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Bürgermeister von Isfahan beklagt "falsche Vorstellungen vom Iran"

Morteza Saghaieyan Nedschad im Gespräch mit Christian Schillmöller

Isfahans Bürgermeister Morteza Saghaieyan Nedschad (Dirk Gebhardt/laif)
Isfahans Bürgermeister Morteza Saghaieyan Nedschad (Dirk Gebhardt/laif)

Die Städtepartnerschaft mit Freiburg, Auswirkungen der Sanktionen, Angriffsszenarien und das Bild des Iran in der Welt: Der Bürgermeister von Isfahan, Morteza Saghaieyan Nedschad, spricht über seine Sicht auf die Islamische Republik - und beklagt die Propaganda ausländischer Medien, die ein falsches Bild zeichneten.

Christian Schillmöller: Wie steht es um die Partnerschaft zu Freiburg?

Morteza Saghaieyan Nedschad: Wir haben zu unseren Partnerstädten gute Beziehungen, besonders zu Freiburg - und zwar fern von der Tagespolitik und den Ereignissen auf der internationalen Bühne. Insgesamt haben wir 15 Partnerschaften - aber die zu Freiburg ist beispiellos.

Schillmöller: Warum?

Saghaieyan Nedschad: Die Beziehungen drehen sich nicht nur um Kunst und Kultur, auch die Universitäten sind beteiligt, und wir entwickeln immer mehr Projekte.

Schillmöller: Können Sie ein Beispiel nennen?

Saghaieyan Nedschad: Wir haben selbst viele direkte Gespräche geführt, aber auch die Universitäten von Isfahan und Freiburg - zum Beispiel über das Thema "Saubere Luft in Isfahan".

Schillmöller: Gibt es denn schon Projekte im Bereich der Erneuerbaren Energien?

Saghaieyan Nedschad: Bislang haben wir vier Projekte angestoßen, unter der Ägide der Universität Isfahan. Wir wollen ein Gebäude der Stadtverwaltung in ein Null-Energie-Haus umbauen und die Erneuerbaren Energien zum Beispiel in den Parks in die Tat umsetzen.

Schillmöller: Was können die Freiburger von den Bürgern in Isfahan lernen?

Saghaieyan Nedschad: Herzlichkeit, Freundschaft, Freundlichkeit ganz allgemein. Sehen Sie, die Isfahaner sind gegenüber Touristen sehr offen und entgegenkommend, vor allem gegenüber deutschen Touristen.

Schillmöller Was haben Sie für Erfahrungen mit den Menschen aus Freiburg gemacht? Was für Erinnerungen haben Sie?

Saghaieyan Nedschad: Mit einigen Delegationen haben wir über den Kampf gegen Unterdrückung gesprochen. Dieser Wunsch nach Freiheit, den ich bei den Freiburgern beobachtet habe: Da gibt es Ähnlichkeiten zum iranischen Volk, zu den Isfahanern.

Schillmöller: Können Sie das näher erläutern?

Saghaieyan Nedschad: Trotz der Rolle Deutschlands im Zweiten Weltkrieg kennen auch die Deutschen im Herzen den Willen nach Freiheit. Das gibt es bei uns auch schon seit Jahrhunderten. Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, dieser Aufstieg - genau das haben wir nach dem Krieg mit Irak Ende der 80er-Jahre erlebt, also dass man gewillt ist, erhobenen Hauptes zu gehen. Uns ist auch aufgefallen, dass die Deutschen an sich glauben und es geschafft haben, auf eigenen Beinen zu stehen, obwohl sie ja nicht zu den klassischen Supermächten gehören. Genau das sehen wir auch in der Kultur Irans.

Schillmöller: Ich denke, das führt jetzt sehr weit, dass man zwei ganz verschiedene Systeme vergleicht, die Bundesrepublik und die Islamische Republik. Sie nannten aber den Begriff Freiheit: Wie weit ist denn der Iran auf dem Weg zur Freiheit?

Saghaieyan Nedschad: Die Freiheit ist dort, wo der Geist frei ist. Wir glauben nicht an eine unbegrenzte Freiheit. Eine Freiheit aus unserer Sicht ist dann akzeptabel, wenn sie den anderen nicht stört, behindert. Das ist die wahre Bedeutung von Demokratie. Im Westen gibt es dagegen manchmal Auswüchse, mit denen ich nicht einverstanden bin.

Schillmöller: Ich habe mir schon im Vorfeld die Frage gestellt, als die Berichte über einen möglichen Angriff auf den Iran geben, da habe ich gedacht: In Isfahan und in Natanz gibt es auch Atomanlagen. Gab es da Befürchtungen und Ängste bei Ihnen?

Arbeitszimmer des Bürgermeisters von Isfahan (Dirk Gebhardt/laif)Arbeitszimmer des Bürgermeisters von Isfahan (Dirk Gebhardt/laif) Saghaieyan Nedschad: Diese Propaganda über solche Angriffe kann ja jedes Land gegen ein anderes betreiben. Aber wenn es um Leben und Tod geht, um den Fortbestand einer Gesellschaft, dann ist die Geschlossenheit wichtig, die wir haben, die Einigkeit. Wenn ein Land sich entwickeln und vorankommen will, muss es auch bereit sein, Schwierigkeiten auszuhalten. Wenn wir Schritte für den wissenschaftlichen Fortschritt tun wollen, dann müssen auch wir den Preis für diese wissenschaftlichen Fortschritte zahlen. Sehen Sie, in Isfahan gibt es historische Stätten, die der ganzen Welt gehören, und es ist die Aufgabe und Verantwortung der Weltgemeinschaft und der UNESCO, Isfahan zu schützen.

Schillmöller: Gibt es Auswirkungen der Sanktionen, dass Sie sagen, hier hat die Wirtschaft zu kämpfen?

Saghaieyan Nedschad: Glücklicherweise haben wir hier im Iran eine starke Wissenschaft, die die Industrie unterstützt. Darum konnten wir bislang verhindern, dass die Sanktionen große Schäden anrichten. Wir sind eigenständig und können uns und unsere Industrie selbst versorgen. Trotz der Sanktionen können wir - Gott sei Dank - unser Leben weiterführen.

Schillmöller: Sie gehen Ihren Weg weiter, weil Sie als UNESCO-Welterbestadt auch viele Touristen haben: Woher kommen die?

Saghaieyan Nedschad: Infolge der westlichen Sanktionen kommen die meisten unserer Touristen heute aus Asien, zum Beispiel aus China, Indonesien, Malaysia, aber auch aus der Türkei und aus Russland. Hauptsächlich kommen die Menschen aus islamischen Staaten zu uns. Trotzdem haben wir auch amerikanische Touristen, wegen der Partnerstadt Freiburg auch deutsche Touristen.

Schillmöller: Ärgert Sie das nicht ungemein, dass ein wichtiger Sektor, der Tourismus, sich ändern muss, weil manche Menschen nicht mehr kommen?

Saghaieyan Nedschad: Das ist normal. Aber wir müssen weiterleben. Natürlich haben die Sanktionen Auswirkungen auf unser Leben, aber sie legen unseren Alltag nicht lahm. Wenn es die Sanktionen eines Tages nicht mehr gibt, dann wird es wieder bessere Beziehungen zwischen den Völkern geben. Sie hatten sicher auch diese Vorurteile durch die Propaganda, die Ihnen Ihre Medien in den Kopf gesetzt haben. Darum glauben viele bei Ihnen sicher nicht, dass sie sich hier nicht frei bewegen können und herzlich empfangen werden. Die Quelle all dieser falschen Vorstellungen vom Iran ist das Bild, das eure Medien von uns entwerfen. Es ist besser, wenn Sie sich persönlich ein Bild machen, an Ort und Stelle, in den Parks, auf den Straßen bei uns - und erst dann Ihr Urteil fällen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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