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StartseiteKultur heuteChristina Weiss: Europa muss "von unten" neu formiert werden03.05.2012

Christina Weiss: Europa muss "von unten" neu formiert werden

Die Ex-Kulturstaatsministerin unterstützt das Manifest "Wir sind Europa"

"Wir sind Europa" heißt das Manifest, das rund 100 europäische Intellektuelle unterzeichnet haben. Die Idee: Ein "Freiwilliges Europäisches Jahr für alle". Statt "Politik von oben" zu betreiben, sollten Bürger aktiv an einer Neuformierung Europas teilhaben, sagt die Ex-Kulturstaatsministerin Christina Weiss.

Christina Weiss im Gespräch mit Karin Fischer

Christina Weiss, die ehemalige Kulturstaatsministerin (AP)
Christina Weiss, die ehemalige Kulturstaatsministerin (AP)

"Für mich ist in der Tat diese Initiative ein Test, inwieweit auch unsere Regierung (aber auch die anderen Regierungen) versteht, dass die Rettung Europas nicht mit der Rettung des Euros identisch ist, sondern erst sozusagen die Einbeziehung des Bürgers als eine wesentliche Voraussetzung auch für die Rettung des Euros wahrnimmt."

Karin Fischer: Ulrich Beck war das heute in Berlin. - Rund 100 europäische Intellektuelle – Künstler, Schriftsteller, Philosophen, Publizisten, Politiker – von Juri Andrchowytsch bis Wim Wenders, von Patrice Chéreau bis Gesine Schwan haben das Manifest unterzeichnet, das auch in der "Zeit" abgedruckt ist. Es will der europäischen Bürgergesellschaft eine Stimme geben, und - um noch mal im Fußballbild zu bleiben - eine europäische La-Ola-Welle auslösen: Ja, wir sind dabei, ja, wir sind dafür. Die Idee: ein freiwilliges Jahr im europäischen Ausland, und zwar für alle, nicht nur für Studenten, sondern für Lehrer, Köche, Arbeitslose oder Manager. - Die ehemalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss gehört zu den Mitunterzeichnerinnen des Manifests. Sie habe ich vor der Sendung gefragt, was das Charmante an dieser Idee für sie ist:

Christina Weiss: Das Charmante an dieser Idee ist in der Tat die Idee, dass Europa sich im Grunde neu formieren muss, und zwar von unten, also von der Seite der Bürgerinnen und Bürger aus, dass junge Menschen durch die Kenntnis eines anderen europäischen Landes und der Arbeitsbedingungen dort ein völlig neues Gefühl für Europa entwickeln können. Wir müssen aufhören, immer nur von der Politik von oben oder über die Hochschulen ein Europa zu formieren; wir brauchen einfach wieder die emotionale Qualität derjenigen, die mindestens ein anderes Land und seine Bedingungen auch kennen lernen.

Fischer: Das Manifest beginnt mit der sehr schwierigen Situation von europäischen Jugendlichen heute, aber es soll dennoch nicht um Almosen an die arbeitslose Jugend Europas gehen, sondern um diesen, wie Sie gerade beschrieben haben, neuen Selbstbegründungsakt von unten. Das Feindbild Europa, das im Moment ja auch grassiert wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise, soll keine Chance haben, also es geht um eine Bewegung für ein Europa mit Europäern. Und ich finde interessant, dass ein solcher Gedanke heute fast schon revolutionär klingt.

Weiss: Das ist richtig. Wir sind vollkommen davon abgekommen, das Thema Europa auch in einem europäischen öffentlichen Raum zu diskutieren, und zwar mit den Menschen, die Europa leben sollen, also sprich vor allem mit den jungen Leuten in allen Ländern, die vor einer eher verzweifelnden Situation, was die Arbeitsplätze betrifft stehen und die natürlich schon von sich aus den Blick auf die anderen europäischen Länder richten und sich überlegen, wo könnte ich vielleicht etwas erfahren oder arbeiten, um meine Qualifikation auch mit einzubringen.

Fischer: Dazu ist es natürlich wichtig, dass alle sich besser kennen lernen, und dazu soll dieser Austausch gut sein, dieses "Freiwillige Europäische Jahr". Aber Austausch wäre auch noch etwas zu wenig formuliert. Wie soll es denn praktisch gehen?

Weiss: Austausch ist in der Tat zu wenig formuliert. Es sind also keine Reisestipendien, sondern es sollen richtige Arbeitsstipendien sein, also junge Europäerinnen und Europäer sollen die Bedingungen des Arbeitens in einem der anderen Länder kennenlernen, damit natürlich auch die Menschen, auch die Arbeitsstrukturen, die ja von den Menschen gemacht sind, und zwar nach bestimmten kulturellen Vorgaben auch. Und das ist eine wunderbare Werbung für gegenseitiges sich verstehen und auch überhaupt, um ein Gefühl von möglicher Einheit neu zu fundieren.

Fischer: Finanziert werden soll das "Freiwillige Europäische Jahr" aus EU-Mitteln, über einen Topf, in den die Länder, aber auch Unternehmen einzahlen sollen. Wie weit ist denn die Kommunikation in dieser Hinsicht gediehen? Ist das Projekt derzeit mehr als so eine Art von Aufruf?

Weiss: Das Projekt ist zunächst einmal wirklich ein Aufruf und der Versuch, eine Idee in die Welt zu setzen. Das ist politisch natürlich noch nicht im Detail diskutiert. Allerdings gibt es bestehende Programme im Bildungs- und im Hochschulbereich. Die könnte man zum Beispiel ausdehnen auf andere, also auf Nichtschüler und Nichtstudierende. Das wäre schon ein Weg. Aber im Augenblick können wir jeweils natürlich die Gespräche mit den Nationalstaaten führen und ich denke, das muss jetzt auch einsetzen. Also man muss an die Parlamente gehen, man muss vielleicht auch die Ministerpräsidenten dafür begeistern. Die Idee ist neu, aber sie ist so einleuchtend und sie kommt eben wirklich mal von den Intellektuellen der Länder. Das ist etwas ganz Wichtiges, denn bisher könnte es gut sein, dass die Politik sich auch völlig alleine fühlt in ihrem Versuch, Europa zu etablieren und wieder zu festigen.

Fischer: Christina Weiss über das Manifest "Wir sind Europa!" und die Idee eines "Freiwilligen Europäischen Jahres für alle", das von der Allianz Kulturstiftung mit gefördert wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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