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StartseiteBüchermarktChristophers Weg in die Welt14.02.2004

Christophers Weg in die Welt

Mark Heddon über einen autistischen Jugendlichen

<em> Ich glaube, ich wäre ein sehr guter Astronaut. Ein guter Astronaut muss intelligent sein, und ich bin intelligent. Er muss auch verstehen, wie Maschinen funktionieren. Außerdem muss er es gut finden, ganz allein in einem winzigen Raumschiff Tausende und Abertausende von Meilen über der Erdoberfläche zu schweben, ohne dass er in Panik gerät und von Klaustrophobie, Heimweh oder Wahnsinn gepackt wird. Und ich mag enge Räume, solange außer mir niemand drin ist. Manchmal, wenn ich allein sein möchte, steige ich in den Trockenschrank vor dem Bad, schiebe mich neben den Boiler und ziehe die Tür hinter mir zu. </em>

Siggi Seuß

Marc Haddon, "Christophers Weg in die Welt", Coverausschnitt (Karl Blessing Verlag)
Marc Haddon, "Christophers Weg in die Welt", Coverausschnitt (Karl Blessing Verlag)

Ein Nachfahre von Holden Caulfield, dem Fänger im Roggen , ist Christopher Boone wahrlich nicht. Hier irren Kritiker, die den 15-jährigen Erzähler im Debütroman des Engländers Mark Haddon mit dem Helden aus Salingers Kultbuch der widerspenstigen Jugend vergleichen. Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone ist - anders als Holdens Tour des Leidens - ein tragikomischer Bericht über eine Art Initiationsreise eines autistischen Jungen.

Christophers seismografische Aufnahme aller Impulse der Außenwelt übertrifft die Holdens bei weitem. Seine Sinne registrieren das nichtigste Detail. Deshalb geht es auch nicht um eine ideologische Auseinandersetzung mit der etablierten Welt. Der Junge fürchtet zurecht, er könne unter dem Übermaß einströmender Daten zusammenbrechen.

Wenn ich an einen neuen Ort komme, ist es so (weil ich ja alles sehe), als würde ein Computer zu viele Dinge gleichzeitig machen und als wäre der Hauptprozessor blockiert und es gäbe keinen freien Speicherplatz mehr, um über andere Dinge nachzudenken. Und wenn an diesem neuen Ort auch noch viele Menschen sind, ist es noch schwerer, weil die Menschen nicht wie Kühe und Blumen und Gras sind, sondern mit einem reden können und Dinge tun, die man nicht erwartet.

Christopher besitzt keinen "Spamschutz", der die Eindrücke filtert, bevor sie sein äußerst labiles psychisches Gleichgewicht - der Junge würde sagen: seine Festplatte - zum Absturz bringen. Christopher Boone leidet am Asperger-Syndrom, einer milderen Form des Autismus. Sein Leben sollte in exakt geregelten Bahnen verlaufen, um die Vielzahl von Verhaltensstörungen - Berührungsaversion, Wutausbrüche, Nahrungsverweigerung etc.etc. - in Grenzen zu halten. Dass der Sonderschüler ein mathematisches Genie ist, stärkt sein Selbstvertrauen, solange das Regelwerk um ihn herum funktioniert.

Primzahlen bleiben übrig, wenn man alle Muster entfernt. Ich denke, Primzahlen sind wie das Leben. Sie sind sehr logisch, aber man käme niemals auf die Regeln, selbst wenn man die ganze Zeit über nichts anderes nachdenken würde.

Christopher kennt sämtliche Primzahlen bis 7.507 auswendig, beherrscht die Gesetze der physikalischen Logik, wird bald sein Matheabitur mit Bravour bestehen - verhält sich aber in Notsituationen wie ein Kleinkind, macht in die Hose und nennt die Exkremente "Aa".

Christophers Mutter ist gestorben, der Vater, ein Installateur, fühlt sich oft überfordert, und zu allem Überfluss findet der Junge eines Tages den geliebten Nachbarhund Wellington von einer Mistgabel durchbohrt. Christophers Entscheidung, das Verbrechen im Stile des von ihm verehrten Sherlock Holmes aufzuklären und darüber auch noch einen Kriminalroman - das vorliegende Buch - zu schreiben, steht am Anfang einer Odyssee. Christophers Recherchen führen zu - auch für den Leser - höchst überraschenden Erkenntnissen, die den Jungen zwingen, das gewohnte Umfeld zu verlassen. Er muss etwas tun, wovor er panische Angst hat: in eine fremde Welt eindringen. Sein Verhaltensrepertoire gerät aus den Fugen. Warum und wie er vom südenglischen Provinznest Swindon in die Metropole London gelangt, das muss man einfach gelesen haben.

Und dann kamen wir aufs Land, und ich sah Felder und Kühe und Pferde und eine Brücke und eine Farm und andere Häuser und viele kleine Straßen mit Autos drauf. Und da dachte ich, dass es in der Welt ja Millionen Meilen von Schienen geben musste, und alle führten an Häusern und Straßen und Flüssen und Feldern vorbei, und danach kam mir der Gedanke, wie viele Menschen es auf der Welt geben muss und dass sie alle Häuser haben und Straßen, auf denen sie fahren, und Autos und Haustiere und Kleider, und dass sie alle zu Mittag essen, schlafen gehen, Namen haben, und auch davon tat mir der Kopf weh, deshalb schloss ich wieder die Augen und zählte und stöhnte vor mich hin.

Mark Haddon verschwindet gänzlich hinter seinem Helden, der das Chaos in und um sich herum protokolliert als gäbe es seinen Erfinder nicht. Das spricht für die Empathie, mit der der Autor seine Figuren führt. Dabei wirkt die Dramatik, die er der Geschichte verleiht, nirgendwo inszeniert. Sie erklärt sich mühelos aus Christophers Zustand und dem der Welt, die er vorfindet. Die Glaubwürdigkeit der Handlung mag auch damit zusammenhängen, dass Mark Haddon weiß, wovon er schreibt: er arbeitete Jahre mit behinderten Menschen zusammen.

Trotzdem ist der Roman mehr als das Protokoll einer für die meisten von uns fremden Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.

Es waren 11 Leute im Wagon, und es gefiel mir nicht, in einem Raum mit 11 Leuten in einem Tunnel zu sein, deshalb konzentrierte ich mich auf die Plakate im Waggon. Ich las an den Wänden: 'In Skandinavien und Deutschland gibt es 539.663 Ferienhäuser und VITABIOTICS und 3435 und 10 Pfund Bußgeld, wenn Sie kein gültiges Ticket für die gesamte Fahrt vorweisen können und Entdecken Sie erst Gold, dann Bronze und TVIC und EPBIC und Lutsch meinen Schwanz und Blockieren der Türen kann zu gefährlichen Situationen führen und Con.IC und SPRECHEN SIE MIT DER WELT. '

In dem Augenblick, in dem man Christopher nicht als Betroffenen betrachtet, sondern als ein Medium, das die erfahrene Welt beschreibt, findet man sich plötzlich in einer Gesellschaftssatire, die selbst die unscheinbarsten Macken des normalen Lebens ins rechte Licht rückt. Und Christophers Gedanken beim Anblick des nächtlichen Himmels gewinnen für den Leser - losgelöst von jedem tragikomischen Hintergrund - eine unerwartete philosophische Dimension.

Manche Sterne existieren gar nicht mehr, wenn wir sie sehen, weil ihr Licht so lange gebraucht hat, um zu uns zu gelangen, dass sie schon erloschen sind, oder sie sind explodiert und dann zu roten Zwergen kollabiert. Und da kommt man sich ganz klein vor, und wenn man in seinem Leben Schwierigkeiten hat, ist es schön, sich vorzustellen, dass sie unerheblich sind, das heißt, sie sind so klein, dass man sie nicht berücksichtigen muss, wenn man etwas plant.

Mark Haddon
Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone
Karl Blessing Verlag, 288 S., EUR 18,-

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