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StartseiteDeutschland heuteNachbau von Hitlers Arbeitszimmer zu besichtigen02.11.2016

Bunkermuseum BerlinNachbau von Hitlers Arbeitszimmer zu besichtigen

Ein Bild vom Alten Fritz, eine Schäferhund-Statue auf dem Tisch und ein bisschen Deko: Eine Ausstellung in Berlin zeigt eine Nachbildung des Arbeitszimmers von Adolf Hitler im Führerbunker. Ob pure Effekthascherei oder Geschichte zum Anfassen - der Luftschutzbunker ist neuerdings ein Besuchermagnet.

Von Wolf-Sören Treusch

Utensilien liegen auf dem Schreibtisch im Nachbau des Arbeitszimmers von Adolf Hitler im Führerbunker. (picture-alliance/ dpa/ Wolfgang Kumm)
Utensilien liegen auf dem Schreibtisch im Nachbau des Arbeitszimmers von Adolf Hitler im Führerbunker. (picture-alliance/ dpa/ Wolfgang Kumm)
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"Zur Tour, die wir jetzt machen: Die Bunkertour 'Dokumentation Führerbunker' dauert so 75 bis 90 Minuten."

Enno Lenze betreibt den ehemaligen Luftschutzbunker am Anhalter Bahnhof in Berlin, nicht weit entfernt von dem Ort, an dem sich 1945 der Führerbunker befand. Da der nach dem Krieg zugeschüttet wurde, erzählt Enno Lenze bei seinen Führungen die Geschichte beider Bunker. Stärker könnte der Kontrast kaum sein: hier die letzte Zufluchtsstätte für 12.000 Menschen, obwohl nur für 3.500 Platz war. Dort der Rückzugsort der Nazi-Elite. Seit Neuestem endet die Führung in einer kleinen Ausstellung. Ein paar Fotos vom Kriegsende an den kahlen Wänden, dazu ein Modell des Führerbunkers im Maßstab 1:25 und, weil so viele Menschen danach gefragt hätten, als Höhepunkt:

"Deswegen haben wir auch, was Sie hinter sich sehen, zum Beispiel ein Arbeitszimmer von Hitler im Bunker nachgebaut, also der Ort, wo er sich erschossen hat."

Ein vollgestellter, kleiner Raum hinter Glas. Fotografieren verboten. Das Mobiliar ist aus schwerem Holz, ein Bild von Friedrich dem Großen hängt an der Wand, eine kleine Schäferhund-Statue steht auf dem Schreibtisch. Hitlers Arbeitszimmer im ehemaligen Führerbunker. Eine Besucherin ist verblüfft.

"Ich finde es total schön eingerichtet, und das wundert mich, ehrlich gesagt, also: Der hatte es ja richtig schön. Auch mit dem Bild, so ein bisschen Deko, mit dem Hund, der da steht, also das hätte ich jetzt nicht gedacht."

Nachbildung von Hitlers Arbeitszimmers

Doch warum das Ganze? Warum eine Nachbildung des Arbeitszimmers von Adolf Hitler in einem Bunker, in dem er sich nie aufgehalten hat? Enno Lenze sagt: um mit dem Mythos aufzuräumen, der Führer habe ganz einfach gewohnt. Deshalb ließen er und sein Kompagnon das Arbeitszimmer quasi originalgetreu nachbauen.

"Von den Maßen her stimmt es, von den Fotos her war es auch so aufgebaut, wie gesagt: Niemand hat jetzt den exakten Plan gehabt und so was, aber allen Quellen nach, die wir hatten, haben wir es so gut, wie wir können, nachgestellt."

Und schon melden sich die Kritiker zu Wort. 'Disneyland!' Schreien sie auf. Der Nachbau sei geschmacklos, pure Effekthascherei. Nur wenige hundert Meter entfernt – auf dem Gelände der ehemaligen Hauptquartiere von Gestapo und SS – arbeitet das Dokumentationszentrum Topografie des Terrors die Verbrechen der Nationalsozialisten auf. Dessen Sprecher Kay-Uwe von Damaros schüttelt den Kopf. Rekonstruktionen können sinnvoll sein, sagt er, aber auf die Frage, ob man Hitlers Arbeitszimmer unbedingt sehen müsse, antwortet er mit nein.

Eine Frau betrachten am 27.10.2016 in Berlin, während einer Ausstellungseröffnung der Dokumentation Führerbunker des Vereins Historiale, Fotodokumente des Bunkers, die von russischen oder amerikanischen Soldaten gemacht wurden. (picture-alliance/ dpa/ Wolfgang Kumm)Die Ausstellung zeigt Fotodokumente des Bunkers, die von russischen oder amerikanischen Soldaten gemacht wurden. (picture-alliance/ dpa/ Wolfgang Kumm)

"Ich kritisiere nicht die Nutzung von Artefakten in Ausstellungen allgemein, und auch nicht die Nutzung von Nachbildungen, es mag sicher Beispiele geben, bei denen man zum Schluss kommen kann, ‚ja das war hilfreich, um flankierend sachliche Informationen, dokumentarische Informationen zu verstärken’, im Falle des Arbeitszimmers von Adolf Hitler mag mir das nicht einleuchten. Wenn es um die letzten Tage von Adolf Hitler im Führerbunker geht, gibt es, glaube ich, Anschauungsmaterial auch in Form von Originalfotos, die man dafür nutzen kann."

Meisten Besucher empfinden es als unspektakulär

Enno Lenze versteht die Aufregung nicht. Das nachgebaute Arbeitszimmer mache anschaulich, wie spießig der Führer in den letzten Kriegstagen lebte, von Hitler-Show, wie manch einer behauptet, keine Spur.

"Wir zeigen ja hier nur einen Ausschnitt, und nur eingebettet in diese Tour, die einen klaren Rahmen bietet. Wenn wir jetzt sagen würden: Wir zeigen ein Zimmer, wo man mal schnell lustig Hitler gucken kann oder so, das wäre definitiv geschmacklos, aber deswegen gibt es das ja nur in dieser geführten 90-Minuten-Tour mit dem entsprechenden Rahmen, und da sehe ich keine Geschmacklosigkeit drin."

Die meisten Besucher empfinden Hitlers Arbeitszimmer sowieso als eher unspektakulär.

Frau: "Ist nix Besonderes. Ich halte es für gut, wenn es Leute anlockt, damit die sich mit der Geschichte beschäftigen, aber wenn es jetzt nicht hier wäre, wären wir auch hergekommen."

Mann: "Die Führung an sich ist schon recht beeindruckend. Weil sie sich ja auch viel mit dem ganzen Wesen der Zeit beschäftigt und dem Leiden der Bevölkerung, also das Zimmer, ja, ich sage mal, das ist ne interessante Beigabe."

Frau: Ob es jetzt notwendig ist, kann man sich drüber streiten, aber ich finde es nicht verkehrt.

Ob Show oder Aufklärung - der Luftschutzbunker ist neuerdings ein Besuchermagnet. Die Zahl der Führungen hat sich seit der Eröffnung verdoppelt.

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