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StartseiteArtikel 19Christine Anyanwu (Nigeria)06.04.1998

Christine Anyanwu (Nigeria)

Dorothea Jung

Chancen hatte sie wie kaum jemand in ihrem Land, und Erfolg hatte sie wie kaum jemand in ihrem Beruf.- Christine Anyanwu, 48 Jahre alt, Journalistin. Nach einem Publizistik-Studium in den USA startet sie in Nigeria eine beispiellose Medienkarriere. Als Korrespondentin für Energiepolitik jettet sie von Opec-Konferenzen zu Wirtschaftsgipfeln in aller Welt, sie verantwortet eine eigene Nachrichtenshow im staatlichen Femsehen, avanciert zur bekanntesten Journalistin ihres Landes und wird für ihre Arbeit mit zahlreichen, auch internationalen Preisen ausgezeichnet. Nach einem kurzen Intermezzo in der Landespolitik als Erziehungsministerin ihrer Heimatprovinz beginnt die zweifache Mutter Anfang der 90er Jahre noch einmal ein ganz neues Projekt: Sie gründet das Sunday Magazine. Es war das erste Sonntags-Blatt im Land, erinnert sich der nigerianische Journalist Nicholas Idoko.

O-Ton (Voice-over-Version): When it came out, it took the country by storm. It was very good. It was a general-interest-magazine; but later, it became very political as well. And it championed the interests of the people. And it was also oppositional. It did not compromise the principles, on which the press has to operate in Nigeria. And of course of this fearless way of operating, the Sunday Magazine got into trouble with the administration.

Deutsche Übersetzung (Sprecher): Das Magazin hat das Land im Sturm erobert, als es herauskam. Es war sehr gut. Es war ein Magazin mit einer sehr breiten Themenvielfalt - und es wurde mit der Zeit immer politischer. Es setzte sich für die Interessen der Bevölkerung ein. Und es war oppositionell. Es richtete sich nicht nach den Vorgaben, die der Presse in Nigeria gemacht werden. Und natürlich hat das Sunday Magazine wegen dieser Furchtlosigkeit Ärger mit den Behörden gekriegt.

Das heißt für Christine Anyanwu: Sie bekommt Ärger mit den Gefolgsleuten General Sani Abachas, der sich 1993 an die Spitze Nigerias geputscht hat und das Land seitdem mit eiserner Hand regiert. Die Menschenrechtsverletzungen, die sein Militär-Regime zu verantworten hat, werden im Ausland nur 1995 kurz wahrgenommen, als Sani Abacha den Schriftsteller Ken Saro Wiwa trotz internationaler Proteste hinrichten läßt. Doch die Gewaltherrschaft in Nigeria dauert bis heute an. Sie richtet sich gegen jeden Oppositionellen, konstatiert Nicholas Idoko, der zur Zeit an der Freien Universität Berlin über die Situation der Medien in Nigeria promoviert. Dabei liege die Unterdrückung der Meinungsfreiheit Sani Abacha besonders am Herzen

O-Ton: (Voice-over-Version): There is censorship, habitual attacks on the media, arrests, torture of journalists, and in some cases, some journalists have been killed in this process. The climate is just not conducive for a journalist to work. Editors are under the surveillance by the agents of the government. Sometimes you don`t even have to go to the office. You have to have a rendezvous with reportres, you meet in a secret place. There you give assignments to the reporters. That is what has been called guerilla-journalism; journalism, that is been operated underground. For fear of the reprisals of the government. I`m strictly talking of the independent media. Those, that work for the government in the media-institutions, have nothing to fear, because they don`t criticize the government.

Deutsche Übersetzung (Sprecher): Da gibt es Zensur und gewohnheitsmäßige Angriffe auf die Medien. Journalisten werden festgenommen und gefoltert, in einigen Fällen hat man sie dabei umgebracht. Das politische Klima ist einer Arbeit als Journalist einfach nicht zuträglich. Zeitungsmacher werden vom Geheimdienst beobachtet. Deshalb gehst du als Herausgeber einer Zeitung unter Umständen gar nicht ins Büro sondern triffst dich mit deinen Berichterstattern an einem geheimen Ort. Dort vergibst du dann die Aufträge. So was nennt sich Guerilla-Joumalisanus, ein Journalismus, der im Untergrund operiert, aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der Regierung. Ich spreche hier aber ausschließlich von den unabhängigen Medien. Wer für die regierungseigenen Medien arbeitet, hat nichts zu befurchten, er kritisiert die Regierung ja nicht.

Christine Anyanwu aber hat die Regierung kritisiert. 1995 veröffentlicht sie im Sunday Magazine die Namen von 19 Regimegegnern, die Abacha ohne Beweise als Putschisten verhaftet hat. In der Bevölkerung taucht die Frage auf, ob der General sich auf diese Weise unliebsamer Kritiker entledigen wollte. Daraufhin wird Christine Anyanwu gemeinsam mit drei weiteren prominenten Zeitungsleuten angeklagt, den angeblichen Staatsstreich mitorganisiert zu haben. Ein Militärgericht verurteilt sie zu lebenslanger Haft, die später in eine 15-jährige Gefängnisstrafe umgewandelt wird. Diese Strafminderung bedeutet wenig, gibt Barbara Petersen zu bedenken, die bei der Organisation 'Reporter ohne Grenzen' arbeitet. 'Reporter ohne Grenzen' setzt sich für bedrohte Journalisten ein und versucht, die Unabhängigkeit von Medien in Diktaturen zu unterstützen. "15 Jahre Gefängnis in Nigeria, das kann durchaus ein Todesurteil bedeuten", erklärt Barbara Petersen,

O-Ton: Wir wissen sehr konkret, daß das heißt, daß die Gefangenen zum Beispiel kaum sauberes Wasser haben, das heißt: Typhus ist sehr normal. Wir wissen, daß es ganz schwierig ist, normales Essen zu bekommen, also das, was jeder Mensch braucht, in irgendeiner Form, Vitamine. Zum Teil ist es noch nicht mal ausreichend, was Grundversorgung angeht. Dazu kommt, daß es überhaupt keine Medikamente gibt, das heißt, wenn man sich irgendwas einfängt, irgend eine Krankheit, irgendeine Viruserkrankung, dann hat man kaum Chancen, davonzukommen.

"Reporter ohne Grenzen" fordert die Freilassung von Christine Anyanwu und hat eine Unterstützungskampagne für die Gefangene gestartet. Aus Spendengeldern erhält Christine Anyanwus Familie Mittel, die nötig sind, um Menschen freundlich zu stimmen, damit die Journalistin nicht ständig von einem Gefängnis ins nächste umgelegt wird. Damit ihre Kinder die Fahrkarte in den Norden Nigerias bezahlen können, wo Christine Anyanwu inhaftiert ist. Und vor allem, damit die Verwandten ihr Lebensmittel und Medikamente zukommen lassen können. Denn mit der Gesundheit Christine Anyanwus steht es nicht zum Besten.

O-Ton Petersen: Christine Anyanwu selbst hat eine Erkrankung der Augen, die, wenn sie nicht adäquat behandelt wird, zur Erblindung führen kann. Wir wissen, daß sie inzwischen auch schon im Krankenhaus gewesen ist, aber der Zustand der Augen braucht einfach kontinuierliche Behandlung. Genauso wie ihre anderen Leiden. Sie leidet auch an Malaria-Anfällen, sie hat zwischendurch Herzbeschwerden und viele andere Dinge mehr.

Die Verfassung Nigerias garantiert Meinungsfreiheit. Dennoch beklagt die Demokratiebewegung des Landes regelrechte Feldzüge gegen unabhängige Medien. Viele Journalisten sind ins Exil gegangen. Nach Angaben von anmesty international wurden allein seit November '97 mehr als 30 Zeitungsleute festgenommen, sechs von ihnen mußten längerfristig in Haft bleiben. "Reporter ohne Grenzen" weiß von mindestens elf Journalisten, die zur Zeit in nigerianischen Gefängnissen sitzen, unter ihnen: Christine Anyanwu.

Dezember 1998

Christine Anyanwu ist in der Zwischenzeit aus dem Gefängnis entlassen worden.

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