neue, zusätzliche Prozesse, um das herauszufinden, was den Menschen wichtig ist.

Kapern: Warum?

Bergheim: Nur alle vier oder fünf Jahre sein Kreuzchen auf einem Wahlzettel zu machen, reicht einfach nicht. Meinungsumfragen reichen aus meiner Sicht auch nicht, sind natürlich wichtig, aber dort kann der Bürger auswählen aus einer vorgegebenen Liste, was ist Ihnen besonders wichtig zum Beispiel. Aber hier geht es ja wirklich darum, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sie danach zu fragen, was ihnen wichtig ist und nachzufragen, warum ist das wichtig, was bedeutet das jetzt konkret, und daraus dann Handlungen abzuleiten.

Kapern: Die Politik will jetzt also herausfinden, was die Menschen unter einem guten Leben verstehen. Früher war das einfach, da bestand das gute Leben aus Wohlstand und Gesundheit. Ist das heute nicht mehr so?

Bergheim: Das gehört natürlich heute auch mit dazu und Bildung und Sicherheit. Was wir in einem kleinen Projekt in Frankfurt herausgefunden haben ist, dass den Menschen das Zusammenleben auch enorm wichtig ist, das Zusammenleben zwischen Weiß und Bunt und zwischen Jung und Alt und mit Kindern und ohne Kinder. Da drückt ein bisschen der Schuh, das ist etwas, was wir herausgefunden haben, was in dieser Bedeutung so bis dato nicht sichtbar war. Ich bin mal gespannt, was in Deutschland insgesamt herauskommen wird.

"Es geht nicht darum, hier einen Wunschzettel zu formulieren"

Kapern: Haben Sie schon eine Vorstellung davon, was der gemeinsame Nenner von 80 Millionen Deutschen bei der Frage nach einem guten Leben sein könnte?

Bergheim: Nicht nur von 80 Millionen Deutschen, sondern auch weltweit sind immer wieder ähnliche Themen wichtig, einfach das Zusammenleben, das Miteinander in der kleinen Einheit Familie, in der Nachbarschaft, in der direkten Umgebung, mit anderen Menschen ganz allgemein. Das ist wichtig, eine gute Bildung zu haben, gesund zu sein, etwas zu tun zu haben, eine sinnvolle Tätigkeit, die auch noch solide bezahlt wird. All das ist Menschen rund um den Globus wichtig.

Kapern: Ist das dann schon ein gemeinsamer Nenner für einen Arbeitsauftrag an eine Regierung?

Bergheim: Das ist natürlich noch zu klein und viel zu wenig konkret. Dann geht es wirklich darum, tiefer zu bohren und zu gucken, ja was ist es denn zum Beispiel im Bereich Bildung, worum geht es denn eigentlich. Wir haben in Frankfurt mit vielen Migranten gesprochen, festgestellt, dass denen Bildung wahnsinnig wichtig ist, Deutsch zu lernen oberste Priorität hat für sie, dass sie aber sehr wenig Angebote haben. Insbesondere dann, wenn sie mal einen Job haben, wenn sie Geld verdienen können, was sie natürlich wollen, dann sich zusätzlich weiterzubilden im Bereich Deutsch ist sehr, sehr schwierig. Und wir wissen auch, dass wir in Deutschland 15 Prozent der Bevölkerung haben, die funktionale Analphabeten sind. Das ist etwas, was bei uns herauskam. Wie gesagt: Ich bin gespannt, was auf nationaler Ebene herauskommt.

Kapern: Herr Bergheim, so eine Befragung, führt die nicht dazu, dass man auch ein wenig die Vollkasko-Mentalität der Bürger fördert, wenn die sich nun nach so einer Veranstaltung hinsetzen und sagen, das war jetzt unser Wunschzettel und jetzt macht mal bitte?

Bergheim: Ja, bitte nicht! Darum geht es natürlich nicht, hier einen Wunschzettel zu formulieren, die da oben sollten mal etwas tun, und dann bitte enttäuscht zu sein, wenn das nicht passiert. Es geht auch darum, neu zu verhandeln, wer ist denn wofür zuständig, was können Menschen selber in die Hand nehmen, was können Menschen gemeinsam auch in die Hand nehmen, was ich gerade erwähnt hatte, Thema Bildung, Analphabetismus. Da sehe ich eine große Rolle für Bürgerengagement, für zivilgesellschaftliches Engagement, für Engagement der Wirtschaft auch, für Unternehmen, dass die dort aktiv werden, und natürlich auch für staatliche Einrichtungen. Da muss man einfach drüber reden, wer spielt jetzt welche Rolle, damit wir gemeinsam zu einem positiven Ergebnis, zu einem besseren Leben kommen.

"Dialog zwischen Politik und Bevölkerung fördern"

Kapern: Und die Akteure, die Sie gerade angesprochen haben, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, die haben auch ein Interesse daran, dass die Rollen neu verteilt werden?

Bergheim: Ob jetzt jeder hurra schreit, der sagt, das was ihr bisher getan habt, ist vielleicht nicht so das Ideale für die Zukunft. Aber die meisten, die sich dort engagieren, die wollen doch einen sinnvollen Beitrag zur Zukunft dieser Gesellschaft leisten. Stiftungen überlegen sich, wir haben Geld, wofür sollen wir es denn einsetzen, im Idealfall dafür, die Lebensqualität zu steigern, wo sind die Terrains, wo sind die Bereiche, und da ist natürlich so ein Zukunftsdialog über Lebensqualität sehr, sehr hilfreich.

Kapern: Herr Bergheim, vor einiger Zeit schon, da hat sich eine Enquete-Kommission des Bundestages mit der Frage beschäftigt, wie man Wohlstand messen soll, und kam zu dem Ergebnis, das solle man nicht nur noch am Bruttoinlandsprodukt messen. Dieser Dialog mit dem Ziel, herauszufinden, was die Menschen unter einem guten Leben in Deutschland verstehen, liegt der auf derselben Linie, dass man einfach nach anderen, wie soll ich das sagen, Orientierungspunkten als nur dem Kontostand sucht?

Bergheim: Der liegt auf jeden Fall auf der gleichen Linie. Das ist die Linie, aus der ich auch komme als Volkswirt, der sich sehr stark mit Bruttoinlandsprodukt beschäftigt hat...

Kapern: Als ehemaliger Banker!

Bergheim: Genau. - Was gibt es noch, jenseits des Bruttoinlandsprodukts, rechts und links? Aber es geht ja hier nicht nur um das Messen alleine, sondern es geht auch darum, diesen Dialog zwischen Politik und Bevölkerung zu fördern, und es geht auch darum, wirklich konkrete Handlungen abzuleiten, aus meiner Perspektive und dem Wunsch eben nicht nur der Bundesregierung, sondern über die verschiedenen Ebenen, über die verschiedenen Sektoren hinweg.

"Nicht alles wird umgesetzt werden können"

Kapern: Jetzt haben Sie zum zweiten Mal gesagt, es gehe darum, konkrete politische Handlungen auf die Beine zu stellen. Nun haftet ja ausgerechnet Angela Merkel das Image an, sich gerade nicht mit Visionen und Wünschen zu befassen, sondern immer nur auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren, sozusagen auf Sicht zu fahren politisch. Was trauen Sie denn vor diesem Hintergrund dieser Initiative zu?

Bergheim: Ich traue der sehr viel zu. Natürlich ist auch Frau Merkel sehr daran interessiert, dieses Land zu gestalten, dieses Land zukunftsfähig zu machen, und die Kollegen aus den verschiedenen Ministerien natürlich auch. Es wird einen Aktionsplan, einen ressortübergreifenden Aktionsplan "gut leben" geben. Da werden natürlich auch einige Dinge drinstehen, die mit aktuellen Ereignissen zu tun haben, aber es geht - das ist auf jeden Fall meine Hoffnung und darauf werde ich auch dringen als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats -, dass es auch neue Initiativen gibt, dass es ressortübergreifende Initiativen möglicherweise auch gibt und eben diese Zusammenarbeit mit den anderen Sektoren vorangebracht wird. Da werde ich ein waches Auge drauf haben und ich hoffe, die Bevölkerung, die sich jetzt beteiligt in den nächsten Monaten, und die Presse natürlich auch.

Kapern: Wir haben das ja eben , mitbekommen. So eine Veranstaltungsreihe, die steht auch immer ein wenig unter dem Generalverdacht, die Menschen einlullen zu wollen oder schon Wahlkampf machen zu wollen. Wie geht man damit um?

Bergheim: Der Verdacht ist natürlich immer da. Aber ich gehe nicht davon aus, dass es den Beteiligten wirklich darum geht. Es geht nicht darum, den Leuten irgendetwas schön zu reden oder ihnen zu sagen, ja, das ist doch alles ganz gut so, wie es ist, sondern es geht wirklich um ein genuines Interesse daran, was ist den Menschen wichtig, um ein genuines Gespräch, einen Dialog mit den Menschen, und sich dann zu überlegen, was kann man tun. Natürlich auch da wieder die Wunschliste. Nicht alles, was die Menschen artikulieren, wird auch umgesetzt werden können. Das ist natürlich völlig klar. So viel muss man auch der Politik zugestehen. Das wird durch die etablierten Prozesse der repräsentativen Demokratie natürlich durchgehen müssen, insbesondere dann, wenn es Geld kostet. Das ist völlig akzeptabel, so muss das auch sein. Aber es wird auch etwas passieren hinten raus.

Kapern: Stefan Bergheim war das, der Direktor der Denkfabrik Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Initiative Bürgerdialog "Gut leben in Deutschland", die heute Nachmittag in Berlin startet. Herr Bergheim, danke, dass Sie Zeit hatten für uns heute Früh.

Bergheim: Danke Ihnen!

Kapern: Einen schönen Tag noch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk