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StartseiteKultur heuteCharlotte Roche, Alice Schwarzer und die Sechzehnjährige16.08.2011

Charlotte Roche, Alice Schwarzer und die Sechzehnjährige

Alte Geschlechterrollen und neuer Konservatismus

In Roches neuem Buch "Schoßgebete" hat auch Alice Schwarzer ihren Auftritt, einer der der "Emma"- Herausgeberin offenbar nicht gefällt. Deshalb stellte sie einen offenen Brief auf ihre Homepage. "Betroffenheitsliteratur" und "Heimatschnulze", so nennt sie das Werk, hat aber auch einige grundsätzliche Anmerkungen zu Roches Frauenbild.

Von Karin Fischer

Alice Schwarzer nennt Roches eine "Feministin auf dem Trip“.  (AP Archiv)
Alice Schwarzer nennt Roches eine "Feministin auf dem Trip“. (AP Archiv)

Nein, dieser offene Brief von Alice Schwarzer an Charlotte Roche taugt nicht für eine neue Feminismus-Debatte. Sein Schlusssatz "Denn du hast nicht die Lösung, du hast das Problem" rennt angesichts des ja ganz offensichtlich selbst-therapeutischen Buches von Roche weit offene Türen ein, wie übrigens auch die im Grunde richtige psychologische Familienaufstellung, die Schwarzer liefert. Demnach reagiert Roche auf eine forciert emanzipierte Mutter mit dem Gegenmodell, dem Glauben an ewige Liebe in einer Beziehung, die nie auseinander gehen darf. Ob die Feministin Roche (wie sie sich selbst nennt) aber wie ihre Oma alles nur mitmacht, damit der Mann bei ihr bleibt, oder ob sie Analverkehr postfeministisch geil und Bordellbesuche wenn nicht pc dann doch jedenfalls unproblematisch findet, kann nicht Thema der Auseinandersetzung sein. Denn selbst über Prostitution müsste heute, im Zeitalter massenhaft verbreiteter Internet-Pornographie und einer sich libertinär gebenden Ideologie, die doch nur wieder eine des Marktes ist, anders geredet oder geschrieben werden als vor 40 Jahren.

Interessant allerdings wäre, aus übergeordneter Perspektive "das Problem" zu betrachten. Nennen wir es "Taliban"-Problem. Den westlichen weiblichen ideologischen Zwangscharakter, den Roches Alter Ego Elizabeth Kiehl darstellt und der doch ein paar Probleme junger Frauen heute bündelt. Etwa das Problem eines fürchterlichen Anpassungsdrucks, der aus der sexuellen Befreiung ein Modediktat aus Push-Ups, High Heels und String-Tangas gemacht hat. Der aus vierfach belasteten Frauen (Kinder, Küche, Kohle, Sozialleben) fünffach belastete macht, weil sie die Hure zuhause auch noch spielen sollen.

In einem hellsichtigen Artikel hat Iris Radisch im Sommer in der ZEIT über "die nackte Gesellschaft" gesprochen. Darin sagt sie über die Autorin der "Feuchtgebiete", Roche arbeite "mit noch ungewissem Erfolg an der weiblichen Neuerfindung einer Kunst des nackten Frauenkörpers". Jetzt stellt sich heraus, dass es sich in der Tat um unschöne Selbstpornographisierung handelt, um die derzeit aber offenbar einzige Möglichkeit für junge Frauen, vom Objekt zum Subjekt zu werden – und damit doch wieder zum Objekt. Charlotte Roches hochneurotische Protagonistin lebt einen totalitären Anspruch an sich selbst. Ihre selbstverordnete Moral in Sachen Vegetarismus oder Umweltschutz stellt da nur die andere Seite der Selbstüberforderung dar.

Um einen Fall von Selbstüberschätzung handelt es sich bei Christian von Boetticher, der glaubte, eine unkonventionelle Liebesbeziehung mit dem Amt eines Spitzenpolitikers vereinbaren zu können, und der am Wochenende prompt über die Liaison mit einer Sechzehnjährigen stolperte. Ein unbedingt kulturell zu nennender Plot, denn von "Effi Briest" und Nabokovs "Lolita" über den Tatort "Reifezeugnis" mit Nastassja Kinski als 16-jähriger Schülerin, die ihren Lehrer liebt bis hin zu "American Beauty" ist die Liebe älterer Männer zu jungen Mädchen literarisch und skandalträchtig dokumentiert. Dass an so etwas heute noch Politkarrieren scheitern, hat viel weniger mit Moral zu tun als behauptet und ist einfach alter Konservatismus: der männliche Protagonist lässt seine Freundin ("Es war Liebe!") für seine Karriere fallen und fällt dann selbst über die vorweggenommene öffentliche Meinung.

Was Charlotte Roche macht, ist neuer Konservatismus in einer Welt von Pseudo-Libertinage und Leistungsdenken, in einer Welt voller Selbstoptimierer. Sie hat Selbstkritik und Selbstentblößung so verinnerlicht, dass sie im Namen des Feminismus auch noch dessen Verneinung hin bekommt. Und über all das so selbstbewusst und selbstverständlich schreibt und redet, dass ganz sicher ein paar Menschen es für Fortschritt halten werden. Ist es nicht. Aber auch keine neue Debatte.

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