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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenCharisma in der Politik22.04.2010

Charisma in der Politik

Die Bedeutung von Inszenierung und Ausstrahlung in einer demokratischen Gesellschaft

Sie alle haben es: Barack Obama, John F. Kennedy, Willy Brandt, Nelson Mandela. Jeder hat eine Vorstellung davon, was es ist, und doch ist es analytisch kaum zu fassen. Politisches Charisma ist ein weitgehend unerforschter Aspekt der Politik.

Von Ursula Storost

Robert F. Kennedy schüttelt einem Studenten die Hand, 22. Mai 1968 (AP Archiv)
Robert F. Kennedy schüttelt einem Studenten die Hand, 22. Mai 1968 (AP Archiv)

Wenn Obama während seines Wahlkampfes auf der Bühne stand, dann jubelten ihm Tausende zu. Sein Schlachtruf "yes, we can" elektrisierte die Massen. Yes we can - wir schaffen es, wir können es, wir folgen dir!

"Was auffällt ist, dass wir jetzt immer jammern, dass wir keinen Obama haben. Was jetzt in den USA ist, finden wir ja alle toll und dann sagt man, jetzt haben wir die Merkel und Herrn Westerwelle und die sind nicht charismatisch."

Tatjana Reiber, Sozialwissenschaftlerin an der Helmut Schmidt Universität in Hamburg, bringt es auf den Punkt. Warum, so fragen sich viele Deutsche, haben wir keinen Politiker, der die Massen mitreißt. Der eine bessere Zukunft prophezeit. Einen wie Obama, dem Gesangs-, Film- und Sportstars des Landes ein Musikvideo gewidmet haben.

Um dem Phänomen Charisma in der Politik auf die Spur zu kommen, hat Tatjana Reiber gemeinsam mit ihrer Kollegin Berit Bliesemann-Guevara eine Vortragsreihe organisiert.

"Es scheint sich doch immer mehr rauszukristallisieren, dass Charisma eine Mischung aus Begabung, Inszenierung, Situation und Anhängerschaft oder Wünschen von Anhängern ist; dass es also kein in sich geschlossenes Phänomen ist, sondern sich aus anderen Faktoren ergibt. Und das macht es eben so spannend."

Gibt es in unserer politischen Landschaft charismatische Gestalten? In der Hamburger Bürgerschaft wird einmal im Monat debattiert und abgestimmt. Politikerinnen und Politiker am Rednerpult werfen sich ins Zeug. Was ist charismatisch? Jens Kerstan, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Hamburg:

"Ich glaube, da gehört Leidenschaft dazu. Da gehört auch Glaubwürdigkeit dazu. Und auch die Fähigkeit, Menschen da abzuholen, wo sie sind, und sie und sie auch zu berühren. Und sie zu begeistern. Und das ist in der Tat etwas, was ich in der Politik hier in meiner Tätigkeit leider zu selten erlebt habe."

Das griechische Wort Charisma bedeutet eine Gnadengabe. In der jüdisch-christlichen Tradition bezeichnet man damit ein Gottesgeschenk: Weisheit, Wundertätigkeit oder Überzeugungskräfte.

Politisches Charisma ist in diesem Sinne keine Eigenschaft, meint der Soziologe Dirk Kaesler von der Phillips Universität in Marburg.

"Eigenschaft ist immer riskant so zu formulieren. Weil: Es tut so, als ob der Mensch wirklich etwas hat wie eine lange Nase, einen krummen Rücken. Nein, es geht eher darum, dass ihm etwas zugeschrieben wird diesem Menschen. Das heißt, andere Menschen schreiben ihm eine Fähigkeit zu, die er entweder schon von sich aus in Anspruch genommen hat oder aber die er dann, wenn ihm andere das zuschreiben, gerne bereitwillig dann übernimmt."

Der Soziologe Max Weber sprach von charismatischer Herrschaft, wenn ein Mensch von anderen aufgrund von zugeschriebenen Fähigkeiten als Anführer akzeptiert wird.

"Charisma" soll eine als außeralltäglich geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als Führer gewertet wird.

Aber, so Dirk Kaesler, Weber erkannte, dass auch der größte Charismatiker sich auf Dauer nicht über die Belange des Alltags hinwegsetzen kann.

"Max Weber meinte eben mit diesem Begriff der Veralltäglichung, früher oder später greift der Alltag auch in diese Wirklichkeit hinein. Und dann muss entweder der charismatische Herrscher oder sein Gefolge oder sein Nachfolger sich doch an die normalen Verhältnisse anpassen."

Beispiel Barack Obama. Nach einem Jahr Amtszeit haben ökonomische und militärische Krisen ihren Tribut gefordert.

"Und es könnte sein, dass er einen Teil seines Charismas verliert. Nicht zuletzt, weil er die Verheißungen in einer Krisensituation gar nicht einlösen kann. Das Problem ist, dass es für vieles davon gar nicht möglich ist, als Präsident das selbstfunktionierende System der Wirtschaft in dem Maß zu beeinflussen."

Aber es geht auch andersherum. Beispiel Altkanzler Helmut Schmidt. Der einstige Innensenator der Hansestadt Hamburg galt als nüchterner Wirtschaftsfachmann. Bis zum Februar 1962.

"Wir müssen nach wie vor damit rechnen, dass in Finkenwerder, südlich der Elbe noch viele Menschen darauf warten, aus ihren Häusern geborgen zu werden. Die Bundeswehr wird gemeinsam mit amerikanischen Fliegern morgen in vermehrtem Maße für diesen Zweck Hubschrauber einsetzen."

Während der Sturmflutkatastrophe von 1962 wurde er zum charismatischen Erlöser.

"Und in dieser Situation zeigte sich, dass er eben ein Mann - man könnte nachträglich sagen - des rücksichtslosen Handelns, der sich auch über Gesetze hinweggesetzt hat; der zum Beispiel auch die Bundeswehr mobilisiert hat, obwohl das vom Grundgesetz her überhaupt nicht erlaubt ist. Das hat ihm als ein Helfer in der Not, der tatkräftig eine Situation bewältigt, einen allmählich wachsenden Nimbus eines auch charismatischen Führers eingetragen, von dem er dann sicher in seiner späteren politischen Laufbahn bis heute gezehrt hat."

Zurück in der Hamburger Bürgerschaft. Der CDU-Politiker Thies Goldberg hat seine eigene Theorie in Sachen Charisma.

"Mein persönliches Empfinden ist, dass wir früher mehr charismatische Politiker hatten. Und gleichzeitig ist es wieder so, dass Menschen mit Ecken und Kanten sich natürlich auch bei einer teilweise sehr intensiven und sehr kritischen Berichterstattung sich auch abschleifen. Und eben nicht halten. Und ich befürchte, dass zum Beispiel solche Leute wie Herbert Wehner - mit ihrer relativ klaren Sprache und Ausstrahlung und auch sehr eigenen Art zu kommunizieren - in der Politik wahrscheinlich keine große Chance mehr hätten."

"Wer einmal Kommunist war, den verfolgt Ihre gesittete Gesellschaft bis zum Lebensende. Und wenn es geht, lässt sie ihn auch noch durch Terroristen umbringen. Das weiß ich, das ist so."

Dürfte oder könnte jemand heutzutage im Deutschen Bundestag so auftreten wie der ehemalige Kommunist Herbert Wehner, ohne einen Skandal hervorzurufen? Oder ist es gar das Skandalöse, das charismatisch wirkt?

"Und deswegen hab ich damals Kurt Schumacher gesagt, die werden mir doch die Haut vom lebendigen Leibe abziehen. Da hat er gesagt. Und du bist einer, der das aushält."

Zu einem charismatischen Auftreten gehörte schon immer eine gewisse Inszenierung, behauptet Jürg Häusermann, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen.

"Die Inszenierung kommt zum Beispiel nachher. Und wenn Sie eine gute Rede schreiben lassen, dann platzieren Sie da ganz klar Sätze, die sich als Zitate eignen. Mit denen man dann weiter wuchern kann in den Nachrichten und weiter in der Geschichtsschreibung."

Beispiel John F. Kennedy, 35. Präsident der USA im Januar 1961.

"So my fellow American, ask not what your country can do for you. Ask what you can do for your country."

Eine der berühmtesten Reden des 20. Jahrhunderts. Und zwar wegen des vielzitierten Satzes: Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann. Fragt, was ihr für euer Land tun könnt. Kennedy war engagiert, sagt Jürg Häusermann. Aber er war kein besonders guter Redner.

"Ich würde aus unserer heutigen Sicht sagen, er redet zu laut, er schreit und müsste eigentlich nicht schreien, weil er Mikrofone hat. Er redet etwas monoton. Er hat auch in anderen Reden es nicht so sehr mit dem Blickkontakt."

Dass diese Rede damals beim Publikum so gut ankam, sei auch der historischen Situation von 1961 geschuldet, resümiert der Medienwissenschaftler.

"Die Leute hatten Angst, sie hatten Angst vor den Russen, hatten Angst, dass ein neuer Weltkrieg ausbricht. Und wollten einen starken Mann. Und Kennedy musste diesen starken Mann markieren und hat auch Erwartungen erfüllt."

Ronald Reagen, sagt Häusermann, hat bessere rhetorische Reden gehalten als Kennedy - aber Kennedy war der bessere Performer. Er konnte sich inszenieren.

"Ich persönlich hoffe, dass es keinem gelingt, sich als etwas anderes zu verkaufen, als was er ist. Und ich freu mich eigentlich, dass zum Beispiel Angela Merkel so biedere Videopotcasts macht. Einfach solche, wie sie es kann."

"Das Jahr 2010 hat begonnen und damit nicht nur ein neues Jahr, sondern auch ein neues Jahrzehnt. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu wissen, dass es ein arbeitsreiches Jahr werden wird."

Ist Angela Merkel nicht charismatisch? Die GAL-Politikerin Antje Möller aus der Hamburger Bürgerschaft widerspricht.

"Frau Merkel hat auch eine charismatische Ausstrahlung, finde ich. Das liegt aber vor allem daran, weil sie die einzige Frau ist in der Position in Deutschland an der Stelle. Und deswegen ist sie für sich ein Einzelstück und durchaus authentisch."

Authentisch sein. Das heißt: echt, zuverlässig, glaubwürdig sein.

Authentizität, das, darin sind sich die viele einig, gehört zum Charisma. Michael Neumann, Vorsitzender der Hamburger SPD Fraktion.

"Das war bei Willy Brandt beispielsweise der Fall. Der einfach authentisch damals auch in Warschau mit dem Kniefall als Vertreter eines anderen Deutschlands dort heute noch anrührend agierte. Das waren aber auch Biografien, die wir heute nicht mehr haben."

Kranzniederlegung des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt am Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos. IM Dezember 1970.

"Der Kanzler, er ist niedergekniet. Selten habe ich eindrucksvoller gesehen, dass ein Deutscher die Verantwortung für diese unermesslichen Verbrechen auf sich nimmt, wie es eben hier der deutsche Bundeskanzler vor dem Denkmal im Warschauer Ghetto getan hat."

Der Berliner Historiker Wolther von Kieseritzky weiß, Willy Brandt übte auf Millionen Menschen eine charismatische Ausstrahlung aus.

"Bei Willi Brandt war's auffällig, dass diejenigen, die ihn erlebt haben oder darüber geschrieben haben, dass die ihn beschrieben haben als eine Persönlichkeit, die fähig ist, ich sag jetzt mal den Begriff, Liebe zu erwecken. Das heißt ,der wird häufig beschrieben, dass er aus Versammlungen zum Beispiel eine Kathedrale der Nächstenliebe hat machen können oder dass zum Teil ihm Menschen Rosenkränze der Amulette übergaben. Also solche Dinge, die weit über das normale Maß politischer Anhängerschaft hinausgingen."

Willy Brandt war einer, der beim Zuhörer den Eindruck erweckte, auf Menschen einzugehen, sagt Wolther von Kiseritzky. Einer, der nach der Adenauerzeit andere Ideale hatte. Nicht ein machtstarker, machiavellistischer Politikertypus war wie Adenauer, sondern eher das Gegenteil.

"Demokratische Ordnung braucht außerordentliche Geduld im Zuhören und außerordentliche Anstrengung, sich gegenseitig zu verstehen. Wir wollen mehr Demokratie wagen."

Wolther von Kiseritzkys Analyse: Willy Brand verkörperte einen Politiker, der auch auf Schwächen eingehen kann. Der mit Fairness und Solidarität versucht, politische Arbeit zu betreiben. Mehr Demokratie wagen als Forderung eines Charismatikers.

In der Hamburger Bürgerschaft gibt es aber auch Stimmen, die sich kritisch mit charismatischen Politikern auseinandersetzen. Wie Brigitta Martens von der CDU.

"Also das ist in die Richtung Demagogie, Verführung. Es ist auch grenzwertig zum negativen Marketing. Oder Betonung hauptsächlich von Verkaufen, von Dingen, die positiv immer dargestellt werden, ohne dass man sich der gesamten Bandbreite der Problematik annimmt."

Das Rätsel Charisma ist noch längst nicht gelöst. Das weiß auch die Sozialwissenschaftlerin Berit Bliesemann de Guevara von der Helmut Schmidt Universität in Hamburg.

"Ich hatte eine Diskussion letztens mit einem Historikerkollegen, der einen sehr normativen Charismabegriff hatte, der sich auch von Webers Charismabegriff unterscheidet. Für den war Charisma so eine positive Ausstrahlung, die eigentlich nur aus Personen herauskommen kann, die Gutes wollen. Das ist nicht das, was Weber sagt. Weber sagt, also die charismatische Ausstrahlung, die ist nicht an positive Intentionen gebunden, sondern die können ein Hitler, eine Diktator genauso haben wie ein religiöser Führer beispielsweise."

"Deutschland ist zu Großdeutschland geworden. Und wird es bleiben."

Hitler hatte Charisma. Und Stalin. Und Mao Tse-Tung hatte Charisma. Das kostete millionenfach unschuldige Menschen das Leben. Andrerseits: Ohne Martin Luther-King und ohne Mahatma Ghandi wäre die Welt ärmer. Wir sehnen uns alle nach Vorbildern. Nach dem Messias, der die Welt rettet. Vor Krankheit, Arbeitslosigkeit, Krieg und Terror. Yes, we can.

"Ich halte das für ein vordemokratisches Denken, dass das politische Führungspersonal charismatisch qualifiziert sein müsste","

… sagt der Marburger Soziologe Dirk Kaesler.

""Und dann wird eben an Frau Merkel oder wem auch immer rumgemäkelt, weil die das nicht hätten. Und man ist dann ganz glücklich, wenn man plötzlich eine Lichtgestalt wie Herrn zu Guttenberg glaubt, entdeckt zu haben, weil der das hätte. Ich halte das für eine problematische Erwartung, weil sie die Erwartung der Menschen in falsche Richtungen lenkt. Seid zufrieden mit einem politischen Führungspersonal, dass das weniger bis gar nicht hat und sagt: Nein, ich mach hier Steuerpolitik. Ich bin zuständig für Verteidigungspolitik, für Gesundheitspolitik. Frag mich danach. Aber erwarte nicht von mir, dass ich die charismatische Erlösungsfigur bin."

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