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StartseiteKultur heuteUnter der Haut11.05.2017

Chiharu Shiota in der Kunsthalle Rostock Unter der Haut

Chiharu Shiota, die zwischen Berlin und Japan lebt, ist für ihre Riesennetze bekannt, in denen sie Menschen und Objekte einwebt. Die Kunsthalle Rostock zeigt nun die erste Retrospektive der 1972 in Osaka geborenen Künstlerin. Dabei wird deutlich, dass alles bei ihr um ein Grundthema kreist.

Von Carsten Probst

Die japanische Künstlerin Chiharu Shiota.  (imago/Pacific Press Agency )
Die japanische Künstlerin Chiharu Shiota. (imago/Pacific Press Agency )
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"Diese eine Installation wächst von alleine, von Null, nur mit Tacker. Tacker und Wolle. Und dann die Mitarbeiter, vier Assistenten aus Berlin, vier Assistenten aus Rostock haben hier durchgehend neun Tage gearbeitet, und das ist so zusammengewachsen." 

Myriaden feiner, schwarzer Wollfäden durchziehen den Lichthof der Kunsthalle Rostock, insgesamt 26 Kilometer Wolle formen sich darin zu einer seltsam schwerelosen, wolkenartigen Struktur, die ebenso malerisch und beinah ein wenig bedrohlich wirkt. Kuratorin Tereza de Arruda erzählt, dass man zuvor auf Bitten der Künstlerin Chiharu Shiota einen Aufruf an die Rostocker gerichtet hat, sie mögen Briefe schicken, in denen sie sich für etwas bedanken, das ihnen besonders wertvoll ist. Über 2.800 Dankesbriefe sind so zusammengekommen, sie hängen jetzt überall zwischen den Wollfäden wie kleine Fahnen, die sich in Gestrüpp verfangen haben. Nicht alle stammen aus Rostock, berichtet Arruda.

"Das ist das erste Mal, dass Briefe aus verschiedenen Ländern integriert werden, weil wir zelebrieren hier die 20 Jahre der künstlerischen Entwicklung von Chiharu, deshalb dachten wir, wir machen wir das so ganz, ganz gemischt. Wir haben diese Installation schon zusammen gemacht in Brasilien, und dort bedanken sich die Leute besonders bei Gott. Und dann haben wir das in Dänemark gemacht, und die Leute bedanken sich für das, was sie haben. Oder hier sind auch einige Briefe aus Japan." 

Alles kreist um ein Grundthema

In Rostock hingegen zeigt man sich eher dankbar für Freundschaften, Familie und Glück. Aber warum sammelt die japanische Künstlerin eigentlich Dankesbriefe? Oft sind auch ganz andere Objekte in ihre raumgreifenden Wollfadeninstallationen integriert, über 180.000 Schlüssel beispielsweise wurden ihr für ihre Installation auf der Biennale in Venedig vor zwei Jahren zugeschickt, aber auch alte Kleider oder ganze Möbelstücke können von Chiharus Arbeiten umgeben sein, die immer auch ein wenig an riesige Spinnennetze erinnern.

Die annähernd 60 Werke der Retrospektive in Rostock, darunter auch viele kleinformatige Arbeiten, zeigen aber, dass alles bei der 1972 in Osaka geborenen Künstlerin stets um ein Grundthema kreist. Erinnerung und Verbundenheit. Ihre Landschaften aus Wollfäden sind symbolische Verbindungen von Innen und Außen, ein Netzwerk der Seelen gewissermaßen, das auch die Lebenden und die Toten miteinander verbindet. Dieser existenzielle Charakter von Chiharu Shiotas Kunst erschließt sich vor allem in ihren frühen Arbeiten. Eine fotografische Dokumentation zeigt eine frühe Performance Shiotas aus den 90er- Jahren, als sie ihren Körper in rote Farbe getaucht hatte und sich so durch einen weiß ausgekleideten Raum bewegte.

"Das war das erste Mal, sich aus einem konventionellen Bildträger zu trennen und sich in Szene zu setzen als Protagonistin von ihrem Kunstwerk. Und mit ganz wenigen Mitteln, Farbe und weißem Stoff."

Der Betrachter bewegt sich durch ihre Arbeiten hindurch

Was hier auf den ersten Blick nach einem blutigen Spektakel á la Hermann Nitsch aussieht, ist durchaus ein Schlüssel zum Verständnis von Chiharu Shiotas künstlerischer Entwicklung. Die flüssige rote Farbe verläuft auf der weißen Fläche, wenn sich Shiota darüber bewegt, sie bildet Flecken und Bahnen. Sie symbolisiert das Blut, das unter der Haut zirkuliert und sich mit der Außenwelt verbindet – für Shiota ein Inbegriff für die existenzielle Notwendigkeit zur Kommunikation.

Ihre Installationen mit roten, schwarzen oder weißen Wollfäden lassen sich als installative Fortsetzung dieser Symbolik lesen, bei der die Künstlerin nun nicht mehr ihren eigenen Körper einsetzt, sondern den Betrachter selbst zum Akteur macht, der sich durch ihre Arbeiten hindurchbewegt. Mittlerweile ist ihre Formensprache so populär, dass Chiharu Shiota den Auftrag zur Ausgestaltung einer Pariser Shopping Mall mit einer monumentalen schneeweißen Hängeinstallation angenommen hat. Der Blick auf die Wurzeln ihres Werkes wie in Rostock erweist sich somit als unverzichtbar, insbesondere angesichts seiner sich ankündigenden Kommerzialisierung.

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