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Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteCampus & KarriereChinas Prekariat04.01.2011

Chinas Prekariat

Uni-Absolventen ohne Chancen

In China nennt man sie "Ameisen". Gemeint sind Hochschul-Absolventen und junge Berufstätige, die am Rande der großen Metropolen leben, in armen Behausungen, unermüdlich wie die Ameisen nach Arbeit suchen und doch nichts Stabiles finden. Sie leben ganz unten.

Von Markus Rimmele

China auf dem Weg in Richtung Zukunft  - doch für die heimischen Akademiker gibt es kaum Arbeit. (AP)
China auf dem Weg in Richtung Zukunft - doch für die heimischen Akademiker gibt es kaum Arbeit. (AP)

Dabei hat ihnen das boomende China eine glänzende Zukunft versprochen. Für Hunderttausende junge Akademiker sieht die Realität düster aus.

Ein kleiner Raum, vielleicht zehn Quadratmeter. Das Bett füllt ihn fast ganz aus. Daneben steht ein Schreibtisch und ein weiterer Tisch mit Lebensmitteln darauf, als Küchenersatz. Hinten führt eine kleine Tür in die Toilette. Nicht gerade eine fürstliche Behausung, doch Yang Tao ist stolz darauf. Bis vor Kurzem noch wohnte er viel schlechter:

"Das war wie dieses Zimmer, aber ohne Bad und Toilette in einem einstöckigen Haus. Die Miete war 35 Euro. Wir mussten sparen und haben da zu dritt drin gewohnt. Drei Jungs."

Jetzt wohnt er allein. Yang Taos kleine Wohnung liegt im Dorf Hanjiachuan vor den Toren Pekings, im Nordwesten, wo die Berge anfangen. Die Gegend hier ist berüchtigt als Hochburg der sogenannten Ameisen, also junger Leute mit Uni-Abschluss, für die kaum Platz ist auf dem chinesischen Arbeitsmarkt. In Hanjiachuan leben sie, weil es hier billig ist. Yang Tao zahlt für seine Wohnung umgerechnet 70 Euro. Ein paar Straßen weiter unten im Dorf, wo die heruntergekommenen alten Dorfhäuser stehen, kostet ein Zimmer nicht einmal die Hälfte davon. Wer dort wohnt, muss auf die öffentliche Dorftoilette gehen, ein stinkendes Häuschen mit ein paar Stehklos, ohne Kabinenabtrennung. Yang Tao ist jetzt 28 Jahre alt, hat seit Neuestem einen Job als Webdesigner, der ihm immerhin 300 Euro im Monat einbringt. Doch jahrelang lebte er ganz unten.

"Ich bin 2007 nach Peking gezogen. Dann habe ich alles Mögliche gemacht, mal Webdesign, mal Software-Programmierung. Oder ich habe die Internetseite gepflegt. Die Löhne waren sehr niedrig. Oft nur 90 Euro im Monat. Ich habe vier oder fünf Mal den Job gewechselt."

Yang Tao kommt aus der zentralchinesischen Provinz Henan. Dort hat er auch studiert, Informatik. In seiner Heimat, sagt er, gibt es keine Jobs für Akademiker. Wer überhaupt eine Chance haben will, muss in Chinas große Metropolen ziehen, am besten nach Peking, Shanghai oder Guangzhou. In diesen Städten haben sich an den Rändern mittlerweile große Ameisenvölker angesiedelt. Soziologen gehen von deutlich mehr als einer Million Menschen aus.

"Hochschulabsolventen, die in den Städten zu sehr niedrigen Löhnen arbeiten, nennen wir das Ameisenvolk, so Politikprofessor Zhang Ming über das neue Gesellschaftsphänomen. Sie können nur irgendwo weit draußen am Stadtrand wohnen, weil sie so wenig verdienen. Ihre Wohnungen sind in schlechtem Zustand, und sie leben in Gruppen."

Und sie kommen in der Regel aus der Provinz, wo die Unis schlechter sind und die Eltern weniger Geld und Beziehungen haben als in den Metropolen.

Dass so viele Akademiker keinen Job finden, liegt allerdings nicht an der Wirtschaftsentwicklung. China boomt nach wie vor mit einem Wachstum um die zehn Prozent. Das Problem, so Zhang Ming, ist hausgemacht:

"China hat sehr viel verarbeitende Industrie. Die braucht viele Techniker und Facharbeiter. Das ist die Wirtschaftsstruktur. Die Dienstleistungsbranche ist noch unterentwickelt. Und deshalb werden nicht so viele Akademiker gebraucht. Trotzdem aber studieren immer mehr Leute. Vor allem an den Universitäten der Provinz haben sich die Studentenzahlen vervielfacht in den letzten Jahren."

Auf dem Weg zur Wissens- und High-Tech-Gesellschaft baut China seine Universitäten massiv aus. 1997 studierten nur neun Prozent eines Jahrgangs, jetzt sind es bereits 25, und 2020 sollen es 40 Prozent sein, so das Ziel der chinesischen Regierung. Doch hier plant Peking ganz offenbar am Bedarf vorbei. In diesem Jahr allein strömen sechs Millionen neue Hochschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt. Und so ist es heute keine Seltenheit mehr, dass ein Wanderarbeiter mehr verdient als mancher sogenannter Ameisen-Akademiker, der von einem miserabel bezahlten Kurzjob zum nächsten wechselt.

Das Ameisenvolk ist ein fester Begriff in China geworden. Dieser Song zweier solcher Ameisen hat dazu beigetragen. "Ich habe keine Wohnung und kein Auto. Nicht viel Geld in der Tasche. Nur ein Schneckenhaus zum Leben." So geht der Text. Eine eigene Webseite richtet sich an die Bevölkerungsgruppe mit Jobanzeigen, Foren und Bewerbungstipps. Das Logo der Seite ist, wie sollte es anders sein, eine lustig grinsende Comic-Ameise.

Das alles soll nicht die Welt von Yang Lu werden. Er ist Yang Taos kleiner Bruder. Der 23-jährige macht gerade eine praktische Fortbildung im IT-Bereich. Er hat in diesem Jahr sein Studium abgeschlossen:

"Ich habe drei Jahre Informatik studiert und dann eine Arbeit gesucht, aber nichts Richtiges gefunden. Ich habe eine Weile im Verkauf gearbeitet. Aber ich glaube, noch mehr zu lernen, ist gut für mich."

Das ist der richtige Weg, glaubt der Wissenschaftler Zhang Ming. Der Staat sollte Fortbildungen für junge gestrandete Akademiker organisieren. Sonst sieht er nur geringe Chancen für deren Zukunft.

"Sie alle träumen von der großen Chance in der Stadt. Sie denken, sie könnte aufsteigen durch Erfahrung und Hartnäckigkeit. Viele träumen sogar davon, ins Ausland zu gehen. Diese Träume zu realisieren, ist aber schwer. Ich halte das für sehr unrealistisch."

Yang Tao ist nicht ganz so pessimistisch. Das kann er sich auch gar nicht leisten. Dafür ist sein Leben zu anstrengend. Jeden Tag um halb sieben macht er sich auf ins Pekinger Stadtzentrum. Da will er es schaffen, es zu etwas bringen. Yang steigt in den Bus, danach in die U-Bahn. Die Fahrt zu seiner Arbeit dauert zweieinhalb Stunden.

"Man kann ja nicht verlangen, dass die Gesellschaft dir etwas gibt", sagt Yang Tao, "man muss selber kämpfen und sich an die Verhältnisse anpassen."

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