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Chavismus ohne Hugo Chávez

Der kranke Comandante und die Zukunft Venezuelas

Von Peter B. Schumann, freier Journalist

Pro-Chávez-Demonstration in Caracas.
Pro-Chávez-Demonstration in Caracas. (picture alliance / dpa / EFE / David Fernandez)

Das Land steht Kopf, denn der abwesende Präsident macht noch mehr Wirbel als der bis Anfang Dezember aktive. Er ist zwar physisch nicht vorhanden, aber die staatlichen Medien pflegen seither sein Bild wie zu den Wahlkampfzeiten im Oktober.

Sie arbeiten sich intensiv an dem Mythos ab: "Wir sind alle Chávez." Aber wir wissen nicht, ob es den Schwerkranken überhaupt noch gibt, ob der Omnipräsente jemals wieder regierungsfähig sein wird. Einiges deutet daraufhin, beispielsweise der in dieser Woche verschobene Amtseid. Seine von ihm auserkorenen Nachfolger sind sich sicher, dass er auf dem Weg der Besserung ist. Sonst hätten sie doch den von der Verfassung vorgeschriebenen Weg gehen und innerhalb von 30 Tagen Neuwahlen ansetzen können.

Ihre Chancen wären gut gewesen, denn der emotionale Schock bei der Vorstellung eines Venezuelas ohne Chávez hätte selbst die Unzufriedenen und Wankelmütigen unter seinen Anhängern für die Regierungspartei stimmen lassen. Auch hat eine große Mehrheit der Venezolaner bei den Regionalwahlen Mitte Dezember für Stabilität votiert: 20 der 23 Gouverneursposten des Landes gingen an Chávez-Getreue, die Hälfte von ihnen ehemalige Militärs - eine gewaltige Schlappe für die Opposition.

Das System Chávez scheint stabil, wenn auch ständig von inneren Machtkämpfen die Rede ist und die beiden Hauptrivalen, Vizepräsident Maduro und Parlamentspräsident Cabello, sich allzu demonstrativ in den Armen liegen. Sie haben Hugo Chávez sogar an seinem Krankenlager Treue und Einigkeit geschworen. Aber deuten die nach außen fest geschlossenen Reihen bereits darauf hin, dass es im Krisenfall auch einen Chavismo ohne Chávez geben kann?

Als der Oberstleutnant 1999 die Präsidentschaft antrat, hat er Venezuela einer überfälligen Rosskur unterzogen. Das Land lag politisch, wirtschaftlich und moralisch darnieder. Er begann als erster in der venezolanischen Geschichte den Ölreichtum gründlich umzuverteilen und mit den Gewinnen zahllose Sozial- und Bildungsprogramme zu verwirklichen.

Die Armen fühlten sich zum ersten Mal wahrgenommen, erlebten kostenlos medizinische Versorgung, Sozialfürsorge und Familienbeihilfe. Zehntausende von festen Wohnungen wurden für sie gebaut. Grundnahrungsmittel erhielten sie zu Vorzugspreisen. Der Präsident sprach ihre Sprache.

Man mag das populistisch nennen. Aber hier war einer, der kam von unten und tat etwas für seine Leute. Damit schuf er die Basis seiner "Bolivarianischen Revolution". Wer ihre Privilegien tangiert, dürfte die Massen auf der Straße finden.

Auch leistete sich Chávez teure internationale Hilfsprogramme - ganz im Sinn seines ideologischen Ziehvaters Fidel Castro. Ohne die venezolanische Alimentierung mit Öl und Dollar-Milliarden gingen beispielsweise in Kuba die Lichter aus.

Aber der sprunghafte Präsident hat daneben vieles vernachlässigt. Anderes ist in einem Sumpf an Korruption im Regierungsapparat untergegangen. Die einzige Quelle des Reichtums, die Ölindustrie, ist so marode, dass inzwischen Benzin im Ausland angekauft werden muss, um den einheimischen Konsum abzudecken und die internationalen Lieferverträge zu erfüllen: Die Produktion ist seit seinem Amtsantritt um 20 Prozent gesunken.

Ganze Industriebereiche liegen brach oder sind unproduktiv, seit sie verstaatlicht wurden. Das fruchtbare Land muss die meisten Lebensmittel im Ausland ankaufen, nicht selten fehlen selbst Grundnahrungsmittel in den für die Armen bestimmten Supermärkten. Die Rechtsunsicherheit ist beispiellos, genauso wie die Gewalt und die Kriminalität. Der große Traum von Hugo Chávez, der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts", hat Venezuela in eine Sackgasse geführt.

Grundlegende Reformen sind nötig. Chávez mit seinem Charisma könnte sie durchführen, wenn er sie überhaupt für dringlich hielte. Zurzeit befindet sich das Land in einer fatalen Erwartungsstarre. Ob später seine Nachfolger den Willen und die Kraft, sie durchzuführen, aufbringen, ist fraglich. Sie könnten leicht von den zu erwartenden Konflikten hinweggespült werden.

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