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StartseiteKultur heuteEigenwillige Fehldeutung09.05.2017

Christian Spuck inszeniert den "Fliegenden Holländer" in BerlinEigenwillige Fehldeutung

Nicht Senta oder die mythische Figur des "Fliegenden Holländers" stehen im Zentrum von Christian Spucks Inszenierung. Stattdessen erzählt er die Geschichte ganz aus der Perspektive von Sentas Verlobtem Erik. Das ist gut gemeint, geht aber am Stück vorbei.

Von Julia Spinola

U-Bahnhof "Deutsche Oper" im Westteil von Berlin: In der Hauptstadt gibt es insgesamt drei Opernhäuser, außerdem noch die Staatsoper Unter den Linden und die Komische Oper. (picture alliance / dpa)
Eine grandiose Senta, aber ein enttäuschender und blasser Fliegender Holländer: Christian Spucks Inszenierung an der Deutschen Oper in Berlin. (picture alliance / dpa)
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Nebelschwaden liegen über der schwarzen Bühne, vom Schnürboden regnet es lautstark herab und die mit Kapuzen verhüllten Matrosen des Holländerschiffs wanken im Gleichschritt wie eine Rotte von Untoten aus dem Dunkel heraus. Die Gruselatmosphäre, in die Christian Spuck die gesamte "Holländer"-Oper versetzt, spielt unmittelbar auf Horrorfilme an wie "The Fog – Nebel des Grauens". Den ganzen Abend über bringen keine Spinnstube und kein Verlobungsfest Licht oder Farbe in dieses düstere Szenario einer apokalyptischen Unbehaustheit. Das Bühnenbild besteht nur aus ein paar großen Segeln und in Plastikplanen gehüllten Gerätschaften.

Schwarz in schwarz treten alle Figuren auf, der Holländer ebenso wie Senta, ihr Vater Daland oder der Chor der Spinnerinnen. Nur einer hebt sich optisch ab, den man sonst eher am Rande wahrnimmt. Es ist Sentas verschmähter Verlobte Erik in grüner Jägerjuppe und brauner Hose, den der Regisseur an diesem Abend zum Hauptprotagonisten von Wagners Oper erklärt. Schon während der Ouvertüre kauerte er mit seinem Rucksack am Bühnenrand, rannte ein paar Male ruhelos umher und warf zornig ein kleines Schiffsmodell gegen die Wand. Im Laufe des Abends singt sich der Tenor Thomas Blondelle in der Partie dann zunehmend chargenhafter in Rage angesichts der drohenden Heirat seiner Verlobten mit dem aus dem Nebel steigenden untoten Kapuzenmann.

Es geht nicht um biedermeierliche Treue

Spuck meint, in Erik den einzig aufrichtig Liebenden der Oper zu erkennen. Demgegenüber fuße die Liebe Sentas und des Holländers nur in narzisstischen Projektionen und Sehnsüchten. Das ist lieb gemeint. Nur kann man sich wohl kaum einen Komponisten denken, dem man mit moralischen Imperativen und dem Appell ans Gute schlechter beikommen kann als Richard Wagner. Es geht im "Holländer" eben einfach nicht um die biedermeierliche Treue zu einem braven Erik, sondern um den atemberaubenden, alle Konventionen sprengenden und todesverachtend kühnen Sprung Sentas in die Fluten des schlechthin Unbegreifbaren.

Hinzukommt, dass es auch mit Eriks moralischer Integrität nicht so weit her ist, wie der Regisseur unterstellt. Denn auch er spekuliert mit seinem Wunsch, die Tochter Dalands zu heiraten, letztlich vor allem auf eine größere gesellschaftliche Anerkennung. Sentas Sehnsüchte, ihr dringlicher Wunsch, aus der Enge ihrer Spinnerinnenstube auszubrechen, kümmern ihn dabei wenig. Würde Erik Senta dagegen wirklich lieben, dann wüsste er, dass ihre Seele eine Beschaffenheit hat, die seinem eigenen Wunsch nach trauter Heimeligkeit vollständig widerspricht.

Ein enttäuschender Holländer

In der Logik von Spucks Inszenierung ist es dann immerhin folgerichtig, dass der kleingeistige Erik seiner Geliebten am Ende aus Eifersucht ein Messer in dem Bauch rammt wie einst Don Jose seiner Carmen. So stutzt er sie zu guter Letzt doch noch auf Normalformat zurecht - nicht per Heirat, sondern indem er ihr statt des kühnen Heldinnentods ein schäbiges Ende bereitet.

Ingela Brimbergs hochdramatische, furios strahlend und leuchtend gesungene Senta ist das Ereignis des Abends. Demgegenüber bleibt der Holländer des offenbar indisponierten Samuel Youn ebenso blass wie Donald Runnicles allzu schlichte und geradlinige musikalische Interpretation mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin. Tobias Kehrer ist ein solider Daland, Matthew Newlin ein herzerweichender Steuermann. Die Chorszenen profitieren von dem sicheren choreografischen Gespür Christian Spucks. Auch in der körperlich hoch expressiven Personenführung der Solisten meint man den Ballettmenschen zu erkennen. Über das Dekorative aber gelangt der Abend mit dieser eigenwilligen Fehldeutung nicht hinaus.

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