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StartseiteBüchermarktCharles Darwin auf Weltreise19.10.2006

Charles Darwin auf Weltreise

Tagebuch des Naturforschers in Neuausgabe

Am 27. Dezember 1831 machte sich Charles Darwin als begleitender Naturforscher mit dem Vermessungsschiff Beagle auf Weltreise. Eine fast fünfjährige Fahrt, die ihn nach Brasilien, Argentinien, Feuerland, Chile, Australien und Neuseeland führen wird. Darwin, ein Forscher mit Universalanspruch, läßt neben Entomologie, Zoologie und Botanik sogleich die Ethnographie treten, das zeigt sein Tagebuch, das soeben in einer Neuausgabe erschienen ist.

Von Krischan Schroth

Globus (Stock.XCHNG / Steve Gray)
Globus (Stock.XCHNG / Steve Gray)

In der Literatur gibt es ein Reich, das von sehr spezieller, aber reizvoller Art ist, es ist das Reich des Reisetagebuches. Von Künstlern oder Wissenschaftlern verfaßt, besticht es durch seinen Zwittercharakter, halb ist es Literatur, halb ist es möglichst objektiver Bericht. Zwar reflektiert der Autor des Reisetagebuches bereits unterwegs, aber einem weit größeren Teil der Reise gibt er sich dem Staunen und Entdecken hin.

Goethe etwa zeigte sich auf seiner Italienreise kindlich entzückt über exotische Ranunkeln jenseits der Alpen. Montaigne grübelte über das Verhältnis von Natur und Kultur angesichts der hohen Schluchten des Inntals, in denen sich die Häuser verloren. Geradezu wie eine Initialzündung können Reisen auf junge Wissenschaftler wirken. Der Botaniker Carl von Linné brach 25jährig zu einer längeren Nordfahrt auf, die sein Beobachtungsvermögen schärfte. Sicherlich trug diese Weltbegegnung dazu bei später ein System wie das der binären Nomenklatur zu begründen. Es ermöglichte, Pflanzen und Tiere so einfach wie nützlich zu klassifizieren.

Fast genau 100 Jahre später das gleiche Phänomen, wo der Theorie die Praxis vorauseilt. Nun ist es der 22 Jahre alte Charles Darwin, der am 27. Dezember 1831 als begleitender Naturforscher mit dem Vermessungsschiff Beagle auf Weltreise geht. Eine fast fünfjährige Fahrt, die ihn nach Brasilien, Argentinien, Feuerland, Chile, Australien und Neuseeland führen wird. Nach seiner Rückkehr macht er sich an die Auswertung des Materials, darunter 1529 Spezies und 3907 Häute und Knochen. Doch von Theorien ist die Beagle-Fahrt noch vergleichsweise unberührt, im Vordergrund steht der Erlebnishunger. Dem trägt die Neuausgabe von Darwins Tagebuch, die der Ausgabe von 1845 folgt, Rechnung. Sie verzichtet auf erklärende Anmerkungen, und hat gerade mal eine vierseitige Einleitung, verfasst von Daniel Kehlmann, dem Autor des Humboldt-Romanes "Die Vermessung der Welt". Die Absicht ist klar. Hier soll keine wissenschaftliche Darwin-Edition Leser gewinnen, sondern ein unterhaltsamer und glänzend geschriebener Reisebericht. Vorgelegt zudem in geschmeidig-bildreicher Übersetzung. Ein Bericht, der in Erinnerung ruft, dass nichts die eigene Erfahrung ersetzt, auch nicht das Fernsehen. Vielmehr spornt er zum Reisen an. Denn wer möchte bei Darwins lebendigen Schilderungen, etwa des brasilianischen Regenwaldes, nicht sogleich ein Kargoschiff besteigen, um sich von dem wuchernden Wunder zu überzeugen:

"Entzücken allein ist indes ein schwacher Begriff, um die Empfindungen eines Naturforschers auszudrücken, der zum ersten Mal allein durch einen brasilianischen Wald gewandert ist. Die Eleganz der Gräser, die Neuheit der parasitischen Pflanzen (...) vor allem aber die allgemeine Üppigkeit der Vegetation erfüllten mich mit Bewunderung. (...) Der Insektenlärm ist so laut, dass er selbst noch von einem Schiff aus (...) vernommen werden kann; in der Abgeschiedenheit des Waldes selbst scheint dagegen umfassende Stille zu herrschen."

Für den wissensdurstigen Forscher, der den Dschungel nur aus den Schriften des - "stets glanzvollen Humboldt" - kannte, ein Eldorado. Entsprechend rasch macht er sich an eine Insektensammlung.
Als die Beagle, eine 30 Meter lange Brigg mit zehn Kanonen und 74 Mann Besatzung, weiter nach Süden segelt, ändert sich nicht nur vollständig die Landschaft, sondern auch das Objekt der Beobachtung. Darwin, ein Forscher mit Universalanspruch, läßt neben Entomologie, Zoologie und Botanik sogleich die Ethnographie treten. Im argentinischen Patagonien interessieren ihn nicht nur Lamas, Gürteltiere und Strauße. Angetan haben es "'El Naturalista Don Carlos‘", so sein Name im Paß, auch die menschlichen Bewohner. Da gibt es zunächst die Gauchos:

"Häufig tragen sie einen Schnauzbart, und in ihrem Nacken ringelt sich langes schwarzes Haar. Mit (...) den großen Sporen (...) und dem Messer, das sie als Dolch an der Taille stecken haben (...), erscheinen sie als sehr andere Menschenrasse als diejenigen, welche man nach ihrem Namen Gaucho, also einfache Landleute, erwarten könnte. Ihre Höflichkeit ist außerordentlich; (...) doch während sie noch ihre überaus anmutige Verbeugung machen, scheinen sie ebenso bereit, sollte sich die Gelegenheit bieten, einem die Kehle durchzuschneiden."

Die Gauchos, die ihre Rinderherden geschickt mit dem Pferd dirigieren, scheinen ein freies, aber auch ungemein hartes Leben zu führen. Ist doch Argentinien in jener Zeit in weiten Teilen ein sehr unfruchtbares Land, das Annehmlichkeiten nur wenig gewährt. Zudem müssen sich die Gauchos das Flachland mit ungeliebten Nachbarn teilen, den Indianern. Darwin zeichnet von ihnen ein bemitleidenswertes Bild. Hier und da haben sich noch alte Kulte erhalten, etwa Bäume mit Opfergaben zu behängen. Doch die allgemeine, Gewalt fördernde, Entwurzelung ist offenbar, häufige verzweifelte Angriffe sind an der Tagesordnung. Darwins Berichte erinnern dabei verblüffend an viele Länder des heutigen Afrika, wo bewaffnete Banden heimatloser Männer die fehlende staatliche Ordnung ersetzen:

"Es ist betrüblich zu verfolgen, wie die Indianer vor den spanischen Eindringlingen zurückgewichen sind. (...) Nicht nur wurden ganze Stämme ausgerottet, auch wurden die verbliebenen Indianer immer barbarischer: Statt in großen Dörfern zu leben und die Kunst des Fischfangs wie auch der Jagd zu betreiben, ziehen sie ohne Zuhause oder feste Beschäftigung über die offenen Ebenen."

Was Darwin hier erlebt, ist der konfliktreiche und tragische Zusammenstoß der Zivilisation europäischer Provenienz mit den amerikanischen Ureinwohnern. Im Vergleich beider Kulturen kommt er zu dem Ergebnis, dass den Indianern keinesfalls Zivilisation abgesprochen werden kann, doch stünden sie auf der Fortschrittsleiter dennoch weiter unten. Völlig die Gesittung spricht er dagegen den Feurländern ab, die in ungemein rohen Verhältnissen gelebt hätten, in spärliche Felle gehüllt, über wenig Kulturerzeugnisse verfügend. Ein Umstand, der in ihm den Gedanken aufkommen ließ, ob nicht so unsere Vorfahren gewesen seien. Der Eindruck, den Darwin von den Bewohnern gewann, mag auch der urwüchsigen Natur Feuerlands geschuldet sein, die Darwin plastisch beschreibt, scheint sie doch wie einer entschwundenen Erdepoche zugehörig:

"Da ich es nahezu aussichtslos fand, mich durch den Wald zu schlagen, folgte ich dem Lauf eines Gebirgsbaches. (...) Langsam kletterte ich eine Stunde das eingebrochene und felsige Ufer hinan und wurde von der Pracht der Landschaft reich entschädigt. Die düstere Tiefe der Schlucht passte gut zu den allgemeinen Anzeichen von Gewalt. An beiden Seiten lagen wirre Felsmassen und ausgerissene Bäume, andere Bäume, die noch aufrecht standen, waren bis ins Mark verrottet und bereit, umzustürzen."

Der Autor der Einleitung, Daniel Kehlmann, sieht in der Reaktion Darwins gegenüber den Feuerländern einen fundamentalen "Schrecken": Aus dem fortschrittsgläubigen England kommend, habe ihn die Bandbreite menschlicher Existenzformen verwirrt. Offenbar so sehr, dass Darwin erwog, in Feuerland einer halbtierischen Vorform des Menschen begegnet zu sein. Inwieweit bei Darwin hier schon die Idee einer evolutionären Wandlungsfähigkeit des Menschen aufblitzte, muss dahingestellt bleiben. Denn der studierte Theologe war ursprünglich ein Anhänger der Schöpfungslehre, die von der Erschaffung der Arten ausging. Eine Lehre, an die einige Kreationisten heute noch glauben. In jedem Falle aber erweist sich Darwin hier einmal mehr - auch wenn er mit der Interpretation der Feuerländer daneben lag - als aufmerksamer Beobachter, der instinktsicher Material sammelte. Auf den Galapagos-Inseln sind es dann die nach ihm benannten Darwin-Finken, welche weitere Bausteine für die spätere Theorie vom Artenwandel liefern:

"Das Merkwürdigste ist die vollkommene Abstufung der Schnabelgröße bei den verschiedenen Arten des Geospiza, von einem, der groß ist wie der des Kernbeißers, bis zu dem des Buchfinken und (...) selbst dem der Grasmücke."

Darwins wundervoller Reisebericht, der durch viele Anekdoten Einheimischer aufgelockert ist, lässt sich allen angehenden Wissenschaftlern empfehlen - frei nach der Devise, erst kommt die Praxis und dann die Theorie. Aber er läßt sich auch allen Nichtwissenschaftlern ans Herz legen. Der Reiz liegt hier im kulturhistorischen Vergleich. Denn vieles von dem, was gestern über die Welt gesagt wurde - über Politik, Ökonomie oder Landschaften - stellt sich heute völlig anders dar.

Dass diese Welt beständig im Fluss und einem permanenten Wandel unterworfen ist, führt Darwins Tagebuch eindringlich vor Augen. Und gemahnt folglich daran, dass die Welt niemals ausgeforscht ist - mag man sie sich nun theoretisch aneignen oder die Probe aufs Exempel machen, wozu Darwin rät:

"Abschließend will mir scheinen, dass für einen jungen Naturforscher nichts förderlicher sein kann als eine Reise in ferne Länder. Sie schärft und stillt zum Teil auch jenes Bedürfnis und Sehnen, welches (...) ein Mann erfährt, selbst wenn ein jeder körperliche Sinn voll befriedigt scheint. Der Reiz durch die Neuartigkeit von Dingen und die Aussicht auf Erfolg regt ihn zu gesteigerter Tätigkeit an."

Und Darwin fügt väterlich hinzu:

"Er kann versichert sein, dass er, allenfalls in seltenen Fällen, keinen derartigen Schwierigkeiten oder Gefahren begegnen wird, wie er sie am Beginn voraussieht."

Literaturhinweise: "Darwin und der Darwinismus", Franz M. Wuketits (C. H. Beck Verlag); "Evolution - Die Entwicklung des Lebens", Franz M. Wuketits (C. H. Beck Verlag)
Charles Darwin
Die Fahrt der Beagle
Tagebuch mit Erforschungen der Naturgeschichte und Geologie der Länder, die auf der Fahrt von HMS Beagle unter dem Kommando von Kapitän Fitz Roy, RN, besucht wurden.

Einleitung von Daniel Kehlmann
Deutsch von Eike Schönfeld
marebuchverlag, 688 Seiten, 14 Abb., 39,90 Euro, vierfarbige Karte mit der Reiseroute und Korallenriffen (lose und sehr schön als Wandschmuck)

Hörbuch: Die Fahrt der Beagle, Sprecher: Gert Heidenreich, ca. 300 min, 28,90 Euro (marebuchverlag)

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