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StartseiteSprechstundeImage als Jugenddroge muss sich ändern18.10.2016

CannabisImage als Jugenddroge muss sich ändern

In Deutschland konsumieren Studien zufolge immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene Cannabis. Dabei zeigt die aktuelle Forschung, dass Cannabis insbesondere für Jugendliche gesundheitsschädlich ist, weniger für Erwachsene. Die Risiken: Hirnschädigung und Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit.

Lennart Pyritz im Gespräch mit Christian Floto

Ein junges Mädchen zündet sich einen Joint an. (Imago)
Immer mehr Jugendliche konsumieren Cannabis, das zeigt eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. (Imago)
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Christian Floto: Eine aktuelle Studie zeigt einen Anstieg des Cannabiskonsums unter Jugendlichen auch in den USA. Herr Pyritz, lassen Sie uns zunächst kurz die Hintergründe der US-amerikanischen Studie beleuchten.

!Lennart Pyritz:!! Diese Studie ist im Fachmagazin "The Lancet Psychiatry" erschienen. Da haben Forscher Fragebögen ausgewertet, die beinahe 600.000 US-Amerikaner ab einem Alter von 18 zwischen 2002 und 2014 jährlich beantwortet haben. Darin wurde zum Beispiel erhoben, ob und wie oft die Menschen Marihuana konsumiert haben. Und wie groß das Bewusstsein für die damit verbundenen Gesundheitsrisiken ist.

Die Wissenschaftler haben festgestellt: Die Zahl der Erwachsene, die angegeben hat, im Vorjahr Marihuana konsumiert zu haben, stieg im untersuchten Zeitraum von gut 10 auf mehr als 13 Prozent. Gleichzeitig hat das Risikobewusstsein abgenommen.

Floto: Wie ist denn die Situation in Deutschland?

Pyritz: Da gibt es offenbar eine ähnliche Entwicklung, allerdings langsamer und insgesamt auf niedrigerem Niveau. Konsumenten in Deutschland sind besonders junge Erwachsene unter 25. Bei denen hat der Konsum in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das zeigt eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2015. Von knapp 18 Prozent ist da die Rede. Ähnliches sagt auch Stefan Gutwinski, Leiter der AG Psychotrope Substanzen am Berliner Universitätsklinikum Charité. Mit ihm habe ich für die Recherche telefoniert:

"Es ist anzunehmen, dass es ein internationaler Trend ist, dass der Konsum von   Cannabis zunehmen wird. Und das zeigt sich ja auch in den deutschen epidemiologischen Studien, dass man so grob sagen kann, dass etwa jeder   vierte bis jeder fünfte junge Erwachsene oder Jugendliche mal Kontakt mit Cannabis hat oder hatte."

Zunehmendes Cannabis-Angebot

Floto: Welche Ursachen werden denn für diese Entwicklung verantwortlich gemacht?

Pyritz: Da hat der Psychiater Stefan Gutwinski erstmal darauf hingewiesen, dass in jeder Kultur Rauschmittel, Drogen, Substanzen konsumiert werden. In Deutschland waren das lange vorrangig Nikotin und Alkohol. Ein Beispiel ist das Oktoberfest, das gerade in München zu Ende gegangen ist, oder auch der Karneval.

Dann kommt in Deutschland bezüglich Cannabis offenbar ein zunehmendes Angebot im Verkauf dazu und der Effekt, dass je mehr Menschen Cannabis konsumieren, auch umso mehr Verwandte und Bekannte aus dem Umfeld damit in Kontakt kommen.

Manche machen auch verharmlosende Argumente der Befürworter in der Legalisierungsdebatte verantwortlich. Da plädiert Gutwinski dafür, diese Debatte auch in den Medien nicht zu polarisiert zu führen. Da gebe es viele Grautöne, denen nur eine differenzierte Auseinandersetzung von beiden Seiten gerecht werde.

Floto: Welche gesundheitlichen Risiken birgt denn Cannabis-Konsum? Vor allem für junge Menschen?

Pyritz: Also, es ist medizinisch erwiesen: Cannabis ist eine gesundheitsgefährdende Substanz. Ich habe auch mit Derik Hermann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim telefoniert. Er fasst die Lage so zusammen:

"Cannabis wird als Jugenddroge angesehen, dabei wird in der aktuellen Forschung immer klarer, dass Cannabis besonders für Jugendliche gefährlich ist und umgekehrt für Erwachsene die Folgen von Cannabiskonsum deutlich weniger gefährlich sind und sich Defizite auch wieder zurückbilden."

Stefan Gutwinski sieht neben Tumoren vor allem folgende Risiken:

 "Wenn Cannabis sehr regelmäßig konsumiert wird von jungen Jugendlichen, dann führt es zu Schädigungen des Gehirns und wahrscheinlich auch zu Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit, also der kognitiven Fähigkeiten. Eine zweite Risikogruppe sind Menschen, die psychiatrisch erkrankt sind oder psychische Vulnerabilitäten aufweisen. Und da wissen wir, dass Cannabis zum einen diese Erkrankungen auslösen kann, und dass Cannabis die Krankheitsverläufe massiv verschlechtern kann, wenn ein anhaltender Konsum besteht."

Der Pharmakologe David Nutt hat in der Fachzeitschrift "The Lancet" übrigens einmal einen – in der Fachwelt umstrittenen, das sei erwähnt – Vergleich der körperlichen, psychologischen und sozialen Schäden durch illegale und legale Drogen vorgelegt. Da belegen Alkohol und Heroin die Spitzenplätze, weit vor Cannabis.

Vorbild Uruguay

Floto: Wie sollten Gesundheitswesen und Gesetzgeber auf diese Gemenge-Lage reagieren?

Pyritz: Da haben beide Experten ähnlich argumentiert. Cannabis sei bereits weit verbreitet in der Gesellschaft. Da lasse sich das Problem nicht durch rein repressive Politik lösen. Laut Derek Hermann müsste vor allem das Image von Cannabis als Jugenddroge verändern:

 "Maßnahmen wären gut, die der Bevölkerung klar machen: Cannabis ist für Jugendliche schädlich. Für Erwachsene ist es ok. Aber dieser Weg einer kontrollierten Legalisierung, bei der man den Jugendschutz eben offener und ehrlicher umsetzen könnte, das wären meiner Ansicht nach Maßnahmen, die sinnvoll wären."

Stefan Gutwinski hat gesagt, ein Vorbild in einzelnen Bereich könne Uruguay sein. Dort sind Besitz und Vertrieb von Cannabis legal. Die Konsumenten müssen sich aber offiziell registrieren.

Und über eine Legalisierung von Cannabis könne auch der Umlauf von synthetischen Cannabinoiden eingeschränkt werden, die zum Teil weitaus gefährlicher seien.

 

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