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StartseiteBüchermarktBurleske um einen Kulturstaatsminister13.09.2006

Burleske um einen Kulturstaatsminister

Otto A. Böhmer nimmt die Welt der Kulturpolitik aufs Korn

Der 1949 in Rothenburg ob der Tauber geborene und heute nördlich von Frankfurt in der Wetterau lebende Otto A. Böhmer ist eine erstaunliche Mehrfachbegabung. Nach einem breit angelegten Studium der Philosophie, Politologie, Soziologie und Literaturwissenschaft hat er über Johann Gottlieb Fichte promoviert, und nach einem Zwischenspiel als Verlagslektor verfasst er ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame Biographien über Dichter und Denker - von Romantikern wie Brentano und Eichendorff über die Klassiker Goethe und Schiller bis zu Schopenhauer und Nietzsche. Zugleich dreht er einlässliche dokumentarische Kulturfilme und schreibt sprachmächtige Romane zum Beispiel über den jungen Goethe oder Nietzsche.

Von Stephan Reinhard

Könnte das Vorbild für Alexander Pocke-Pückler gewesen sein: Michael Naumann, ehemaliger Staatsminister für Kultur (AP)
Könnte das Vorbild für Alexander Pocke-Pückler gewesen sein: Michael Naumann, ehemaliger Staatsminister für Kultur (AP)

Böhmer, ein ausgewiesener Theoretiker und Praktiker des Ästhetischen, hat sich in seinem neuen Roman "Der Zuwender" mit einem törichten, derzeit wieder neubelebten Vorurteil angelegt. Es lautet, ineins mit wachsender Politikverdrossenheit: Politik eigne sich nicht als Gegenstand eines Romans. Denn Politisches sei schnell verderbliche Ware, desavouiere ästhetische Haltbarkeit. Man lasse deshalb besser die Hände davon.

Wie kulturell kleinkariert diese Attitüde ist, zeigt auch Böhmers Roman "Der Zuwender". In dessen Mittelpunkt stellt Böhmer den Staatsministers für Kultur Alexander Pocke-Pückler. Der frühere Journalist und Leiter eines Verlags, erst vor wenigen Jahren als Quereinsteiger und Hoffnungsträger in die Politik gerufen, ist "amts-müde" geworden. Die "Jungs vom Feuilleton" zerreißen ihn. Der Kanzler selbst mobbt ihn. Am Ende seines Vortrags auf einer Friedrich-Nietzsche-Tagung erleidet der Kulturstaatsminister einen Schlaganfall. Er wird, so Böhmer zwischen den Zeilen, Opfer eines gnadenlos-aggressiven Überlebenskampfes.

In einer Rehaklinik im Hochschwarzwald - Böhmer, der mit Vorliebe Namen sprechen lässt, nennt sie ironisch Musäus-Mackenscheidt - wacht er wieder auf: gelähmt und ohne verständliche Sprache. Parallel zu dieser Hauptfigur platziert Böhmer einen namenlosen Icherzähler. Der ist Autor und Filmemacher, ein großer Kenner der Romantik und Nietzsches zum Beispiel, und Böhmers Alter ego. Nach dem ironischen Figurenmuster seiner früheren Romane stellt Böhmer diesen Icherzähler dar als Mann der permanenten, durch Trunksucht geförderten Niederlagen.

Der Handlungsablauf ist freilich reichlich konstruiert: Der Icherzähler nimmt in Freiburg Quartier bei einer vereinsamten Generalswitwe. Ihr erzählt der passionierte Geschichtenerzähler abends Geschichten. Und das tut er tagsüber auch in einer Rehaklinik, der des erkrankten Kulturstaatsministers. Eine der Stärken dieses Romans liegt in diesen eingestreuten Geschichten, in denen Böhmer einfühlsam entweder auf den Spuren des jungen Eichendorff in Heidelberg oder des jungen Goethe in Frankfurt wandelt oder auch über seine Erlebnisse als Autor und Regisseur eines Films über Friedrich Nietzsche berichtet.

Diese witzige Satire auf den Fernsehbetrieb am Beispiel der Entstehung eines Nietzschefilms ist ebenso kurzweilig wie die satirische Beschreibung des Politik-, Kultur- und Wissenschaftsbetriebs. Böhmer demonstriert ironisch die luftige Existenz eines eitlen, opportunistischen Politikers. Der begründet auf einer Pressekonferenz drastisches Sparen im Kulturressort mit dem neoliberalen Glaubensbekenntnis: "Der Staat müsse sparen, zugleich würden die Steuern gesenkt, denn nur so könnten Impulse gegeben werden, die die Wiederbelebung der Wirtschaft und der Schaffung neuer Arbeitsplätze dienten". Der subtile Nietzschekenner und zugleich erfahrene Praktikant des Kulturbetriebs Böhmer stellt das Nietzsche-Symposion, auf dem Pocke-Pückler kollabiert, dar als "Geschäftsbetrieb der Wichtigtuer" und der "Aufgeblasenen", als Fest der Eitelkeiten, auf dem sich die "elitäre Philosophenzunft" genüsslich auf den Konkurrenten aus der Politik stürzt. Böhmer kennt sich aus, wenn er das Porträt des monoman-selbstverliebten Künstlers skizziert oder die skurrile Doktorprüfung seines Icherzählers über die vermeintliche "Körperlosigkeit der abendländischen Philosophie" beschreibt. Sie endet für den durch einen penetranten Schüler genervten Professor mit der Bemerkung: "Sie haben bestanden... Jetzt sollten Sie gehen, und bitte gehen Sie gleich; es kann uns allen nur nützen."

Böhmer zieht nicht nur Register der Ironie und der Komik, sondern auch der Groteske und Burleske. Manchmal ist das gewöhnungsbedürftig, dann nämlich, wenn er ins verblüffend Flegelhafte und regelrecht skurrile Schimpfen überwechselt. Böhmer wirbelt in seinem Roman "Der Zuwender" munter Zeiten, Räume und Figuren durcheinander - mithilfe kräftiger Phantasieschübe sowie einer intensiven Sprache. Dass Böhmers Politiker Pocke-Pückler am Ende, wundersamerweise wieder genesen, Mitherausgeber der führenden Wochenzeitung wird, lässt in ihm den ehemaligen Kulturstaatsminister und jetzigen Zeit-Herausgeber Michael Naumann erkennen. Ebenso ist der medienbewusste "Macher"-Kanzler des Romans identifizierbar als der machtbewusste Medienkanzler Gerhard Schröder. Das mindert nicht Böhmers Leistung als Parodist. Auch wenn dieser Roman nicht aus einem Guss ist: Er widerlegt das Vorurteil, dass Politisches sich als Romansujet nicht eigne.

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