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StartseiteBüchermarktCaligula. Eine Biographie15.08.2003

Caligula. Eine Biographie

Beck, 206 S., EUR 19,90

<em> Er war der verbrecherischste und blutrünstigste, nichts hat er vernünftig gemacht, er hat mit seinen Schwestern geschlafen, und als er gegen alle mit beispielsloser Habsucht, Willkür und Grausamkeit gewütet hatte, wurde er schließlich im Palast niedergemacht. </em>

Heike Gregarek

Gaius Caesar Germanicus, besser bekannt unter seinem lateinischen Spitznamen Caligula, das "Stiefelchen", der von 37 bis 41 n. Chr. als dem dritten römischen Kaiser die Geschicke des Römischen Reiches lenkte.

Caligula war hochgewachsen, seine Gesichtsfarbe sehr blaß, sein Körper unnormal dick, Hals und Schenkel dagegen waren sehr dünn, Augen und Schläfe tief eingefallen, die Stirn breit und finster, das Haar dünn mit einer Glatze auf dem Scheitel, der übrige Körper aber stark behaart. Seinem schon von Natur abschreckend hässlichen Gesicht suchte er absichtlich noch einen wilderen Ausdruck zu geben, indem er vor dem Spiegel sich alle möglichen schrecklichen Grimassen und Fratzen einstudierte. --Die Römer hatten keine gute Erinnerung an ihren jung verstorbenen - das heißt: in jungen Jahren umgebrachten - Kaiser. Sei es der eingangs zitierte Eutrop, Geschichtsschreiber des 4. Jahrhunderts, sei es der im frühen 2. Jahrhundert lebende Gelehrte und kaiserliche Privatsekretär Sueton, sie sprachen aus, was viele dachten: Der Kaiser war wahnsinnig, und so ging er in die Geschichte ein: als erstes Opfer des "Cäsarenwahns". Schaudernd beschreiben antike Autoren, wozu er fähig war: hochrangige Persönlichkeiten mussten auf Scheinauktionen Plunder zu Wucherpreisen ersteigern; er trank die kostbarsten Perlen in Essig aufgelöst oder setzte seinen Tischgästen Brot und Speisen aus Gold vor; anderntags ließ er Günstlinge und Senatoren köpfen, totpeitschen oder im Zirkus wilden Tieren vorwerfen.

Die Forschung hat sich lange Zeit mit Caligula schwer getan - enden Biographien von Wahnsinnigen doch fast immer in psychologischen Erklärungsmodellen, die kaum je über Zirkelschlüssel hinauskommen. Der Freiburger Althistoriker und Anthropologe Aloys Winterling geht den sprichwörtlichen "Zuständen im alten Rom" nach und entwirft eine überraschend neuen Blick auf die Psychopathologie der Cäsaren: sei es Tiberius, der sich nach den antiken Quellenberichten jahrelang auf die Insel Capri zurückzog und dort sexuellen Ausschweifungen frönte, Nero, der in der Arena als Sänger auftrat und plante, den gesamten Senat bei einem Gastmahl zu vergiften, Domitian, der die Aristokratie zu Leichenmählern in schwarz ausstaffierten Palasträumen einlud oder eben Caligula, der sein Pferd zum Konsul erheben wollte und in kürzester Zeit sein gesamtes kaiserliches Erbe für exentrische Bauprojekte ausgab.

Seinem Pferd Incitatus zuliebe pflegte er am Tag vor dem Rennen im Zirkus, um das Tier nicht in seiner Ruhe stören zu lassen, der ganzen Nachbarschaft durch Soldaten zu befehlen, jeglichen Lärm zu vermeiden. Außer einem Stall aus Marmor nebst elfenbeinerner Krippe, purpurnen Decken und mit Edelsteinen besetzten Halsbändern gab er ihm noch einen eigenen Palast mit Dienerschaft und Hausrat, um die in seinem Namen eingeladenen Gäste mit ganz besonderer Pracht empfangen zu können.

So wahnsinnig die Handlungen des Kaisers auf den ersten Blick scheinen: Aloys Winterling zeigt auf der Basis einer kritischen Quellenanalyse, dass der Despotismus Caligulas sehr wohl motiviert war, der Kaiser sich mit seiner vermeintlichen Exzentrik gegen die politischen Rahmenbedingungen seiner Zeit auflehnte. So entsteht ein neues Bild von Caligula: ein römischer Aristokrat, der sich in einem politischen System, dem Prinzipat, bewegte, das nur funktionierte, wenn niemand sagte oder tat, was er wirklich dachte. Das Prinzipat, die Regierungslegitimation der römischen Kaiser, geht auf Kaiser Augustus zurück, der nach nahezu hundert Jahren Bürgerkrieg die marode aristokratische Herrschaft faktisch durch eine Monarchie ersetzte, ohne freilich seine aristokratischen Freunde zu sehr vor den Kopf zu stoßen. Formal bestand die Republik deshalb fort, real lag die alleinige Macht beim Kaiser, der seine überragende Rolle allerdings bewusst nicht ausspielte. Um fast jeden Preis sollte der Schein gewahrt werden, dass die Macht gar nicht beim Kaiser lag. Deshalb führte er keinen wirklichen Herrschertitel und verzichtete auf feste Amtsregeln.

Augustus gelang dieses doppelbödige Spiel mühelos, seinem Nachfolger Tiberius nicht. Die Zustände wurden chaotisch: der Senat sollte Macht ausüben, die er nicht hatte; der Kaiser musste mit den Senatoren umgehen als gleicher unter gleichen. Heuchelei und Intrigen waren an der Tagesordnung. Kaiser und Aristokratie entfernten sich immer mehr voneinander und lähmten damit Rom. In diesen Umständen wächst Caligula auf und lernt schon früh, dass die Nähe zur Macht lebensgefährlich ist. Die potentiellen Nachfolger des Augustus kämpfen mit Gift und Tücke, Tiberius lässt Hochverräter exekutieren und unpassende Familienangehörige verhaften. Caligula erlebt die Ausrottung seiner Familie und tut das einzig Sinnvolle: er erträgt schweigend die Gräuel und die stetige Überwachung, lernt zu überleben und wandelt sich innerlich zum Zyniker.

Mit seinem Regierungsantritt im Alter von 24 Jahren ändert sich zunächst alles: Das Heer, vor allem die Prätorianer, und die Bevölkerung lieben ihn. Er begnadigt politische Häftlinge, veranstaltet aufwendige Zirkusspiele und verteilt Geld im Volk - ein Verhalten, das nach kurzer Zeit der Aristokratie missfällt. Schnell zeigt sich, daß Caligula wie kaum ein anderer das System des Prinzipats mit seiner doppelbödigen Kommunikation, die scheinheiligen Verhaltensregeln der Aristokratie, durchschaut und abgrundtief verachtet. So schreibt Sueton:

Ein Mann, der für die Errettung des Kaisers aus schwerer Krankheit gelobt hatte zu sterben und jetzt zögerte, sein Gelübde zu halten, übergab Caligula seinen Sklaven. Sie mußten ihn, mit heiligen Zweigen bekränzt und mit der Opferbinde geschmückt, durch die Straßen führen und ihn auffordern, sein Gelübde zu erfüllen. Endlich stürzte man ihn vom Wall herab.

Caligula analysierte seine Machtbasis genau. Im Frühjahr des Jahres 39 nach Christus nimmt er eine vereitelte Verschwörung zum Anlass, den Senat offen der Heuchelei anzuklagen. Ergebnis ist eine erneute Verschwörung, die zu einer Bloßstellung und Demütigung der Aristokratie durch den Kaiser führt. Der Kaiser führt Sondersteuern und Pseudo-Versteigerungen ein, schafft die Ehrenplätze im Zirkus ab und erlaubt sich den Scherz, sein Pferd den reichen Senatoren ebenbürtig zu machen. All dies führt dazu, dass die Senatoren immer stärker gegeneinander vorgehen, um daraus persönliche Vorteile beim Kaiser zu ziehen - also genau das, was Caligula eigentlich verhindern wollte. Er selbst ist sich der Ausweglosigkeit durchaus bewusst. Rettung sieht er in seinen Plänen, die Hauptstadt von Rom nach Alexandria zu verlegen. Ein Plan, der durch seine Ermordung 41 n. Chr. vereitelt wurde. Die Chronisten, selbst Mitglied der gedemütigten Oberschicht, begannen sofort, aus dem gescheiterten Kaiser ein Monster zu konstruieren.

Das gleiche Spiel beginnt wenig später mit seinem Nachfolger, Caligulas Onkel Claudius, der sich die Gunst der Aristokratie bewahren will und als "Trottel" - so die antiken Quellen - endet. Aloys Winterlings Kaiserbiographie ist eine sensible Analyse von Gesellschaft und Politik im frühen römischen Kaiserreich, ja mehr noch: eine stilistisch glänzend geschriebene Studie über Macht, Mobbing und das Monströse in Geschichte und Gegenwart. Was zunächst als Wahnsinn erscheint, wird durch Winterlings detektivischen Spürsinn und seine akribische Kunst des Zwischen-den-Zeilen-Lesens zum kühl kalkulierten Aufstand eines Einzelnen gegen die politischen Realitäten und gesellschaftlichen Traditionen seiner Zeit.

Caligulas Politik gewinnt scharfe Konturen und eine klare Zielrichtung: die vollkommene Alleinherrschaft. Winterling hätte einen brillanten Strafverteidiger abgegeben: vermeintlich eindeutige Indizienketten werden bei diesem Autor plötzlich löchrig, aus dem vermeintlichen Ungeheuer wird ein rational handelnder Machtpolitiker, aus dem angeblich irren Kaiser ein Mann von bemerkenswerter Hellsichtigkeit, der dreifach Opfer der Zustände im antiken Rom wurde: als Erbe einer politischen Rolle, die nur ein Genie der Verstellung ausfüllen konnte, als Abkömmling einer Familie, die von Machtgier und Misstrauen zerfressen war, und als unverstandener Zyniker, an dem sich die Oberschicht Roms nach seiner Ermordung geschichtsschreibend rächte. Caligula hat, nach fast zweitausend Jahren, durch Aloys Winterling nun eine späte Genugtuung erfahren.

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