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StartseiteBüchermarktParabel über Kunst und Macht20.11.2016

Christoph Ransmayr: "Cox oder Der Lauf der Zeit"Parabel über Kunst und Macht

Wenn Künstler sich in der Literatur mit der Macht verbünden, gleicht das oft einem Teufelspakt. In Christoph Ransmayrs Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit" bleibt der Held den Verführungen der Macht gegenüber immun. Der englische Uhrmacher reist im 18. Jahrhundert nach China, um für den Kaiser Uhren zu bauen - eine ehrenhafte und zugleich tödlich riskante Mission.

Von Gisa Funck

Die Verbotene Stadt in Peking (picture-alliance / dpa)
Rätselhaft und fremdartig erscheinen Alister Cox und seinen Gefährten die streng ritualisierten Verhaltensregeln in der Verbotenen Stadt im Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit". (picture-alliance / dpa)

Christoph Ransmayr wird häufig als "Reiseschriftsteller" bezeichnet. Ganz falsch ist das nicht. Schließlich handeln seine Bücher von Reisen in fremde, ferne Länder. Und doch ist diese Bezeichnung für den 1954 in Oberösterreich geborenen Schriftsteller auch irreführend. Denn bei genauerem Hinsehen gleicht Christoph Ransmayr eher den wanderlustigen Romantikern des 19. Jahrhunderts, deren Reiseberichte weniger von äußeren Abenteuern als von innerer Wandlung erzählten. Weniger von glorioser Eroberung als vom Ausgeliefertsein und der Kleinheit des Menschen angesichts der Erhabenheit einer wundersam-unbegreiflichen Schöpfung.

Reisen als innere Einkehr und Demutsübung

Reisen heißt für Ransmayrs Helden nämlich vor allem Eines: Innere Einkehr und Demutsübung. In der Regel treibt sie weniger die Abenteuerlust als ein Fluchtimpuls, den eigenen Lebensproblemen entrinnen zu wollen. Unterzutauchen – am besten irgendwo am Rand einer vertrauten Zivilisation, wo man nur schwer auffindbar ist. Und wo man als Mensch ebenso kränkend wie befreiend die eigene Bedeutungslosigkeit für den Kosmos spürt. Oder, wie es Ransmayr zu Anfang seines ersten Romans "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" formulierte:  

"Im Gehen wurde ihm die Welt nicht kleiner, sondern immer größer, so groß, dass er schließlich darin verschwand."

Genau diesen Wunsch nach Selbstvergessenheit hegt nun auch Ransmayrs neuer Held Alister Cox. Dabei ist Cox eigentlich ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann. Er gilt Mitte des 18. Jahrhunderts als der berühmteste Uhrmacher und Automatenhersteller seiner Zeit. Besitzt Manufakturen in London, Manchester, Liverpool. Und beliefert Fürstenhäuser und Königshöfe weltweit.

Zugleich aber ist Cox ein zutiefst verzweifelter, gebrochener Mann. Sein einziges Kind, die fünfjährige Tochter Abigail, ist vor zwei Jahren plötzlich an Keuchhusten gestorben. Seitdem hat der geniale Mechaniker jeden Glauben an einen Sinn seines Tuns verloren:

"In den zwei Jahren, die seither verstrichen waren, hatte Cox in jeder Stunde jedes Tages an Abigail gedacht und hatte aufgehört Uhren zu bauen. Er wollte kein einziges Zahnrad, keine Hemmung, kein Pendel und keine Unruh mehr an seinen Werkbänken fertigen, wenn jedes dieser Teile doch nur der Messung einer verfliegenden, um keine Kostbarkeit der Welt zu vermehrenden Zeit dienen sollte!"

Ein Uhrmacher in der Sinnkrise

Ein Uhrmacher in der Schaffenskrise: Das ist natürlich ein höchst symbolträchtiges Bild. Schließlich repräsentiert "Zeit" immer auch Lebenszeit. Und schwingt in der Vermessung von Zeit der ewig-alte Menschheitswunsch mit, die eigene Existenz planen und kontrollieren zu können. Ein Wunsch, der in den antiken Mythen als Hybris galt und von den Göttern hart bestraft wurde. Deren Bannstrahl bekam nun gewissermaßen auch Ransmayrs Mechanicus zu spüren.

Ähnlich wie Max Frischs Ingenieur Faber musste auch Alister Cox durch den Unglückstod seiner Tochter erkennen, dass das Schicksal eben doch nicht berechenbar ist. Eine Erfahrung, die ihn zutiefst verstört hat. Zumal seine Frau Faye seit dem Tod Abigails kein Wort mehr mit ihrem Mann spricht. Eine Einladung des Kaisers von China kommt dem unglücklichen Uhrmacher da gerade Recht. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Jacob Merlin und zwei anderen Handwerkern macht er sich auf den Weg.

Einladung des Kaisers von China

Eine Reise, die im 18. Jahrhundert ungefähr gleichbedeutend war mit einer Fahrt zum Mond. China galt damals als ein schwer zugängliches, sagenumwobenes Reich. Biblische sieben Monate sind die vier Engländer unterwegs. Ein früher Hinweis darauf, dass die Reise für Cox heilsam-läuternden Charakter haben wird.

Allerdings sprechen weder Cox noch seine Gefährten auch nur ein Wort Chinesisch. Das macht ihr China-Abenteuer umso gefährlicher, wie sich bereits gleich nach der Ankunft andeutet, als der englische Uhrmacher zum ersten Mal mit dem kaiserlichen Übersetzer Joseph Kiang zusammentrifft:

"Der Allerhöchste habe Pläne mit seinen Gästen, hatte Kiang gesagt. Größere Pläne. Er wolle weder kaufen noch tauschen. (...) Nein, der Kaiser wolle ihren Kopf. Unseren Kopf, hatte Cox entgeistert gefragt und gespürt, wie ein kalter Schauer über seinen Rücken lief. (...) Ja, ihren Kopf, hatte Kiang wiederholt und sich vor dem englischen Gast verbeugt: Ihren Kopf, Ihre Erfindungsgabe, Ihr Vorstellungsvermögen, Ihre Kunst, Mühlen für den Lauf der Zeit zu schaffen. Mühlen?, hatte Cox gefragt. Uhren, hatte der Übersetzer seinen Fehler korrigiert und beide Hände zu einer entschuldigen Geste gehoben."

Zusammenprall der Kulturen

Ransmayr beschreibt in "Cox oder Der Lauf der Zeit" den Zusammenprall zweier höchst unterschiedlicher Kulturen. Und eine Stärke dieses in mehrfacher Hinsicht meisterhaften Romans besteht darin, dass er von der Fremdartigkeit des chinesischen Kaiserreichs erzählt, ohne die Einheimischen-Perspektive zu unterschlagen. Denn auch die chinesischen Höflinge, allen voran der Übersetzer Kiang, sind über das Gebaren der vier Langnasen aus England mindestens ebenso erstaunt wie umgekehrt Cox und seine Gefährten über das Treiben in der Verbotenen Stadt.

Schriftsteller Christoph Ransmayr im Studio 5 bei Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio Kultur / Leila Knüppel)Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr beschreibt in "Cox oder Der Lauf der Zeit" den Zusammenprall zweier höchst unterschiedlicher Kulturen. (Deutschlandradio Kultur / Leila Knüppel)
Immer wieder rügt Kiang kopfschüttelnd die nach seinem Verständnis schamlose Neugier der Westler. Wollen die doch lange nicht begreifen, dass bereits eine falsche Bewegung, ein falsches Wort oder auch nur ein verbotener Blick in der chinesischen Kaiserstadt als schlimme Majestätsbeleidigung gilt, die mit Folter oder gar mit dem Tod bestraft werden kann. Als Cox zufällig einmal den Sturz eines Sänftenträgers am Fenster beobachtet, eilt der Übersetzer darum sofort herbei, um die Jalousie herunterzulassen:

"In der Verbotenen Stadt, sagte Kiang, in der Stadt des Erhabenen, dürfe nur das zu sehen sein, ja nur das sichtbar werden, was die Gesetze des Hofes den Augen gnädig überließen. Aber alles Unerwartete, alles Unvorhergesehene müsse den Blicken eines Unbeteiligten, schon gar denen eines Fremden, solange entzogen bleiben, bis ihm die Sichtbarkeit von den entsprechenden Räten nach dem Willen des Allerhöchsten zugesprochen wird. Und Vorsicht! Vorsicht. Es sei geschehen, dass verbotene Blicke noch am Tag des Frevels mit der Blendung bestraft worden seien."

Die Gefahr von verbotenen Blicken

So rätselhaft und fremdartig Cox und seinen Gefährten die streng ritualisierten Verhaltensregeln in der Verbotenen Stadt auch erscheinen mögen: Eines wird den vier Engländern doch schnell klar: In diesem Reich herrscht ein Kaiser mit der Allmacht eines Gottes, dem man nicht einmal ungestraft ins Gesicht blicken darf. Kein Wunder, dass den Uhrmacher Cox schon bald ein Fröstelgefühl der Angst überkommt, das ihn überallhin begleitet.

Tage-, wochenlang übt er mit dem Übersetzer Kiang die richtige Abfolge von Kniefällen und Demutsgesten ein, für den einen großen Moment, an dem der gottgleiche Kaiser ihn zu sich rufen wird. Doch dieser Moment lässt lange auf sich warten. Wochen verstreichen. Und die vier Engländer werden immer ungeduldiger.

Herrscher über die Zeit

Qianlong, der vierte Kaiser der Qing-Dynastie, so beginnt man auch als Leser zu ahnen, ist nicht nur Herrscher über ein gewaltiges Heer, ungeheuren Reichtum, zwölf Ehefrauen und mehr als dreitausend Konkubinen. Er, den man bezeichnenderweise "Herr der zehntausend Jahre" nennt, gebietet auch über die Zeit seiner Untertanen. Und das im umfänglichsten Sinne. Denn Qianlong bestimmt sogar über das Wetter und über die Jahreszeiten, indem er offiziell festlegt, wann Sommer und wann Winter ist.

Dann endlich, auf Seite 70, ist es soweit: Der Kaiser von China bittet Cox zur Audienz, um dem Uhrmacher einen denkwürdigen Auftrag zu erteilen:

"Der Kaiser wollte, dass Cox ihm für die fliegenden, kriechenden oder erstarrten Zeiten eines menschlichen Lebens Uhren baute, Maschinen, die gemäß dem Zeitempfinden eines Liebenden, eines Kindes, eines Verurteilten  (...) den Stunden- oder Tageskreis anzeigen sollten – das wechselnde Tempo der Zeit.

Parabel über die Verwandlungs- und Heilkraft von Kunst

Dabei war dieses Tempo, das wusste mit Cox doch jeder Lehrling der Uhrmacherei, war ein langsamer oder schneller Stundenlauf bloß eine Frage von einigen Zahnrädern mehr oder weniger. (...). Mit verschieden großen und einer wechselnden Anzahl von Messingrädern ließ sich jede Zeit, zumindest im Innern eines Uhrwerks, zum Fliegen bringen – oder in den Kriechgang versetzen. (...) Aber waren die Wünsche eines Kaisers wirklich so einfach zu erfüllen? Seine Gedanken so leicht zu lesen? (...) Cox wusste, dass diese Erkenntnis die größte Kostbarkeit war, über die er jemals verfügt hatte (...): Die Erkenntnis, dass auch der gottgleiche Kaiser von China ein Mensch war."

So leicht lesbar "Cox oder Der Lauf der Zeit" auch geschrieben ist, so vielschichtig ist dieser Roman doch thematisch. Es ist ein Buch über das China der Kaiserzeit unter Qianlong, der von 1711 bis 1799 tatsächlich gelebt hat. Es ist eine philosophische Reflexion über die Zeit. Und es ist nicht zuletzt und vor allem: Eine Parabel über die große Verwandlungs- und Heilkraft von Kunst.

Denn Ransmayrs Alister Cox ist nur vordergründig ein Uhrmacher. Als solcher müsste er den kaiserlichen Auftrag, eine Uhr zu bauen, die das subjektive Zeitempfinden eines Kindes oder eines Sterbenden anzeigt, rundweg ablehnen. Schließlich kann keine Uhr der Welt menschliche Seelenbewegungen messen. Doch Cox ist eben mehr als ein Uhrmacher. Er ist Künstler. Und zwar in einem ganz altertümlichen, priesterlichen Sinn.

Uhren für menschliche Seelenbewegungen

Wie ein guter Therapeut vermag er die Gedanken des Gottkaisers Qianlong zu lesen. Und erkennt scharfsinnig, dass dessen Uhren-Schwärmerei in Wahrheit höchst menschlicher Todesfurcht entspringt. Der Kaiser von China möchte also eigentlich gar keine Uhr, die das kindliche Zeitempfinden misst. Er wünscht sich vielmehr eine Zeitmaschine, die ihn noch einmal in seine eigene Kindheit zurückversetzt.

Und er will in Wahrheit auch keine Uhr, die ihm die Zeit eines Sterbenden anzeigt. Er wünscht sich vielmehr eine Verbildlichung dessen, was ihn selbst am Lebensende erwartet. Kurzum: Qianlong gibt eigentlich keine Uhren in Auftrag, sondern Kunstwerke, die ihm den Sinn seiner Existenz begreifbarer machen sollen.

Und genau solche Kunstwerke versucht der Kunsthandwerker Alister Cox ihm zu erschaffen, indem er wiederum sein Trauma des Tochterverlusts verarbeitet. Da seine tote Tochter Abigail einst besonders von den Segelschiffen auf der Themse begeistert war, beschließt Cox, der von Qianlong geforderten Kindheitsuhr die Gestalt eines Segelschiffs zu geben: voller Zauberfiguren und Kristallstaub spuckender Kanonen.

Die Kindheitsuhr bringt das Kräfteverhältnis in Wanken

Wieder vergehen viele Wochen. Fast glaubt Cox schon, der Kaiser habe die Kindheitsuhr völlig vergessen. Da stattet Qianlong dem Mechaniker plötzlich ohne Vorankündigung einen Besuch ab, um das sogenannte Silberschiff des Engländers in Augenschein zu nehmen:

"Du sollst dem Herrn der zehntausend Jahre zeigen, wie diese Dschunke die Zeit misst und durchpflügt, flüsterte Kiang. Als Cox zu sprechen begann, hörte er sich reden wie ein einem Tagtraum. (...) Er drehte am Steuerrad und ließ das Ruderblatt alle Anstellwinkel durchflattern, öffnete Ladeluken und ließ Elfen, Feen und Schutzgeister aus Kisten, Körben und Truhen steigen, holte tief Luft und wurde zum Wind, der die Segel blähte und das Uhrwerk in Bewegung setzte, den Lauf der Kindheit. (...) Jetzt klatschte auch der Kaiser in seine Hände, lächelte und ließ Kiang in die Runde der Engländer sagen: Zhengtongs Flaggschiff! (...) Cox musste sich beherrschen, um nicht einem jähen Impuls zu folgen und dem Kaiser in den Arm zu fallen, den Kaiser zu berühren!, als Qianlong plötzlich mit beiden Händen nach der Dschunke griff, sie hochhob in ihre schlaffen Segel blies, sich einer der Konkubinen zuwandte und ihr das Silberschiff wie ein funkelndes (...) Wickelkind an die Brust legte."

Wenn Künstler oder Wissenschaftler sich in der Literaturgeschichte mit der Macht verbünden, dann erweist sich das in der Regel als Teufelspakt. Vor lauter Gier verlieren sie ihre Unschuld und ihre Aufrichtigkeit. Paradebeispiele dafür sind Goethes "Faust", Klaus Manns "Mephisto" oder auch Houellebecqs Kunst-Plagiator Jed Martin aus "Karte und Gebiet".

Ransmayrs Kunsthandwerker Cox dagegen bleibt allen Verführungen des Reichtums und der Macht gegenüber immun. Und mit seiner fertiggestellten Kindheitsuhr gerät das anfangs grotesk ungleiche Kräfteverhältnis zwischen ihm und dem Kaiser Qianlong auffällig ins Wanken. Beliefert Cox den mächtigsten Mann der Welt doch mit etwas, was kein Geld ihm kaufen und kein Soldatenheer ihm erstreiten könnte: mit Träumen.

Der Künstler als Seelentherapeut

Vom Silberschiff des Engländers ist Qianlong so hingerissen, dass er ganz unkaiserlich in die Hände klatscht und höchstpersönlich die Segel aufbläst, als wäre er kein 42-jähriger Monarch sondern ein kleiner Junge. Der Kunst wird in Ransmayrs parabelhaftem Roman also enorme Transformationskraft zugesprochen: Sie ist die große Wandlerin und Brückenbauerin zwischen Ost und West, zwischen Macht und Kunst, zwischen Gottkaiser und Handwerksmeister. Selbst einen launischen Despoten wie Qianlong vermag sie für einen Moment in ein staunendes Kind zu verwandeln – und befreit umgekehrt den traumatisierten Cox von seiner lähmenden Schwermut.

Entsprechend nähern sich die beiden, zu Beginn extrem weit voneinander entfernten, Männer im Verlauf der Handlung immer mehr an. Bei den Audienzen mit Cox bietet Qianlong jedes Mal weniger Pomp und weniger Leibwächter auf, bis er den Uhrmacher schließlich ganz alleine, fast wie ein Privatmann empfängt. Man könnte auch sagen: Mit jeder neuen Uhr, die Cox erschafft, verwandelt sich der unnahbare Gottkaiser Chinas ein Stück mehr zurück in einen anrührbaren Menschen.

Was Qianlong dann allerdings nicht – oder wohl besser gesagt: gerade nicht davor schützt, den größenwahnsinnigen Traum der Menschheit schlechthin zu träumen: Den Traum von der Unsterblichkeit. Nachdem Cox dem Kaiser eine Kindheitsuhr und eine Sterbeuhr gebaut hat – und damit künstlerisch quasi die menschliche Lebensspanne vermessen ist – gelüstet es Qianlong abschließend nach einer Uhr für die Ewigkeit. Eine zeitlose Uhr soll der englische Uhrmacher ihm bauen. Eine Uhr, die niemals stehenbleibt und nichts Geringeres als die Unendlichkeit bemisst.

Ein unerfüllbarer Auftrag

Ein dritter und letzter Auftrag des chinesischen Kaisers, der – das ist von vornherein klar – einem Todesurteil für Cox und seine Helfer gleichkommt. Schließlich ist Qianlongs Befehl gleich doppelt unerfüllbar: Zum einen kann es schon faktisch keine ewigtickende Uhr geben, weil jedes Material letztlich irgendwann zerfällt. Zum anderen aber darf es auch gar keine Ewigkeitsuhr im chinesischen Kaiserreich geben, weil ein perpetuum mobile die Göttlichkeit des Allmächtigen verhöhnen würde.

Ein Dilemma, das jeden anderen Uhrmacher vermutlich in tiefe Verzweiflung stürzen würde. Nicht so jedoch Ransmayrs trickreiches Genie Alister Cox. Gerade noch rechtzeitig findet er am Ende den entscheidenden Dreh, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Wie er das genau bewerkstelligt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Doch vielleicht so viel: Cox hat durch den Verlust seiner Tochter die eigene Unzulänglichkeit erfahren. Er weiß darum, dass er mit seiner Ewigkeitsuhr ein Kunstwerk erschaffen muss, das auch dem Kaiser von China zur Einsicht verhilft, dass selbst er, der Allmächtige – gemessen an der Unendlichkeit – nur ein kleiner, vergänglicher und letztlich unbedeutender Mensch ist.

Hauch der Unsterblichkeit

Ein besonderer Clou der Geschichte besteht außerdem darin, dass es ironischerweise dann nicht der allmächtige Qianlong ist, sondern der demütige Cox, den der Atem der Unsterblichkeit streift. In diesem Glücksmoment begreift Cox, dass Ewigkeit keine Kategorie von Zeit oder von Zeitdauer ist, sondern vielmehr der Zeit-Enthobenheit, für die bereits ein Wimpernschlag des Sich-Eins-Fühlens mit dem Kosmos genügt:

"Cox empfand, dass dieser eine Augenblick (...) keiner Zeit mehr angehörte, sondern ohne Anfang und Ende war, um vieles kürzer als das Aufleuchten der Meteoriten und doch von der Überfülle der Ewigkeit: von keiner Uhr zu messen, scheinbar ohne Ausdehnung wie ein Jahrmilliarden entfernter, glimmender Punkt am Firmament."

Historischer Hintergrund

Christoph Ransmayr hat die Figur des Alister Cox dem historischen Uhrmacher James Cox entlehnt, der im 18. Jahrhundert tatsächlich versuchte, Perpetuum-Mobile-Uhren zu bauen – und der auch mehrere Uhren an den chinesischen Kaiser Qianlong geliefert hat. Einander begegnet aber sind sich die beiden Männer in Wirklichkeit nie. Und für Ransmayrs Parabel über Kunst und Macht ist dieser historische Hintergrund auch nahezu unwichtig.

Fünf Romane hat der österreichische Autor nun in 32 Jahren geschrieben. Mancher unterstellt ihm einen Hang zur Pathetik. Anderen ist er suspekt, weil Ransmayr sich Branchenspektakeln wie dem Deutschen Buchpreis lieber entzieht. Das mag unzeitgemäß sein. Sein neuer Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit" aber ist zweifellos ein herausragendes Buch dieses Bücherherbstes. Große Literatur, die lange Zeit überdauern wird.

Christoph Ransmayr: "Cox oder Der Lauf der Zeit"
Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M.,
304 Seiten, 22,00 Euro.

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