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StartseiteInterview"Ob das rechts ist, ist mir am Ende vollkommen egal"15.03.2018

Causa Tellkamp"Ob das rechts ist, ist mir am Ende vollkommen egal"

Die Schriftstellerin Monika Maron hat die umstrittenen Aussagen des Autoren Uwe Tellkamp verteidigt. Sie kritisierte dessen Verlag Suhrkamp, der sich von ihm distanziert hatte. "In meinen Augen hat der Suhrkamp-Verlag seinen Autor verraten", sagte sie im Dlf. Wer in Deutschland offen seine Meinung sage, drohe die Ächtung.

Monika Maron im Gespräch mit Christine Heuer

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Monika Maron im Jahr 2012. (dpa-Zentralbild, Karlheinz Schindler)
Die Schriftstellerin Monika Maron (dpa-Zentralbild, Karlheinz Schindler)
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Christine Heuer: Frau Maron, Sie haben natürlich auch die Podiumsdiskussion zwischen Tellkamp, Durs Grünbein und dann auch die Debatte, die darüber geführt wurde, mit Sicherheit verfolgt. Unterm Strich: Spricht Uwe Tellkamp Ihnen aus dem Herzen?

Monika Maron: Uwe Tellkamp hat eine Diktion, die mir nicht aus dem Herzen spricht, aber ich muss sagen, ich habe mir das zweimal angesehen, weil ich auch was darüber geschrieben habe. Ich habe bis auf diesen einen Satz mit den 95 Prozent und noch eine Kleinigkeit, die ich anzumerken hätte, nichts gefunden, was nicht ohnehin überall mittlerweile auch in Zeitungen diskutiert wird. Mit anderen Worten: Ich verstehe die Aufregung nicht.

Heuer: Sie haben auch in der Neuen Zürcher Zeitung im vergangenen Jahr einen Aufsatz geschrieben und darin heißt es: "Eigentlich gehöre ich zu denen, die heute rechts genannt werden." Was ist denn das, ein Rechter? Warum werden Sie heute so genannt?

Maron: Keine Ahnung! Ich schreibe ja da auch, ob irgendwer am Kompass, am Meinungskompass gedreht hat und ob da alles durcheinandergekommen ist. "Ich habe gesagt, links, rechts - dann weiß ich gar nicht weiter" - und Ahnungslos, und Ahnungslos gehört für mich dazu. Es redet ja Gott und die Welt und schiebt irgendwen von links nach rechts oder aus der Mitte nach rechts. Das teile ich mit Durs Grünbein zum Beispiel.

Ich kann mit diesen Links- und Rechts-Ordnungen einfach überhaupt nichts mehr anfangen. Man kann jeden Menschen, dessen Meinung einem nicht genehm ist oder auf den man nicht antworten will, oder man will nicht argumentieren, dem klebt man irgendeine AfD-Marke ans Hemd und sagt, der ist eben rechts.

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp bei der Diskussionsveranstaltung "Streitbar!" im Kulturpalast in Dresden am 8. März 2018. (picture alliance / Dietrich Flechtner/dpa-Zentralbild/dpa)Der Schriftsteller Uwe Tellkamp bei der Diskussionsveranstaltung "Streitbar!" im Kulturpalast in Dresden (picture alliance / Dietrich Flechtner/dpa-Zentralbild/dpa)

Heuer: Passiert Ihnen das? Wird Ihnen eine AfD-Marke ans Hemd geklebt?

Maron: Das weiß ich nicht genau. Das habe ich noch nicht gelesen. Aber dass ich irgendwie zur neuen Rechten gehöre oder so, so was habe ich schon gelesen, und mir ist das total fremd. Ich sage, was ich denke. Ich komme zu meinen Überzeugungen oder Meinungen, indem ich mir die Welt angucke oder darüber lese oder eine Meinung gegen die andere abwäge und mich da irgendwie orientiere. Ob das rechts ist, ist mir am Ende vollkommen egal, weil ich muss es richtig finden.

Heuer: Sie haben oft gesagt und auch geschrieben, dass Sie sehr besorgt sind, wenn nicht Angst haben vor dem Islam. Sie haben die Flüchtlingspolitik unter anderem der Bundesregierung, auch Angela Merkel persönlich kritisiert. Dürfen Sie das alles nicht mehr? Ist das Ihr Eindruck, dass diese Meinung nicht mehr gehört werden soll?

Maron: Nein, im Gegenteil. Ich habe die Meinung, dass sie zunehmend gehört wird. Aber im Grunde ist sie trotz allem immer noch nicht akzeptiert.

"Der Islam radikalisiert sich auf der ganzen Welt"

Heuer: Muss das sein? Muss man das akzeptieren?

Maron: Das muss man akzeptieren, wenn man sich die Welt anguckt. Jeder weiß - und auch das kann man überall lesen und das wird niemand bestreiten -, dass der Islam sich auf der ganzen Welt radikalisiert. Und wir wissen auch, was an unseren Schulen passiert, dass auch da eine konservative oder auch aggressive islamische Tendenz sich durchsetzt. Und wir wissen, was in den Moscheen zum großen Teil gepredigt wird. Wenn mich das alles nicht irgendwie besorgt, oder wenn ich mir darüber keine Gedanken mache, dann finde ich das leichtfertig.

Das hat ja nichts damit zu tun, dass man, weiß ich, den Islam nun als Religion verteufelt. Der Islam hat einen politischen Anspruch. Der Islam kann sich überhaupt nur auch als weltliche Religion verstehen. Er ist nicht eine Religion wie alle anderen. Das wissen wir mittlerweile, oder können es wissen. Insofern, finde ich, haben wir allen Grund, uns darüber Gedanken zu machen.

Heuer: Was Uwe Tellkamp sagt oder auch die Unterzeichner der Charta 2017 - da gehört er ja auch zu den Erstunterzeichnern - ist, dass man diese Kritik, die Sie auch äußern, Frau Maron, dass man die eigentlich nicht mehr äußern kann und dass uns eine Gesinnungsdiktatur von links droht. Das sehen Sie nicht so, oder doch?

"Lehrer, von denen ich weiß, dass sie zum Teil nicht mehr öffentlich reden sollen"

Maron: Na ja, es ist ein bisschen verschieden. Ich sehe, dass viele Leute - wir sind ja auch geschützt. Uwe Tellkamp ist geschützt, auch ich bin in gewisser Weise geschützt, weil wir haben einen öffentlichen Beruf und haben eine gewisse Bekanntheit. Das schützt uns auf der einen Seite, macht uns auch angreifbar auf der anderen.

Aber wir sind nicht so abhängig wie weiß ich nicht, Leute, na ja, die einfach nur irgendwo arbeiten oder Lehrer sind, von denen ich weiß, dass sie zum Teil nicht mehr reden sollen öffentlich über die Angelegenheiten in der Schule.

Heuer: Aha.

Maron: Und wenn Leute in abhängigen Arbeitsverhältnissen sind, dann haben sie vielleicht mehr Angst und sind ein bisschen weniger mutig. Das kann ich auch verstehen, auch wenn ich es nicht gut finde.

Heuer: Heißt das, Frau Maron, es hängt vom sozialen oder vom öffentlichen Status ab, ob man in Deutschland noch sagen kann, was man denkt?

Maron: Nein, nicht, ob man in Deutschland noch sagen kann, was man denkt. Aber ich weiß nicht, ob Sie das nicht erleben. Ich erlebe das, ob beim Friseur oder sonst wo. Die Leute vergewissern sich erst mal, mit wem sie reden und ob sie offen reden wollen oder nicht. Man kommt dafür nicht ins Gefängnis etwa, es droht einem auch keine schwere Strafe, aber es droht einem eine kleine oder größere Ächtung. Das haben die Leute oft genug erlebt und das erleben sie ja jetzt bei Uwe Tellkamp.

Was bedeutet denn das, wenn man zu einem Streitgespräch aufruft, dazu gehören zwei Kontrahenten, die unterschiedlicher Meinung sind, und am nächsten Tag steht der eine von beiden am Pranger? Was ist denn das für ein Streitgespräch, wenn ich das damit bezahle, dass mich am nächsten Tag alle möglichen Leute anspucken.

Heuer: Aber das Streitgespräch hat ja tatsächlich stattgefunden, ein Austausch von Meinungen. Beide durften sagen, was sie denken.

Maron: Ja, natürlich darf man sagen, was man denkt. Das sage ich ja auch nicht. Darum zögere ich dann auch, wenn ich sage, das ist nicht verboten zu sagen, was man denkt, wenn man die Folgen tragen will.

"Von dem Suhrkamp-Verlag finde ich das eine Ungeheuerlichkeit"

Heuer: Wer hat geächtet? Wer hat an den Pranger gestellt in diesem Fall? War das der Verlag Suhrkamp?

Maron: Von dem Suhrkamp-Verlag finde ich das eine Ungeheuerlichkeit. Ein Verlag ist die einzige Andockstation für den Autor. Der gehört nur zu seinem Verlag und von dem erwartet er Beistand und auch Schutz, aber nicht Verrat. In meinen Augen hat der Suhrkamp-Verlag seinen Autor verraten, und sogar ohne Not, weil kein Mensch davon ausgeht, dass ein Autor die Meinung seines Verlages repräsentiert - und was soll das auch sein, eine Verlagsmeinung.

Heuer: Diese Selbstverständlichkeit wiederzugeben, das war ein Fehler, finden Sie?

Maron: Welche Selbstverständlichkeit?

Heuer: Die Selbstverständlichkeit, noch mal zu betonen, dass ein Verlag in seiner Haltung nicht unbedingt die Haltung seiner Autoren vertritt.

Maron: Na ja, das ist doch ganz unsinnig. Das weiß doch jeder. Ich meine, der Verlag kann doch auch gar nicht die Meinung seiner Autoren vertreten, oder die Autoren die Meinung des Verlages, weil man nicht weiß, was das sein soll.

"Er hat gesagt, dass der Islam sich hier ziemlich ausbreitet, in unseren Alltag eindringt. Nach meiner Ansicht stimmt das."

Heuer: Wenn man sich so deutlich positioniert, Frau Maron, dann ist es doch normal, dass man auch eine leidenschaftliche Gegenrede erntet oder zu erwarten hat.

Maron: Man kann doch widersprechen. Man kann auch diskutieren. Aber dann muss man sagen, warum das nicht stimmt, was er gesagt hat. Ich kann nicht finden, was falsch war. Er hat gesagt, dass der Islam sich hier ziemlich ausbreitet, in unseren Alltag eindringt. Das stimmt. Nach meiner Ansicht stimmt das.

Er hat gesagt, dass die Grenzöffnung juristisch nicht einwandfrei war, dass es darüber Diskussionen gibt und auch Gutachten gibt. Da hat ihm Grünbein sogar zugestimmt. Dann muss man doch sagen, was ist an dem falsch, was Uwe Tellkamp gesagt hat, und nicht einfach sagen, der ist AfD und das haben wir schon bei Pegida gehört. Das ist doch keine Antwort!

Heuer: Was, Frau Maron, wünschen Sie sich jetzt von der Leipziger Buchmesse? Sie treffen sich auf dem Höhepunkt einer ganz großen Aufregung.

Maron: Ja, ich wünsche mir, dass man vernünftig miteinander redet, dass man auf die Argumente des anderen hört, ehe man sie beschimpft. Mehr kann ich nicht erwarten. Ich hoffe, dass diesmal nicht irgendwelche Stände geplündert und zerstört werden, weil so was, finde ich, das ist nicht diskutabel. Und dass man ansonsten sich für Literatur interessiert, wäre doch auch schön auf einer Buchmesse.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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