Freitag, 24.11.2017
StartseiteKalenderblattMehr als ein Bürgerschreck03.11.2017

Carl Sternheim vor 75 Jahren gestorbenMehr als ein Bürgerschreck

Carl Sternheim verstand sich als "Arzt am Leibe seiner Zeit". Mit seinen Komödien nahm er vor allem das Bürgertum der wilhelminischen Gesellschaft unter die Lupe. Aufsteiger, Intriganten und hemmungslos egoistische Patriarchen sind die Protagonisten seines bis heute gern gespielten Komödienzyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben".

Von Eva Pfister

Der Erzähler und Dramatiker Carl Sternheim ("Die Hose", "Der Snob") in einer zeitgenössischen Aufnahme. Er wurde am 1. April 1878 in Leipzig geboren und verstarb am 3. November 1942 in Brüssel. (picture-alliance / dpa)
Der Erzähler und Dramatiker Carl Sternheim ("Die Hose", "Der Snob") in einer zeitgenössischen Aufnahme. Er wurde am 1. April 1878 in Leipzig geboren und verstarb am 3. November 1942 in Brüssel. (picture-alliance / dpa)
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"Geschändet im Maul der Nachbarn, des ganzen Viertels. Frau Maske verliert die Hose."

Es war ein Skandal. Auf der Bühne des Deutschen Theaters wurde im Jahr 1911 davon gesprochen, dass eine Frau auf der Straße ihre schlecht gebundene Unterhose verliert. Für den Autor Carl Sternheim aber war die Berliner Uraufführung von "Die Hose" der Auftakt zu seinem Erfolg als Bühnenautor. Theobald Maske ist der erste Protagonist seines Komödienzyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben", einer Parade von Spießbürgern:

"Man soll sich sehr auf das Seine beschränken, es festhalten und darüber wachen. Das nenn‘ ich Ordnung, das liebt man, ist man selbst." – "Gewiss."

Kritik an der Verlogenheit der wilhelminischen Gesellschaft

Carl Sternheims Kritik zielte auf die Verlogenheit der wilhelminischen Gesellschaft, die den Egoismus des Einzelnen mit moralischem Firnis überzog. Als Sohn eines jüdischen Bankiers und Zeitungsverlegers bezog der Autor dabei einen Beobachterposten.

"Geboren wurde ich am 1. April 1878 in die von mir sogenannte Plüschzeit hinein. In klein- und großbürgerlichen Wohnzimmern stand das geschweifte Sofa mit rotem Plüsch, gesprochen wurde Plüsch, indem jedem Thema die Spitze, das Persönliche abgebrochen, es bürgerlich geglättet war."

Gegen diesen geistigen "Plüsch" rebellierte der junge Sternheim, wenn auch zunächst eher orientierungslos. Er studierte Rechtswissenschaft und Literatur, beschäftigte sich mit Nietzsche und schrieb tiefsinnige – und erfolglose – Tragödien. Dann traf er die Frau, von der er sagte, dass sie "alles in Ordnung brachte". 1904 schrieb Carl Sternheim an Thea von Löwenstein, geborene Bauer:

"Du und nichts anderes bist die Welt, die Harmonie meiner Seele im All. Durch Dich bin ich nicht mehr allein, nicht mehr zwecklos. Du bist der Beweis meines Daseins und auch meiner Kunst."

Thea Sternheim verschaffte ihrem Gatten durch ihr großes Vermögen auch finanziellen Rückhalt und Zugang zur kulturellen Elite. Carl Sternheims Leben hatte also durchaus Züge eines Parvenüs, aber das verstellte dem Dramatiker nicht den Blick. In "Bürger Schippel" zeichnet er mit karikierendem Biss die Psyche eines Aufsteigers.

"Von einem Tag zum andern wurde ich ein regelrechter Name, von dem Leute sich etwas einbilden. Hm, Plüschmöbel… eure Herrschaft rechnet mit mir! Ich darf mich in euch auslümmeln!"

Uraufführung wurde ein großer Publikumserfolg

Die Uraufführung von "Bürger Schippel" in Max Reinhardts Inszenierung wurde ein großer Publikumserfolg. Noch ein Jahr zuvor war Sternheim ausgebuht worden. Das war 1912 bei der Münchner Premiere von "Die Kassette", deren Held das Eheglück einer erhofften Erbschaft opfert. Der Kritiker Stefan Großmann erinnerte sich:

"Im tosenden Gebrüll erschien Sternheim auf der Bühne und guckte auf die tobenden Zuschauer mit einem Lächeln, von dem ich sagen muss, es war wohl das süffisanteste Lächeln, das ich je gesehen habe. Die Provokation tat ihm mindestens so wohl wie der Beifall des Publikums."

Aber Sternheim war mehr als ein Bürgerschreck. Seine Komödien zeigen, wie der zunehmende Kapitalismus auch die zwischenmenschlichen Beziehungen beeinflusst. In "Der Snob" verabschiedet Christian Maske nach dem Aufstieg zum Generaldirektor seine Geliebte ganz sachlich, indem er sie auszahlt:

"In dieses Buch habe ich nach bestem Wissen und Gewissen aufgezeichnet, was du an Aufwendungen für mich geleistet. Dazu wurde die Summe fünfprozentig von mir verzinst." -"Christian!" - "Möglichkeiten, die du durch den Umgang mit mir versäumtest, sind ins Auge gefasst, und ich kam auf eine Summe vom 24.000 Mark, die ich dir schulde und die du heute überwiesen erhältst."

Sternheim sympathisierte mit der Revolution von 1919, entwickelte dann aber eigene Vorstellungen von Veränderung, die weniger mit Sozialismus als mit individueller Selbstverwirklichung zu tun hatten.

In die Weimarer Republik passte Sternheims satirisches Instrumentarium nicht mehr. Sein Erfolg ließ nach. Eine schwere psychische Krise setzte ihm zu.

Als Carl Sternheim am 3. November 1942 in Belgien starb, war er fast vergessen. Nach dem Krieg wurden seine Komödien aus "dem bürgerlichen Heldenleben" langsam wieder entdeckt und werden bis heute gespielt.

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