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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin an Weimar erinnernder Kulturkampf15.03.2018

Causa TellkampEin an Weimar erinnernder Kulturkampf

Warum konnte Uwe Tellkamps Jeremiade über die erniedrigende Behandlung der Ostdeutschen eine solche Empörungswelle nach sich ziehen? Es habe damit zu tun, dass auf der anderen Seite die "Suhrkamp-Kultur" stehe, der absolute Gegenentwurf zur identitären Kultur und Politik, kommentiert Dlf-Literaturredakteur Hubert Winkels.

Von Hubert Winkels

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Der Schriftsteller Uwe Tellkamp bei der Diskussionsveranstaltung "Streitbar!" im Kulturpalast in Dresden am 8. März 2018. (picture alliance / Dietrich Flechtner/dpa-Zentralbild/dpa)
"Ausbruch aus der geschmähten angeblichen Mehrheitskultur": Der Dresdner Autor Uwe Tellkamp (picture alliance / Dietrich Flechtner/dpa-Zentralbild/dpa)
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Die Leipziger Buchmesse hat immer schon ihre besondere geopolitische Lage genutzt, um sich zu profilieren. Sie versorgte jahrhundertelang einen wichtigen Handelsknotenpunkt mit geistigem Mehrwert. Zu DDR-Zeiten war sie ein Einfallstor für westliche Intelligenz. Nicht zuletzt Uwe Tellkamp hat in seinem Roman "Der Turm" den halb geduldeten Messe-Volkssport des Klauens westlicher Bücher beschrieben. Und seit der Wende öffnet sie sich jedes Jahr für ein osteuropäisches Land, in diesem Jahr für Rumänien, und sie hat darüber hinaus alle Verwerfungen im Zusammenhang mit dem deutschen Einigungsprozess abgebildet, stärker als der große Bruder Frankfurt.

In diesem Sinne ist hier politisch immer etwas los, in diesem Jahr aber ist, wenn das alte Bild erlaubt ist, gar der Teufel los. Der Teufel - das wäre die rechtsextreme kulturelle Vorhut in diesem Land, die sich anschickt den diffamierten linksliberalen Mainstream aggressiv herauszufordern.

Progressiver Westen gegen reaktionären Osten

Wenn man dieses alarmistische Szenario konkret befeuern wollte, dann müsste der Verlagsname Antaios und der des rechten Verlegers Götz Kubitschek als Gottseibeiuns fallen. Das ist angesichts der realen publizistischen Dimensionen eine groteske Übertreibung. Doch wenn man verstehen will, was seit nunmehr einer Woche nicht nur die literarische Welt in Atmen hält, muss man es einen Moment lang denken.

Warum konnte in einer Diskussion zwischen den beiden Suhrkamp-Autoren Durs Grünbein und Uwe Tellkamp im Dresdener Kulturpalast letztgenannter mit einer Jeremiade über die erniedrigende Behandlung der Ostdeutschen, namentlich der AfD-nahen Sachsen und der Pegida-Stadt Dresden eine solche Empörungswelle nach sich ziehen?

Es hat damit zu tun, dass auf der anderen Seite des intellektuellen Spektrums der Suhrkamp Verlag, oder vielmehr die sogenannte Suhrkamp-Kultur angesiedelt wird, dieses die BRD prägende intellektuelle Kraftzentrum, das ausgehend von den aus dem Exil zurückgekommenen jüdischen Intellektuellen, über die kritische Theorie und den internationalen Spiegelfechtereien des Postmodernismus, hier alles eingeübt wird, was identitärer Kultur und Politik gegenläufig ist: Dezentralisierung, multiple Identitäten, soziale Diversität, Öffnung zur Globalgeschichte, und so weiter.

Kriegerische Freund-Feind-Denker

Und nun ist mit Uwe Tellkamp, so die theatralische Zuspitzung, jemand aus eben dieser geschmähten angeblichen Mehrheitskultur herausgebrochen - und dann noch so ein Prachtstück mit Dresdener Winzerkappe und sentimentaler Heimatverehrung. Das ist Stoff für die Strategen eines neuen, an Weimar erinnernden Kulturkampfs, der diese Gesellschaft tiefer spalten soll, als es politischer Streit allein vermöchte.

Bei dieser Konversion wollen die kriegerischen Freund-Feind-Denker den Hebel ansetzen. Alle spüren es, wenige wissen es, kaum einer sagt es. Aber nur so wird die mediale Hysterie verständlich.

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