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StartseiteForschung aktuellCellini in der Steinzeit21.06.2007

Cellini in der Steinzeit

Neue Elfenbeinfigürchen von der Schwäbischen Alb

Archäologie. - Das Figürchen ist nur 3,5 Zentimeter lang. Ganz offensichtlich ein Mammut mit hohem Rest und schwingende Brüssel. Selbst ein Stummelschwanz ist noch erkennbar. Seine Besitzerin oder sein Besitzer lebte vor rund 35.000 Jahren in der Vogelherd-Höhle auf der schwäbischen Alb. Der Fundort ist schon lange bekannt und dies ist nicht die erste Elfenbeinfigur, wie dort gefunden worden. Das jetzt gefundene Mammut ist allerdings die erste vollständig erhaltene Plastik aus der Zeit. Professor Nicholas Conard von der Universität Tübingen ordnet die Funde im Gespräch mit Grit Kienzlen ein.

35.000 Jahre alt ist die Mammutfigur aus Elfenbein, die in der Vogelherd-Höhle gefunden wurde. (Uni Tübingen/Jensen/Lingnau)
35.000 Jahre alt ist die Mammutfigur aus Elfenbein, die in der Vogelherd-Höhle gefunden wurde. (Uni Tübingen/Jensen/Lingnau)

Kienzlen: Herr Conard, warum ist die Figur eigentlich jetzt erst aufgetaucht?

Conard: Ja, es gab keine Notwendigkeit eine Grabung durchzuführen, aber wir machen in 2009 eine große Landesausstellung in Stuttgart und wollten jetzt das zum Anlass nehmen, eine Nachgrabung durchzuführen, um zu sehen, ob Rieck etwas übersehen hat.

Kienzlen: Das heißt, sie sind noch einmal dorthin gegangen und haben dann einfach noch tiefer gegraben als eher damals, oder wie muss man sich das vorstellt?

Conard: Nein, es ist so: Wir arbeiten im Abraum. Das heißt, die Sedimente, die Gustav Riek 1931 gegraben hat, hat der einfach über die Kante gekippt, wir wissen genau, wo die Sedimente liegen, und wir graben in den gestörten Sedimenten und da finden wir eine ganze Reihe von spannenden Funden.

Kienzlen: Sie suchen also, ob er einfach etwas übersehen hat?

Conard: Genau!

Kienzlen: Was genau haben denn die Grabungen sonst noch ans Licht geführt? Er hat doch bestimmt noch mehr übersehen.

Conard: Ja, erwartungsgemäß Steinartefakte, sehr viele Knochen, die von Mahlzeit-Resten sind, von Mammut, Pferd, Rentier, viele andere Tierarten kommen auch vor, Höhlenbär. Und organische Werkzeuge, Spitzen, Geweihsartefakte, uns natürlich hin und wieder bearbeitetes Elfenbein.

Kienzlen: Was hat dieser das Mammut Ihnen an neue Erkenntnis gebracht?

Conard: Sagen wir einmal so, die Kunst ist natürlich eine relativ komplexe Angelegenheit. Jetzt bleiben wir beim Mammut, es gibt auch einen Löwen, ein zweites Mammutfragment, zwei unbekannte Stücke, die nicht mehr zu identifizieren sind. Und man sieht, dass jede Darstellung einmalig ist. Wenn man die unterschiedlichen Mammuts vergleichen, wird man sehen, dieses Stück ist schlank, sehr fein gearbeitet, sehr dynamisch, und hat weniger intensive Oberflächenbehandlung, ist weniger verziert als andere, die überall ein Kreuzmuster drauf haben. Dieses Stück hat zum Beispiel ein Kreuzmuster auch auf den Fußsohlen, und so auf der Stirn sechs kleine Schnitte, aber sonst ist es eigentlich glatt.

Kienzlen: Was heißt denn dynamisch? Ist es in der Bewegung, oder was meinen Sie?

Conard: Ja, ich finde schon. Wenn Sie das Stück anschauen, werden Sie sehen, dass die Beine, die Füße nicht waagerecht liegen, sondern die Vorderbeine sind leicht nach vorne hoch orientiert, und die hinteren Beine ebenfalls, so gesehen vermittelt das eine gewisse Bewegung.

Kienzlen: Konnte denn diese Figur stehen?

Conard: Wenn ich ehrlich bin, habe ich das gestern zum ersten Mal getestet. Ich bin davon ausgegangen, dass es nicht stehen kann. Aber es steht eigentlich ganz gut.

Kienzlen: Haben Sie denn Vorstellungen darüber, was diese Figuren waren?

Conard: Da gibt es viele, viele Hypothesen. Auch teilweise sehr unterschiedliche Hypothesen. Eine definitive Antwort haben wir nicht, aber eines soll man unbedingt festhalten, dass es nicht nur eine Funktion gab. Wir haben sehr unterschiedliche Formen, es gibt in der Tat Stücke, die durchlocht sind, die man tragen konnte, es gibt auch große Stücke, wie zum Beispiel den Löwenmenschen aus Hohenstein-Stadel, der ganz tief in der Höhle deponiert war. Die meisten Fundstücke liegen mitten im Abraum- und Abfallgebiet von Fundplätzen. Und so gesehen, wird man eher meinen, dass die zum Alltag gehörten.

Kienzlen: Spielzeug dann?

Conard: Das würde ich nicht unbedingt sagen. Ich denke, dass schon eine Glaubensfreiheit damit vermittelt wird. Ich denke nicht, dass die Spielzeuge waren, aber genau wozu die möglicherweise benutzt werden, wissen wir nicht.

Kienzlen: Was sagt denn die Figur über die Kunstfertigkeit der Menschen damals aus?

Conard: Auch da würde ich sagen, dass es sehr viel sagt. Als ich denke, auch heute noch könnte nur, ja, begabte Leute so etwas herstellen. Es ist nicht, ich denke, wenn Sie probieren ein Mammut zu schnitzen aus Elfenbein, selbst wenn Sie in der Lage wären, relativ gut mit Feuersteinwerkzeugen zu arbeiten, würden Sie es vermutlich nicht schaffen, ich würde das auch nicht schaffen. Da gab es Leute, die das wirklich gut gemacht haben, und die sehr fähig waren. Und so gesehen, war das künstlerische Niveau sehr, sehr hoch.

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